
Die Menschheit vor dem ersten Krieg: sanft und lebendig, aufrecht und stark. So zu sehen in „re:public“ von Edvin Revazov mit dem Hamburger Kammerballett. Foto: Gisela Sonnenburg
Die Atmosphäre ist beklemmend. Aufsteigender Nebel erfüllt das Bühnenfeld, auch die Zuschauerreihen im Saal K1 in der berühmten Off-Spielstätte Kampnagel in Hamburg sind vom Nebel wie verzaubert. Auf der spärlich beleuchteten Spielfläche erscheint in der geisterhaften Szene ein junger Mann in roter Kleidung. Er hebt eine rasselnde Kette auf – die aus getrockneten, samengefüllten Früchten bestehen könnte – und spielt damit. Der Symbolwert ist deutlich: Der Mensch erscheint auf der Bildfläche und beginnt sofort, sich die Welt untertan zu machen. Damit stimmt der Anfang von „re:public“ darauf ein, sich mit einem Urthema der Menschheit vertraut zu machen. Mensch und Umwelt, Mensch und Politik, Mensch und andere Menschen – all das gehört zum grundlegenden Themenkreis der Demokratie, wie wir sie heute verstehen. Das Hamburger Kammerballett (HKB) traut sich damit an ganz große Fragen, und wer will, kann den Nebel schon mal als Ausdruck der Klimakatastrophe deuten. HKB-Mitbegründer und Choreograf Edvin Revazov – er ist als Erster Solist vom Hamburg Ballett international bekannt geworden – schafft es solchermaßen mit relativ einfachen Mitteln, die menschengemachten Probleme dieser Welt auf den Punkt zu bringen: auf abstrakte, dennoch inhaltlich fassliche Weise.
Die Klangkulisse entspricht der aufregenden Düsternis: Unter der kompositorischen und musikalischen Leitung von Danica Hobden spielen vier Musikerinnen und Musiker im Stil des Free Jazz, unterstützt von eingespielten und live erzeugten Sounds. Die Geschichte, die erzählt wird, hat – wie die Eingangsszene – symbolischen Charakter.
Und am Ende wird klar: Ohne Bereitschaft zu Liebe und Versöhnlichkeit wird die Menschheit untergehen.
Zunächst aber schwirrt zu Windgeräuschen ein lautes Dröhnen, wie ein Surren, durch die Sphäre. Ein zweiter Tänzer betritt das Feld. Leise beginnt das Schlagzeug (Dirk-Achim Dhonau), seine Rhythmen einzubringen. Ein schepperndes Klingeln wie von Zimbeln kommt dazu.
Und die beiden Tänzer betätigen sich wie Schüler und Lehrer. Die Rückwand, aus einzelnen Paneelen bestehend, dient als Tafel.

Männer im tänzerischen Disput: So zu sehen in „re:public“ von Edvin Revazov beim Hamburger Kammerballett. Foto: Gisela Sonnenburg
Doch die Lehren der puren Materie halten nicht. Die Paneele fallen, nach vorn: an eine dramatische Szene in „Nijinsky“ von John Neumeier und auch an das Ende von „Mayerling“ von Kenneth MacMillan erinnernd. Versagt so das Prinzip Aufklärung?
Hinter dem Tanzfeld werden zwei Tribünen mit den Musikern und ihren Instrumenten sichtbar.
Der Mensch beginnt von vorne. Dieses Mal sind die Tanzenden auf allen Vieren. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine tänzerische Beziehung, ein Pas de deux. Es ist ein Miteinander des Suchens.
Die Schlitze der roten Kostüme lassen nackte Haut aufblitzen – wie eine Verwundung der äußeren Hülle wirken sie. Es gibt gegenseitiges Halten, es gibt Hebungen. Kain und Abel probieren aus, was möglich ist.
Dazu plätschert es im Sound, und das geht über in ein Blubbern. Nach und nach mischen sich die Instrumente dazu – nicht nur der Tanz wird hier scheinbar neu erfunden, auch der Free Jazz entsteht wie ein Schmetterling, der sich aus seiner Verpuppung befreit.
Die weiteren Tänzerinnen und Tänzer kommen dazu. Sie bilden Türme, Zeichen, auch mal einen folkloristischen Reigen, der hier allerdings gar nicht harmlos wirkt.

