Einmal nur für den Moment gelebt Das Stuttgarter Ballett fügt in „Augen/Blicke“ drei Ballette zu einem Abend: „Shut Eye“ von Sol León und Paul Lightfood, „Vermilion“ von Vittoria Girelli und „Whithin the Golden Hour“ von Christopher Wheeldon

"Augen/Blicke" beim Stuttgarter Ballett

Mizuki Amemiya probt hier mit dem Ensemble vom Stuttgarter Ballett das Stück „Shut Eye“ von Sol León und Paul Lightfoot, zu sehen in „Augen/Blicke“. Foto: Roman Novitzky

Augen zu und durch – so könnte man „Shut Eye“ („Augen zu“) etwas vergröbert übersetzen. Das Choreografenduo Sol León und Paul Lightfoot schuf 2016 dieses Stück zu Musiken der Filmkomponisten Olafur Arnalds und Bryce Dessner. Die acht Figuren, die darin tanzen, verkörpern die Namen der Solisten der Uraufführung beim Nederlands Dans Theater, darunter Thiago Bordin und Marne van Opstal. Bei der regionalen Erstaufführung, die im Rahmen des Abends „Augen/Blicke“ am kommenden Freitag beim Stuttgarter Ballett stattfinden wird, tanzen unter anderem Friedemann Vogel und Elisa Badenes – und sie dürfen, wie die anderen sechs auch, hier ihre Gliedmaßen maximal dehnen und damit isoliert stehende, traurig wirkende Persönlichkeiten darstellen. Soli, Paartänze, Trios und Gruppentanz wirken hier seltsam abgehoben und zwar nicht gefühlskalt, aber doch emotional gehemmt. An sich sollen aber philosophische Fragen nach Subjektivität und Objektivität behandelt werden – ob das so gelingt, bleibt die Gretchenfrage des Stücks. Nett anzusehen ist der melancholische Akrobatiktanz allemal, und vielen Fans des zeitgenössischen Balletts genügt das ja schon. Es lebe die Depression!

"Augen/Blicke" beim Stuttgarter Ballett

Rocio Aleman probt mit Kollegen vom Stuttgarter Ballett für die Uraufführung „Vermilion“ von Vittoria Girelli. Zu sehen im Programm „Augen/Blicke“. Foto: Roman Novitzky

Weiter geht es mit dem Leben für den Moment in „Augen/Blicke“ mit der Uraufführung des Programms. Diese ist vielleicht etwas schwungvoller als das erste Stück und könnte somit die Stimmung heben: „Vermilion“ („Zinnober“, ohne ersichtlichen inhaltlichen Grund) nennt die Stuttgarter Tänzerin Vittoria Girelli ihr Werk.

Auch hier soll die Philosophie – allerdings ohne konkreten geisteswissenschaftlichen Background – der Anlass gewesen sein.

„Wie Materie aus dem Urchaos entsteht“ und „wie das Unbewegte zu Lebendigem wird“, so der offizielle PR-Text, werde hier erforscht. In abstrakten Tanzstücken, in denen im Grunde oft niemand so genau weiß, wohin sie eigentlich führen sollen, wird ja meistens erforscht oder auch geforscht oder jedenfalls so getan. Was nicht selten ebenso ergebnislos bleibt wie die Zielsetzung. Dafür hat man es dann mal versucht.

Und wer weiß – vielleicht überzeugt die fließende, auf übergroße Gelenkigkeit abstellende Bewegungssprache der jungen Choreografin ja wirklich den einen oder anderen Fan oder auch die unkritische Masse. Horden jubelnder Tänzerfreunde werden als Anheizer ganz sicher ebenso im Publikum sitzen wie derzeit in allen großen deutschen Staatsballettpremieren. Die Musik ist übrigens eine Auftragskomposition an Davidson Jaconello, der nicht nur ausgebildeter Tänzer, sondern vor allem auch nur Sounddesigner, also eigentlich kein Komponist, ist. Geräusche aus dem Computer sind sein Handwerk, und wer das Wummern, Pfeifen, Hauchen und Surren der elektronischen Kisten erotisch findet, hat hier sicher seinen Spaß.

"Augen/Blicke" beim Stuttgarter Ballett

Anna Osadcenko und Martí Paixà in den Proben zu „Within the Golden Hour“ von Christopher Wheeldon beim Stuttgarter Ballett, fürs Programm „Augen/Blicke“. Foto: Roman Novitzky

Within the Golden Hour“ („In der goldenen Stunde”) von Christopher Wheeldon mutet dagegen schon wie ein moderner Klassiker an. International hatte dieses Glanzstück für drei Paare schon viel Erfolg.

Endlich ist somit auch mal was von Wheeldon – der zu den weltweit bekanntesten lebenden Tanzschöpfern zählt – in der Ballettmetropole Stuttgart zu sehen.

Es tanzen unter anderem die grandiose Prima Anna Osadcenko sowie Henrik Erikson, der neue aufsteigende Stern in Stuttgart.

Zu Musik von Antonio Vivaldi und Ezio Bosso bewegen sich die Paare elegisch schön, sind in ihrer Schönheit nachgerade verloren – und illustrieren damit die auch metaphorisch bedeutsame Stimmung des Sonnenuntergangs. Obwohl der auch in natura schon etwas länger als nur einen Augenblick dauert. Das Wort hour, also Stunde, steckt darum ja auch im Titel.

Man erinnert sich aber außerdem gern daran, dass die Touristen in Key West, dem südlichsten Punkt der USA, seit Jahrzehnten allabendlich dem Sonnenuntergang an der Küste applaudieren. Der Applaus für die Paartänze in Stuttgart wird hingegen wiederum sicher länger dauern als der Beifall für die untergehende Sonne.

Der neoklassisch ausgerichtete Brite Christopher Wheeldon war 2008 beim San Francisco Ballet von Helgi Tomasson jedenfalls absolut stilsicher drauf, in jedem Fall mehr als genug, um aus diesem kleinen Thema ganz große Kunst zu machen. Dafür lohnt es sich, in die „Augen/Blicke“ zu gehen.
Gisela Sonnenburg

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