Wanderer, kommst du nach Paris… ... dann verlauf dich nicht, sondern schau dir „Le Lac des Cygnes“ mit dem Ballett der Pariser Oper an

Schwanensee aus Nurejews Hand

Das erwartet man genau so vom Ballett der Pariser Oper: Die Schwanenmädchen in Reih und Glied, als seien die Tänzerinnen für diese Szene wie gemacht. Aus „Le Lac des Cygnes“ in der Inszenierung von Rudolf Nurejew. Foto: Svetlana Loboff

Es sind noch nicht einmal zwei Tage, die das Libretto vom „Schwanensee“ hier umfasst, aber es ist, als seien diese die letzten Tage der Menschheit: Rudolf Nurejew inszenierte seine apokalyptische Version erstmals 1964 in Wien – und genau zwanzig Jahre später in Paris. Diese Version von 1984 (die im Palais Garnier premierte) ist jetzt in Starbesetzung wieder in der Pariser Opéra zu sehen: mit der jungen Amandine Albisson und dem erfahrenen Mathieu Ganio in den Hauptrollen. Unter dem Dirigat von Vello Pähn, einem der vielleicht besten Ballettdirigenten überhaupt, wird auch die Musik von Peter I. Tschaikowsky zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Aber Siegfried schläft. Fast verpennt der schöne Mann seine von der Frau Mama, der Königin, groß angelegte Geburtstagsfeier. Er ist stimungsmäßig nicht wirklich gut drauf, dieser Prinz Siegfried von Nurejews Gnaden, den Mathieu Ganio indes mit traumwandlerischer Sicherheit und großer Akuratesse tanzt und spielt.

Während der Ouvertüre schlummert dieser Prinz Siegfried in einem Stuhl, und man fragt sich, ob er so wohl auch zu regieren gedenkt.

Schwanensee aus Nurejews Hand

Starbesetzung in Paris: Amandine Albisson als Odette und Mathieu Ganio als Prinz Siegfried: in „Le Lac des Cygnes“ von Rudolf Nurejew. Foto: Svetlana Loboff

Doch sein Traum ist dramatisch: Eine schöne Prinzessin wird von einem bösen Zauberer namens Rothbart gekidnappt und zum Schwan gemacht. Rothbart und seine Beute, die schöne Schwanenprinzessin Odette, fliegen auf und davon…

Und Siegfried muss allein die Realität ertragen. Ob er sie zu meistern verstehen wird, steht in den Sternen…

Er hat hier keinen kumpelhaften Freund namens Benno, wie in den meisten klassischen „Schwanenseen“, sondern nur einen Tutor, einen Erzieher, der ein Deutscher ist – namens Wolfgang – und der hintenrum ganz schön fiese ist.

Wolfgang, bravourös und souverän von François Alu getanzt, passt es nämlich gar nicht, dass Siegfried von seiner Mutter mit den Symbolen der Ritterschaft und des Jagdrechts ausgestattet wird.

Als Siegfried von der Frau Mama seine Armbrust erhält – eine Art Vorläufer des Gewehrs und in China schon seit über 2000 Jahren für die Jagd und den Krieg im blutigen Einsatz – ballt Wolfgang vor Wut die Faust.

Als Siegfried hoch offiziell zum Ritter geschlagen wird, wendet Wolfgang sich gar hasserfüllt ab. Hatte er selbst auf einen gesellschaftlichen Aufstieg gehofft?

Schwanensee aus Nurejews Hand

Der Traum aller Schwanensee-Prinzen: Odette (Amandine Albisson) mit dem Corps de ballet der Pariser Opéra. Foto: Svetlana Loboff

Vom verträumten Siegfried hält er jedenfalls nicht viel.

Und tatsächlich nimmt Siegfried gar nicht wahr, was bei Hofe abgeht, wie fantastisch etwa auf seinem Geburtstagsfest getanzt wird.