Ricardo Urbina und das Hamburger Kammerballett in „re:public“ von Edvin Revazov. Foto: Gisela Sonnenburg
Insgesamt tanzen hier, und zwar mit leidenschaftlichem Einsatz und viel Hingabe: Viktoriia Miroshyna, Nataliia Hurska und Alisa Nikitina, dazu Ihor Khomyshchak, Vladyslav Bondar und Valerii Liubenko – alle aus der Ukraine kommend – vom HKB sowie Nicolas Gläsmann und Ricardo Urbino als Gäste.
Die tänzerischen Leistungen sind unbestreitbar sehr gut, und was diesem Ensemble besonders gelingt, ist: die Zuschauenden spüren zu lassen, dass es den Tanzenden mit ihrer Kunst ernst ist. Das überträgt sich: Hier wollen sich keine Ehrgeizlinge auf Biegen und Brechen an die Spitze der Gesellschaft tanzen, sondern hier wollen wahre Künstlerinnen und Künstler etwas von sich geben und sich mitteilen.
Sie tanzen in Romben, synchron. Drei Paare bilden sich, sind top synchron in ästhetischen Tänzen. Und der Held vom Beginn schaut ihnen sinnierend zu.
Das Tanztempo ist weitestgehend das Adagio, manchmal ist es fast gefühlte Zeitlupe.
Als das Cello (Carmen Kleykens Vidal) anhebt, mit großem Schmelz einen Melodiebogen zu entwerfen, beginnt auch für den Helden die Zeit der Liebe: Eine Frau kommt ihm entgegen.
Aber die E-Gitarre (Danica Hobden) und die Keyboards (Martin Zamorano) lassen nicht locker: Immer wieder peitschen sie die Sphäre auf, zwingen zu Isolation und Vereinzelung.

Die Folklore-Posen werden fast eine Kampfansage: Stolz und stramm zeigt das Hamburger Kammerballett eine moderne Spielart von Folklore. Zu sehen in „re:public“ von Edvin Revazov. Foto: Gisela Sonnenburg
Ein exaltiertes, faszinierendes Herrensolo zelebriert diese Umgestaltung der Gesellschaft exemplarisch. Und weitere Soli, bei denen die Herren virtuos mit Sprüngen, die Damen mit schnellen Drehkombinationen brillieren, zeigen das Streben nach Freiheit. Und wieder findet sich ein Paar.
Aber auch der Paartanz hat Schattenseiten. Da hält die Frau ihrem Partner doch glatt von hinten beim Tanzen den Mund zu, beide bewegen sich in dieser Pose weiter zur Musik. Ist schon in der Ehe Schluss mit der Meinungsfreiheit?
Ruckartig gehen wellenförmige Bewegungen durch die Körper. Was ungesagt bleibt, drängt eben auf andere Weise zum Selbstausdruck.
Eine Frau ertanzt sich zu langsam wechselnden Akkorden ihr Freisein. Geht das zu Lasten der Männerwelt, gar der Gemeinschaft? Aus konstruktivem Gruppentanz wird eine Depression, wenn die Tänzerinnen und Tänzer in einer Pose am Boden verharren.

