Mehr als nur ein schöner Traum John Neumeier hat sein eigenes „Dornröschen“ beim Hamburg Ballett aufgemöbelt – mit einem seltsamen neuen Anfang und einer ergänzten Neuausstattung von Jürgen Rose

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Ida Praetorius und Alexandr Trusch in „Dornröschen“ von John Neumeier in der neuen Version von 2021 – delikat, aber auch befremdlich oberflächlich, was am neuen Libretto, nicht an den Tänzer:innen liegt. Foto: Kiran West

Um es vorweg zu sagen: Natürlich fasziniert auch das neu gemachte „Dornröschen“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett das Publikum, und die Hamburger Tänzer:innen, von den Stars über die Kinder der Ballettschule bis zum hervorragenden Corps de ballet, sind mal wieder so superbe, charmant und mitreißend, dass man gar nicht weiß, wen man zuerst erwähnen und loben soll. Vielleicht doch die Darstellerin der Titelfigur? Ida Praetorius, als Primaballerina neu in Hamburg, aus Kopenhagen kommend und durch Gastkooperationen bereits vielfach vom Meisterchoreografen Neumeier erprobt, entzückt als Dornröschen namens Prinzessin Aurora, also als Sinnbild mädchenhafter Perfektion. Ihre Technik ist so anheimelnd wie ihr Ausdrucksvermögen, und obwohl man hört, dass sie noch bei der Generalprobe am Vortag der gestrigen Premiere in manchen Dingen etwas unsicher gewirkt haben soll, so lief sie bei der Vorstellung zur Hochform auf. Kein Wunder, zumal Alexandr Trusch als Prinz an ihrer Seite einmal mehr beweist, dass er ein Prinz de luxe ist, ein kraftvoller, dennoch nachgerade niedlicher Mann, ein Tänzertyp per se und eine Mischung aus Männlichkeit und Süßigkeit verkörpernd, wie sie im Ballett nun mal ein untrügliches Kennzeichen für Weltklasse ist, sofern sie sich, wie eben bei Trusch, auch genau so im Tanzvermögen niederschlägt. Was für ein Vergnügen ist es , dieses Pärchen anzuschauen! Die beiden sind ein modernes, berückend schönes Prinzenpaar, und wer klassisches Hochkarat gern mit unverkrampft-lustvollem Schauspiel vereint sieht, ist hier genau richtig. Allerdings: Die beiden kommenden weiteren Besetzungen der Hauptrollen mit Madoka Sugai und Alessandro Frola sowie mit Emilie Mazon und Jacopo Bellussi versprechen ebenfalls facettenreiche Spitzenklassen für sich zu sein – man darf also unbedingt auch darauf voll Vorfreude sein.

Unterm Strich ist das harmonische Miteinander dieser Paare die Hauptsache in Neumeiers „Dornröschen“, der in seinen Versionen – der neuen wie der älteren – zwei Welten aufeinanderprallen lässt, welche wiederum von diesem Paar versinnbildlicht sind.

Der Prinz verkörpert dabei die Gegenwart, das Dornröschen hingegen einen Fantasie-Hofstaat, der im Märchen genau hundert Jahre zurückliegt, in Hamburg nun aber etwa 150 Jahre zurückzuberechnen ist, denn die Kostüme spiegeln weiterhin das 19. Jahrhundert, während ein top aktuell gemachtes „Dornröschen“ von der Gegenwart aus nur bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts zurückgehen müsste.

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Übrigens auch mal eine reizvolle Idee: Charleston-Kostüme und Bubi-Haarschnitte bei den Feen, Perlenketten und Smokey Eyes bei „Dornröschen“ zu inszenieren. Warten wir es ab, ob das mal jemand machen wird!

Bei Neumeier jedoch stehen die Jeans des Prinzen seit 1978 unverrückbar für die jeweilige Gegenwart, während die Märchenwelt, in der Dornröschen mit ihm tanzt, eine entzückend nostalgische Ballett-Traumwelt darstellt.

Jürgen Rose, der schon die erste Ausstattung besorgte, ergänzte und erneuerte seine Entwürfe für die diesjährige Wiederaufnahme. Eine Neuausstattung im Wortsinn ist es nicht, aber Bühnenbild und Kostüme kommen jetzt besser zur Geltung als zuvor.

Entzückend erfrischend mit viel sahnigem  Weiß, mal von eisfarbenen Pastelltönen ergänzt, dann wieder von knallbunten Farbtupfern wie auf Tortendekorationen garniert, wirkt die Verpackung der Tänze inspirierend und traumweltgemäß.

Die Rosen hier sind – außer der großen weißen Jahrmarktrose, die der Prinz gern in den Händen hält – zarte Röschen, die mit sanften Rosétönen in eine Welt aus Rosen ohne Dornen entführen.

Dabei spielen die Dornen gerade in dieser Neuinszenierung eine tragende Rolle.

