
2026: Lila Teppichbelag im Parkettfoyer der Hamburgischen Staatsoper wird als „Kunst“ bezeichnet, die kirmesgolden angemalten Säulen gehören dazu – und die einst stilistisch einwandfreie Bilderwand gleicht einer lustigen Collage aus dem Opernkindergarten. Nur neu oder auch schäbig? Foto: Prisca Kranz
Andere Menschen gehen in die Kirche. Wer Oper oder Ballett liebt, marschiert ins Opernhaus, als bevorzugten Kulturtempel. Den Hamburgern wird dieses Vergnügen in der Spielzeit 2026/27 teilweise genommen: Das Haus nahe der Alster wird wegen Sanierungen und Umbauten mindestens fünf Monate lang geschlossen sein. Weil nun Klaus-Michael Kühne, Milliardär dank geerbter Firma mit Nazivergangenheit („Kühne + Nagel“), Hamburg ein nagelneues Opernhaus aufdrückt – und zwar auf einem kolonialbelasteten Ort in der HafenCity – wirkt diese Sendepause nicht zufällig. Ganz still werden die Hamburger Oper und das Hamburg Ballett dennoch nicht sein: Der Spielplan, der erst am 7. April diesen Jahres offiziell bekannt gegeben wird, sieht Ersatzspielstätten vor. Aber ob die Hamburgische Staatsoper dann zuverlässig nach Ablauf der fünf Monate wieder geöffnet werden wird? So ganz genau kann man das bei solchen Baumaßnahmen an öffentlichen Gebäuden heutzutage nicht wissen, das lehrt schon die jüngere Erfahrung. Kühne dürfte das nur recht sein, denn die Aufmerksamkeit für den von ihm forcierten Opernneubau in der HafenCity dürfte dann steigen.
Durchgesickert ist schon mal, dass das jetzige Opernhaus wohl bereits ab April 2027 geschlossen werden soll. Die Hamburger Ballett-Tage, bislang ein Sommerfestival von Weltrang, werden demnach schon im März 2027 stattfinden. Zudem soll, so ist zu hören, danach ein Theaterzelt die Zuschauer anlocken. Ein weiterer Spielort könnte die schon 1985 von John Neumeier für sein Ballett „Othello“ genutzte Hamburger Kulturstätte Kampnagel sein.
Aber wofür der ganze Aufwand? „Auf eine Generalsanierung wird bewusst verzichtet“, heißt es in den einschlägigen Unterlagen, auf welche die Hamburger Behörde für Kultur und Medien verweist. Die Begründung darin überrascht: „da die Anforderungen für eine alternative kulturelle Nutzung nicht den hohen Anforderungen an ein Opernhaus entsprechen müssen.“

Das Parkettfoyer der Hamburgischen Staatsoper 2025 vor seiner wundersamen Verwandlung à la Kindergartengeschmack: zeitlos modern, erhebend, klassisch. Foto: Gisela Sonnenburg
Das heißt im Klartext: Das alte Opernhaus wird als Opernhaus abgewickelt, bevor mit dem Bau des neuen Hauses überhaupt begonnen wurde. Auch die künftige Nutzung der heutigen Oper ist noch nicht konkret geregelt. Es gibt nur vage Beschreibungen von „alternativen“ Nutzungen.
Damit dürfte Hamburg die erste Stadt der Weltgeschichte sein, die ihr Opernhaus für eine noch unbekannte Nutzung umbaut.
Die Qualität soll dabei vorsätzlich nicht an die bisherige heranreichen. Offenbar hat das Publikum dessen, was es dann an Kunst gibt, geringe Ansprüche. Vielleicht singen die Zuschauer vor allem selbst und hüpfen dabei fröhlich umher? Das würde den vielen Mitmachkursen, die schon jetzt angeboten werden, durchaus entsprechen.
Aber erstmal wird Geld ausgegeben. Auf zehn Jahre sollen sich die Umbauten und Sanierungen erstrecken, für die erste Etappe sind knapp 100.000 Euro veranschlagt. 113.700 Euro wurden derweil „eingeworben“, was für eine hohe Beteiligung privater Geldgeber spricht. Die Reichen haben an der Hamburger Oper sowieso viel zu melden. Das betrifft nicht nur den Milliardär Kühne. So fand die jüngste, teils als desaströs empfundende Ballettpremiere nur dank der Sponsoren und Mäzene unter Führung von Ulrike Schmidt und Berthold Brinkmann statt. Man könnte meinen, sie seien die eigentlichen Herren hier. Und vermutlich fühlen sie sich jugendlich mit möglichst viel vermeintlichen Jugendattributen im Haus, die womöglich eher infantil sind und für Unreife sprechen.

