Wie ein irrlichternder Stern Alexandr Trusch taucht auf – und glänzt an der Elbe nicht in Hamburg, sondern in Sachsen: als „Nijinsky“ von John Neumeier mit dem fabelhaften Semperoper Ballett

"Nijinsky" von John Neumeier und ein fiktiver Spielplan gegen Peter Laudenbach

Alexandr Trusch als „Nijinsky“ von John Neumeier, hier beim Hamburg Ballett 2025. Das auch  begeisternde Foto stammt von Holger Badekow. 

Er ist wie ein wandernder Stern: mal wild aufflackernd, dann wieder wie verschollen. Alexandr Trusch, der wohl mit Abstand beste Ballerino, den man derzeit in Deutschland sehen kann, tanzt gelegentlich als Gast mit seinem früheren Heimatensemble, dem Hamburg Ballett, dann wieder mit dem Hamburger Kammerballett seines ehemaligen Kollegen Edvin Revazov. Er tanzt nicht mit dem Ballett Dortmund, wo er als Gastsolist angekündigt war, dafür aber – seit gestern – mit dem Semperoper Ballett in Dresden. Dort fiel der Tänzer James Kirby Rogers wegen einer bösen Grippe (gute Besserung!) aus – und Trusch, derzeit als Freiberufler unterwegs,  übernahm. Alexandr Truschs Debüt in der Metropole am sächsischen Teil der Elbe war so fulminant und ergreifend, so faszinierend und erhaben, dass man die Zeit zurückdrehen und diesen Abend immer wieder und wieder und wieder erleben möchte. Das Publikum – es war restlos ausverkauft – tobte vor Begeisterung, feierte Trusch gebührend als Weltstar. Als „Nijinsky“ in der Choreografie und Ausstattung seines früheren Mentors John Neumeier brilliert Alexandr Trusch ja schon seit Jahren (genau: seit fast zehn Jahren, nämlich seit Oktober 2016) mit dem Hamburg Ballett, und mit diesem tanzte er die Mammutpartie zuletzt im Oktober 2025 bei einem Gastspiel in Baden-Baden. Aber sie innerhalb von nur zwei Tagen wieder komplett zu erneuern, um – bei einem Probenbeginn erst am letzten Freitagnachmittag – am frühen Sonntagabend als „Nijinsky“ mit dem für ihn neuen, fabelhaften Ensemble vom Semperoper Ballett vor Publikum zu tanzen, das ist schon eine Meisterleistung für sich. Die Vorfreude, Neugier und Gespanntheit auf diesen außerordentlichen Abend war denn auch bei den Eingeweihten groß – und die Erwartungen wurden noch übertroffen. Übrigens schaffte es die famose Semperoper auch noch, rechtzeitig für Sonntag einen Einleger für den Besetzungszettel zu drucken, der – sogar mit Foto – den Gaststar vorstellte. Also: Wenn man ein professionell geleitetes Ballett erleben will, dann schaue man nach Dresden!

Während des Einlasses zu „Nijinsky“ in der Semperoper in Dresden erklingen Pianoklänge. Foto: Gisela Sonnenburg

Noch während des Einlasses beginnt das Stück. Es ist ein fließender Übergang. Der Pianist (hervorragend: Alfredo Miglionico) spielt ein wenig Chopin, und vornehm gekleidete Besucher der seltenen Gelegenheit, den psychisch erkrankten Startänzer Vaslaw Nijinsky noch mal live tanzen zu sehen, kommen ins Bühnenbild. Dieses zeigt ein Nobelhotel in den Schweizer Bergen, das Suvretta House, in dem Nijinsky vor ausgewählten Freunden und Gönnern seinen letzten Auftritt absolvierte. Es war eine Privatvorstellung, und ohne die fleißigen Hände von Romola Nijinska, der Gattin des Tänzers, hätte sie nie stattgefunden.

Der Star kommt. Ganz in Weiß gehüllt schreitet er, der eben noch im Off einen nervösen Wutanfall mit Gebrüll hatte, würdevoll die Treppe zur Tanzfläche hinab. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet – wie weit er sich schon von der Realität verabschiedet hat, steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.

Mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid wird er vom Bühnenpublikum beobachtet. Er nimmt auf einem Stuhl Platz, der neben der Tanzfläche steht, und Romola (exquisit, elegant, erotisierend: Svetlana Gileva) entkleidet ihn für den Auftritt, nimmt ihm die weiße Stola und den weißen Morgenmantel ab wie eine Last.

"Nijinsky" von Neumeier mit Alexandr Trusch beim Semperoper Ballett

Die Semperoper in Dresden schaffte es, von Freitag auf Sonntag einen Einleger fürs Programmheft zu drucken: wow! In manchen Häusern sind  Umbesetzungen noch nicht mal in den aktuellen Schaukasten zu lesen. Nicht nur in dieser Hinsicht heißt es: Vorbild Semperoper und Semperoper Ballett! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Zum ersten Ton der Musik – des Pianos – setzt er einen Fuß nach hinten und streckt dazu die Arme mit aufgestellten Händen nach vorne, als wolle er alles Übel der Welt abwehren. Es ist eine entschiedene Geste, aber eine unsichere Pose. Er steht so da für einen Takt, dann folgt eine zweite Pose: die Arme wechseln hierzu, im Neunziggradwinkel und ausgestreckt gehalten, zur Seite. Ergibt er sich und heißt das Unglück der Welt willkommen? Die rechte Hand vollführt einen Veitstanz, wickelt sich um den Kopf, der Tänzer beugt sich dazu vor. Der Oberkörper tanzt dann allein, die Füße bleiben, wo sie sind.

Bis auch sie sich bewegen, für eine Drehung ins Halbprofil, der Kopf geht dabei  hoch und die Augen scheinen den Himmel zu sehen.

Im anthrazitfarbenen Zweiteiler steht er da, der Jahrhunderttänzer Nijinsky, der bis zum 10. September 1919, bis zu seiner Heirat, die Welt mit seinen Sprüngen und Fantasien in den Bann schlug. Dann feuerte ihn der eifersüchtig gekränkte Impresario Serge Diaghilev aus seiner Ballets Russes („Russisch Ballette“) genannten Truppe – und Nijinsky, ohnehin unter Vorahnungen und Visionen bezüglich des Ersten Weltkriegs leidend, verfiel in seelische Dunkelheit.

"Nijinsky" von John Neumeier beim Semperoper Ballett in Dresden

Svetlana Gileva als Romola zieht „Nijinsky“ – hier: James Kirby Rogers – mühsam voran. Was für ein Symbolbild einer Beziehung. Foto vom Semperoper Ballett: Admill Kuyler

Romola, sie war sein Schicksal, aber auch seine Rettung: Sie verließ ihn nicht, sondern organisierte Geld für ärztliche Behandlungen, für Aufenthalte in Sanatorien, aber auch ein von ihr behütetes Leben außerhalb von geschlossenen Stationen.

All das steckt schon als Erfahrung in diesem muskulös-anmutig tanzenden Körper der Figur, die man zu Beginn von „Nijinsky“ in diesem ersten Brillanztanz des Stücks nicht nur sieht, sondern regelrecht spürt. Es ist die Lebenserfahrung eines Mannes, dessen Sein zersplittert ist und der auf die Hilfe der anderen angewiesen ist.

Er liegt fast am Boden, auf der Seite, und reckt einen Arm blitzschnell und schnurgerade in die Höhe. Er ballt die Hand da oben zur Faust. Langsam, wie in Zeitlupe, führt er die Faust zum geöffneten Mund, fast ohne den Oberarm zu bewegen. Er beißt hinein, in seine eigene Faust, ohne zu beißen. Was für ein Gestus.

Nijinsky, das ist getanzte Tragik. Oder, wie es einer seiner Biografen sagte: Zehn Jahre Wachsen, zehn Jahre Lernen, zehn Jahre Tanzen, dreißig Jahre Finsternis.

