Schönheit, Sinnlichkeit, Menschlichkeit Das Staatsballett Berlin zeigt mit dem Programm „Dawson“ zwei Stücke von David Dawson, darunter eine Uraufführung

Mit "Dawson" hat das Staatsballett Berlin einen neuen Hingucker-Abend

Olaf Kollmannsperger springt mit höchster Konzentration und Sinnlichkeit durch das Solo „Citizen Nowhere“ von David Dawson, zu sehen in „Dawson“ in der Deutschen Oper Berlin. 25 Minuten lang allein auf der Bühne – ein Rekord im Ballett. Foto vom Staatsballett Berlin: Yan Revazov

David Dawson, britischer Choreograf, hat sich 2017 sozusagen selbst ein Denkmal gesetzt.  Mit einem Solo, das die Kondition eines Tänzers gezielt herausfordert. Der Ballerino läuft und läuft darin – und dreht sich zwischendurch in typischen Dawson-Pirouetten: mit bis zum Boden ausgestreckter Fußspitze, die schleifend die Drehbewegung konterkariert. Einige Retirés folgen, dazu kleine Sprünge, dann ein großer, dann wieder weit ausholende Schritte mit ebenso weit ausholenden, hoch empor gereckten Armen. Der Tänzer holt kurz Luft, verharrt in einer angespannten Tendu-Pose. Mit elegant lang gemachten Gliedmaßen. Seine oberen Extremitäten bilden dazu die typischen Dawson-Arme, die nicht vom Oberarm (wie sonst im Ballett), sondern vom durchgestreckten Handrücken aus geführt werden. Das erinnert an die Darstellung der Hände im Manierismus. Ansonsten gleitet der Ballerino weiter über die Bühne. Er segelt und kreiselt, als sei er ein Eiskunstläufer, atemlos und wunderschön anzuschauen in seinem spärlichen Kostüm, das nur aus Schuhen und einer hautfarbenen, beinlosen Hose besteht. 25 Minuten lang tanzt er ohne Unterbrechung. Damit dürfte es sich um das längste Solo eines Tänzers in der bisherigen Ballettgeschichte handeln: „Citizen Nowhere“ („Nirgendwo Bürger“) von David Dawson ist ein heimliches Rekordstück. Olaf Kollmannsperger, der Vegetarier vom Staatsballett Berlin (SBB), hat jetzt die Ehre, das Stück im Programm „Dawson“ in der soeben 60 Jahre gewordenen Deutschen Oper Berlin zu zelebrieren.

Gestern war die Premiere, und wenn dieser Abend kein Erfolg wird, dann geht was nicht mit rechten Dingen zu. Mit exzellenten Arm-, Oberkörper- und Beinbewegungen zieht Kollmannsperger in den Bann, während hinter ihm Videoprojektionen exakte Kreismuster, Zahlenreihen und eine rot angeleuchtete Tänzerin in Nahaufnahme zeigen. Schönheit und Sinnlichkeit gehen eine Allianz mit der Sehnsucht nach Menschlichkeit ein.

Patrick Wamsgamz

Meisterchoreograf David Dawson in jüngeren Jahren, aber mit demselben auf Exaktheit abzielenden,  scharfen Blick wie heute. Foto: Patrick Wamsgamz

David Dawson, 1972 geboren, schuf das atemberaubende Stück zu Musik des polnischen Komponisten Szymon Brzóska. Mit Brzóska hat der Meisterchoreograf Dawson schon mehrfach zusammen gearbeitet, so auch 2015 in Dresden beim Semperoper Ballett für „Tristan + Isolde“.

Dass die Musik für „Dawson“ vom Tonband kommt, mag vor allem für die Tänzer auch Vorteile haben, weil sie keine Abweichungen von dem erwartet, was sie bei den Proben hören. Dennoch vermisst man natürlich ein live spielendes Orchester. Gerade bei so einem intensiven Tanz hätte man gern auch eine authentische Klangkulisse.

Der Tanz steht hier aber immerhin unbestritten im Mittelpunkt; keine Effekthascherei im Bühnenbild und kein megasensationelles musikalisches Event stiehlt ihm die Aufmerksamkeit.

