Das pädagogische Herz Der gebürtige Italiener Fethon Miozzi unterrichtet in Sankt Petersburg Ballett auf höchstem Niveau: an der Vaganova Ballettakademie

Fethon Miozzi in Sankt Petersburg

Fethon Miozzi, Ballettpädagoge mit Herz und Hirn. Hier bei der Arbeit im Ballettsaal. Das Videostill aus einem Video von YouTube: Gisela Sonnenburg

Sie springen, sie arbeiten. Sie strecken ihre Füße bei jedem Luftkontakt der Fußsohle, weil sie arbeiten. Sie machen ihre Tendus mit höchster Genauigkeit. Denn sie arbeiten. Sie beugen und biegen den Kopf, sie lassen die Arme von fließenden Bewegungen in exakte Posen wechseln, sie schwingen mit dem ganzen Körper – das ist ihre Arbeit. Schönheit im Sinne des Balletts, Ausdruck im Sinne des Balletts: Die Arbeit der jungen Männer, die Fethon Miozzi in Sankt Petersburg an der weltweit bedeutendsten Ballettschule unterrichtet, ist eine ernste Sache. Und mögen sie noch so leichtfüßig sein, die schönen Jugendlichen: Das Herz tanzt immer mit. Das ist das Wichtigste, so weiß man, wenn man sich mit Fethon Miozzi beschäftigt. Seit 2008 arbeitet er in „Piter“, also in Petersburg, als Pädagoge. Auch seine pädagogische Ausbildung hat er hier absolviert. Er kam aber schon 1990 als Student aus Rom an die Vaganova Ballettakademie, machte dort auch sein Examen als Tänzer: Es war schon sein zweites, denn in Rom war er auch schon fertig geprüft. Als Ballerino tanzte er dann an bedeutenden Häusern wie dem Mariinsky Theater in Petersburg die großen Klassiker. Er war bevorzugt ein leidenschaftlicher Romeo in „Romeo und Julia“ oder ein seine Untreue bereuender Albert (Albrecht) in „Giselle“. Fethon Miozzi tanzte auf Galas in Ost und West, und er verkörpert in der Geschichte des Tanzes das, was internationale Kunst immer bewirken sollte: Er vermittelt, verbindet die Welt mit seinem Können. Seine Schüler schickt er denn auch regelmäßig zu Triumphen auf Wettbewerbe und zu Castings, um in das Berufsleben einzusteigen. Als im März 2022 viele Westeuropäer Russland verließen, entschied sich der gebürtige Italiener Fethon Miozzi ganz bewusst dafür, zu bleiben.

Und das lag nicht nur daran, dass seine Gattin, die Mutter seines Sohnes, die ehemalige Mariinsky-Ballerina Irina Badaeva, dafür votierte. Es lag an Fethons hoher Identifikation mit seiner Arbeit. Und so unterrichtet er weiter, oft bis acht Uhr abends, um danach noch den folgenden Tag vorzubereiten: Für Fethon Miozzi ist sein Beruf eine lebendige Mission, die er keineswegs nur aus privatem Interesse vernachlässigen würde.

Fethon Miozzi in Sankt Petersburg

Die Abschlussklasse schwingt die Beine: Jungs mit Grands battement au milieu unter der Anleitung von Fethon Miozzi am Vaganova-Institut. Videostill von YouTube: Gisela Sonnenburg

Seit er ein Kind ist, bildet Ballett seine Welt. An der Schule vom Balletto di Roma gehörte er bereits zu den besten. Aber der Abschluss dort genügte ihm nicht. Seine Mutter, Catherine Voropoulos, eine Athenerin in Rom, bestärkte ihn darin, sich den letzten Schliff in Russland zu holen. Echtes Ballett, so ihre Überzeugung, gibt es nur in Russland. Zuerst wollte man den jungen Fethon in Moskau haben, aber er wollte unbedingt ans Vaganova-Institut in Sankt Petersburg. Und setzte seinen Willen durch. Sein Examen hier war für ihn wie ein Fest. Er war, in der Zeit der Perestroika, einer der ersten später zahlreichen Schüler aus dem Westen an der Schule.

Als Tänzer hatte Fethon bald nicht nur beim Publikum und der Presse, sondern auch mit Preisen großen Erfolg: Miozzi ist Träger vom „Premio Positano Léonide Massine“ (1993), vom „Danza Si“ (1997) und sogar vom „Danza e Danza“ als „bester italienischer Tänzer der Welt“ (1998) sowie vom italienischen „Ballet Oscar“ (2005).