Die Rollen, die er einstudierte und auf der Bühne tanzte, sind hier in seinem Vorstellungssolo präsent. Im traurigsten Moment dieses seines letzten Solos – das nur im Stück das erste ist, weil der Rest aus Rückblenden besteht – bleibt Nijinsky unvermittelt stehen. Er bricht ab, verharrt.

Carolina Agüero, hier mit Marcelino Libao als Faun, als Romola in „Nijinsky“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: ein letztes Mal noch vor ihrem Verlassen der Compagnie tanzte sie, traumhaft und expressiv. Foto: Kiran West

Romola tritt auf den symbolhaft nicht mehr tanzenden Tänzer zu, berührt ihn – er fängt sich wieder, zögert noch, dann findet er einen Neuanfang. Zumindest für dieses Solo. Und er tanzt heiter, fröhlich, ist ganz der schelmische Harlekin, der später auch im entsprechenden Kostüm die Bühne entert. Zuvor aber kommen zwei Matrosen und tanzen in der Fantasie des innerlich zerfallenden Meisterkünstlers mit ihm – bis Serge Diaghilev wie ein Solitär in die Stille applaudiert.

Die Beziehung zu Diaghilev (von Richard House mit sehr viel innerer, aber auch sichtbarer Stärke und Gefasstheit großartig getanzt) ist für Vaslaw Nijinsky prägend. Diaghilev war sein Entdecker, sein Macher, seine erste große Liebe. Sein Liebhaber und Boss, man könnte auch sagen: Gefühlt war er sein Besitzer.

Der erste große Pas de deux zwischen Nijinsky und Diaghilev im Stück ist von erotischer Spannung und nur so knisternd. Innigkeit, Erotik, Freundschaft, Leidenschaft, Verehrung, Liebe, aber auch Abhängigkeit, Dominanz und Unterdrückung – all das steckt darin.

"Nijinsky" by John Neumeier is now as DVD on the market.

Eine Beziehung aus Dominanz und Gehorsam: „Nijinsky“ (Alexander Riabko) und Diaghilev (Ivan Urban) beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Alexandr Trusch und Richard House tanzen miteinander, als sei es für sie und nur für sie kreiert worden. Nijinsky stellt seinen Fuß auf den Oberschenkel von Serge – ein paar Sekunden stehen sie still, sehen sich nur an. Dann hebt Serge Nijinsky aus dieser Pose heraus, hebt ihn weit nach oben, aber so leicht, als wäre der muskelbepackte Trusch aus Federn gebastelt.

An Deck eines Schiffs, im sanften blauen Licht der abendlichen Dämmerung, angelt sich Romola dann das Juwel Nijinsky. Sie hatte sich als Tänzerin ausgegeben, nur um in Vaslaws Nähe zu sein. Sie hatte ihn zuvor tanzen sehen – und sich für ihn entschieden. So erschlich sie, die keine Ballerina war, sich mit Hilfe ihrer familiären Beziehungen bei Diaghilev einen Vertrag als Ensembletänzerin. Und während der Südamerika-Tournee der Ballets Russes, der Serge Diaghilev wegen seiner Seekrankheit fern bleiben musste, kam ihre große Chance. Romola nutzte sie – und verführte den ohnehin für alles offenen Vaslaw, und sie schaffte es, dass er sie völlig überstürzt umgehend heiratete.

Als Diaghilev davon erfuhr, war das der Beginn vom Ende bezüglich der Karriere des Startänzers. Nijinsky war ein Geschöpf seines Chefs – dass der ihn wegen der Hochzeit feuerte, konnte Nijinsky zunächst gar nicht begreifen. Nijinsky war so naiv zu glauben, er könne auch als Ehemann noch der Geliebte von Diaghilev sein. Er musste sehen, dass Menschen und ihre Gefühle doch sehr anders funktionieren.

Im Stück stößt Diaghilev mehrere schwarze Stellwände knallend um, während Nijinsky seiner Ehe zustrebt. Das sind die Türen, die zufallen und sich nie wieder richtig öffnen werden.