Hélène Bouchet als neu benannte tanzende „Rose“, also als vormalige gute Fee, ist dabei leider nur noch wenige Vorstellungen zu haben – sie übersiedelt Ende des Jahres nach Frankreich und wird mit ihrer Familie das Leben nach ihrem Primaballerinendasein auskosten.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Alexandr Trusch als Désiré und Hélène Bouchet als Rose in „Dornröschen“, hier im nächtlichen Schloss. Foto: Kiran West

Als gute Fee, also als Herrscherin der positiven Energie, als verkörperte Macht der Liebe und der Zuneigung, die mit den sanften Zügen einer Madonna und auch mit einer zärtlich tändelnden Eigenart ausgestattet ist, wird man sie nun unbedingt in bester Hamburger Erinnerung behalten.

Anna Laudere wird ihr in dieser Partie nachfolgen, und niemand zweifelt, dass auch sie eine „Rose“ von bestem Wuchs und eleganter Neigung sein wird. Xue Lin schließlich wird diese Partie ebenfalls interpretieren, vielleicht etwas weniger die Linien betonend, dafür etwas spontaner im Ausdruck.

Colleen Scott, die als erste „gute Fee“ überhaupt in Neumeiers „Dornröschen“ in Hamburg reüssierte und vor einigen Monaten in München tragisch nach einem Unfall im häuslichen Umfeld verstarb, wird zwar immer ein ganz bestimmtes Fluidum vorbildhaft verkörpert haben. Aber wenn sie sehen könnte, was nun in der Neufassung der Neumeier-Version aus ihrer Paraderolle wurde, so wäre sie stolz und glücklich.

Auch Max Midinet, der die legendäre, sehr ungewöhnlich gemachte Partie der „bösen Fee“ von John Neumeier 1978 einst kreierte, würde ob der neuen Version staunen.

Seine Rolle heißt nun allerdings „Der Dorn“ und erfüllt somit einerseits den deutschen Titel von „Dornröschen“ wörtlich mit, um andererseits demonstrativ ein Teil jener Kraft zu sein, die (frei nach Goethe) stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Dass nun aber der Prinz ständig so eine Monsterrose mit sich herumschleppen muss, die aussieht wie vom Jahrmarkt geschossen, stimmt traurig. Womit hat das Märchenballett solchen Kitsch verdient?

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Der Prinz immerzu mit dieser monströs großen Rose, die wie beim Jahrmarkt geschossen aussieht, und der Geist des Dorns hinter ihm würde auch als traditionelle böse Fee hervorragend funktionieren: „Dornröschen“ von John Neumeier mit Mathias Oberlin und Alexandr Trusch beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Man mag darüber streiten, ob die erst rund eine Woche vor der Premiere erfolgte Umbenennung der beiden widerstrebenden Mächte „Gut“ und „Böse“ in „Die Rose“ und „Der Dorn“ nun originell ist oder eher doch zu plakativ.

Aber das Herunterspielen der Kräfte GUT und BÖSE auf eine Rose und ihren Dorn ist im Grunde genommen schon ziemlich lächerlich. Eine Kitsch-Fantasie… und vor solchen Verkitschungen sind die Neumeier-Werke offenbar in Zukunft nicht mehr sicher.

Schon in der letzten Wiederaufnahme von „Ein Sommernachtstraum“ gab es Änderungen, die unnötig oder rückschrittlich waren. Aber sie zerstörten nicht das Wesentliche am Libretto.

In „Dornröschen“ ist es nun leider so, dass aus einem spannenden Psychogramm mit Märchenelementen eine vor gewollter Aktualisierung nur so triefende Provinz-Version eines Klassikers geworden ist.

So etwas würde ich von Mario Schröder erwarten oder von einem anderen nicht wirklich fähigen Choreografen. So etwas von John Neumeier zu sehen, tut hingegen weh – und man muss sich fragen, warum er in seinem hohen Alter keinen intellektuell fähigen Dramaturgen hat, der ihn vor solchen Fehlern bewahrt.

Und wo wir gerade dabei sind: Auch in der „Glasmenagerie“ gab es schon heftige Kitschmomente, am schlimmsten war die Schlusspose, die nahelegte, Menschenleben seien egal, wenn es um die Kunst ginge.

Neumeier sollte also stärker sich selbst reflektieren lernen und aufhören, immer populistischer werden zu wollen.

Sein Publikum versteht ihn auch in seiner genialen, lyrischen Ausformung ohne zwanghaft originell wirkende Neuerungen, und sein früheres „Dornröschen“ war faktisch um Längen besser als die neue Version.

So hat die Umbenennung der zwei wandelnden Kraftfelder auch noch fatale Folgen fürs Libretto. Sie macht aus dem Prinzen nämlich einen Spürhund.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Das Märchenschloss ist verzaubert – und Prinz Désiré wird es erwecken. Zeit für tolle Sprünge wie hier von Alexandr Trusch in „Dornröschen“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Der Prinz muss laut Neumeier-Text jetzt der Rose durch den Wald nachlaufen, weil er ihren Duft riecht.

Das erinnert nun wirklich eher an ein kläffendes Hündchen als an einen stolzen Abenteurer. Ein Prinz, der einer wandelnden Rose durch den Wald hinterherläuft, weil er sie – offenbar meilenweit – riecht? Sorry, das ist eine Comic-Fantasie, die in einem Tschaikowsky-Märchenballett schon rein stilistisch nichts zu suchen hat.