Der thematische Ausgangspunkt für den „Citizen Nowhere“ war bei Dawson denn auch das „Gefühl der Verlorenheit des Individuums“. Der Mensch und seine traurige Gefühlslage als Zentrum der Kunst – fast jedes Kunstwerk lässt sich auf diesen Nenner bringen, wenn es um die Motivaton geht, Kunst zu zeigen.

Mit "Dawson" hat das Staatsballett Berlin einen neuen Hingucker-Abend

Spannung im Tendu – nicht selten bei David Dawson. Hier tanzt Olaf Kollmannsperger vom Staatsballett Berlin das Solo „Citizen Nowhere“, mit aller notwendigen Energie und Elan. Bravissimo! Foto: Yan Revazov

Tatsächlich sehnt sich auch die Tänzerfigur, der Bürger im Niemandsland, immer wieder gestisch nach Gesellschaft, etwa nach der verlockend schlängelnd tanzenden, rot beleuchteten Schönheit von der Leinwand.

Man könnte den Niemandslandsmann aber auch als Geflüchteten interpretieren.

Vor allem aber spürt man, wie der Tänzer dem  Gefühl der Einsamkeit die Selbststilisierung entgegen setzt.

Olaf Kollmannsperger tanzt den Dawson-Duktus so energetisch zielsicher, als habe er dieses sein Leben lang getan. Bravissimo!

Mit "Dawson" hat das Staatsballett Berlin einen neuen Hingucker-Abend

Endlich darf er sich zu Boden werfen, ausruhen, bevor es wieder losgeht: Olaf Kollmannsperger in „Citizen Nowhere“ von David Dawson in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Yan Revazov

Wenn dann eine Zahlenreihe genau von „1“ bis „7“ verläuft, damit sich der Tänzer zu Boden werfen und endlich mal ein wenig ausruhen darf, fällt einem zudem die Schöpfungsgeschichte mit dem biblischen Sonntag als Ruhetag ein. Ist es hier ein Adam ohne Eva, der sich so erschöpfend körperlich der Musik hingibt?

Die kokette Tänzerin im Video (Sasha Mukhamedov von Het Nationale Ballet in Amsterdam) bleibt ihm aber fern, ist in ihrer Überlebensgröße auf der Leinwand für ihn unerreichbar.

Aus den großen und kleinen Buchstaben in der Leinwandprojektion formiert sich im Hintergrund schließlich ein Sternenhimmel. Welche unendliche Weite hat der nächtliche Himmel doch! Und das, obwohl er hier sichtlich aus Zeichen besteht. Die Bühne wurde von Eno Henze somit einmal mehr stylisch, hintergründig und den Tanz unterstreichend eingerichtet.

Schließlich zitiert Dawson ein berühmtes Ballett von Mikhail Fokine – „Le Spectre de la Rose“ („Der Rosengeist“) von 1911 – und lässt den Ballerino mit einem rasanten Spagatsprung in die Kulisse seine Darbietung beenden. Nur im Schwarzweiß-Video lebt der Tänzer danach noch weiter, was wie ein spirituell gemeinter Gruß aus dem Jenseits wirkt.

Soweit, so schön!

Mit "Dawson" hat das Staatsballett Berlin einen neuen Hingucker-Abend

Ein Sternenhimmel aus Buchstaben, geschöpft von Eno Henze für „Citizen Nowhere“ von David Dawson. Olaf Kollmannsperger ist der tanzender Star. Foto vom Staatsballett Berlin: Yan Revazov

Aber das ist nicht alles. Ebenfalls anregend war für Dawson, der früher Spitzenballerino beim Royal Ballet in London war und 2003 für seine erste größere choreografische Arbeit „The Grey Area“ den Prix Benois de la Danse in Moskau erhielt, die Lektüre des kitschigsten aller Bücher, nämlich „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Textfetzen aus dem auch als Kinderbuch verkauften, mit naiven Zeichnungen prangenden Band zieren als Spruchbänder auf Englisch auch die Bühnenleinwand.