"Nijinsky" von John Neumeier beim Semperoper Ballett

Eine weitere Besetzung: Svetlana Gileva, hier als Mutter von Nijinsky, mit Joseph Gray in der Titelrolle. Foto vom Semperoper Ballett: Admill Kuyler

Immer wieder tauchen getanzte Bilder aus dem Ballett „Sheherazade“ auf (Originalchoreografie: Mikhail Fokine, aber bei Neumeier ist es moderneres und bunteres Haremspersonal). Als „Goldener Sklave“ wurde Nijinsky mit „Sheherazade“ weltberühmt.

Er konnte auf dem Höhepunkt seiner Sprünge den Eindruck erwecken, er stehe in der Luft. Bis heute können nur wenige Tänzer diese Sprungart. Alexandr Tusch beherrscht diese Technik vollendet – und in „Nijinsky“ springt er sogar aus dem Stand so hoch und so organisch, dass man vermutet, er habe Sprungfedern unter den Sohlen.

Das Ballett „Sheherazade“ aber hat noch eine weitere Bedeutung in „Nijinsky“, und zwar eine mit Bezug auf die Biografie von John Neumeier. Er hatte, in seiner Geburtsstadt Michigan in den USA, seine ersten Auftritte mit Profis überhaupt als Statist in „Sheherazade“. Und er erinnert sich, wie eine Tänzerin ihm gen Ende des Stücks zuflüsterte: „Kill me! Kill me!“ Denn es hatte kaum Proben gegeben, und der junge Neumeier sollte als Wächter für den Herrscher die aufrührerischen Haremsdamen abstechen.

Die beste Besetzung aller Zeiten

Erschöpft, aber happy: Alexandr Trusch nach seiner ersten Vorstellung im Rollendebüt als „Nijinsky“, am 2.10.16 beim Hamburg Ballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Einen so folkloristisch-dramatischen Orient bekommt man in „Nijinsky“ nicht serviert. Zum Glück nicht. Dafür bilden viele ineinander verzahnte Einzelszenen, die teilweise nicht nur ineinander übergehen, sondern sogar auch parallel auf der Bühne stattfinden, das Panorama des Seelenlebens des berühmtesten Tänzers seiner Zeit, Vaslaw Nijinsky.

Da steht er für einen Moment so da: vornübergebeugt inmitten einer Gemengelage aus tobenden Tänzern, die Arme sind seitlich ausgestreckt, mit stechend vorgereckten Zeigefingern. Ein Zitat ist das, aus einer Fotoserie, die Nijinsky in den 40er-Jahren mit Serge Lifar in einem Schweizer Sanatorium beim Ballettunterricht zeigt. Romola hatte die Session organisiert, um Spendengelder für ihren kranken Helden zu aquirieren.

"Nijinsky" von John Neumeier und ein fiktiver Spielplan gegen Peter Laudenbach

Alexandr Trusch als „Nijinsky“, zwischen Liebe, Tanz und Krieg zerrissen. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Das ist nur eines der vielen historisch bedeutsamen Details, die man in diesem Ballett entdecken kann. John Neumeier schuf sein Wahnsinnsballett – vermutlich das beste, das weltweit je gemacht wurde – im Jahr 2000, und zwar sehr bewusst zu diesem Zeitpunkt: als seine Art Millenniumsballett, als seine Art, den Millenniumswendepunkt zu zelebrieren.

In „Nijinsky“ steckt außer viel Ballett- und Tanzgeschichte aber auch die tiefe Wahrheit, dass die Menschheit bei allem Bemühen mit sich selbst nicht zurecht kommt.

Denn die Gewalt, der Krieg – versinnbildlicht in Vaslaws Leben vom Ersten Weltkrieg – zerstört immer wieder alles, was an Zivilisation und Miteinander aufgebaut worden war.

Am Ende des ersten Teils sinkt denn auch ein gefallener Soldat in den Schoß des erschöpften Nijinsky. Und die Angst vor dem Krieg, das Entsetzen angesichts des Krieges, die Ohnmacht durch den Krieg beherrschen den zweiten Teil des Stücks.

Nijinsky steigt in einen Kreis. Damit fängt es jetzt an: Der Wahn, der zunächst Nijinskys Bruder Stanislaw erfasste (und der schon als Kind schwere nervliche Krisen hatte), kriecht hier aus dem verinnerlichten destruktiven Verhalten der anderen.

