
Mit „Ich, Eurydike“ wird dem klassischen Orpheus-Mythos eine moderne Eurydike entgegen gesetzt. Zu sehen und zu hören an der Staatsoperette in Dresden. Zur Preview und zur Uraufführung gibt es noch Tickets! Bild: Staatsoperette Dresden
Vielleicht ist die Unterwelt, der altgriechische Hades, eine einzige Partymeile? Und vielleicht fühlt sich Eurydike dort im Schummrigen – zudem an der Seite des Seelenbegleiters Hermes – wesentlich wohler als im grellen Sonnenlicht mit ihrem Gatten Orpheus? Selbstfindung, sagt der Choreograf Gabriel Pitoni, interessiere ihn als Thema am meisten bei der Auseinandersetzung mit dem Mythos von Orpheus und Eurydike. Der weiblichen Sicht auf die Dinge ist sein am 20. September 2026 an der Staatsoperette in Dresden uraufzuführendes neues Werk „Ich, Eurydike“ gewidmet. Es wartet mit einer Komposition des Chefdirigenten der Staatsoperette, Michael Ellis Ingram, auf, mit dem Chor der Staatsoperette, mit der beliebten Musicaldarstellerin Sybille Lambrich und mit dem Berliner E-Musiker Paul Keilhau. E-Musik steht hier für elektronische Klänge. Und natürlich tanzt das Ballett der Staatsoperette, was das Zeug hält. Denn klassische Orchestermusik und Clubbeats treffen hier für expressiv-moderne Tänze aufeinander – und kreieren magische Welten auf der Bühne, die sowohl dem antiken Mythos als auch den zeitgenössischen Anforderungen an einen großen Abend gerecht werden. Wow!
Gabriel Pitoni, der deutsch-italienische Choreograf, hat vor allem schon Musicals auf die Beine gestellt und mit Produktionen wie „Simsalabim“ in Dresden und „Rocky Horror Picture Show“ in Regensburg, wo er auch den Tanzabend „Next to Me“ gestaltete, große Erfolge eingeheimst. Pitonierhielt seine Tanzausbildung einst in Rom und Mailand. Er bildete sich aber weiter und studierte an der Designakademie Berlin, wo er seinen Abschluss als Art Director erhielt. Seine schöpferische Bandbreite ist groß – und publikumswirksam. So kreierte er schon für die populären Gesangsstars Helene Fischer, Robbie Williams und Andrea Berg, er arbeitet aber auch in der Werbung.
„Verlust und Selbstfindung“, sagt er, sei sein Hauptthemenkomplex bei der Inszenierung von „Ich, Eurydike“. Dabei haben ihn Fragen beschäftigt wie diese: Wer ist die Frau des überragenden Sängers Orpheus, dessen Musik wundersam alle Lebewesen bewegt? Was steckt hinter ihrer Geschichte? Was fühlt sie all die Zeit, die wir sie auf der Bühne erleben? Die Titelfigur tritt als elegante Figur auf, mit der Aura einer modernen jungen Frau. Die stilvoll-zappeligen Hebungen, die dann das Ensemble mit ihr vollzieht, erinnern mal an die Umsetzung des Themas durch John Neumeier, dann wieder an die „Orpheus“-Arbeit von Pina Bausch. Aber auch die flippige choreografische Handschrift von Ohad Naharin scheint Pate gestanden zu haben.
Drive und Pep, hintergründigen Charme und emotionale Stärke, aber eben vor allem showträchtiges Temperament haben die Tänze allemal. Modernität muss ja nicht langweilig sein!
Verfilmt wurde der Orpheus-Stoff übrigens schon mehrfach. Jean Cocteau schrieb Filmgeschichte mit „Orphée“ von 1949, Marcel Camus prägte mit „Orfeu Negro“ 1959 das Bild eines schwarzen Orpheus in Rio de Janeiro, und 2025 schuf Virgilio Villoresi einen Fantasyfilm namens „Orfeo“.
Musikalisch obsiegt bislang meistens die Barockoper von Christoph Willibald Gluck zum Thema. Höchste Zeit, dass da mal was Neues kommt!

„Ich, Eurydike“: Hier charakterisiert Elizabeth Iwasko die Titelpartie für die Uraufführung an der Staatsoperette in Dresden. Videostill vom Trailer von YouTube: Gisela Sonnenburg
In der Sage geht es sonst zumeist mehr um Orpheus. Dabei ist das Schicksal der Nymphe Eurydike absolut bewegend. Auf der Flucht vor dem Vergewaltiger Aristaios, einem Sohn des Gottes Apoll, wird sie von einer Schlange gebissen – mit tödlichem Ausgang für Eurydike. Ihr Witwer ist so betrübt, dass er sich mit seiner Lyra und seinem Gesang in die Unterwelt traut, um sie zurückzuholen. Göttin Persephone erlaubt ihm auch, sie auf die Erde zurückzuführen, mit einer Bedingung: Orpheus darf sich bei der Prozedur des Aufstiegs nicht umdrehen. Doch als es soweit ist, obsiegt in Orpheus der Zweifel. Um zu sehen, ob Eurydike ihm auch wirklich lautlos folgt, dreht er sich um. Damit verliert er sie. Und er sieht gerade noch, wie Eurydike von Hermes, dem Götterboten und Seelenbegleiter, zurück in die Unterwelt gezogen wird. „Ich, Eurydike“ illustriert mit allen Mitteln der Kunst diese weibliche Saga – und untersucht, inwieweit das patriarchale Obhutsprinzip das Leben einer jungen Frau zerstört.
Der skurrile Hades und die erstarrende Welt der Menschen – hier sind sie zu surrealen Welten figuriert. Mythen, Legenden, Kulturgeschichte und Realität durchwirken einander. Die Akustik eröffnet mit viel Hall ebenfalls neue Dimensionen.

Sybille Lambrich, Publikumsliebling an der Staatsoperette in Dresden, leiht Eurydike die schöne Stimme. Nicht nur Orpheus kann singen! Zu hören in „Ich, Eurydike“ in Dresden. Videostill vom Trailer von YouTube: Gisela Sonnenburg
Der Komponist Michael Ellis Ingram studierte Musik in Boston und Washington (USA) und wurde zunächst Dirigent und Pianist. Sein Name war schon mit zahlreichen Festivals verbunden, bevor der Erster Kapellmeister in Nordhausen wurde und dann auch in Schwerin als solcher wirkte. Er unterrichtet zudem, so in Salzburg, Leipzig, Hamburg und Dresden. Dort ist er seit 2024/25 der Chefdirigent und musikalischer Leiter der Staatsoperette. Nebenbei publiziert er übrigens auch Lyrik, lehrt englische Literatur und reüssiert als englischsprachiger Radiomoderator. Seine Vielseitigkeit kommt seinem Verständnis musikalischer Arbeiten zu Gute.
Oberflächlich ist sein Zusammenziehen der Fäden im übertragenen Sinne wirklich nicht. Und Gabriel Pitoni schuf dazu überraschende Momente in einem abwechslungsreichen Bewegungsscore. Das Universum einer modern interpretierten Antike hat hier eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Auf zu „Ich, Eurydike“!
Gisela Sonnenburg
https://www.staatsoperette.de/spielplan/a-z/ich-eurydike/