Meine Kritik, dass dieses Buch indirekt die Pädophilie verteidigt, weil das Kind, das als Hauptperson agiert, einen erotisch poetisierten Suizid begeht, kennt Dawson nicht. Und so ließ er sich von Kalenderweisheiten à la „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ einlullen, um darin das eigene Verlangen nach Innerlichkeit wiederzuerkennen. Da ist er nicht der einzige.

Das ist das Geheimnis des großen Erfolgs dieses Buches.

Übrigens stammt die entsprechende Erkenntnis, dass Liebe nicht mit den Augen sehe, bereits von William Shakespeare. „Liebe schaut nicht mit den Augen, sondern mit der Seele…“ heißt es in „Ein Sommernachtstraum“, der vor 1600 erschien.

Und das könnte auch schon das Motto des zweiten Stücks von Dawson sein, das vom SBB sogar kreiert und somit jetzt uraufgeführt wurde.

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Polina Semionova im gelben Trikot von Yumiko Takeshima – eines der Highlights in „Voices“, der Kreation von David Dawson mit dem Staatsballett Berlin. Foto: Yan Revazov

„Voices“ („Stimmen“) heißt es nach der gleichnamigen Musik von Max Richter von 2020.

Es ist der Menschlichkeit gewidmet, als Hommage an die Menschenrechtserklärung von 1948.

Es ist aber nicht das erste Ballett, das sich mit diesem Thema auseinander setzt.

Jiri Kylián schuf 1998 sein Stück „One of a Kind“, das sich dem ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widmet. Demnach sind die Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren und sollen einander „im Geiste der Brüderlichkeit“ begegnen. Wohl auch die Schwestern sollen das, um mal zu kalauern.

Kylián kreierte Soli und Pas de deux, auch Tänze kleiner Gruppen, die die Sehnsucht von Menschen und ihren Wunsch nach Halt durch die Anderen illustrieren. Zwei Stunden dauert das Werk zu einer Klangcollage auf der Grundlage von Werken von Benjamin Britten, und damit hat es schon rein formal ganz andere Ausmaße als die knapp 50-minütige „Voices“-Fantasie von Dawson.

Im Ballett-Journal befindet sich im übrigen eine große Rezension des Kylián-Stücks (bitte hier: https://ballett-journal.de/stuttgarter-ballett-one-of-a-kind-jiri-kylian/).

Bei Dawson geht es vor allem um die weltumspannende Bedeutung der Forderungen nach Menschenwürde und Gerechtigkeit, versinnbildlicht durch die gefühlvolle Erhabenheit, die Dawson allerdings in jede seiner Arbeiten einzuflechten weiß.

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Polina Semionova gen Ende von „Voices“ im orangefarbenen Trikot: schön und hoffnungsstiftend. Foto vom Staatsballett Berlin: Yan Revazov

Historische und neue Verlesungen des wie Verwaltungssprache anmutenden Textes werden eingespielt, mal auf Englisch, mal auf Portugiesisch, mal auf Deutsch gelesen. Jeder Mensch hat demnach dieselben Rechte auf Würde und freie Entfaltung.

Aber schnell bemerkt man, wie unzureichend die Formulierungen doch sind. Es gibt ja auch kein Land, das den paradiesischen Zustand aller Rechte für alle Menschen zu bieten hätte. Die soziale Ungerechtigkeit versklavt zunehmend die Einen und verherrlicht die Anderen.

Da klingen die Floskeln vom Schutz der Familie und der Mutterschaft besonders verlogen. Zumal viele Menschen ihre Rechte auf Patchwork-Familie, Single-Dasein und Abtreibung genießen und gerade nicht den vorrangigen Schutz von Clans haben wollen.

Nicht alle Menschen leben konservativ im Vater-Mutter-Kind-Klischee. Deren systematische Bevorzugung ist eigentlich überhaupt nicht in Ordnung. Da ist das Menschenrecht der Einen das Unrecht für die Anderen.

Aber auch Folter hat viele Gesichter, und Armut in einer ansonsten reichen Gesellschaft kann ebenso zur Folter werden wie eine unbehandelte Krankheit. Und nirgendwo ist man vor einem unterdrückerischen System sicher, weder im Job noch im Privaten. Tyrannen können überall Land gewinnen und ihre Macht ausspielen.