Heute ist er ganz auf das Lehren eingerichtet. Sein Wissen will er weitergeben, anwenden, will aus jungen Talenten Supertänzer machen. Mit all seiner Kraft, allem Einsatz. So versteht er seinen Arbeitsvertrag bei Vaganova.

Er hat sein ganzes Leben auf den Unterricht an dieser Schule eingerichtet. Für ihn wäre es undenkbar, „seinen“ Kindern einfach den Rücken zu kehren und zu sagen: Das war’s.

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Seine Berufsbedingungen sind allerdings auch optimal aufs Unterrichten ausgerichtet. Die Ballettsäle, die Pianisten, die Kollegen, der Chef Nikolai Tsiskaridze, die vielen Schülerinnen und Schüler bei Vaganova – alles spielt einander zu, um möglichst das Beste aus den jungen Menschen zu machen. Die Auslese ist indes hart, wird immer härter: Die Mädchen werden oft aussortiert, weil sie in der Pubertät nicht dünn bleiben, die Jungs, weil sie zu wenig Feinmotorik haben. Und dabei sollte es doch eigentlich um Tanz gehen, nicht nur um Figur oder Hebungen. Aber so ist das im Profi-Ballett heutzutage, weltweit ist es so: Die formalen Ansprüche an werdende Tänzerinnen und Tänzer haben sich von den Ursprüngen des Talents schon weit entfernt.

Fethon Miozzi kennt die Unterschiede zu früher, er stellt immer wieder fest, dass heute so Einiges anders läuft: „Heute bereiten wir die jungen Menschen von Beginn ihres Unterrichts an auf den Auftritt auf einer großen Bühne vor. Das war zu meiner Jugendzeit noch anders, damals ging es vor allem um das Potenzial, das man als Vertreter des Nachwuchses hatte.“ Heute, sagt er, sieht man in jedem Tanzenden schon den fertigen Künstler. Das sei früher undenkbar gewesen: Man sah die Kinder als Material, das erst noch geprägt werden musste.

„Schwanensee“ wird mit großer Authentizität vom Akademischen Ballett von Neapel getanzt – mit Live Musik! Nur vom 15. Mai 24 bis 2. Juni 24 auf der Tournee in Deutschland zu erleben. Foto: Promo

Grundsätzlich aber gelte: „Der Lehrer hat die Pflicht, die Situation absolut unter Kontrolle zu halten. Er ist aber auch verpflichtet, die Psychologie und das Wesen jedes einzelnen Schülers individuell zu verstehen.“ Laut Fethon Miozzi hat jede und jeder von uns hat seine eigene Persönlichkeit, die es zu berücksichtigen gelte. Das betrifft vor allem das Verhältnis von Zuckerbrot und Peitsche: „Es gibt diejenigen, die eine harte Schelte brauchen, im Wechsel mit tröstenden Worten, besonders wenn sie hart arbeiten. Es gibt aber auch diejenigen, die sich nur richtig anstrengen, wenn der Lehrer sich als auch sanftmütig und vor allem als positiv motivierend erweist. Darauf muss man Rücksicht nehmen.“

Alle Kinder und Jugendlichen im Unterricht genau gleich zu behandeln – was in Laienaugen ein Ideal sein könnte – wäre also falsch.

Es gehört eine gute Portion Mut dazu, solche Dinge auszusprechen. Ein guter Pädagoge muss aber laut Miozzi die Fähigkeit haben, zu erkennen, wie er aus jedem einzelnen Lebewesen das Beste rausholt. Das ist im Interesse der einzelnen Schüler, ganz objektiv gesehen.