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Das Paar tanzt, im rechten Teil des Bühnenfelds, während im linken der Rest der Gemeinschaft zu Boden sinkt und mit seltsam angewinkelten Beinen verharrt. Wie Insekten in der Kältestarre, die auf den Frühling warten.
Der Mann mit der Rassel ist wieder da. Frühling? Noch nicht. Aber er hängt das scheppernde Teil dem Mann aus dem Paartanz um den Hals. Mit verblüffender Wirkung: Die Frau aus dem Paartanz wird von ihren Kräften verlassen, sie fällt – und wird von den beiden Männern wieder aufgerichtet.
Ein Pas de trois entwickelt sich. Doch die Frau fällt erneut und steht dieses Mal nicht wieder auf. Langsam rollt sie ins Aus.
Kain und Abel aber beginnen zu kämpfen. Dieser Kampftanz der zwei Tänzer ist zugleich das Pendant zum Eingangs-Pas-de-deux und der Höhepunkt des Stücks. Nach furiosen tänzerischen Turbulenzen auch am Boden kommen die beiden Männer zu sich – und verhandeln langsam im Stehen den Frieden.
Der Wind kommt wieder auf.

Im zweiten Teil sind sie wild: Das Hamburger Kammerballett (HKB) in „re:public“ von Edvin Revazov. Foto: Gisela Sonnenburg
Dann folgt ein Bruch. Es folgt, ohne Pause, der zweite Teil des Stücks, und der ist ganz anders. Lediglich die Musik verbindet zunächst die beiden Teile, denn das rauschende Säuseln mit anschwellenden Rhythmen gibt es auch im zweiten Akt. Aber das Tempo ist jetz ein ganz anderes, vor allem das tänzerische. Es wird bewegungstechnisch aufgedreht, es wird fetzig!
In schwarzen Latex-Bodies verkörpert das achtköpfige Ensemble – fünf Männer und drei Frauen – den Neuanfang einer ganz anderen Gesellschaft. Roboterhaft, elastisch und elegant, aber auch zackig und blitzschnell wollen sich hier alle profilieren, als seien sie die Geschöpfe eines neuen Programmierers für die Welt. Gott war vielleicht auf Speed bei diesem zweiten Versuch, den Menschen machen zu lassen.
Fortschritt als Tempomacher. Wurde dafür der Frieden erfunden?
Harte Technorhythmen unterstreichen, dass es sich um neues Level der Gesellschaft handelt. War der erste Teil das 20. Jahrhundert und befinden wir uns jetzt in der Gegenwart?
Jedenfalls beginnt dieser zweite Teil mit den Frauen, die wild-kontrolliert in Spitzenschuhen ihre Latex-Chainés drehen und mit kleinen Tanzschritten immer noch quirlig, manchmal aber auch bewusst mechanisch wirken.
Auch hier gibt es Pas de deux, vor allem aber eine Art Herdentrieb zu beobachten.

Im dritten Teil von „re:public“ von Edvin Revazov finden ein Junge aus dem ersten und ein Mädchen aus dem zweiten Teil zusammen. Die Liebe ist die Hoffnung! Foto: Gisela Sonnenburg
Wie politisch ist das Private? Die 68er-Generation fragte sich das unaufhörlich, ohne eine einfache und gültige Antwort zu finden. Ursprünglich wurde der Slogan „Das Private ist politisch“ tatsächlich auf die Frauenbewegung gemünzt. Die weitere Entgrenzung und Interpretation der verschiedenen Lebensbereiche als zusammenhängend mag in den 90er-Jahren – als der Techno aufkam – einen neuen Schub bekommen haben. Bis heute ist der Anspruch, das Private zu politisieren, allerdings für die meisten Menschen gen Null gekippt. Ein Missstand?
„re:public“ weist auf solche Fragen hin, ohne den Zeigefinder zu erheben und Vorschriften zu machen. Aber die Diskussion darüber, wie Menschen sich in der Gesellschaft einerseits und im Privaten andererseits verhalten, wird durchaus durch das Stück angeregt.
Der kurze dritte Teil bringt dann aber doch eine eindeutige Aussage. Denn ohne die Liebe – hier verkörpert von einer Tänzerin – wird die Menschheit so oder so sich selbst vernichten.
Ein Mann im Gewand aus dem ersten Teil – also in Rot – trifft auf eine Frau aus dem Gegenwartsteil. Als sie der Umklammerung im Paartanz entweicht und zur Gruppe läuft, holt er sie von dort zurück in seine Welt.
Schließlich versammeln sich die Tänzerinnen und Tänzer vorn in Publikumsnähe am Boden und ziehen an weißen Leinen langsam die beiden Musikertribünen nah an sich heran.

