Schaurige Schönheit, scharfer Sinn Das Kügelgenhaus in Dresden bereitet Pläsier: Die Ausstellung „Wo Schatten wohnen – E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber und das Dunkle in der Romantik“ erhellt die Hintergründe romantischen Fühlens

"Wo Schatten wohnen - E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber und das Dunkle in der Romantik

Das Kügelgenhaus – Museum der Dresdner Romantik – in der Dresdner Innenstadt widmet sich zur Zeit den beiden genialen Geistern von E.T.A. Hoffmann und Carl Maria von Weber. Foto: Kügelgenhaus

Fantasie und Sehnsucht, Liebe und Mythologie: Dresden, die romantische   Metropole, hat das Kügelgenhaus, zu den städtischen Museen in der Innenstadt gehörend. Es ist benannt nach dem dort einst lebenden Portraitmaler Gerhard von Kügelgen, einem Freund von Caspar David Friedrich – und es frönt den Themen der Romantik. An diesen hat Dresden reichlich zu bieten. Wer weiß schon, dass eben in Dresden die erste romantische Oper entstand? „Undine“, vom vielseitigen Romantiker E.T.A. Hoffmann als Komposition ersonnen, wurde zwar 1816 in Berlin uraufgeführt. Aber Inspiration und Idee stammen aus Dresden, dem lieblichen Elbflorenz, in dem sich barocke Architektur mit sächsischer Spielfreude paart. Denn Hoffmann – nach dessen Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“ das berühmte Ballett „Der Nussknacker“ entstand – wähnte sich in seiner Jugend vor allem als Komponist wichtig, noch nicht als Schriftsteller, als der er schließlich Weltruhm erlangte. Erst der Anblick zahlreicher Toter und Verletzter im Krieg in Dresden 1813 bewirkte seine Hinkehr zur Dichtung. Sein Gespür für die Schauerliteratur, für alles Metaphysische im Alltag, für die Vermischung von Traum und Wirklichkeit half ihm so oder so, sich mit der Kulturszene seiner Zeit zu verbinden. Das und vieles mehr erfährt man in der Ausstellung „Wo Schatten wohnen – E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber und das Dunkle in der Romantik“, die bis zum 06. September 2026 im rundum sehenswerten Kügelgenhaus, dem Museum der Dresdner Romantik in der zentral gelegenen Hauptstraße 13, zu sehen ist. Und der Besuch lohnt sich umso mehr, wenn man die Hintergründe der Musikgeschichte auch im Sinne des Balletts zu reflektieren weiß. Denn noch vor der Uraufführung des ersten romantischen Balletts „La Sylphide“ 1832 in Paris tobte in Dresden bereits das romantische Gemüt.

"Wo Schatten wohnen - E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber und das Dunkle in der Romantik

Der Dichter, Komponist, Dirigent, Jurist und Maler E.T.A. Hoffmann im Selbstportrait. Foto (Ausschnitt): Kügelgenhaus

Die Poeten Ludwig Tieck, Novalis, eben E.T.A. Hoffmann, der mit vollem Namen Ernst Theodor Amadeus Hoffmann hieß, aber auch die Komponisten Carl Maria von Weber und Richard Wagner lebten und wirkten in der quirligen Kulturstadt. Dass sie sich untereinander kannten und schätzten, regte ihre Produktivität nur noch mehr an. So entstand 1813 Hoffmanns erster großer literarischer Erfolg, das Kunstmärchen „Der goldende Topf“, in seiner Dresdner Zeit.

Gerade Hoffmann entfaltete so viele Talente, vom Komponieren und Dirigieren über das Schreiben und Malen bis zur Juristerei, dass sein Ideal eines „Universalgenies“ fasslich schien. Wie Carl Maria von Weber und Robert Schumann arbeitete er zusätzlich auch als Musikkritiker: auch dafür benötigt man ein besonderes Talent.

Das Umtriebige der Dresdner Romantiker führte dazu, dass sie regelrechte Pioniere der Crossover-Events wurden. Sie waren inspiriert und inspirierten andere – gerade auch auf den Tanz wirkten sie nachhaltig ein.

"Giselle" und "Mayerling" in München und Stuttgart mit Debüts

Prisca Zeisel, die heute beim Mikhailovksy Theater in Sankt Petersburg tanzt, schwebt hier im schön gesprungenen Grand jeté als „Giselle“ im zweiten Akt über die Bühne – sie tat es auch schon als Myrtha. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Serghei Gherciu

Die Ballette „Giselle“, „Coppélia“ und „Der Nussknacker“ wie auch „Undine“ basieren direkt auf romantischen literarischen Erzeugnissen. Und auch, wenn der zeitgenössische Choreograf David Dawson seiner „Giselle“, die beim Semperoper Ballett in Dresden uraufgeführt wurde, stilistisch höchst moderne Wandlungen angedeihen ließ, so bleibt das Thema von der zunächst enttäuschten, dann gerächten und schließlich unsterblich gewordenen Liebe im Kern urromantisch.

