Schmerzen contra Heilkraft Ballett kann beides: den Körper kaputtmachen oder ihn heilen. Profis leiden häufig unter Überbelastung – und darum oft unter Schmerzen und Schäden. Aber Laien sollten die Chance nutzen, Ballett als Heilgymnastik zu praktizieren.

"Tod in Venedig" von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Ein Pas de trois allererster Güte: Edvin Revazov als Aschenbach und Silvia Azzoni mit Alexandre Riabko als „Konzepte“ beim Hamburg Ballett. Und alle drei superben Profitänzer wissen, was Schmerz ist. Foto von „Tod in Venedig“: Kiran West

Der Ursprung des Balletts ist harmlos gegen das, was professionelle Ballerinos und Ballerinas heute leisten. Ausgehend von italienischen und französischen Hoftänzen, stark beeinflusst von Folkloretänzen und auch von den Übungen des asiatischen Qi Gong – welche von jesuitischen China-Missionaren als Mittel gegen Migräne nach Frankreich gebracht wurden – war Ballett im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur eine Frage der bewunderungswürdigen Ästhetik, sondern auch eine gesunde Bewegungsart. Bis heute können die grundlegenden Übungen des Balletts durch das Üben von Koordination und durch das Trainieren sonst selten benutzter Muskelgruppen jeder körperlichen Gesundheit helfen. Die Selbstheilungskräfte werden zudem stark aktiviert, und die Motorik erfährt allgemein eine Verbesserung, wie keine Sportart sie erreichen kann. Laien sollten, wenn sie die Möglichkeit zu sehr gutem Unterricht haben und das System des klassischen Tanzes verstehen lernen, davon profitieren. Aber: Bei professionellen Tänzerinnen und Tänzern ist die Situation schwieriger. Denn die Leistungsanforderungen an sie haben sich in den letzten Jahrzehnten schier unglaublich hochgeschraubt. Das, was viele Profiballettleute heute vollbringen, war noch vor rund hundert Jahren, als das Ballett als Kunstart bereits in voller Blüte stand, undenkbar. Ist das nun nur ein Fortschritt oder auch ein Rückschritt?

Der Preis für den technischen Fortschritt ist zumindest nicht selten eine definitive Überforderung des Körpers, die sich oft in chronischen Schmerzen und Schäden, nicht selten auch in irreparablen Spätfolgen zeigt. Wer professionell tanzt, weiß aber meistens, worauf er oder sie sich einlässt. Man kann es mit dem Sport vergleichen, aber auch mit anderen Berufen, die typische Berufserkrankungen mit sich bringen.

Laurretta Summerscales als Anna Karenina

Kristina Lindt als Kitty beim Applaus nach „Anna Karenina“ von Christian Spuck beim Bayerischen Staatsballett. Lindt litt unter einem chronisch schmerzenden großen Zeh, der ihr das Berufsleben als Tänzerin vergällte. Das Publikum merkte nie etwas davon. Foto: Bayerisches Staatsballett

Laien tanzen wenige Stunden pro Woche, vielleicht auch zwei bis drei Stunden täglich. Maximal. Aber: Profis tanzen fünf bis acht Stunden täglich, manchmal noch mehr. Maßhalten ist bei den Profis schon lange nicht mehr angesagt. Ein Systemfehler, der so auch für alle Sportarten gilt, die professionell betrieben werden. Übung macht den Meister, sagt man – aber der Körper kann sich nicht immer nur anpassen.

Tänzerinnen und Tänzer entwickeln häufig individuelle Schwachstellen, durch die sie immer wieder schmerzhafte Probleme haben und weitere Verletzungen erleiden. Beim einen Tänzer ist es das Knie, beim nächsten das Sprunggelenk. Bei der einen Tänzerin ist es die Achillessehne, bei der nächsten die Wade.

Viele männliche Tänzer hadern mit ihrem Rücken, der durch das stete Heben von Partnerinnen im Pas de deux nicht wenig beansprucht wird. Die Damen wiederum haben oft schon als Teenager blutige Füße vom Tanz in Spitzenschuhen, und neuralgische Punkte im weiteren Berufsleben sind bestimmte Zehen oder der Ballen. Kristina Lindt zum Beispiel, einst gefeiert beim Bayerischen Staatsballett, hatte chronische Probleme mit der großen Zehe, die ihr die Freude am Leben als Berufstänzerin regelrecht verdarben.

