Herzstück und Mönchsklamotte Ein Rausch in Rot: „Don Quixote“ von Rudolf Nurejew live mit der neuen jungen Generation atemberaubender Solisten beim Hamburg Ballett – und als DVD mit den souveränen Kräften vom Wiener Staatsballett

Don Quixote ist gut für alle - beim Hamburg Ballett

Carsten Jung als eifriger „Don Quixote“ beim Schattenfechten – und beim Hamburg Ballett! Foto: Kiran West

Es ist die wohl anstrengendste Partie für eine Ballerina, die das klassische Ballett zu bieten hat: Kitri in der „Don Quixote“-Version von Rudolf Nurejew tanzt zugleich die Rolle der Dulcinea – und pirouettiert, wirbelt und springt in kompliziertester Weise, fast ohne Unterlass. Nachdem das Wiener Staatsballett der atemlosen scheinbaren Folklore-Inszenierung vor kurzem ein dauerhaftes Leben als DVD geschenkt hat, tanzt nun das Hamburg Ballett damit in seine neue, verjüngte Ära: mit Solisten, die in gleich zwei Besetzungen gerade mal Anfang oder Mitte Zwanzig sind – und für manche ist das der erste wirklich große Auftritt. Manuel Legris, der Wiener Ballettdirektor, der früher Nurejew-nah in Paris als Étoile tanzte, reiste denn auch häufig für die Probenüberwachung in Hamburg an – und kann jetzt stolz auf eine Premiere blicken, die sowohl sein Renommée als auch das vom Hamburg Ballett in jeder Hinsicht steigert. Für Madoka Sugai als Kitri und Alexandr Trusch als Basil ist es zudem ein Fest der Virtuosität und der Grazie wie auch des Klamauks. Nennt sie doch Madoka Baryshnikova und Sasha Nurejev – ihr liegt nicht falsch damit! Und die skurrilen, hinterfotzigen, clownesken Details der Inszenierung belustigen außerdem; auf der DVD ebenso wie in der Hamburgischen Staatsoper.

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Die Arbeit endet nie – Manuel Legris und John Neumeier auf Neumeiers Couch beim Talk. Foto/Quelle: Kiran West/Facebook

Manuel Legris begann einst seine Tänzerkarriere an der Pariser Oper mit dieser Produktion. Im Laufe der Zeit tanzte er darin die verschiedensten männlichen Partien – auch und gerade den Basil. Gemeinsam mit seinen Wiener Ballettmeistern Jean Christophe Lesage und Lukas Gaudernak hat er nun das gute Stück dem Hamburg Ballett eingebimst. Wie man hört und sieht: mit sehr viel Fingerspitzengefühl, Tänzerempathie, aber auch Hartnäckigkeit und Präzision.

Der Fairness wegen sei zunächst auch die DVD von LegrisWiener Staatsballett belobigt, auf der die fesche Maria Yakovleva und der charmante Denys Cherevychko mit großem Willen zur Perfektion der überschäumenden Wildheit ebenso wie der hohen Disziplin ihrer Rollen Rechnung tragen: Maria als wirbelwindige Gastwirtstochter Kitri, Denys als schelmischer Barbier Basil.

Olga Esina besticht zudem auf der DVD mit unerhört sanfter, verspielter Lieblichkeit als Königin der Dryaden, und – eine Überraschung – Mihail Sosnovschi begeistert mit einem schier unfasslichen Megatemperament als ebenso unerhört starker Zigeuner.

Aber da sind wir ja schon fast mitten in der aufreibenden Handlung.

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Madoka Baryshnikova Sugai und Alexandr Nurejev Trusch beim Grand Pas de deux im ersten Akt – tadellose Linien und jede Menge Spaß! Foto: Kiran West

Dafür nun bitte zurück nach Hamburg: Denn der Gesamteindruck der Aufführung ist der von einem Rausch, inspiriert von viel spanischem, aber nicht ordinärem Rot in den Kostümen von Nicholas Georgiadis – und eine solche Live-Aufführung kann nun mal nicht von einer DVD getoppt werden. Dennoch ist die Kombination aus beidem ganz wunderbar, das Eine steigert den Genuss des Anderen.