Master Classes bei Superstars könnten hingegen überschätzt werden. Fethon: „Wir müssen darauf hinweisen, dass ein Star zu sein sicherlich nicht immer eine Garantie dafür ist, ein guter Lehrer zu sein. Tatsächlich ist die Lehrbegabung eine eigenständige Begabung, die trotz viel Erfahrung im Tänzerberuf nicht jeder besitzt.“

Fethon Miozzi in Sankt Petersburg

Mit Leib und Seele Lehrer: Fethon Miozzi beim Unterrichten an der Vaganova-Ballettakademie in Sankt Petersburg. Videostill von YouTube: Gisela Sonnenburg

Dabei ist es in Russland – wie früher weltweit im Ballett – absolut üblich, dass Schülerinnen und Schüler, die die Möglichkeit dazu haben, zusätzlich Solo-Unterricht bei anderen Lehrern außerhalb der schulischen Stunden nehmen. So etwas wie in Deutschland, etwa an der Staatlichen Ballettschule Berlin, würde es nicht geben: dass man den Jugendlichen verbietet, zusätzlich zum Gruppen- und Pflichtunterricht mit selbst gewählten Lehrern zu arbeiten. Dabei ist gelegentlicher Einzelunterricht bei erfahrenen Koryphäen, die helfen, alle Schwachstellen zu erfassen und auszubügeln, für die weitere Entwicklung einer Schülerin oder eines Schülers sehr wichtig.

Aber Berlin ist hier auch wirklich kein Maßstab. Die verkrachte Staatliche Ballettschule unter Martina Räther, der Schulleiterin, und ihrer Stellvertreterin Stefanie Lehrmann sowie mit Doreen Windolf und Marek Rozycki (Rozycki wurde hier im Ballett-Journal wegen seiner „Lehrmethoden“ schon scharf kritisiert) von der Abteilung Bühnentanz schaffte es in diesem Jahr noch nicht mal, die alljährliche, übliche Schul-Gala auf die Beine zu stellen. Die Show, auf die sich alle freuten, fiel einfach aus. Die Gründe sind unklar, wurden von Räther lediglich als organisatorisch bezeichnet. So etwas wird man in Russland sicher nie erleben. Dazu nehmen alle das Ballett zu wichtig. Und dafür lieben es auch alle viel zu sehr. Es gibt dort denn auch nicht eine, sondern mehrere jährliche Schul-Aufführungen, und eine davon ist speziell den Gaststudenten aus dem Ausland gewidmet. Denn man ist stolz darauf, das eigene Wissen der Welt mitzugeben.

Was man hingegen an der seit Jahren skandalgeschüttelten Staatlichen Ballettschule Berlin noch als pädagogische Konzeption erkennen soll, ist ohnehin unklar.

Fethon Miozzi weiß hingegen: „Das Talent des Lehrers liegt darin, die Situation zu durchschauen und zu verstehen, wie man sich gegenüber jedem Einzelnen verhalten muss, um das Ergebnis zu erzielen. Beleidigungen und Demütigungen führen bei den Studenten zu nichts als Hass auf diesen Beruf, oft mit dramatischem Ende.“

Die ganz harte Gangart in der Ballettdidaktik, die ja ohnehin weltweit seit einigen Jahren auf dem Prüfstand steht, ist demnach auch in Russland schon ziemlich out. Miozzi verbindet das mit allgemeinpädagogischen Erkenntnissen:

„Auf keinen Fall sollten Sie ein Kind demütigen oder beleidigen, und zwar nicht nur in der Ballettschule, sondern auch in der Familie.“ Worin liegt der Unterschied? Miozzi: „In Ballettschulen sind Lehrer ja nur deshalb besonders anspruchsvoll, weil sie das Ergebnis des Schülers sehen wollen. Mit Gewalt hat das nichts zu tun. Wir versuchen, ein gutes Ergebnis zu erzielen, und das ist kein einfacher, sondern ein schwieriger Prozess. Aber die Strenge des Lehrers rührt immer aus einer großen Liebe zu den Schülern.“

Das pädagogische Herz, das Fethon Miozzi hier anspricht, ist etwas, das man nicht vergessen darf. Der Ansporn für all die Mühen der Lehrer, aus den ihnen Anvertrauten Tanzkünstler der Spitzenklasse zu machen, ist kein rein rationaler, sondern hat mit Leidenschaft und Einfühlungsvermögen zu tun.

Die Arbeit am Ballettkörper ist denn auch keine einsame Wurschtelei, sondern konzentrierte Teamwork. Das war schon immer so, wird auch immer so sein.

Fethon Miozzi in Sankt Petersburg

Fethon Miozzi mit Schülern nach der diesjährigen großen Schulaufführung: Man ist gegenseitig stolz aufeinander. Von links: Maxim Polizan, Nikolaos Paradoshvili, Fethon Miozzi, Samuel Morris, Jorge Nicolas. Foto: privat

Fethon Miozzi hatte selbst hervorragende Lehrerinnen und Lehrer, nach denen er sich noch heute, was die Grundlagen angeht, ausrichtet. Etwa Pjotr ​​Pestov und Natalia Dudinskaja, die „Entdeckerin“ Nurejevs für die Bühne.

