Tanz und Musik. Musik und Tanz! Meistens wirken die Ballette von Jiri Kylián– ob sie nun außerdem noch ein Thema haben oder nicht – abstrahiert und von den klassischen Theaterregeln von Zeit, Raum und Handlung weit entrückt. Fast könnte man sagen, dass es bei ihm um Tanz über Tanz geht, wäre nicht auch diese Tür durch die starke Abstraktion verschlossen. Das Stuttgarter Ballett nahm sich jetzt, nach zwanzig Jahren keiner dortigen Erstaufführung von Kylián, eines der seltenen abendfüllenden Ballette des gebürtigen Tschechen vor. „One of a Kind“, der Titel, bezeichnet eine englische Redewendung für „einzigartig“. Gemeint ist mit diesem Prädikat der Mensch. Denn das Stück entstand im Auftrag des holländischen Innenministeriums anlässlich des 150. Geburtstages der niederländischen Verfassung 1998. Der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte soll hierin die Leitlinie für den Tanz sein: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Der Respekt voreinander, das Interesse füreinander: Die Stuttgarter Stars Miriam Kacerova, Elisa Badenes, Jason Reilly, Friedemann Vogel, Adhonay Soares da Silva und Ciro Ernesto Mansilla machten die Premiere zu einem Fest mit Standing ovations für den für die Proben und die erste Aufführung angereisten Jiri Kyliàn.
Vor rund fünfzig Jahren kam dieser nach dem Absolvieren eines Stipendiums für die Royal Ballet School in London erstmals nach Stuttgart. Er begann als Tänzer bei John Cranko – und seine Karriere auf dem europäischen Kontinent gipfelte darin, dass er von 1977 bis 1999 zum weltbekannten Künstlerischen Leiter und wichtigsten Choreograf des Nederlands Dans Theater (NDT) in Den Haag wurde.
Seit 1970 choreografiert Kylián schon, er begann damit als junger Tänzer in Stuttgart, der übrigens ziemlich gut deutsch sprach. Für Kylián ist es aber vor allem ganz natürlich, sich mit der Findung von Schritten und Bewegungen auszudrücken.
Choreografie als Selbstausdruck wie auch als Dichtung. Und dabei wusste er schon früh, was er wollte.
Die große Marcia Haydée, die damals als Crankos Muse, also als Primaballerina, vor Ort wirkte und auch in Kyliáns zweiter Arbeit „Kommen und Gehen“ tanzte, sagt es so: „Er war nie ein junger Choreograf, nie ein Anfänger. Vom ersten Schritt an war er ein fertiger Choreograf, er war von Anfang an top class.“
Formbewusstsein, Raumgestaltung, ein starkes Gefühl für Geschmeidigkeit und auch für Geometrie, dazu ein vitaler Umgang mit Musik – diese Grundfesten seines Talents zeichnen Jiri Kylián als blendend ausgestatteten Handwerker aus, der es in seiner Disziplin, dem modernen Tanz auf klassischer Basis, immer wieder zur Meisterschaft brachte. Zusätzlich hat er einen untrüglichen Instinkt für die tänzerischen erotischen Angelegenheiten, vor allem für die zwischen Mann und Frau.
Aber Politik? Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 in Paris formuliert einen internationalen Anspruch an den zivilisatorischen Fortschritt, mit dem die Generation Kylián (geboren 1947) mehr oder weniger bereits wie selbstverständlich aufwuchs.
Hierüber einen Tanzabend zu gestalten, ist wahrlich weder üblich noch einfach.
Konkret um Politik geht es denn auch nicht. Nacho Duato, der handwerklich eine Menge von Kylián lernte, kreierte später weitaus politischere Ballette, etwa „Herrumbre“ über Guantanamo, in dem es um Folter, Krieg, Gewalt geht.
Aber Kylián erschuf dennoch ein großartiges zweistündiges Stück mit „One of a Kind“, in dem er Soli, Paartänze und kleine Gruppen inszeniert, um auf hohem Niveau das ernsthaft-respektvolle Miteinander unter allen möglichen Umständen und in den seltsamsten Umfeldern zu demonstrieren.
Die Bühne im Stuttgarter Opernhaus ist dazu von weißen Brücken, die über den leeren Orchestergraben führen, Richtung Publikum verlängert.