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Maria Yakovleva und Denys Cherevychko vom Wiener Staatsballett, ebenfalls eine Weltklasse für sich: Der freihändige „Fisch“ ist eines der aus dem Petipa-Original in die Nurejew-Choreografie übernommenen Highlights in „Don Quixote“. Foto: Wiener Staatsballett

Das Libretto des 1869 in Moskau am Bolschoi uraufgeführten Balletts besteht aus einem Ausschnitt aus dem gleichnamigen berühmten Roman von Miguel de Cervantes, der sein Werk in zwei Teilen 1605 und 1615 veröffentlichte. Doch während es im Buch vor allem um die abgedrehten, von absurden Visionen geprägten Abenteuer eines ganz und gar nicht im klassischen Sinn heldenhaften Ritters geht, steht im Ballett das Liebespaar Kitri (Quiteria im Original) und Basil im Zentrum.

Und alles beginnt ganz ruhig, im Halbdunkel von Schattengefechten im Gemach des heruntergekommenen Ritters Don Quixote.

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Carsten Jung als Ritter von der traurigen Gestalt, hier mit Dulcineas Schleier als Schärpe – ultrakomisch beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Carsten Jung spielt und tanzt diese Charakterrolle erstklassig: Er ist die Karikatur eines Ritters, mit köstlicher, verständlicher Mimik und Gestik. Übrigens sprang Jung für seinen Kollegen Ivan Urban ein und ist ansonsten für die Zweitbesetzung vorgesehen.

Das ist nun fast eine Art Retourkutsche, denn bei der Uraufführung von „Anna Karenina“ von John Neumeier im Juli 2017 war Urban anstelle des damals verletzten Jung in die Rolle des Karenin geschlüpft. Jetzt kann Jung sich revanchieren – und tut das nur zu gerne.

Ach, was für ein netter Depp, dieser Quixote: Überall sieht er Gespenster, wenn er wach ist, und nur im Traum- oder Dämmerzustand erschließt sich ihm die Schönheit dieser Welt.

Zunächst also schläft er, hat, was ganz typisch für ihn ist, einen kryptischen Wunschtraum – es erscheint ihm darin die wunderschöne Dulcinea, eine rot gekleidete Madonna mit Schleier wie aus einem Bilderbuch spanischer Folklore.

Hier vergisst man dann aber auch alles andere: Wenn das „Ballet Revolución“ sein Temperament in Tanz umwandelt, gibt es kein Halten mehr. Da sind Leidenschaft und Schönheit zu heißen Rhythmen vereint, und das neue Programm verspricht, noch fetziger zu sein als jedes andere zuvor. Unbedingt rechtzeitig hier hier Tickets sichern unter: www.bb-promotion.com – und richtig Spaß haben! (Das Foto stammt von BB Promotion / Anzeige)

Doch sie entschwindet, und statt ihrer bevölkert alsbald bildungsfernes Personal das Zimmer, das dem Ritter seine ihn in die Wunschwelten treibenden Bücher nehmen will. Vielleicht wird er dann ja wieder normal?

Aber bevor die Domestiken all die dickleibigen Schwarten mit Rittermärchen aus alter Zeit verbrennen können, wacht der Don auf. Und das Schicksal treibt ihm Sancho Pansa zu – der eine Gans gestohlen hat und dem die Bauern auf den Fersen sind.

Hier nun ist etwas derart ungewöhnlich, dass man es kaum glauben kann, dass es zumeist übersehen wird.

Aber soweit ich weiß, bin ich die Erste, die darüber öffentlich nachdenkt:

Sancho Pansa ist bei Nurejew – und nur hier – ein Mönch. Huch? Der kleine Dieb, der Schutz beim vertrottelten Ritter sucht, ein Mann Gottes? Das verleiht dem ganzen Ballett ein anderes Vorzeichen, macht aus der fetzigen Operette ein Stück mit geschichtsphilosophischem Hintersinn.