Als der mit Duft geköderte Retter von Aurora muss der Prinz dann auch noch mit dem Dorn und seinem Gefolge kämpfen.

Wäre Mister Dorn eine böse Fee – wie früher – wäre das Ganze viel sinnvoller beschrieben.

Aber so? Ein Dorn ist ein Teil einer Pflanze, er sticht und kann das Leben kosten, etwa mit einer Blutvergiftung. Aber: Man kann mit einem Dorn und seinem Gefolge nicht kämpfen wie mit einer fremden Macht.

Nicht mal Hollywood würde sich solch einen Kitsch ausdenken!

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Das Publikum sieht dabei und auch im Miteinander von Prinz und Rose und Prinz und Dorn immerhin vor allem die gute alte Neumeier’sche Choreografie, und die ist prall gefüllt: zum Einen mit soviel femininer Lyrik, dass man die gute Fee anbeten möchte, zum Anderen mit der mysteriös-dämonischen bösen Kraft, die zu schillern und zu umgarnen weiß, dass es einen gruselt.

Nach Mathias Oberlin, der die Premiere tanzte, wird Karen Azatyan diesen Mister Dorn tanzen, und dass die böse Fee, die wie 1978 im hautengen Body mit aufgemaltem Dornenmuster auftritt, ein tänzerisch versiertes, ihr ähnelndes Trio als Begleitung hat, lässt sie nur noch furioser erscheinen.

Trotzdem wirkte all das in der alten Version viel mächtiger und überzeugender als in der neuen, was vielleicht auch daran liegt, dass die jungen Hamburger Tänzer:innen von heute zwar technisch sehr smart sind, aber keine Rebellennaturen mehr haben, um wirklich dämonisch zu wirken.

Der Mensch als Spielball der überirdischen Kräfte, als Element, das hin- und hergerissen wird zwischen Gut und Böse – das ist die philosophische Dimension, die „Dornröschen“ seit jeher zu eigen ist.

Die böse Fee darf darin nicht fehlen, und John Neumeier sollte wissen, dass es nicht ausreicht, sich auf die Musik und ein Konzept von Gut und Böse zu verlassen.

Und so klemmt es hier und da, und dennoch überwältigt das Stück insgesamt, wie es überhaupt sehr schwer ist, dieses Märchenballett kaputt zu kriegen.

„Dornröschen“, das volkstümlich einherkommende Märchen, ist ja an sich auch so bekannt, dass man es hier eigentlich nicht näher erklären muss.

Aber die Rahmenhandlung dessen war in der Neumeier-Version schon immer etwas Besonderes. Und hier muss man nun feststellen, dass Erneuerung nicht immer Fortschritt bedeutet.

Früher handelte es sich beim Beginn von Neumeiers „Dornröschen“ um den spannenden Einstieg in das Psychogramm eines ungewöhnlichen jungen Mannes, der sich an einem ganz normalen Tag in einem Gewitter im Wald verlief, dabei in Panik verfiel und in seinem seelischen Ausnahmezustand eine Vision hatte. Nämlich das Märchen von Dornröschen.

Er trug modische Jeans, um als Junge von nebenan gekennzeichnet zu sein – und dass in ihm ein Prinz steckte, erfuhr auch er erst durch seinen Wandel in Trance in der geträumten Märchenwelt.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Die Dornenmenschen in „Dornröschen“ springen auch toll – aber als böse Feen wären sie plausibler. Foto: Kiran West vom Hamburg Ballett

Dieses Libretto war hinreißend und dabei auch noch hoch effektiv. Mit wenigen Kunstgriffen war eine Gegenwelt zur Dornröschens Kitsch und Prunk erschaffen, und zu sehen, wie sich diese beiden Welten durch die Verliebtheit zweier Menschen vereinen, hatte absolut utopischen Charakter.

Heute ist es bei Neumeier so, dass Prinz Désiré zwar noch immer Jeans trägt. Aber er stromert nicht allein, sondern mit sieben Kumpels im Schlepptau auf die Bühne, und sie haben Bierkästen und Gewehre dabei.

Ja, Bierkästen. Und Gewehre. Sie johlen, sind offenkundig betrunken, und einige ballern sogar sinnlos ein paar Mal durch die Gegend.

„Ballermann“ – die kommerzielle und desolate Vergnügungsmeile auf Mallorca findet sich hier wortwörtlich uminterpretiert zum Inbegriff schlechter Gesellschaft.

Dazu ertönt nicht etwa die dramatisch-lyrische Ouvertüre der großartigen „Dornröschen“-Musik von Peter I. Tschaikowsky, sondern ein Musikstück aus dem 2. Akt des Märchenballetts, zu welchem sich im ursprünglichen Libretto der Uraufführung durch Marius Petipa im Jahr 1890 die Jagdgesellschaft mit dem Prinzen auf der Bühne einfindet.