Miriam Kacerova, Hauptperson des Abends, betritt über einen dieser Stege das Bühnenfeld – und vom ersten Moment an fesselt ihr wundersamer Tanz, im Verein mit dem abstrakt-skulptural anmutenden Bühnenbild des japanischen Architekten Atsushi Kitagawara, den Kostümen von Joke Visser und dem fein austarierten Licht von Michael Simon (überarbeitet wurde es von Kees Tjebbs).
Eine Klangcollage mit melodischen Geräuschen und Bongotrommeln, aber auch mit moderner Klassik etwa von Benjamin Britten, ist in dieser Sphäre geschmackvoller Ästhetik ein weiterer Partner der Tänzerinnen und Tänzer.
Vor allem der bravouröse Cellist Francis Gouten, der sich live mit auf der Bühne befindet, agiert mit seiner Musik wie ein direkter Agitator in Sachen Kommunikation.
Die zwanzig Tanzkünstler vom Stuttgarter Ballett aber passen sich so homogen in die Stimmungen der Bühne, dass man glauben könnte, in eine surreale Parallelwelt Einblick zu erhalten. Es handelt sich dabei zweifelsohne um eine Utopie, in der Neugierde und Rücksicht das menschliche Miteinander prägen.
Das ist tänzerische Traumerfüllung auf niederländisch!
Umwelt und Mensch passen hier vorzüglich zusammen, keine Disharmonie stört das Konglomerat von Menschen und Schönheit.
Sci-fi-Raumschiffteile scheinen herumzuliegen, später säumt ein überdimensionaler Fransenvorhang den Bühnenhorizont.
Zylindrische Körper schweben vom Schnürboden, drehen sich, korrespondieren mit den sich ebenfalls drehenden Tänzern.
Die Tanzstars identifizieren sich hundertprozentig mit diesem ungewöhnlichen Bühnengeschehen. Jason Reilly füllt den Raum mit seiner Persönlichkeit, fühlt sich sichtlich wohl, ist ein Mensch unter Menschen und zugleich der Mensch an sich.
Aber auch die anderen Solisten zelebrieren die raffiniert-geschmeidigen Bewegungen, die Kylián vor über zwanzig Jahren ersann. Spannungen bauen sich in den „Einzigartigen“ aus dem Titel auf, entladen sich in Tanz, in Geschüttel oder Gezappel, was indes stets elegant und expressiv in eins daherkommt. Einzigartig ist hier weniger die Spezies Mensch als vielmehr jeder einzelne schlechthin.
Ungewöhnliche Paarkonstellationen unterstreichen dies. Es geht nicht um Verführung oder um Paarbildung im konventionellen Sinn. Vielmehr steht die Gemeinsamkeit, ja der Gemeinsinn im Zentrum von Kyliáns körperkünstlerischen Überlegungen.
Seine Herkunft aus der damals sozialistischen Metropole Prag mag ihm dabei zu Gute gekommen sein: Er begreift Menschen als Wesen, die aufeinander angewiesen sind, ohne darunter zu leiden, und für die das Leben ein gegenseitiges Geben und Nehmen auf Augenhöhe ist – und keine Desorganisation nach dem Herr-Knecht-Muster.
Seine individuelle Note erhält dieses Ballett selbstredend durch die Tänzer, die es aufführen.
In der zweiten Besetzung werden dann Ami Morito und Hyo-Jung Kang, Ciro Ernesto Mansilla und Alexander Mc Gowan ihre ballettöse high class, ihr Einfühlungsvermögen und vor allem ihre Musikalität unter Beweis stellen.
Und nur einen Vorwurf kann man Kyliáns Stück über das Menschenrecht auf Akzeptanz machen: Es besteht die Gefahr, dass das etwas beliebige ästhetische Design die Oberhand gewinnt, dadurch den Gesamteindruck allzu sehr prägt – und den Tanz zur schönen Nebensache werden lässt.
Da sind die starken Künstler vom Stuttgarter Ballett davor. Ihre Leibhaftigkeit beschützt die Kunst und das Ideal der Brüderlichkeit gleichermaßen.
Boris Medvedski / Gisela Sonnenburg