Im Roman von Cervantes ist Sancho Pansa zwar nur der Stallmeister von Quixote. Und in den meisten Ballett-Versionen wird er als sein Knappe dargestellt.

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Nicht hochkant, sondern quer: Nicolas Gläsmann als Sancho Pansa in „Don Quixote“ im Mönchs-Outfit wird beim Hamburg Ballett drei Mal hoooooooch geworfen – und noch öfter auf den Arm genommen. Muss man aber auch können, ole! Foto: Kiran West

Hier aber, im Ballett von Nurejew, ist und bleibt er ein Mönch. Mit Tonsur, Sandalen und seilgebundener Kutte, also der Tracht der Franziskaner ähnlich. Der Diener und der abgehalfterte Ritter, zusammen sehen sie aus wie Stan und Olli, also wie „Dick und Doof“ – das ist Satire pur, mehr noch: das ist ein kulturgeschichtlicher Klammergriff, der die ganze Liebesgeschichte und ihr trickreiches Intrigenspiel bis zum Happy End der Liebenden in ein ganz neues Licht taucht.

Das ist Tiefsinn der Marke Nurejew, der ja auch – man erinnere sich – den „Nussknacker“ für sich als Doppelrolle, bestehend aus hinkendem Drosselmeier und bildschönem Prinzen, ersann.

Und auch den Basil, der in der Tat viel zu springen, zu drehen, zu balancieren und zu heben hat, tanzte Rudi oft selbst in seiner eigenen Inszenierung, gehört „Don Quixote“ doch ohnehin zu jenen Balletten, die der Dissident mit aus der Sowjetunion in den Westen und ins westliche Repertoire brachte.

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Noch 1983 brillierte Nurejew bei einem Gastspiel des Zürcher Balletts in New York als Basil – und traf damit den Nerv und den Geschmack des Publikums, auch wenn seine Sprünge aufgrund seines vorgerückten Alters nicht mehr ganz das waren, was sie sein sollten.

Ob Rudolf Nurejew die fantastische Idee, Sancho Pansa – übrigens beim Hamburg Ballett mit großartigem Mut zur Komik von Nicolas Gläsmann getanzt – zum Mönch zu machen, selbst hatte oder ob Nurejew sie aus der SU mitbrachte, ist nicht ganz geklärt. Es ist aber anzunehmen, dass er sie etwa aus dem Kirov Theater, wo er seit 1959 (mit 21 Jahren also beginnend) den Basil tanzte, in seine Inszenierung von 1966 in Wien importierte.

So oder so macht der kleine Kunstkniff doch viel Sinn: Quixote und Sancho werden dadurch zu allegorischen, ja zu Symbolfiguren.

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Carsten Jung als „Don Quixote“ im Nebel beim Hamburg Ballett – Poesie und Komik in Eins. Foto: Kiran West

Der Don steht für den völlig zu Grunde gehenden Adel, und sein stetig stehlender Diener steht für den ebenfalls herunter gekommenen Klerus.

Die beiden großen Machtfaktoren des Feudalismus sollen somit als überwunden und veraltet gezeigt werden.

Das Einzige, was sie hier noch am Leben erhält, ist ihr Bündnis: Ohne seinen ab und an pfiffigen Handlanger wäre der Möchte-gern-Held Don Quixote handlungsunfähig, und ohne das Ansehen eines Ritters als Herrschaft hätte Sancho wiederum keine Akzeptanz. Denn ein Mönch ohne Kloster ist an sich ein Außenseiter, ein Geächteter.

Durch diese Detailänderung am Kostüm des Sancho Pansa (die Choreo bleibt davon unberührt) erhält die gesamte Romanepisode, die das Ballettlibretto hier ausmacht, einen politisch-kritischen Drive.

Und das Prinzip Hoffnung wird für die jungen Leute genährt, denn wenn die alten Herrschaften an Macht verloren haben, wachsen die Chancen, es anders als sie zu machen.

Kitri und Basil haben genau das bitter nötig!