"Nijinsky" von John Neumeier beim Semperoper Ballett

Erinnerung an eine Vorstellung mit dem jetzt erkrankten James Kirby Rogers. Applaus für das Semperoper Ballett nach „Nijinsky“! Foto: Gisela Sonnenburg

Ist es nur die individuelle psychische Erkrankung, um die es hier geht? Nein. Es geht um die Misere einer menschlichen Gesellschaft, die immer mehr vom Fortschritt haben will und sich dabei in ihrem eigenen Verhalten seit der Steinzeit nicht wesentlich geändert hat.

Ewige unselige Urmenschheit…

„Le sacre du printemps“ („Das Frühlingsopfer“), von Igor Strawinsky komponiert: Mit dieser auch musikalischen Uraufführung am 29.05.1913 erreichte Nijinskys Ruhm einen Höhe- und frühen Wendepunkt. Er hatte als Choreograf, nicht nur als Tänzer, bereits beachtliche Erfolge mit den Ballets Russes gehabt. Aber mit der getanzten „Frühwarnung“ vor einem großen, elementar erschütternden Krieg, die der „Sacre“ bedeutet, überforderte er aber seine Zeitgenossen. Der Skandal der Uraufführung in Paris ist legendär…

Bei John Neumeier verschmelzen die „Sacre“-Bewegungen des Opfers aus seiner eigenen (Neumeiers) Version des Strawinsky-Stücks mit einem Tanz spärlich bekleideter Soldaten, in die sich die Petruschka-Gestalt – eine weitere die Tanzgeschichte prägende Rolle Nijinskys – (ein)mischt. Vaslav steht auf einem Stuhl und gibt mit Handzeichen und Gebrüll den jeweiligen Taktschlag an. „Le sacre“ brilliert mit Taktwechseln und Synkopen, dass einem schon beim Zuhören schwindlig werden kann.

Alexandr Trusch wird hier heiser, wenn er mitbrüllt. Er klingt wie ein Schiffbrüchiger, der in letzter Not versucht, sich retten zu lassen. Das Orchester tost. Nijinskys Stimme muss dagegen an und mithalten. Wut, Trotz, Eigenwilligkeit – Heiserkeit passt vorzüglich dazu.

Die Sächsische Staatskapelle Dresden, immer noch eines der besten Musikensembles der Welt, spielt unter Simon Hewett (der das Stück auch in Hamburg dirigiert) die elfte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch („Das Jahr 1905“, op. 103). Die Musik steigert sich, sie erzählt ursprünglich von einem blutig niedergeschlagenen Aufstand im Zarenreich. Russische Volksliedmotive sind eingestreut, und die Umdeutung der Musik zur Illustration der Erinnerungen des mental sterbenden Nijinsky funktioniert reibungslos.

Nijinsky ist ein ergiebiges Thema

Rechts steht Nijinsky (hier: Alexandre Riabko) auf dem Stuhl und feuert die Tänzer an, den Takt zu halten, wie bei der Uraufführung von „Le sacre du printemps“. So zu sehen in „Nijinsky“ von John Neumeier, hier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Ein weiteres Highlight gen Ende des Stücks ist der „Schlitten-Pas-de-deux“: Romola setzt Nijinsky mehrmals auf einen Schlitten, zieht diesen über die Bühne, richtet den leidenden Mann auf, tanzt mit ihm, kämpft mit ihm, lässt sich von ihm verletzen, sieht zerzaust aus wie nach einem Raufen oder auch Liebesakt.

Sie geht mit seinem Arzt fremd, erträgt die anstrengende Krankheit von Vaslaw (diagnostiziert wurde Schizophrenie) nur mit äußerster Anstrengung, sie sammelt vorab für den Schlittentanz dieser Beziehung ihre Kraft in einem Solo. Darin wiederholt sie die Entscheidung für ihn, indem sie sich im Halbprofil rechtwinklig vorbeugt und die Luft mit den Händen wie Widerstände zu verschieben weiß.