So vielfältig der Körper ist, so viele Angriffsflächen bietet er bei Überbeanspruchung. Wie im Hochleistungssport, wird die körperliche Überbeanspruchung auch im Profiballett in Kauf genommen. Manchmal bleiben völlig ramponierte Körper nach Beendigung der Profilaufbahn.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Laura Cazzaniga zum Beispiel, die eine Karriere als Solistin beim Hamburg Ballett hinter sich hat und heute dort Ballettmeisterin ist, begann erst Schmerzen zu fühlen, als sie nicht mehr so viel tanzte wie als Ballerina. Ihr Körper war so organisch mit den Ballettübungen gewachsen, dass ihre Muskeln regelrecht Entzug vermeldeten, als die tägliche Dosis Bewegung drastisch runtergefahren war.

So ein Körper wie der von Laura Cazzaniga ist optimal für Ballett. Dennoch haben nur die wenigsten dieses Glück, die den Beruf des Tänzers oder der Tänzerin ergreifen wollen. Oft ist die Leidenschaft aber stärker als der Kummer, und dann obsiegt die Willenskraft über den Schmerz.

Die "Odyssee" von John Neumeier beim Hamburg Ballett ist topaktuell

Laura Cazzaniga als Geist von Odysseus‘ Mutter und Alexandr Trusch als Odysseus, so zu sehen in der „Odyssee“ von John Neumeier.  Cazzaniga gehört zu den wenigen Seligen, die ihre Tanzkarriere ohne chronischen Schmerz erlebten. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Man muss bedenken, dass für eine Profikarriere als Tänzerin oder Tänzer sowieso auf jeden Fall ein wirklich sehr hohes Maß an Opferbereitschaft vorhanden sein muss. Allein schon der Zeitaufwand als Kind und Teenager, den eine Ballettausbildung erfordert, ist außergewöhnlich. Und die körperlichen Anstrengungen, die tagtäglich erbracht werden müssen, auch noch mit absoluter Disziplin bei der Kalorienaufnahme kombiniert, können nur ausnahmsweise von Menschen verlangt werden. Für Durchschnittstalente ist der Beruf des Tänzers oder der Tänzerin nicht geeignet.

Dennoch begleiten Schmerzmittel und auch Appetithemmer zumindest zeitweise fast jede Ballettkarriere. Natürlich sind das tabuisierte Bereiche, ebenso wie die Busenverkleinerungen, die nicht wenige Mädchen vornehmen lassen, um für moderne Choreografen interessant zu sein. Schönheitsoperationen, die oftmals eine Verkleinerung der Nase oder eine Abrundung der einzelnen Gesichtsteile betreffen, werden ebenfalls tabuisiert. Man kann da nur Fotos und Videos vergleichen, etwa vom ganz jungen Roberto Bolle und dem späteren Startänzer Bolle, um zu sehen, was sich da chirurgisch verändert hat.

Die Medizin hat selbstredend in den letzten Jahrzehnten auch aufgedreht – und stärkende Methoden der Behandlung entwickelt, von OP-Techniken bis zur Anwendung von Medikamenten und Physiotherapien.

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Der Ballettkörper aber wird vor allem durch das Training und nochmals durch das Training geformt. Heutzutage ist es nicht nur klassisches Ballett, sondern vor allem auch Fitness, die den Tanzkörper eines Profis prägt. Was ein zweischneidiges Schwert ist, denn die Tänzerinnen und Tänzer werden zwar schneller und kräftiger dadurch, verlieren aber mitunter im Detail ihre Geschmeidigkeit und Körperkontrolle. Die kleinen Schritte zwischen den großen Posen sind im Ballett allerdings auch wichtig, und ein Tanz, der nur auf Effekt aus ist, wird niemals den Zauber völlig durchgestylter Kunst erreichen.

Dennoch ist der Siegeszug körperlicher Leistungssteigerung der Trend bei den Profis. Die Gymnastikform Pilates und eine bestimmte, speziell für Tänzer erfundene Maschine namens Gyrotonic liegen weit vorn im ergänzenden Übungsrepertoire. Auch verschiedene Formen von Hanteln, Fitnessbändern, Bällen und die aus der Physiotherapie und dem Faszientraining kommende Blackroll sind heute unerlässlich, wenn man seinen Körper ganz der Tanzkunst weihen will.