Denn sie wollen heiraten, obwohl Kitris Vater sie an einen geckenhaften Rokoko-Reichen verschachern will.

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Madoka Sugai und Alexandr Trusch in fantastischer Aktion in „Don Quixote“: Jede Hebung ein Versprechen! Foto: Kiran West

Damit der Liebe zum Sieg verholfen wird, sind Esprit und List nötig, einige Zigeuner, ein Wald sowie Don Quixote und Sancho Pansa.

Und, noch ganz was Wichtiges: Grands Pas de deux von Kitri und Basil in jedem Akt, so schön und großartig, als würde morgen die Welt untergehen.

Hier kommt die getanzte Liebe ins Spiel.

Madoka Sugai tanzt mit dieser Doppelrolle der Kitri und der Dulcinea nach „A Cinderella Story“ von John Neumeier erst ihre zweite Hauptrolle, zugleich ihre erste Premiere als weiblicher Star, seit sie 2014 ins Hamburg Ballett kam. Eine Blitzkarriere, denn sie ist erst 23 Jahre alt und wurde auch erst diese Saison Solistin. Dabei hat man das Gefühl: Es wurde Zeit, dieses junge Mädchen ist reif für die großen Auftritte, und wie!

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A star is born: Madoka Sugai als vor Freude strahlende Kitri in „Don Quixote“ beim Hamburg Ballett, ole, ole, ole! Foto: Kiran West

Schon seit 2012 verfolgt man ihren Werdegang mit Spannung: Damals hatte sie ihren ersten Auftritt in Deutschland bei einem Tag der offenen Tür auf dem Dach des Berliner Reichstagsgebäudes: mit dem Bundesjugendballett von John Neumeier und Kevin Haigen, und dieser kleinen Wandertruppe gehörte sie dann zwei Jahre lang an. Über den Prix de Lausanne fand die Japanerin damals mit einem Stipendium direkt dorthin – und schon ihre „Raymonda“-Darbietung in Lausanne war derart atemberaubend schön, sanft und klar, dass man erahnte: Hier kommt ein Potenzial, das man bestenfalls alle paar Jahrzehnte so geballt erblicken darf.

Fleißig an sich arbeitend, stellt Madoka nun zudem klar: Sie ist eine derart weich und akkurat, scheinbar völlig mühelos springende Ballerina, die außerdem auch in stressigen, ganz schnellen Kombinationen stets superschöne Linien wahrt, dass sie schon jetzt absolute Weltklasse ist. Man hat es ja für möglich gehalten, dass sie sich so entwickelt, schon als man ihre kleine Schau aus Lausanne sah – aber dass es dann wirklich so schön werden würde, war natürlich nicht hundertprozentig vorauszusagen. Sie hat eben auch das Glück, gefördert zu werden – etwas, das nicht allen zuteil wird.

Madoka Sugai hat aber auch einen Körperbau, der wie gemacht ist fürs zeitgenössische Ballett, und zwar gerade auch fürs klassische zeitgenössische Ballett. Ihr Rücken ist ein Paket von Muskeln – daher holt sie sich viel Kraft, wenn sie springt oder die Balance hält. Ihre Arme und Beine sind geformt, nicht stangenförmig – und ihr beim Tanzen stets ruhig bleibender Oberkörper ist aus Ballettsicht ein Gedicht! Neben ihrer überwiegend exzellenten Technik verfügt sie außerdem über ein so liebenswürdiges Naturell und über eine so befähigte Ausstrahlung, dass man zum Bravo-Brüllen regelrecht genötigt wird. Nun bietet „Don Quixote“ für solche Vollbluttänzerinnen genau die richtige Vorlage, und Rudi (Rudolf Nurejew) hat die traditionelle Choreografie von Marius Petipa nochmals um einige Zacken überdreht, sodass es kaum eine bessere Möglichkeit für eine klassische Glanzleistung per se gibt.