Als Einstiegsmusik sind diese Klänge nicht geeignet.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Die Kinder der Ballettschule vom Hamburg Ballett mit den Erwachsenen im „Girlandenwalzer“, der so klassisch ist, wie er sein sollte: beim Hamburg Ballett in „Dornröschen“. Foto: Kiran West

Auch nicht unter Markus Lehtinen, der das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit bewährter, auch von Neumeiers „Illusionen – wie Schwanensee“ her bekannter musikalischer Linie führt. Bei Lehtinen darf es ruhig mal etwas schnörkeliger und romantisch schwelgender sein als etwa bei Simon Hewett, der im übrigen nicht mehr als Erster Ballettdirigent in Hamburg rangiert und derzeit auch noch wegen der Corona-Pandemie in Australien festsitzt. Alles Gute auch für Hewett!

Petipa und Tschaikowsky erstellten derweil „Dornröschen“ in enger Zusammenarbeit, wobei der Choreograf das Sagen hatte und dem Komponisten in Briefen genaue Anweisungen zukommen ließ: Hier bitte so und soviele Takte für einen Walzer, dort bitte so und so viele Takte für die und die Stimmung.Die Handlungen und Emotionen spiegeln sich entsprechend im überaus grandios geratenen musikalischen Werk, und der dramaturgische Aufbau dessen ist ganz sicher nicht dumm gemacht. Petipa und auch Tschaikowsky waren unübertrefflich in ihrer Kooperation und dennoch jeder für sich bis heute weltweit führende Genies auf ihren Gebieten.

Das heißt nun nicht, dass man nicht mal was anders machen kann als sie.

Aber eine Musik, die typisch ist für eine Ausdehnung einer Handlung, die einschmeichelnd und lieblich und dennoch auch verzögernd-melancholisch-gelangweilt anmutet, ist als Anfangsmusik für ein Stück denkbar ungeeignet.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Der Kuss ist und bleibt ein modernes Ärgernis in „Dornröschen“, wenn er nicht entsprechend stilisiert einherkommt, denn de facto ist das Küssen einer Schlafenden ein sexueller Übergriff.  Hier streichelt die Schlafende aber vorsorglich schon mal im Schlaf ihren Prinzen. Auch schön. Foto: Kiran West

Das Publikum der Premiere war denn auch teilweise etwas entsetzt, teilweise so überrascht, dass es nur abwarten konnte, was noch kommen mochte. Etwa Eisbären und Papageien als Abschuss-Attrappen?

Ganz so wild wird es dann zum Glück nicht, der Märchenwald mutiert nicht zum Dschungel der enthemmten Fantasie, und auch die Prinzenkumpels haben nicht soviel Power, als dass sie das Märchen stören oder gar zerstören könnten.

Warum dann also überhaupt diesen unmotivierten, seltsamen Neuanfang?

Offenbar möchte Neumeier sich der neuen Zeit anpassen und gezielt junge Leute ins Ballett locken. Oder möchte er uns zeigen, dass auch er die Dauerparty-Mentalität vieler junger Menschen, die im Komasaufen ihren Lebenssinn erblicken, nicht billigen kann?

Es mag nun wiederum auch sein, dass Werbeagenturen wie die von Scholz & Friends, die zwar nicht mit dem Kanzler verwandt, wohl aber mit John Neumeier befreundet sind, dazu geraten haben, das heutige Lebensgefühl von Kids und Teenagern auf die Bühne zu bringen. Und sei es als abstoßende Klischee-Vorstellung.

Wie dem auch sei: Partymachen als des Lebens höchstes Ziel erscheint hier wie eine Karikatur.

Es ist wohl ein Stückchen Moral, das uns hier entgegen leuchtet, Motto: Kinder, lasst doch mal den Suff, es gibt wichtigere Dinge im Leben!

Aber künstlerisch und von der Wirkung her wirkt das nun keineswegs modern, sondern – im Gegenteil – ganz schön altbacken und aufgesetzt. So simpel versoffen will man sich die Jugend von heute gar nicht vorstellen, nicht mal im Theater.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Ein hübscher freihändiger „Fisch“ von Alexandr Trusch und Ida Praetorius in „Dornröschen“ auf der Hochzeitsfeier – aber es wäre noch toller, wenn der Prinz sich kulturell der Situation angepasst hätte und mit seiner Braut passend gekleidet wäre. Oder geht es hier doch um Bier-Werbung? Dann ist es natürlich egal. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Es wäre darum ratsam, das Experiment der Erneuerung von „Dornröschen“ an dieser rückgängig zu machen und zum psychologisch schlüssigeren Beginn des Stücks zurückzufinden. Oder überhaupt zur Version von 1978. Dann wären wir auch diese Kitschrosen wieder los, der Prinz hätte die Hände frei – und die Rose darf endlich wieder gute Fee heißen.

Die Version von 1978 würde ja nach wie vor tauglich sein: Prinz Désiré, der erste und wohl einzige wirklich schöne Ballettprinz in Blue Jeans, landet völlig verwirrt und verängstigt im vom Unwetter verfinsterten Märchenwald. Er verfällt in Hysterie, in Panik, in Taumel – und bekommt Visionen.

Diese irgendwie fast Hitchcock’sche Dramaturgie passt nämlich vorzüglich zur aufregend-aufgeregten Musik von Tschaikowsky. Her damit!