Doch das sind Dinge, die David Dawson nicht mal zu erahnen scheint. Anders als John Neumeier in seinen Werken oder auch Nacho Duato etwa in „Herrumbre“ („Rost“) geht es Dawson allein um seine Vorstellung von Schönheit und Leidenschaft. Die Realität bleibt weitgehend draußen.

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Der Mensch und seine Rechte in der Gruppe: „Voices“ von David Dawson, kreiert fürs Staatsballett Berlin, bezieht sich auf die Menschenrechte. Foto: Yan Revazov

Philosophisch wird das Thema bei Dawson also nicht angegangen. Ihm genügt die Utopie einer gerechten Gesellschaft, um bei den Menschenrechten der Vereinten Nationen ins tänzerische Schwärmen zu kommen.

Zu Beginn stehen Paare auf der Bühne, locker verteilt – und Polina Semionva macht den Anfang, springt mit der Melodie nach vorn, lässt sich vom Partner, an dem sie empor springt, heben – und ihre ausgebreiteten Arme erinnern an die Schwingen eines Raubvogels.

Am Ende wird sie diese Bewegung oberhalb von Alejandro Virelles wiederholen, um dort oben in eine rätselhafte Geste des Schweigens zu verfallen. Pssssst – ihre Hand vor dem Mund scheint davon abzuraten, Kritik an der Formulierung der Menschenrechte zu üben.

Aber der mündige Bürger, die mündige Bürgerin von heute lässt sich da natürlich nichts untersagen. David Dawson weiß das wohl.

Poesie und Schönheit sind seine Ziele, und das Thema ist bei ihm stets eher untergeordnet. Er ist Stylist und Dekorateur, kein Ausdruckschoreograf.

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Aya Okumura (vorn) mit Bühnenpartner bei der Probe zu „Voices“ beim Staatsballett Berlin. Videostill vom Trailer vom SBB: Gisela Sonnenburg

Die typischen Arm-, Oberkörper- und Beinbewegungen, die seinen Stil kennzeichnen, finden sich denn auch in „Voices“ gehäuft. Da schleifen die Damen in Spitzenschuhen über den Boden, werden von ihren Partnern nicht nur gehoben, sondern auch geschleift, gelenkt, gern im Plié auch mal gedreht.

Weil die Arm- und Handbewegungen à la Dawson so sehr typisch sind und vom Ideal des sonstigen Balletts abweichen – so betont gespreizte Mittelfinger gelten sonst als kitschig und gewollt – muss man immer aufpassen, dass der Stil bei anderen Stücken anderer Choreografen nicht obsiegt.

Wer genau hinsah, erkannte auch in den jüngsten „Onegin“-Aufführungen vom SBB den Einfluss dieser Arm- und Handhaltungen.

Dafür klappt das stilistische Mosaik, das Dawson in „Voices“ mit zehn Einzelszenen legt, ganz hervorragend. Nicht nur Polina vermag die Süffisanz und auch Brillanz dieser elegisch-melancholischen Bewegungen zu durchdringen.

Fünfzehn Tänzer:innen sind insgesamt hier gefordert. Die Kostüme von Yumiko Takeshima, der ehemaligen Ersten Solistin aus Dresden, sind schlicht und erinnern an gehobene Trainingskleidung.

Polina trägt zunächst ein knallgelbes Trikot, am Ende ein orangegelbes. Andere haben mehr Pastelltöne am Leib – auffallen soll hier der Tanz, nicht die Kleidung.

Es ist das Paradies an sich, das hier gezeigt wird, ein Paradies aus schönen Menschen mit schönen Seelen, die sich in Pas de deux und auch Trio-Kombinationen aufeinander und umeinander winden können, ohne an Eleganz und Anmut zu verlieren.

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Typisch für Dawson: schleifende Drehungen der Damen in den Pas de deux. Hier sieht man das SBB auf der Probe. Videostill vom Trailer des SBB: Gisela Sonnenburg

Die Musik von Max Richter ist jedoch Geschmackssache. Sie ist gefällig, mir sogar viel zu gefällig, und sie verfügt über keinerlei kontrastreiches Potenzial. Mit Harmonien und Scheinharmonien umschmeichelt sie das Ohr und die Seele.