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Madoka Sugai – linientreu mit ihrem schönen Körper durch und durch. Das hier ist Nurejews Petipa in Reinkultur! „Don Quixote“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Sugais erster Sprung im Stück ist gleich umwerfend, wirklich legendär:

Aus dem Stand springt sie in den Herrenspagat in der Luft, höher als einen Meter. Und landet so soft wie auf einer Wolke – statt auf dem Bühnenboden.

Und es ist nicht nur der Moment so schön, in dem sie in der Luft zu stehen scheint. Vor allem aber bezaubern auch die unsichtbaren Linien, die die Beine und Arme der Tänzerin dabei weben: geradlinig, dennoch sanft sind sie, voll Spannung und doch so rundum harmonisch. Das ist eine stylische Ballerina – Sugai ist ein Supertalent darin.

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Authentisch und darum glaubhaft: Alexandr Trusch als Basil – lyrisch, aber mit Feuer! Und sprungstark – aber mit Grazie! So zu sehen in „Don Quixote“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Mit Alexandr Trusch hat sie aber auch den optimalen Partner! Auch er hat Weltklasse-Format, auch er beherrscht sowohl die Klassik als auch die Moderne wie das Einmaleins.

Er ist fünf Jahre älter als sie, und keinen einzigen Tag davon hat er sinnlos vertändelt. Jedenfalls nicht, dass man es sehen könnte… Er verfügt über ein Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten, zudem über eine technische Versiertheit, die einem schon fast unheimlich sein können. Aber nur fast. Denn, und das macht „Sasha Nurejew“ ebenfalls einzigartig: Er tanzt mit Seele, aber ohne diese mechanisch einzusetzen, ohne Automatismen, ohne Stargehabe, ohne Routine.

Trusch ist authentisch – der authentischste Ballerino, den ich je sah. Das ist eine Tugend, die gerade in Zeiten hoch gezüchteter, oftmals sehr künstlich wirkender Künstler gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Trusch wirkt trotz all der Raffinements im Ballett natürlich – seine Anmut ist seine Natur!

Ah, und seine doppelten Cabrioles, die Tours en l’air, die Arabesken, die Entrechats und die Assemblés, dazu die bei Nurejew stets stilecht großzügig „gerührten“ Ronds de jambes en l’air – alle technischen Details, die fummeligen wie die großartigen, sind vorhanden, und man wird einfach happy, wenn man da zuschaut.

Dabei ist gerade diese Choreo sehr verzwickt und verlangt äußerste Körperbeherrschung. Ist es nicht ein Wunder, wenn sie dann trotzdem noch so leicht und mühelos und nachgerade provozierend heiter vorgetragen wird?

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Madoka Sugai, gehalten und geführt von Alexandr Trusch – ein Paradepaar in „Don Quixote“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Und noch einen Vorzug entdeckt man im „Don Quixote“ an Alexandr Trusch:

Er ist bescheiden. Bei der Premiere jedenfalls brillierte er nicht nur in seinen Soli, die wahrhafte Meisterschaft voraussetzen, sondern zeigte sich auch als Partner der jungen Madoka vollendet als Kavalier und wortwörtlicher Bühnenpartner. Die Aufgabe des Tänzers, seine Dame zu präsentieren, muss hier mit viel Anspielen und Unterstützung geleistet werden – ja, und dann rast das Operettenherz des Zuschauers vor Freude.

Hebungen, Drehungen, Wendungen, Fische, auch komplett freihändige – die beiden Stars haben dabei genau das Affentempo und die Akuratesse drauf, die dieses Stück so oft vorschreibt.

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Ein Blick in ein historisches Programmheft für „Träumer“ beim Hamburg Ballett von 1979 zeigt Roy Wierzbicki als Sancho Pansa und Max Midinet auf ihm als „Don Quixote“ bei der Probe. Für ein sehr rührend-absurdes Ballett von John Neumeier, das man gern mal wieder sehen würde. Denn auch hierfür hat das heutige Hamburg Ballett Solisten! Probenfoto: Holger Badekow / Faksimile: Gisela Sonnenburg