Was für ein Leben – auch das von Romola Nijinska ist jeden zweiten und weiteren Blick wert.

Schließlich zieht sie ihren Mann ein letztes Mal mit dem Schlitten auf die Bühne. Das Finale beginnt, die Kulissen vom Beginn sind wieder da. Und alle, das ganze Tänzerpersonal des Abends, versammeln sich. Bunt wie die Welt, bunt wie das Leben wirkt das und ist zugleich ein Totentanz.

So steht Nijinsky am Ende wieder im Suvretta House, in jener Luxushütte in den Schweizer Bergen, in der er auch in seiner realen Lebensgeschichte den letzten tänzerischen Auftritt vor Publikum hatte.

Vaslaw Nijinsky ist mit sich und der Welt am Ende – und ist doch ein Prophet geworden.

"Nijinsky" von John Neumeier und ein fiktiver Spielplan gegen Peter Laudenbach

Suggestiv, faszinierend, hochpräzise, dennoch emotional: Alexandr Trusch, einer der besten Tänzer der Welt, hier in „Nijinsky“ von John Neumeier vom bedeutenden Ballettfotografen Holger Badekow aufgenommen.

Ein letztes Mal bäumt er sich gegen sein Schicksal auf – und er ergibt sich, indem er mit einer roten und einer schwarzen Stoffbahn die Seelenarbeit der Nornen übernimmt. Die Menschheitsgeschichte, sie scheint zu Ende zu gehen.

Alexandr Trusch breitet ein letztes Mal an diesem Abend die Arme aus. Eben noch raste er, vergaß sich scheins in seiner Ekstase des Tanzrausches, er gab alles, ja wirklich alles, an diesem historisch zu nennenden Abend. Was für ein Debüt, was für ein Ort, was für ein Zusammenspiel von Künstlerinnen und Künstlern!

Es ist auch deshalb eine besondere Vorstellung gewesen, weil sich so viele verschiedene, einander unbekannte Kräfte spontan vereinen mussten. Vitale Energien spielen im Ballett immer intensiv mit. Hier hat was gepasst, und das Semperoper Ballett darf von sich sagen, dass es einen Neuling nicht wie einen Fremdkörper präsentierte, sondern ihn sich zueigen machte.

Und man muss allen, wirklich allen, die zum Gelingen dieser legendären Aufführung beigetragen haben, von Herzen danken.

Die dabei waren, wissen das. Der Applaus war enorm, wie zu erwarten.

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Ob und wann Alexandr Trusch erneut den „Njinsky“ in Dresden tanzen wird, ist noch nicht entschieden. Womöglich hängt das aber bald nicht nur vom Krankenstand ab.

Man könnte sich den irrlichternden Stern des Balletts zudem auch als „Onegin“ von John Cranko vorstellen, denn im Sommer steht das Stück auf dem Spielplan vom Semperoper Ballett. Für Alexandr Trusch wäre das eine neue Herausforderung.

Oder ist das doch keine gute Idee? Einer der ersten Solisten aus Dresden wird mich sonst vielleicht lynchen wollen für meinen Vorschlag. Es wäre ihm ausnahmsweise nicht zu verdenken.

Schön und dramatisch, melancholisch und exzessiv wäre Trusch als Onegin dennoch. Zumal er den „Lensky“ in John Neumeiers „Tatjana“ nach demselben Stoff kreiert hat und mit der Geschichte von „Eugen Onegin“, dem satirisch gemeinten russischen Versroman von Alexander Puschkin, quasi aufgewachsen ist.

Warten wir ab, was die Zukunft bringt.

Eines aber gilt so oder so in Bezug auf die gestrige Vorstellung: Allen Dank der Ballettwelt für diese wunderbare kollektive Leistung einer freundlichen Fusion!
Gisela Sonnenburg

www.semperoper.de

"Nijinsky" von Neumeier mit Alexandr Trusch beim Semperoper Ballett

Alexandr Trusch und das Semperoper Ballett beim ersten Schlussapplaus nach „Nijinsky“ von John Neumeier beim Semperoper Ballett am 18.01.2026. Yeah! Foto: Gisela Sonnenburg

 

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