Der Umgang mit Schmerzen ist für Profitänzerinnen und Profitänzer oft eine Frage der Ehre und der Tapferkeit. Ich habe mal vor Jahren Anna Laudere, die berühmte Muse von John Neumeier und vom Hamburg Ballett, vor einem ihrer faszinierenden Auftritte als Louise in „Der Nussknacker“ interviewt, und die Arme litt an Magenschmerzen vor Hunger, durfte aber nichts oder fast nichts essen. Ein anderes Mal befand sie sich auf einer wichtigen Tournee, obwohl sie eigentlich eine Zahnoperation hätte hinter sich bringen sollen. Da gehörten die Schmerztabletten zur Routine. Die Bereitschaft, sich für den Beruf hinzugeben, übersteigt im Ballett oft alles, was man sich als Laie so vorstellt.

Ballett kann beides: den Körper kaputtmachen oder ihn heilen. Profis leiden häufig unter Überbelastung – und darum oft unter Schmerzen und Schäden. Aber Laien sollten die Chance nutzen, Ballett als Heilgymnastik zu praktizieren. Dass es gerade in Deutschland viele schlechte Ballettlehrerinnen und -lehrer gibt, ist eine Tragödie, zumal die Arbeitsämter Umschulungen bezahlen, die qualitativ eher in den Müll gehören. Man sollte auf sich und seinen Körper hören: Was einem guttut, macht man, was nicht geht, lässt man.

„Der Nussknacker“ von John Neumeier: in Neujahrsbesetzung beim Hamburg Ballett und  beim Bayerischen Staatsballett

Höchste Kraft bei höchster Schwerelosigkeit: Anna Laudere und Christopher Evans im Grand Pas de deux vom „Nussknacker“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Von den Anstrengungen und  Schmerzen der Künstlerinnen und Künstler ahnt im Publikum niemand etwas. Foto: Kiran Evans

Dieses Laisser-faire können sich Profitänzerinnen und -tänzer nicht leisten. Hier geht es oft um alles oder nichts. Was da oft vollbracht wird, ist für Außenstehende kaum zu begreifen.

Dass dieser Beruf, der teils die Artistik von Akrobatinnen und Akrobaten noch übertrifft, ein erhöhtes Verletzungsrisiko mit sich bringt, ist dabei leider logisch. Nicht nur Knochenbrüche durch Stürze oder auch schlicht durch Überlastung (so genannte Stressfrakturen), sondern auch Muskeln und Sehnen bergen Unfallpotenzial.

So riss der eleganten Primaballerina Olga Esina vom Wiener Staatsballett 2014 während einer „Schwanensee“-Aufführung der Wadenmuskel. Sie ließ das Bein in der Pause kühlen und tanzte dann weiter. Und zwar tadellos. Die Vorstellung wurde aufgezeichnet und erschien als DVD. Wenn man genau hinsieht, fällt einem auf, dass Olga Esina beim Schlussapplaus irgendwie ein wenig komisch geht. Sonst nichts. Legendär. Ich interviewte Olga später dazu (der Beitrag steht hier im Ballett-Journal), und noch heute empfinde ich Hochachtung, wenn ich nur daran denke, was sie durchgemacht hat.

Sicher ist: Das Adrenalin und die Liebe zum Beruf machen aus Tänzerinnen und Tänzern absolute Heldinnen und Helden. Sie vollbringen nicht selten übermenschliche Anstrengungen.

"Schwanensee" von Rudolf Nurejew beim Wiener Staatsballett

Olga Esina als Odette – ein wandelndes Märchen an lyrischer Benommenheit. So im „Schwanensee“ vom Wiener Staatsballett, mit dem sie eine besondere Schmerzgeschichte verbindet. Foto: Ashley Taylor

Von einem einstigen männlichen Star aus Hamburg ist denn auch überliefert, dass er mit einem Haarriss im Knöchel etliche Aufführungen tanzte. Andere ließen sich Cortison ins Knie spritzen, um für die Bühne fit zu sein.

Silvia Azzoni vom Hamburg Ballett, eine weitere Muse von John Neumeier, überlebte sogar mal eine Woche ohne Schlaf, was im Grunde Folter war. Aber die Aufregungen bei einem Asien-Gastspiel und auch die ungewohnte Ernährung dort ließen sie kaum zur Ruhe kommen.

Laien und Hobby-Tänzerinnen und -Tänzer können dankbar sein, nicht solche Strapazen zu erdulden, nur weil sie gern tanzen. Die Vorteile des klassischen Tanzes und seine positiven Auswirkungen auf den Körper sollten sie aber bewusst nutzen.
Gisela Sonnenburg

 

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