Hausherr John Neumeier, der 1979 für seinen Ballettabend „Träumer“ ein modernes „Don Quixote“-Ballett nach Musik von Richard Strauß kreierte, wies denn auch zurecht jetzt beim Premierenempfang darauf hin, dass die klassische Musik von Ludwig Minkus für Petipa /Nurejews „Don Quixote“ vertrackt und sehr schwierig zu betanzen sei: „Manchmal ist sie zu schnell, manchmal zu langsam“ – bemessen an der komplizierten, die Grundlagen von Marius Petipa veredelnden Choreografie von Rudolf Nurejew. Aber, so Neumeier weiter: Der Dirigent Garrett Keast mache es möglich, dass Tanz und Musik mit einem Höchstmaß an Perfektion zusammen finden.

Die beständig walzernden Klänge dieses Balletts bergen ja auch in der Bearbeitung von John Lanchbery die Gefahr in sich, zu seicht, zu oberflächlich interpretiert zu werden. Tatsächlich bringt Keast einen Hauch Tschaikowsky hinein, indem er die dunklen Notenhaine betont. Sehr nobel.

Und dann gibt es aber auch so viel Komisches, so viel Klamauk in „Don Quixote“!

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Nicolas Gläsmann (rechte Bildmitte) stößt als Sancho Pansa ins Horn – aber wie! Zu hören beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Da stößt der Mönch Sancho ins Horn, dass einem schier übel wird. An anderer Stelle versucht das Liebespaar mit allen Mitteln des Flirtens, sich gegenseitig eifersüchtig zu machen. Don Quixote duelliert sich dann später mit Gamache, dem altreichen Verehrer Kitris, den Konstantin Tselikov köstlich derb, zugleich maniriert-affektiert verkörpert – und zieht ihm die Perücke vom Kopf.

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-don-quixote-nurejew/

Konstantin Tselikov als köstlich grotesker Gamache in „Don Quixote“ von Rudi Nurejew beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Als Basil nur mit List seine Geliebte heiraten kann, ersticht er sich zum Schein vor aller Augen – und leistet sich vor dem scheinbaren Abgleiten in den Tod noch eine Kusshand zu seinem Mädchen Kitri.

Sein Plan geht auf, angesichts des Todes bereut der halsstarige Vater und segnet die Wahl seiner Tochter – na, und flugs wird der Bräutigam Basil quicklebendig und die Hochzeit ausgerichtet.

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Mayo Arii tanzt hier den Amor im Traum von „Don Quixote“ – und ist bald auch Kitri/Dulcinea. Toitoitoi! Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Doch bis dahin sind es noch viele Tänze: mit Zigeunern, mit weiblichen Traumgestalten wie den Dryaden – deren Königin von Anna Laudere sensationell schlicht-elegant getanzt wird – und mit dem Amor, den Mayo Arii – die zweite, bald kommende Besetzung von Kitri / Dulcinea – sehr fein, keck und grazil tanzt.

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Anna Laudere als Königin der Dryaden – also Baumnymphen – im schönsten Wunschtraum von „Don Quixote“. Beim Hamburg Ballett! Foto: Kiran West

Auch hier lohnt sich im übrigen der Abgleich mit der DVD vom Wiener Staatsballett. Zumal Olga Esina eine ebenfalls umwerfend schöne Königin der Dyraden abgibt, aber auf eine ganz andere Art als Anna Laudere. Esina tanzt wie die Lieblichkeit in Person, sie betont die weichen Nachbewegungen der Hände und den fließenden Zusammenhalt der Choreografie auch bei den Sprüngen in der Beinarbeit. Während Laudere gestochen scharf tanzt, vermittelt Esina das Glück des Weichzeichnens. Beides ist höchste Tanzkunst!

Jetzt aber rasch wieder in die Aufführung nach Hamburg.

Oh, und Madoka Sugai als Dulcinea – na, das ist ein Ereignis für sich! Majestätisch und dennoch ohne Dünkel, klar, aber ohne Arroganz, lieblich und dennoch stolz tanzt sie die Seelenheilige des Don Quixote – sie ist die heimliche Geliebte seiner Träume, die er fasziniert anbetet, und die er in Kitri von Anfang an zu erkennen glaubte.