Die banalen Biersäufer lassen wir vielleicht an dieser Stelle einfach mal weg, in der Hoffnung, es habe kein Brauereikonzern beim Hamburg Ballett größere Sponsorenbeträge geleistet.

Sollte es noch weiterhin Schüsse im Wald geben müssen, so könnte man das darauf beziehen, dass es seit neuestem in manchen deutschen Wäldern wieder Wölfe gibt, die das Spazierengehen in manchen Gegenden gefährlich machen (vor allem, wenn man einen Hund dabei hat, was in Neumeiers neuem „Dornröschen“ nun allerdings nicht der Fall ist).

Würde man einfach etwas Wolfsgeheule einspielen lassen, hätte man eine Aktualisierung, wie man sie mit Bierkästen und Ballergewehren sicher nicht erreicht.

Möglicherweise wirkt der neue Beginn beim zweiten oder dritten Ansehen weniger befremdlich.

Jedenfalls ist auch unser Prinz schlau genug, um zu merken, dass seine Freunde keine gute Begleitung für ihn sind. Ihre Besoffenheit, ihr unbedachtes Rumballern, ihr ganzes, der Natur gegenüber unangemessenes dummes Verhalten, ihre Oberflächlichkeit ekeln ihn an. Was für doofe Kumpels!

Der Duft einer Rose – ohne Umberto Ecco und ohne weiteren Namen kommt sie hier einher – ist ihm hingegen ein Hinweis auf eine andere Sphäre. Die Poesie zieht in sein junges Leben ein, assoziiert mit der Blume aller Blumen. Er folgt dem Geruch und gelangt dank der „Rose“, also dank der guten Fee, zu einem Märchenschloss.

Hier spielt sich nun mit einigen Spielarten und Variationen das ab, was man als Märchen „Dornröschen“ kennt. Das Original des Librettos stammt aus Frankreich. Charles Perrault (1628 – 1703) war ein hoher französischer Beamter, der sich im Nebenberuf der Dichtung und dem Sammeln von Märchen widmete. Mit den aufgeschriebenen, inhaltlich oft entschärften alten Sagen und Legenden wurde er weltberühmt und sozusagen unsterblich.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Der Prinz bei „Dornröschen“ – im ballettösen Stil, Alexandr Trusch als springender Märchenprinz. Foto: Kiran West

Seine „Sleeping Beauty“, wie die „Schlafende Schönheit“ aus seinem Prunkstück „La Belle au bois dormant“ auf Englisch heißt, hat dann seit Petipa und Tschaikowsky unzählige Choreografen inspiriert, die Geschichte in tänzerische Szenerien zu setzen.

Yuri Grigorovich schuf am Bolschoi in Moskau eine unvergänglich schöne und prächtige klassische Version, die im Barockzeitalter angesiedelt ist. Auch der Londonder Version von Frederick Ashton, die von Anthony Dowell und Christopher Wheeldon nacheinander überarbeitet wurde, fehlt es nicht an Barocklockenperücken und dem Beharren auf ein wenig gestelzt wirkender, dennoch auch bezaubernder Klassik.

Maurice Béjart hingegen nannte sein „Dornröschen“ provozierend „Ni fleurs, ni couronnes“, was soviel wie „Keine Blumen, keine Kränze“ heißt. Was man manchmal bei Beerdigungen als Motto hört, um Geld sinnvoll zu spenden, ist hier als Absage an das Rüschen- und Perückenballett gemeint. Tatsächlich choreografierte Béjart sein Tanzmärchen ganz pur, ohne Dekorationen, mit simplen Leotards als Kostümen.

Marcia Haydée wiederum griff in Stuttgart, übrigens zusammen mit Jürgen Rose für die Ausstattung, tief in die Kostümkiste und verwandelte die böse Fee Carabosse in eine tragende Figur, wenn nicht sogar in die absolute Hauptperson. Berlin wird dieses Stück ab nächstem Jahr auch zeigen, wiewohl es mit der Fassung von Nacho Duato eine sehr passende für Berlin gehabt hat.

Nacho Duato erschuf nämlich in Sankt Petersburg eine auch in Berlin aufgeführte Version von „Dornröschen“, die in sanft-pastellenen Outfits von Angelina Atlagic und mit einer modern überformten Paraphrasierung der Petipa’schen Choreografie auch als DVD zu haben ist, und die absolut begeistert. Diese Version ist schlüssig und humorvoll, hoch ästhetisch und dennoch nicht langweilig – und die stilistischen Eigenarten von Duatos Stil passen vorzüglich zur sonst manchmal etwas steif wirkenden Petipa-Klassik.

John Neumeier nun ist 1978 wie auch heute wieder angetreten, um einerseits eine total moderne Note in die Sache zu bringen und andererseits die klassischen Anteile von Marius Petipa glasklar zu erhalten bzw. wiederzubeleben und einzuarbeiten.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Der Prinz und die beiden vormaligen Feen – Alexandr Trusch in „Dornröschen“, sinnloserweise mit Gewehr, denn da könnte man ihn glatt mit Siegfried aus „Schwanensee“, einem anderen Tschaikowsky-Ballett, verwechseln. Foto: Kiran West

Wenn nun auf der Homepage vom Hamburg steht, außer Peter Appel und Kevin Haigen sei  auch Irina Jacobson für die Einstudierung der Klassikteile verantwortlich, so wirkt dieses jedoch ein wenig makaber, denn die hervorragende Trainerin und Gastballettmeisterin Jacobson (die im übrigen die Witwe des Choreografen Leonid Jacobson war), ist bereits verstorben.