Billig hingepfuschte Nostalgie statt durchdachtem Stil: die Stifterlounge der Hamburgischen Staatsoper heute, 2026. Foto: Prisca Kranz
Der schlechte Geschmack, der künftig herrschen soll, hielt auch in die Foyers schon Einzug. So wurde die früher vom Designer Peter Schmidt elegant gestaltete „Stifterlounge“ zum stilistischen Kuddelmuddel, mit billig wirkendem neuen Interieur. Das Plus der Lounge war schon immer ihre große, dennoch gemütlich wirkende Balkonterrasse – für ein Opernhaus weltweit einmalig. Demnächst wird es dort finster: Mit neuen Vorhängen und Schiebetüren soll aus dem ehemaligen raumstilistischen Juwel ein improvisierter Konzertminisaal werden.
Der Sinn von Foyers in einem Opernhaus liegt allerdings nicht darin, dass in allen Räumen möglichst viel Lautstärke erzeugt werden kann. Der Sinn liegt vielmehr darin, dass man sich vor dem Besuch von ernsthaften, womöglich tragischen Vorstellungen sowie in ihren Pausen erholen kann. Dabei sollten die Foyers dem zuarbeiten, dass man in der Stimmung einer dramatischen Oper oder eines lyrischen Balletts bleiben kann.
Und während es Vorstellungen auf der großen Bühne gibt, kann man in den Foyers eigentlich sowieso nichts zusätzlich veranstalten. Dafür ist das Ganze schlicht nicht erdacht, die Geräuschkulissen würden sich kreuzen. Aber anscheinend soll hier so Einiges ausprobiert werden.

Die Stifterlounge – das Foyer vom 4. Rang in der Hamburgischen Staatsoper wird so genannt – war mal ein Juwel an Raumschönheit und durchdachtem Stil. Geschickt gewählte Proportionen ließen den Raum größer erscheinen, und die Balkonterrasse passte zur geradlinigen Ausrichtung. Foto von 2025: Gisela Sonnenburg
Das hehre Treppenhaus wird zusätzlich mit Wandverkleidungen verunstaltet: Schluss mit Schick, scheint die Devise. Ein lila Plastikteppich im Parkettfoyer, als „Kunstwerk“ rangierend, hat bereits neue Maßstäbe an Hässlichkeit gesetzt, zusammen mit einer wie im Kindergarten bunt beklebten Wand.
Ein Massaker am guten Geschmack dürften auch die dort vorgesehenen schallabsorbierenden Flächen an der hohen Decke werden. Damit sich DJs und andere Helden der Klangkunst austoben.Nur der Fußboden, dessen heller Marmor eine neue Politur brauchen könnte, steht nicht im Sanierungsprogramm.

Der elegante Marmor-Schick, der sich im Treppenhaus, in den Foyers und in den Wandelgängen der Hamburgischen Staatsoper findet, ist bedroht. Foto: Gisela Sonnenburg
Aber nicht mal die Fassade des denkmalgeschützten Kulturhauses bleibt verschont: Ein Außenfahrstuhl mit gleich zwei Kabinen soll zur Kleinen Theaterstraße hin gehbehinderten Zuschauern den Zugang erleichtern. Das ist insofern seltsam, als es bereits einen Fahrstuhl im Innern gibt, der mit dem Rollstuhl gut erreichbar ist. Aber vielleicht sind Transportmittel für mindestens drei Rollstühle wirklich besser.
Ein anderer Grund für die Schließung 2027 liegt nah der Bühne: Die Podien der Musiker im Orchestergraben, an Einzelteilen teils um die 70 Jahre alt, sollen erneuert werden. Rund fünf Monate lang. Die Hamburger Bürgerschaft nickte all das ab.
Gisela Sonnenburg
P.S. Der jetzige Intendant der Hamburgischen Staatsoper, Tobias Kratzer, bezeichnete das heutige Opernhaus lapidar als „klapprig“. Ein Eindruck, den nicht jede und nicht jeder teilt. Aber ob Kühnes neue Hafenoper, mit der frühestens ab 2034 zu rechnen sein wird, nicht vor allem als Spaziermeile für kulturell Unbeteiligte sprich als Übernachtungsinsel für Obdachlose taugen wird, kann auch Kratzer nicht mit Gewissheit sagen. Die Bauweise des Entwurfs eines dänischen Architektenbüros macht jedenfalls den Eindruck, als sollten vor allem Ausflügler, Touristen und wilde Camper angelockt werden. Und von innen droht dann eine langweilige Bahnhofsatmosphäre, wie sie schon die Besucher der viel gelobten neuen Oper von Oslo quält. In Oslo dachte man sich: „Besser als nichts!“ In Hamburg aber wird man höchstwahrscheinlich Reue verspüren.

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