Da ist ein Pas de troi, bestehend aus zwei Damen und einem Herrn, und er wird getanzt von den einfach fabelhaften Sujets Héloise Bourdon, Fanny Gorse und Jérèmy-Loup Quer.

Dieser Terzett-Tanz berückt bereits für sich allein, er bezaubert und trägt eine so schöne Poesie in die Szene, dass sie zugleich den ganzen Charme der alten Original-Choreografie von Marius Petipa in aller Deutlichkeit vor Augen führt.

Bourdon, Gorse und Quer stammen übrigens alle drei – wie die meisten ihrer KollegInnen – von der Ballettschule der Pariser Oper. Es ist das unschätzbare Kapital von Paris, dass man dort seit über dreihundert Jahren diese Schule hat.

Schwanensee aus Nurejews Hand

Schwäne, nichts als Schwäne auf der Bühne… vor der schwarzen Nacht. Siegfrieds Traum in Nurejews „Le Lac des Cygnes“ in Paris. Foto: Svetlana Loboff

Der Rang „Sujet“ steht im Ensemble des Opernballetts über der „Koryphée“ – und nach diesem Auftritt beim Pas de trois rechnet man sich für die drei Künstler Bourdon, Gorse und Quer die besten Chancen aus, an der Pariser Oper mal führende Solisten oder gar Étoiles („Sterne“) zu werden.

Es ist die Utopie vom glücklichen, sich gut anfühlenden Leben, das dieser Pas de trois vorführt. Er steht damit im Gegensatz zur bedrückt-festlichen Stimmung der Feier, vor allem kontrastiert der frohe Mut der drei jungen Leute mit den Ängsten Siegfrieds vor der Zukunft.

Wolfgang aber macht sich den schlechten seelischen Zustand des weltflüchtigen Siegfried zunutze. Er manipuliert den Thronfolger, und angesichts der Armbrust kommt ihm eine Idee: Er überredet Siegfried, zu einer nächtlichen Jagd aufzubrechen.

Man hält es hier glatt auch für möglich, dass der dämonische Wolfgang dem armen Siegfried ein Halluzinogen ins Trinkglas tat, um ihn dann im Wald im Drogenwahn allein umkommen zu lassen.

Aber Siegfried stirbt nicht. Noch nicht. Denn zunächst begegnet ihm im Wald auf einer Lichtung mit Blick auf einen malerisch gelegenen See das verzauberte Mädchen, von dem er schon vor Beginn seiner Geburtstagsfeier träumte… Odette!

Siegfrieds Wahn ist kein LSD-Trip, sondern ein Traum von der höchsten Liebe!

Amandine Albisson, seit 2014 Erste Solistin und eine Ballerina von großer Anmut und Dynamik, tanzt die Schwanenprinzessin denn auch so, wie man sie in Paris erwartet. Präzise, leidend, vornehm entrückt.

Schwanensee aus Nurejews Hand

Und auch zur anderen Seite hin sieht der Blick, der über die Bühne schweift: Schwäne, nichts als Schwäne, von poetischer Kraft. In Nurejews „Le Lac des Cygnes“ an der Pariser Opéra. Foto: Svetlana Loboff

Mit Mathieu Ganio, der schon zehn Jahre länger Étoile ist, bildet sie ein psychologisch schlüssiges Paar, weil sie die Verkörperung des letzten großen Traums dieses im gänzlichen Scheitern begriffenen jungen Mannes ist.

Die Pantomime, in der Odette erzählt, dass ihre Mutter über die Entführung ihrer Tochter so entsetzt war, dass ihre Tränen den See bildeten, ist exakt der Sankt Petersburger Choreografie von Lew Iwanow entsprechend. Sie stammt von 1895.

Rudolf Nurejew kannte sie sehr gut – und hat mit seiner Inszenierung die Kernstücke des Petipa-Iwanow’schen Werkes bewahrt.

Aber: Er hat viel Neues für die männlichen Charaktere dazu kreiert. Siegfried ist hier kein „Damenhalter“, sondern hat eine expressive, zumeist klassisch inspirierte Choreografie für seinen tragischen Part bekommen.