Aber die beiden anderen Ballettmeister – Appel war einer der ersten Weggefährten von Neumeier als Coach in Hamburg und Kevin Haigen ist seit 1991 in einer solchen Position beim Hamburg Ballett tätig – haben für diese Einstudierung fleißig mit den Tänzer:innen gearbeitet und einen wirklich berauschenden, hoch ästhetischen klassischen Stil erstellt.

Der Prinz ist in dieser Märchenwelt zunächst nur Gast, zudem ist er unsichtbar, was ihn selbst umso mehr erschüttert, als er in das dubios-tragische Geschehen auch nicht eingreifen kann.

Dieses lässt das hübsche Kind Aurora als lang ersehnte Tochter eines Königspaares zur Welt kommen, allerdings wird es zusammen mit dem Hofstaat von Mister Dorn verflucht. Die gute Fee, also die Rose, kann immerhin Tod in hundert Jahre Schlaf umwandeln. Der Kuss eines geeigneten Prinzen soll dann den Zauber lösen.

Bis hierher folgt der Jeans-Prinz neugierig dem Aufwachsen seiner künftigen Braut. Ja, es hat was von Pädophilie, wenn ein mehr oder weniger erwachsener junger Mann seine künftige Geliebte als Baby sieht und sie sozusagen von Zauberkräften perfekt geraten lässt.

Der Traum von Pygmalion scheint hier wahr zu werden…

Aber so ist es hier natürlich nicht gemeint. Vielmehr hat schon der arglose Prinz viel Beschützerinstinkt und mehr als nur zarte Gefühle der Sympathie für das liebe Kind. Er scheint es zu lieben wie ein großer Bruder es tun würde – ob er dabei schon darauf hofft, mit ihr mal die perfekte Gefährtin fürs Leben zu bekommen, steht in den Sternen.

Sterne ersetzen hier übrigens auch die anderen Feen aus „Dornröschen“, und es handelt sich – ganz praktikabel – laut Libretto sogar nur um verkleidete Hofdamen.

Aber auch die Titelheldin ist nicht ganz so gefügig, wie wir sie aus anderen Versionen kennen.

Einfach nur lieb ist Aurora hier jedenfalls nicht; Neumeier verwendet seinen Julia-die-Freche-Trick und lässt sie aufmüpfig und selbstbewusst auftreten. Er schließt auf diesen Charakter dadurch, dass sie schon bei Petipa die Rosen ihrer Verehrer bei ihrem 16. Geburtstag durch die Luft werfen darf.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Das „Rosenadagio“ als Pas de six mit Désiré als Zuschauer: „Dornröschen“ hat die Qual der Wahl an ihrem 16. Geburtstag, auch beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Dafür ist sie aber schon als Kind in allem hoch begabt, insbesondere fürs Tanzen, und sie tanzt als Beste, obwohl die den Ballettunterricht häufig schwänzt. Das wird putzig vorgeführt, und man muss schon sehr schmunzeln. Nun ja, ist ja ein Märchen.

Die neu eingefügten Episoden entbehren also nicht der Lustigkeit. Umso bedrohlicher ist das Wirken der bösen Fee, also vom „Dorn“, der es zwar nicht schafft, den Prinzen von Dornröschen fern zu halten, der aber mit seinem dreiköpfigen Gefolge (hochkarätig besetzt mit Aleix Martínez, Ricardo Urbina und David Rodriguez) für allerhand Ärger sorgt.

Schließlich kann der Prinz sein Dornröschen ganz klassisch mit heftigem Kuss auf den Mund vom Dauerschlaf erlösen.

Inwiefern eine solche Inszenierung heute noch zeitgemäß ist – wenn man „Dornröschen“ schon aktuell auf Trab bringen will – kann man allerdings diskutieren. Kein Kind, kein Fräulein, keine Frau möchte in schlafendem Zustand Objekt erotischer Handlungen werden. Kann man eine schöne Schläferin nicht weniger sexistisch wecken?

Ein Handkuss zum Beispiel täte es auch. Oder ein sanftes Rütteln, das auf einen Luftkuss folgt. Oder das von einem Luftkuss beantwortet wird!

Aber hier muss es eben der klassische Schmatzer sein, den die perfekte Braut auch gar nicht übel nimmt, weil sie in früheren Jahrhunderten in dieser Hinsicht nun mal nichts zu melden hatte.