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Florencia Chinellato und Xue Lin als Freundinnen von Kitri in „Don Quixote“ – fächerwedelnd und flirtend sind sie gut gelaunte Girls! Foto: Kiran West / Hamburg Ballett

Es ist durchaus rührend, wie der gealterte Ritter von und zu der Trottelei sich von der Liebe zum Schönen und Hehren noch einmal beflügeln lässt.

Und dann das Hochzeitsfest, mit den Auftritten der liebreizenden Brautjungfern, des temperamentvollen Fandango-Corps, der beiden entzückenden Freundinnen von Kitri – Florencia Chinellato und Xue Lin – und einem spanischen Sammelsurium, das sich irgendwo zwischen Espada-Matador (Dario Franconi) und Straßentänzerin (Patricia Friza) bewegt.

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John Neumeier dankte nach der Premiere von „Don Quixote“ den hervorragenden Tänzern, vor allem Madoka Sugai und Alexandr Trusch, sowie Manuel Legris und Garrett Keast – und auch den Sponsoren, allen voran Else Schnabel, die mit ihrer Liebe zum Hamburg Ballett viel bewirken kann. Foto: Gisela Sonnenburg

Die aufwändigen Kostüme tun ein Übriges.

In der traditionellen Auffassung des Balletts gilt die Farbkombination Rot-Schwarz für die volantreichen Röcke als typisch südländich, typisch spanisch. Hier in Hamburg wurden die Gewänder von der Wiener Produktion (Premiere: 2011) ausgeliehen: sanfte, geschmackvolle Rottöne – und als Kontrast Creme und Türkis – wurden gewählt, die weniger grell, dafür aber dem Auge schmeichelnd sind. Der Farbrausch, den dieses Ballett unweigerlich auslösen muss, setzt trotzdem ein.

Der absolute Höhepunkt ist dann der letzte Grand Pas de deux von Kitri und Basil. Und während er nur allzu oft schon anderswo zur Gala-Nummer ohne Inhalt verkommen ist, spürt man bei Madoka Sugai und Alexandr Trusch den choreografischen Gehalt:

Es geht um das Eheversprechen, es geht darum, aus einer kruden Verliebtheit ein lang anhaltendes heißes Eisen zu schmieden.

Oja, darum die hohen Hebungen mit langer Balance! Darum die unermüdlichen Sprünge, auch in der Rotunde, bis das manchmal so kühle Hamburger Publikum rast vor Begeisterung! – Was es bei dieser Premiere allerdings schon im ersten Akt tat!

Insgesamt sind die Partien gerade auch der Liebenden hier stärker psychologisch durchwirkt als in anderen „Don Quixote“-Versionen, und das, obwohl auch die technischen Ansprüche und Raffinessen deutlich gesteigert sind (im Vergleich zu anderen Versionen).

So richtig zu meckern gibt es darum überhaupt gar nichts an dieser Aufführung!

Lediglich Kleinigkeiten müssen angemerkt werden.

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Madoka Sugai und Anna Laudere huldigen „Don Quixote“ in seinem Traum… mit allem Schmelz, den Illusionen haben müssen. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

So hat Madoka Sugai zwar diese unnachahmlich würdevolle Haltung, aber ihr Rücken ist nicht ganz so geschmeidig-biegsam wie bei vielen anderen Tänzerinnen. Entsprechend ließ sie das blitzschnelle Klopfen mit dem geschlossenen Fächer auf den Boden im ersten Akt während ihres Solos einfach weg – es ist mit einer Knicks-und-Bück-Bewegung verbunden, die zwar bei Maya Plisetzkaya verrucht-fantastisch aussah, die aber nur gut wirkt, wenn man sie wackelfrei und rasant schnell zu vollführen zu vermag, was auch Maria Yakovleva auf der DVD vom Wiener Staatsballett tadellos gelingt. Allerdings ist das Auslassen solcher Finessen (die mich ohnehin ein wenig an Quälerei erinnern) besser als mehr oder weniger ergebnislose Bemühung.