Typisch sind die „rührenden“, also weit ausholenden Unterschenkel beim gesprungenen Rond de jambe en l’air. Typisch ist aber auch die ganze Haltung dieses unglücklichen Prinzen: Melancholie und Todessehnsucht wechseln sich bei ihm mit dem starken Gefühl der Verliebtheit ab.

Schwanensee aus Nurejews Hand

Als Schwarzer Schwan wickelt Amandine Albisson nicht nur ihren Bühnenpartner Mathieu Ganio um den Finger… in Nurejews „Le Lac des Cygnes“ in Paris. Foto: Svetlana Loboff

Aber sein Wolfgang, der zugleich Rothbart ist, darf mit abgrundtief böser, dabei hellwacher Miene hechelnd der Macht zustreben, während es ihm langsam, aber sicher gelingt, den Prinzen in den Tod zu schicken.

Die Königin ahnt übrigens etwas von den Machenschaften Wolfgangs, sie kann sich aber nicht gegen diesen vital-bösartigen Mann wehren. Stéphanie Romberg tanzt diese tapfere Frau, deren Verhältnis zu ihrem Sohn schon längst der Etikette geopfert und darum denkbar unterkühlt, ja nachgerade lieblos ist. Es wundert niemanden, dass sie die Letzte wäre, die Siegfried retten könnte.

Eher setzt man alle Hoffnungen auf die Liebe!

Amandine Albisson steht hier, zusammen mit ihrer Schwanenschar, stellvertretend für alles Edle, alles Schöne, alles Gute – für die Liebe schlechthin.

Doch Siegfried besteht die Probe nicht.

Als Wolfgang am folgenden Abend mit einer schwarz gekleideten Schönheit antanzt, die Odette aufs Haar gleicht – es ist Odile, der Schwarze Schwan – da fällt er auf diese Kopie der Frau, die er liebt, herein. Und Siegfried verrät seinen Traum, sein Lebenselixier, indem er sich von Odile und ihren makellosen Fouettés um den Finger wickeln lässt.

Man muss nicht darauf lauern, ob sie in Paris beim Grand Pas de deux im dritten Akt einen winzigen Fehler machen. Sie machen eben keinen! Aber Siegfried erkennt zu spät, nach unendlich vielen schön gesprungenen Höhepunkten, dass er seiner Odette soeben untreu wurde.

Er bricht verzweifelt zusammen, der schöne Prinz, der seine Zukunft ablehnt – und der bald auch keine mehr haben wird.

Als er den Kopf hebt, ist er wieder in seiner Traumwelt. Am See. Bei Odette und den Schwänen.

Schwanensee aus Nurejews Hand

Wolfgang ist Rothbart ist Francois Alu – hier rechts von Amandine Albisson und Mathieu Ganio – in Nurejews „Le Lac des Cygnes“ an der Pariser Opéra. Foto: Svetlana Loboff

Aber nach einem letzten Aufscheinen seiner Liebe kommt mit Rothbart das große finale Unglück auf ihn zu.

Und er verliert. Rothbart entschwindet mit Odette, wie schon im Vorspiel, und überlässt Siegfried dem über seine Ufer tretenden Tränensee.

Siegfried verliert dieses Mal nicht nur seine Träume, sondern auch sein Leben.

Er ertrinkt, gleichsam aus seiner Welt der Illusionen erwachend, in einer nebelnassen Flut… Denn die Realität, sie verdient die Liebe nicht.
Franka Maria Selz / Gisela Sonnenburg

Bis zum 31. Dezember 2016 täglich!

Zum Vergleich lohnt sich unbedingt der modern interpretierte „Schwanensee“ von Xin Peng Wang,  in diesen Tagen beim Ballett Dortmund zu sehen: www.ballett-journal.de/ballett-dortmund

www.operadeparis.fr

www.theaterdo.de

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