Wir haben uns ja daran gewöhnt, dass der berühmte Dornröschen-Kuss ein guter und rettender Kuss sein soll – aber man könnte auch mal darüber nachdenken, ob es hier nicht Alternativen gibt.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Der Dorn als ägyptischer Prinz, Prinz Désiré und „Dornröschen“ kurz vor seinem Dauerschlaf – ein spannendes Trio beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Umso größer dann die Freude ihrer Familie, sich wiederzusehen. Und Désiré – der im Akt zuvor mit ansehen musste, wie „Der Dorn“ mit einem Turban auf dem Kopf als ägyptischer Prinz Aurora mit dem Dorn einer Rose stach, damit sie in den fast ewigen Schlaf fiel – muss sich nun tänzerisch als klassischer Bräutigam bewähren.

Die Versuche des im übrigen absolut erhaben-komisch, lustig-virtuos und wirklich mitreißend tanzenden Christopher Evans als Hofmeister Catalabutte, den Prinzen endlich prinzgemäß anzukleiden, laufen allerdings ins Leere. Zwar probiert er Strumpfhosen und eine standesgemäße Kopfbedeckung auf, zieht aber letztlich wieder seine geliebten Jeans an.

Das ist zwar lustig, und man muss schon kichern, wenn man so einen Helden des Balletttanzes in Strumpfhosen unwillig über die Bühne watscheln sieht.

Aber auch hier könnte man die falsche Beratung durch eine Werbefirma wittern, denn wie kommt ein Choreograf sonst dazu, einen Prinzen in Jeans als Partner einer für ihre Hochzeit ganz schön aufgebrezelten Tutu-Prinzessin auftreten zu lassen?

Doch hier tanzt das superdetailreich gestylte Dornröschen mit einem Prinzen in Jeans.

Das hat was von Geisterbahnfahrt – und es fragt sich, wer nun die oder der Untote sein soll.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Irgendwann reicht es mal mit Selbstzitaten: „Dornröschen“ als Kind persifliert sozusagen mit Christopher Wheeldon als Catalabutte eine Szene aus Neumeiers „Nussknacker“ – fehlt nur noch die Stola der Primaballerina. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Das Ganze hat zudem etwas von Karneval oder Zirkus, auch wenn die Zielgruppe „Kids und junge Leute“ hiermit vielleicht verführt werden soll, sich ganz simpel und ohne sich Gedanken zu machen, zu identifizieren.

Motto: Du als Kultur-Konsument bist der Größte, und du bekommst auch in Jeans die schöne  Prinzessin. Das ist unser Märchen für dich, du Neuling in der Kunst: Du musst dich nicht umziehen, du gewinnst immer!

Wenigstens muss sich der Prinz für die Liebe noch ein wenig anstrengen und mächtig toll tanzen. Irgendeinen Schlaffi mit Bier in der Hand würde Aurora also nicht so super finden.

Und Selbstzitate braucht man nun auch nicht dauern in Neumeiers Werken. Wenn Aurora als Kind an der Ballettstange steht, dann wirkt sie wie ein peinlicher Abklatsch von Louise aus Neumeiers „Nussknacker“-Version. Und das Herumhantieren mit der Monsterrose erinnert irgendwie von fern auch an den „Sommernachtstraum“ – dabei hat das Märchenballett „Dornröschen“ so etwas doch gar nicht nötig.

Die Divertissements auf dem Hochzeitsfest, die von den Solist:innen dann mit der zu erwartenden Präzision und dennoch mit wirklich wunderschöner Hingabe dageboten werden, bilden immerhin jedes für sich einen kleinen Kosmos aus Fantasie.

Im klassischen „Dornröschen“ sind es zahlreiche Einlagen, die eine ganze Märchenwelt illustrieren. Bezeichnenderweise werden Figuren wie „Rotkäppchen und der böse Wolf“ sowie „Der gestiefelte Kater“ hier nicht etwa bei der Taufe und schon gar nicht dem 16. Geburtstag des Mädchens getanzt, sondern, jawohl, zusammen mit anderen beim Hochzeitsfest. Was erahnen lässt, dass das ganze Tanzmärchen ursprünglich eben doch vor allem auch für Kinder oder zumindest den kindlichen Geist ersonnen wurde.

Bei Neumeier sind es aber eben nicht all diese klassischen Märchen, sondern gerade mal zwei Divertissements. Und sie sind von so entzückender Machart, dass man nichts weiter vermisst.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

„Amors Segen“ bringt als Hochzeitsgeschenk Reichtum, Frohsinn und Mut – alles hübsch getanzt in „Dornröschen“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

„Amors Segen“ ist ein Pas de trois der guten Wünsche ans Hochzeitspaar. Er besteht aus dem „Reichtum“, von Alessandro Frola mit der umwerfenden Verve des superbegabten Newcomers getanzt, aus „Frohsinn“ von der ebenfalls kommenden Prinzessin Emilie Mazon und aus dem „Mut“ von Yun-Su Park, deren Vielseitigkeit sich hier einmal mehr bewährt. Ist es nicht schön, dass es hier um Mut als Kardinalstugend geht?!

„Der blaue Vogel“ ist dann eine klassische Virtuosennummer, die bei Neumeier von Catalabutte, also vom famosen Christopher Evans, gesprungen und battiert wird, begleitet von der liebreizenden Prinzessin Florine, die Xue Lin – eine weitere kommende „Rose“ – mit unübertrefflicher Brillanz und dennoch Mädchenhaftigkeit tanzt.