Über seinen direkten Vorgesetzten, den Leiter der Vaganova-Akademie, sagt Fethon: „Nikolai Tsiskaridze hat mir viel gegeben. Er hat mir seine Klasse anvertraut, ich habe ihn darin für zwei Jahre teilweise ersetzt. Und ich habe so viel von ihm gelernt! Natürlich war es eine großartige Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.“

Kostproben des pädagogischen Wirkens von Miozzi findet man auf YouTube. Geduldig erklärt er dort in einem russischen Video mit englischen Untertiteln das Fondue, also jene Übung an der Stange, bei der beide Beine sich gleichzeitig langsam und mit Aplomb beugen und strecken, obwohl das Standbein an seinem Platz bleibt und das Spielbein sich auf 45 Grad in alle drei Richtungen erhebt.

Auch ein Adagio der Jungsklasse ist online zu sehen, von 2021, mit sehr viel Eleganz und Raffinesse gemacht.

Und ein kleines Portrait in klassischem Schwarz-Weiß zeigt ihn beim Lehren der Pas-de-deux-Kunst: mal lachend, mal fast weinend.

Russisch spricht er natürlich mittlerweile fließend. Was ihn als Lehrer aber auszeichnet, ist einerseits die Balance aus Ernst und Heiterkeit und andererseits die Ernsthaftigkeit, mit der er beides zelebriert. Kein tänzerischer Patzer kommt an Fethon Miozzi ungesehen vorbei. Wenn ein Schüler ihn mit einer halbgaren Darbietung quält, flüchtet Fethon sich in Humor. „Fast eine Art von Gewalt ist das!“, murmelt er dann mit dem clownesken Katastrophencharme eines tief tragisch veranlagten Komikers.

Fethon Miozzi in Sankt Petersburg

So sieht die Home der Website des Vaganavoa-Instituts aus: Historie und aktuelle Ballettpädagogik in schönster Harmonie. Screenshot: Gisela Sonnenburg

Die ballettöse Titelfigur Petruschka fällt einem ein, und auch Romeo hat diese Mixtur aus Tragik und Dramatik mit Anflügen von absurd überdrehter Komik. Dieses himmelhoch-jauchzende, aber auch zu Tode betrübte Temperament ist so typisch für Ballett!

In Russland ist Ballett eine hoch angesehene, sehr bekannte Kunst und eben keine Nischensparte wie – leider immer noch – in Deutschland.

Wie sieht es derzeit aus mit dem Interesse der Menschen in Russland am Tanz? Fethon Miozzi: „Tatsächlich sind die Leute hungrig nach den Klassikern. Und das muss immer in allen Theatern berücksichtigt werden. Glücklicherweise halten sich in Russland alle Theater an das klassische Repertoire. Dies ist hier ein großes Plus, das das russische Ballett auf einem hohen Niveau hält.“

Fethon Miozzi in Sankt Petersburg

Leidenschaftlich, manchmal unerbittlich: Fethon Miozzi beim Unterrichten. Im Ballett weiß man: Spitzenleistungen kommen nicht vom Nichtstun. Videostill von YouTube: Gisela Sonnenburg

Dass die Neugier auf neue Stücke dennoch da ist, versteht sich von selbst. Aber die Basis des Interesses wie des Könnens bildet im Bühnentanz eben immer noch das Ballett. Eine Lehre, die der Westen vielleicht vom Osten lernen könnte.

Ich selbst habe Fethon Miozzi übrigens 2007 das erste Mal wahrgenommen, auf einem Foto im damals noch erscheinenden „Cartier-Magazin“: als Siegfried sehr ausdrucksstark über die „Schwanensee“-Bühne springend. Und dieser Beitrag über ihn erscheint gerade heute, weil seine Mama, Catherine Voropoulos in Rom, heute Geburtstag hat. Happy Birthday!
Gisela Sonnenburg (Berlin)

https://vaganovaacademy.ru/index/eng.html

Фетон Миоцци

Fethon Miozzi als Student Anfang der 90er-Jahre an der Vaganova Ballettakademie in Sankt Petersburg. Foto: Vaganova

 

 

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