Mit ihren synthetisch verstärkten, wimmernden Violinen- und Pianoklängen à la Mainstream ist Richters Komposition wirklich keine anspruchsvolle Musik. Minimalistisch plätschert sie einher, mit wogenden, volltönenden Klängen und einfachen Soli im Wechsel.

Manchmal hat Erfolg eben den Preis der Qualität. Max Richter ist so ein Fall.

Aber vielen Menschen gefällt dieser Sound, und ich erinnere mich, dass ich, als ich die ersten Male etwas von Richter hörte, ebenfalls sehr angetan war.

Tiefe sucht man in solchen musikalischen Mantras allerdings vergebens. Oberfläche und Eingängigkeit sind hier alles.

Dafür begeistert der Tanz von David Dawson umso mehr.

Polina Semionova und Alejandro Virelles bilden gen Ende sogar ein Traumpaar, und wenn sie ihm in die Arme springt, um von ihm hoch über seinem Kopf getragen zu werden, dann entsteht scheinbar ein neues Lebewesen, dessen Lächeln von großer Beseeltheit zeugt.

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Aya Okumura (rechts) ist auch im Solo in „Voices“ die Überraschung des Abends „Dawson“ beim Staatsballett Berlin: anrührend, glaubhaft, faszinierend. Bravissima! Foto: Yan Revazov

Die Überraschung des Abends aber liefert Aya Okumura, die derzeit auch als Tatjana in John Crankos „Onegin“ zu sehen ist. Sie hat in „Voices“ ein Solo kreiert, das anrührt und begeistert. Voll herzensfreundlicher Güte macht sie sich darin auf die Suche nach fasslichem Glück – und ist somit die einzige im 15-köpfigen Ensemble, die aus dem Anschein von Perfektion und Paradieshaftigkeit ausbricht und eine Beziehung zur Realität schafft. Bravissima!

Nach diesem wirklich berauschenden Solo kehrt wieder die übliche gleichmäßige Dawson’sche Supereleganz als vorherrschender Eindruck auf die Bühne zurück.

Rebecca Gladstone und Raphael Coumes-Marquet haben als Gastballettmeister bei der Einstudierung ganze Arbeit geleistet. Sie haben das SBB seit Januar diesen Jahres ganz auf den Stil Dawsons eingeschworen, und man könnte meinen, die Truppe hätte nie Arbeiten von anderen Choreografen getanzt.

Trotzdem kann man auch Kritik üben:

Die stilistische Gleichförmigkeit ist für manche Zuschauer:innen ein Problem bei Dawson.

Dass David Dawson ohne Librettisten oder Dramaturgen keinerlei Entwicklung in seinen Stücken aufzuzeigen vermag, ist seine große Schwäche.

Dass er daraus eine Stärke macht, indem er das tänzerische Ebenmaß zu Zeitlosigkeit steigert, ist sein Glück. Und das große Glück seiner Zuschauer:innen!

Mit "Dawson" hat das Staatsballett Berlin einen neuen Hingucker-Abend

Mit Anmut und Würde: Polina Semionova und Alejandro Virelles in „Voices“, zu sehen in „Dawson“ beim Staatsballett Berlin. Foto: Yan Revazov

Hoffen wir, dass die Philosophie der Kraft des Tanzes folgen lernt und die Menschenrechte bald mal up to date bringt. Mit Rechten und besonderem Schutz auch für Menschen, die sich dem Familienzirkus verweigern und die dennoch Gutes tun.

Was schließlich gegen all die Untugenden der Menschen zu tun sei – außer zu tanzen – kann ein solch schmelzend schöner Abend sicher nicht klären. Aber er kann anregen, darüber nachzudenken. Mit und ohne Musik von Max Richter.

P.S. Dieses ist übrigens der 800. Beitrag seit 2014, der im Ballett-Journal online steht. Ein ganz persönliches Jubiläum!
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

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