Der Prinz und seine Prinzessin dürfen dann im „Grand Pas de deux“ so richtig aufdrehen und zeigen, was ein Petipa’scher Höhepunkt ist.

An den Anblick des Prinzen im Jeans-Kostüm muss man sich allerdings erst gewöhnen, taucht doch die Frage auf, wieso dann seine Aurora nicht einfach auch ein Jeans-Tutu trägt.

Aber sie tanzen trotz deutlich unterschiedlicher Weltenherkunft völlig harmonisch und verliebt miteinander, ganz so, als sei es ganz normal, Jeans und Seidentüll aufeinanderstoßen zu lassen.

In der ersten Version des Stücks von John Neumeier trug Désiré beim Hochzeitstanz tatsächlich nicht mehr seine Jeans, sondern ein passendes weißes Ballettoutfit, mit wunderhübschen Puffärmeln und elegant eng sitzenden Strumpfhosen. Ein wenig vermisst man dieses Zugeständnis an das, was man kulturelle Anpassung nennen könnte.

Außerdem wurde Désiré zum schönsten Zeitpunkt seines geträumten – oder auch halluzinierten – Märchenglücks von einem Taumel erfasst.

Er stürzte zu Boden – und erwachte, wieder in Jeans, in der Realität, der er zu Beginn des Stücks während des Unwetters entfloh.

In der aktuellen Version ist all das ein wenig anders.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Hätte sie mal das letzte Wort, das wäre eine echte Neuversion: Hélène Bouchet als vormals gute Fee in „Dornröschen“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Es ist nun so: Der Prinz verlässt seinen Part als Partner, er lässt Dornröschen im Stich, die Hofgesellschaft verblasst sozusagen, Träumer und Traum entlassen einander ins Vakuum des Nichts – und Désiré tanzt sich im Stil der Kosakenfolklore ganz allein in einen Rausch… immer wilder springt er… und er landet wie in einem Film mit getuntem Übergang fast wieder da, wo er einst vor seinen doofen Freunden weglief. In der Realität. War etwa alles nur ein schöner Traum?

Girlandentanz der Kinder und Hochzeitstanz mit der schönen Braut – alles nur ein Traum, sinnlos und nicht mal als Gegenwelt zur banalen Realität geeignet?

Aber jetzt, nach der imaginierten Erfahrung der großen, wahren Liebe, hat Désiré das Glück des Finders statt des Suchers:

Vor ihm auf der Parkbank findet er ein hübsches schlafendes Mädchen, das verblüffende Ähnlichkeit mit Prinzessin Aurora hat. Das war auch schon 1978 so, übrigens.

Die Dänin Marianne Kruuse ist übrigens eine Neumeier-Aurora der ersten Aufführungen gewesen, zwar nicht der Uraufführung – die wurde von Lynne Charles getanzt – aber doch bald darauf. Und für viele Zuschauer:innen ist Kruuse, die später viele Jahre lang die Ballettschule vom Hamburg Ballett mit geprägt hat, bis heute unerreicht als einfach süßes, schnörkellos perfektes Mädel im Dornenhain.

"Dornröschen" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Am Ende siegt die Liebe, wie es sich für ein Märchen gehört: „Dornröschen“ mit Ida Praetorius auf der Parkbank und Alexandr Trusch als Prinz mit Rose vom Jahrmarkt. Fast zu schön, um wahr zu sein! Foto: Kiran West

Da passt es doch, dass Ida Praetorius ebenfalls aus Kopenhagen stammt, wobei vielleicht noch erwähnenswert ist, dass Ida an der Königlichen Ballettschule in Dänemark ausgebildet wurde, ihre Vorgängerin Marianne Kruuse dort jedoch abgelehnt wurde. Sie wurde nur dank Privatunterricht Tänzerin, und John Neumeier entdeckte dann in ihr die fabelhafte, sowohl komische als auch rührend liebliche, ganz einmalige tänzerische Darstellerin, die zudem technisch von makelloser Schönheit war.

Und weil „Dornröschen“ immer noch ein Märchen ist, küsst Désiré das Mädchen wach – wovon die Holde ganz begeistert ist. Auch seine Jahrmarktsrose, die wirklich etwas nervt, stört sie nicht – guter Geschmack ist eben auch im Märchen Glücksache.

In der Realität wird nun wirklich kein Fräulein und keine Frau dadurch glücklich, von einem Fremden wachgeküsst zu werden.

Die starke Stilisierung einer solchen Szene, wie sie etwa Nacho Duato gelang, ist bei John Neumeier gar nicht beabsichtigt. Hier ist es der echte Kuss, der das Heil bringt…

Aber, nun ja, das hier ist halt ein Märchen, ein besonders schönes dazu, spätestens jetzt weiß man das wieder ganz genau  – und darum gilt: Bitte nicht nachmachen!

Schade ist nur, dass das geniale Neumeier-„Dornröschen“ von 1978 wohl nie wieder zu sehen sein wird. Echte Fans tragen nun also ein gutes Stück Trauer. Wenigstens gibt es viele tänzerische Schmackos zum Trost.
Gisela Sonnenburg / Ole Spielmann

www.hamburgballett.de

 

 

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