Die Verwebungen und Vernetzungen von Zeiten und Epochen sind gerade mit Ursprüngen der Romantik höchst bemerkenswert.

Die „Aufforderung zum Tanz“ von 1819 von Carl Maria von Weber – ein so genanntes Rondo für Klavier solo – wurde sogar zu einem Klassiker der frühen Ballettmoderne, als 1911 Mikhail Fokine für die Ballets Russes den Einakter „Le Spectre de la Rose“ („Der Geist der Rose“) dazu choreografierte. Ein Mädchen träumt darin vom Rosengeist, der sie tanzend umgarnt und schließlich mit einem Spagatsprung in die Nacht entflieht. Kommende Spielzeit wird das Wiener Staatsballettes übrigens im Rahmen seines Programms „Masterpieces for Two“ in der Wiener Volksoper (ab Januar 2027, also ab Jänner, wie man in Wien sagt) zeigen.

Zudem war von Weber als musikalisches Wunderkind aufgewachsen und erlebte mit nur 14 Jahren die – allerdings nicht sehr erfolgreiche – Uraufführung seiner ersten Oper „Das Waldmädchen“ im sächsischen Freiberg. Und er war, wie E.T.A. Hoffmann, auch bildnerisch begabt und erlernte die Kunst der Lithografie. Trotzdem dauerte es, bis seine Zeitgenossen sein Genie erkannten und ihm Tribut zollten. Mit der Uraufführung 1821 von „Der Freischütz“ – jener bis heute gefeierten Oper, in der sich der Held in einer Notlage zwischen Liebe und Teufel befindet – war es dann endlich soweit: Carl Maria von Weber wurde quasi über Nacht ein Star.

"Wo Schatten wohnen - E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber und das Dunkle in der Romantik

Er liebte das Geheimnisvolle: Komponist Carl Maria von Weber im Portrait von Ferdinand Shimon – zu sehen in „Wo Schatten wohnen“ im Kügelgenhaus in Dresden. Foto: Kügelgenhaus

Hoffmann und von Weber kannten sich, befruchteten sich, und in der Wolfsschlucht-Szene aus „Der Freischütz“ treffen sich die mythisch inspirierten dunklen Ängste der schwarzen Magie mit den satanisch-surrealen Hoffnungen, wie sie sich auch in den Erzählungen von Hoffmann finden lassen. Als Dirigent wirkte von Weber zudem langjährig und prägend in Dresden, wo ihn Richard Wagner als noch ganz junger Mensch bereits begeistert erlebte. Nachdem von Weber 1826 auf einer Dienstreise in London der Tuberkulose erlag und seine Überreste erst 18 Jahre später nach Dresden umgebettet wurden, hielt Wagner die Grabrede.

Von Wagner bis zu zahlreichen Filmmusiken und zur trivialen Gothic Novel unserer Tage: In Sachen schwarzer Romantik legten die beiden Dresdner Schöpfer Hoffmann und von Weber die Grundsteine. Die Wirkung des Unbewussten, die erst 1900 in der „Traumdeutung“ von Sigmund Freud in Wien wissenschaftlich legitimiert wurde, war eine jener Entdeckungen, die in  der dunklen Romantik künstlerisch entdeckt und ausgeformt wurde.

Der Ausstellungstitel „Wo Schatten wohnen“ verweist auf die stete Präsenz der dunklen Winkel der Seele und geht mit den Besucherinnen und Besuchern auf die Suche nach ihnen. Schaurige Schönheit und ein scharfer Sinn für Aufklärung vereinen sich dabei.

"Wo Schatten wohnen - E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber und das Dunkle in der Romantik

Die „Wolfsschluchtszene“, gemalt von der Sängerin und bildenden Künstlerin Sophia Maeno, ist auch in der Ausstellung „Wo Schatten wohnen“ im Kügelgenhaus in Dresden zu sehen. Foto: Kügelgenhaus

Für Dr. Romy Donath, die Leiterin vom Kügelgen-Museum, waren zwei Jubiläen in diesem Kalenderjahr 2026 der willkommene Anlass für die Ausstellung: Carl Maria von Weber verstarb vor 200 Jahren, während man von E.T.A. Hoffmann den 250. Geburtstag feiern kann. Die Zusammenfassung innerlicher Trauer mit Freude passt zur romantischen Lebensauffassung, die – trotz oder wegen der Aufklärung – alles mit allem verbinden und mit poetisierendem Gefühl versehen wollte.
Gisela Sonnenburg

https://kuegelgen-dresden.de 

Das Rahmenprogramm mit Liederabend, Lesungen und Vorträgen vertieft die Rezeption der beiden wichtigen Romantiker.

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