Am Ende stehen die Tänzer auf den Musikerpodesten und halten eine Tänzerin – vielleicht die Verkörperung der Liebe. So zu sehen in „re:public“ von Edvin Revazov. Foto: Gisela Sonnenburg
Und dann erklimmen sie die Musikerpodeste, bis auf die Frau, die möglicherweise die Liebe verkörpert. Zwei Männer heben sie an, wollen sie zwischen den Musikertribünen aufstellen – aber sie ist zu schwach, sie benötigt Hilfe. Ihr Leben und Überleben, so scheint es, hängt davon ab, dass sie von beiden Seiten der Gruppe gehalten wird.
Am Boden kniend, von oben gehalten, so verharrt die allegorische Liebe – und langsam wird es dunkel: Die Menschheit hat es in der Hand, wie es weitergeht. Insofern hält die Choreografie uns den Spiegel vor.
Leicht macht es Edvin Revazov seinem Publikum mit „re:public“ nicht. Aber die Mühe lohnt: Die Verwandlung einer sanften Gesellschaft in eine voller Aggression ist in seiner Arbeit plastisch fasslich – und das Angebot des versöhnlichen, ja sogar liebenden Handelns, das hier als Lösung am Schluss steht, ist in der Tat das Wichtigste, was wir haben.
Politikerinnen und Politiker, hört auf diese Kunst!
Nach der Generalprobe gab es noch Gelegenheit, mit dem Choreografen und künstlerischen HKB-Leiter Edvin Revazov zu sprechen. Auch Isabelle Rohlfs, die fleißige Geschäftsführerin vom HKB, stand für Antworten bereit.
Dabei stellte sich heraus, dass die fruchtbare Zusammenarbeit des HKB mit der Hamburger JazzHall absolut professionell vor sich ging. So standen für die gemeinsame Probenarbeit der Tänzern mit den Musikern nur zwei Tage zur Verfügung. Dabei hätte wohl jeder von den Zuschauern unterschrieben, dass man auch zwei Wochen oder sogar zwei Monate für glaubhaft mit Arbeit gefüllt gehalten hätte.

Gedankenvolle Blicke: Choreograf Edvin Revazov nach der Generalprobe von „re:public“ am 19.02.26 im Gespräch mit dem Publikum. Er spricht übrigens mindestens vier Sprachen fließend: ukrainisch, russisch, deutsch und englisch. Und natürlich die internationale Sprache des Tanzes! Foto: Gisela Sonnenburg
Die Sentenzen der Musik richteten sich dieses Mal nach der Choreografie, die Revazov mit seinen Tänzerinnen und Tänzern vorab erstellt hatte. Somit ist praktisch auch das wortlose Libretto von ihm – und die Musizierenden konnten sich darauf einstellen.
Dass das HKB aber nur durch die Hilfen von mehreren Stiftungen sowie durch private Spenden existiert und bisher keine staatliche noch städtische Förderung erhält, ist eigentlich ein Skandal. Vielleicht könnte sich hier mal was ändern? Das Hamburger Kammerballett sollte unbedingt seinen festen Platz im Kulturleben der norddeutschen Metropole erhalten.
Gisela Sonnenburg
https://www.hamburger-kammerballett.de

Mit weißen Leinen holen die Tänzer die Musiker samt Podesten nach vorn. So zu sehen in „re:public“ von Edvin Revazov mit dem Hamburger Kammerballett. Foto: Gisela Sonnenburg