Und dass die Kastagnetten-Nummer akustisch fast nicht vorhanden ist, ist insofern nachzusehen, als das klackernde Geräusch der spanischen Zwangsfolkore ohnehin nicht jeden zu erfreuen vermag. Auch eine Einspielung oder eine Kastagnetten-Mamsell im Orchestergraben könnte daran nichts ändern.

Außerdem machen die makellosen, hohen, vor Lebensfreude nur so sprühenden, mehrfachen und extrahohen Kitri-Sprünge von Madoka Sugai alles wieder wett!

Hach, wie glücklich der ganze im Sprung befindliche Körper dabei lacht!

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Im Programmheft zu „Don Quixote“ in der Hamburgischen Staatsoper, das sehr empfehlenswert ist, gibt es auch Madoka Sugai im Kitri-Sprung zu sehen (hier unten). Yippieh! Foto: Kiran West

Das hintere Bein ist bei diesem diagonal in die Luft gesprungenen Spagat leicht angebeugt, die Arme und der Oberkörper ranken sich harmonisch wie ein Dach darüber. So sieht ein glücklich verliebtes Mädchen aus, das beschlossen hat, Widerstand gegen das veraltete Patriarchat zu leisten!

Und auch, wenn Madoka Baryshnikova Sugai mit Alexandr Nurejew Trusch springt, ist das ein Anblick für die Göttin der Tanzkunst – Terpsichore höchstselbst hat sich daran sicherlich ergötzt.

Acht Grands Pas de chats springen die beiden synchron, erst drei nach links, dann drei nach rechts (vom Publikum aus gesehen), dann zwei nach vorne, auf uns zu – ole! Das ist Liebe auf ballettisch: Höchstleistung im Parallelformat.

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Mihail Sosnovschi begeistert auf der DVD „Don Quixote“ vom Wiener Staatsballett mit Sprüngen, die eines Zigeuners im Ballett würdig sind. Unbedingt sehenswert! Foto: Wiener Staatsballett

Bleibt noch, den markanten Zigeuner Aleix Martínez zu erwähnen, der nicht nur top springt, sondern auch überzeugend schauspielert. Immerhin hat er eine Prügelszene zu absolvieren – nicht ganz alltäglich für einen Ballerino.

Dass hier die Peitsche knallt, wenn Trusch sie schwingt, ist auch logisch – alldieweil nicht alle Basils dieser Welt dieses Peitschenknallen hinkriegen. Wir befinden uns bei dieser Szene übrigens im Zigeunerlager, wo auch ein fantastisches Corps de ballet beim Tanzen soviel Schwung in den Beinen hat, dass man ahnt: Da sind noch viele solistische Kräfte im Verborgenen!

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Madoka Sugai als Dulcinea: lupenreine Klassik mit ätherischem Impetus. Zu sehen beim Hamburg Ballett in „Don Quixote“. Foto: Kiran West

Das ist insofern überraschend, als es sich hier um einen komplett anderen Stil handelt als um den, für den das Hamburg Ballett eigentlich lebt und trainiert wird, nämlich für den von John Neumeier.

Allerdings beweist der Abend das hohe Niveau der Truppe – und dass man sich auf die weiteren Besetzungen (und da kommen nicht nur in den Hauptrollen noch einige) absolut freuen darf.

P.S. Zwei Tage nach der Premiere gab Manuel Legris bekannt, dass er seinen Vertrag als Wiener Ballettdirektor nicht über 2020 hinaus verlängern wolle. Insofern ist die DVD, die seine Company in Bestform zeigt, erst recht als Schmuckstück mit Bedeutung zu sehen.
Gisela Sonnenburg

Termine: siehe „Spielplan“

www.hamburgballett.de

DON QUIXOTE als DVD vom Wiener Staatsballett mit Maria Yakovleva und Denys Cherevychko erschien 2017 bei Unitel / C Major (Mehr dazu bitte auch hier: www.ballett-journal.de/tv-termine-don-quixote-wiener-staatsballett/)

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