Mehr als ein Märchen Das Ballett Dortmund feiert die starken Frauen: mit „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa

"Frida" beim Ballett Dortmund

Begeisterter Applaus mit stehenden Ovationen für das Ballett Dortmund nach der Premiere von „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa am 13.02.26. Von links: Peter Salem, Olivia Lee-Gundermann, Liberty Fergus, Annabelle Lopez Ochoa und Daria Suzi. Foto: Gisela Sonnenburg

„Ballett ist mehr als Märchen“, sagt Jaš Otrin, Intendant vom Ballett Dortmund, zutreffend bei der Einführung zur Premiere „Frida“ beim Ballett Dortmund. Und auch, wenn die berauschend schönen Kostüme von Dieuweke van Reij geradezu märchenhaft wirken, so erzählt das Ballett von Annabelle Lopez Ochoa doch von einer ganz realen Persönlichkeit aus der Geschichte, die jede und jeder kennen sollte. Die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907 – 1954), die zusammen mit dem Wandbildkünstler Diego Rivera lebte, ist eine starke Quelle der Inspiration, für ihr Publikum, aber auch für andere Künstler. In der Malerei, auch im Tanz. Nach Johan Kresnik, der 1994 über sie ein Tanztheaterstück schuf, wird ihr Leben, wird ihr Werk immer mal wieder Gegenstand eines Tanzabends. So schuf Annabelle Lopez Ochoa, die zusammen mit Edward Clug als Artist in Residence beim Ballett Dortmund tätig ist, schon 2020 ihr Ballett „Frida“. Es wurde bei Het Nationale Ballet in Amsterdam ein großer Erfolg und steht mittlerweile international auf etlichen Spielplänen. Das Ballett Dortmund hatte seine jüngste, stark bejubelte Premiere am letzten Freitag mit „Frida“.

"Frida" beim Ballett Dortmund

Sae Tamura als Frida tanzt mit Diegos Jacke am leidenden Leib Arm in Arm mit dem Schicksal… so zu sehen in „Frida“ beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski

In der Collage von Lopez Ochoa treffen surreal anmutende Traumszenen mit mal intensiven, mal revuehaften Beziehungstänzen zusammen.

Die extra für dieses Stück geschaffene Musik des britischen Komponisten Peter Salem sorgt  zusätzlich für eine manchmal dramatische, oft aber traumverloren-surreale Stimmung. Suggestiv greifen Musik und Tanz ineinander.

Und wie die Dramaturgin Helena Sturm berichtet, wurden sogar neue Instrumente für die Dortmunder Philharmonie angeschafft. Darunter ein Surdo (eine große Basstrommel) und – als Klangkörper überraschend – das Rad eines Fahrrades. Mit weiteren unkonventionellen Schellen sowie mit Natursounds bestückt, wird die atmosphärische Musik von drei eingespielten Songs der Chansonlegende Chavela Vargas, die mit Frida Kahlo befreundet war, ergänzt.

Die Dirigentin Olivia Lee-Gundermann bewies bei der Premiere mit viel Zartgefühl statt mit Pathos höchste Musikalität.

Insgesamt ist es ein toller Abend der starken Frauen: erfrischend bunt, ergreifend traurig. 

"Frida" beim Ballett Dortmund

Sae Tamura als „Frida“: lieblich, liebend, leidenschaftlich. Foto vom Ballett Dortmund: Leszek Januszewski

Die Welt hier ist bunt, aber schmerzhaft. Für Frida Kahlo allemal. Denn die berühmteste kommunistische Malerin aller Zeiten, die Anhängerin von Leo Trotzki war, hatte, aufgrund durchlittener Kinderlähmung, ein verkürztes rechtes Bein.

Zudem wurde sie mit 18 Jahren auch noch Opfer eines schweren Verkehrsunfalls: Eine Straßenbahn fuhr in den Bus, in dem sie saß. Frida wurde von Metall durchbohrt. Schmerzen und Operationen begleiteten sie, und die mexikanischen Trachten trug sie auch deshalb so gern, weil darin ihr Stützkorsett weniger auffiel.

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Mit knallbunten Blumen vor dem dunklen Haarkranz und mit einem Damenbart, den sie bewusst nicht entfernte, wurde sie auf ihren mehr als fünfzig Selbstportraits zur Ikone eigenwilliger Schönheit.

Ihre Welt, das ist hier die Bühne. Es beginnt mit einer Szene, die für das Leben in Mexiko, für die Bühne des Lebens dort, typisch sein könnte.

Ein schwarzer Würfel füllt die Mitte der Bühne. Zwei Skelettfiguren tanzen darauf: Tänzer in schwarzer Verhüllung, mit aufgemalten stilisierten Knochen und Totenschädelmaskierung. Der Tod wird in Mexiko gefeiert, nicht gehasst. Drei Tage und Nächte dauert der „Tag der Toten“, beginnend am 31. Oktober. Prachtvoll, mit Umzügen und Parties,  mit ernsthafter Feierlichkeit bis hin zum Megarausch wird der Toten gedacht.

"Frida" beim Ballett Dortmund

Ein Traumpaar und ein Alptraumpaar: Frida (Sae Tamura) mit Diego (Filip Kvacak) beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski

Frida hat eine besonders innige Beziehung zum Tod, dem sie in jungen Jahren so knapp entkam: Sie tanzt mit den Skeletten, als wären sie ihre besten Freunde. Tatsächlich entdeckte Frida das Malen, als sie nach dem Unfall darnieder lag. Ihr Vater, ein deutschstämmiger Fotograf, spannte eine Leinwand übers Bett und gab ihr Farben. Fridas zweites Leben begann: Malen als Therapie.

Frida“ zitiert mit den expressiven Farben und organischen Motiven aus den oftmals bekannten Gemälden das Lebensgefühl von Frida Kahlo.

Das ist das große Verdienst der Aufführung: Sie zieht einen sukzessive in die Erlebniswelt der sensiblen Künstlerin.

Die Choreographin Anna Lopez Ochoa lässt die Tanzenden im Sinne von Frida Kahlo eine bodenständige, verständliche Ästhetik zelebrieren. Allzu viel Folkloretanz findet sich darin nicht, vielleicht sogar etwas zu wenig, denn Mexiko hat eine populäre tänzerische Tradition. Aber Klassik und Moderne mischen sich exquisit, und starke Gesten übermitteln die Situationen und ihre darin kommunizierten  Gefühlswelten.

"Frida" beim Ballett Dortmund

Sae Tamura und das Ballett Dortmund beim Applaus der Premiere: glücklich und geschafft. Foto: Gisela Sonnenburg

Sae Tamura, in Wien ausgebildete Japanerin, ist eine liebliche, liebenswerte  Titelfigur, die in den Pas de deux wie in den Soli eine Aura starker Unabhängigkeit entwickelt. Ihr Partner ist der slowakische, in Monaco ausgebildete Filip Kvačák als Diego Rivera, der mutig mit Bauchpolster tanzt.

Javier Cacheiro Alemán, der den Diego in der Matinee knapp zwei Wochen vor der Premiere tanzte, verunfallte bei einer Probe und wird mit gebrochenem Mittelfuß einige Monate aussetzen müssen. Wir wünschen von Herzen gute Besserung!

Als zweiten großen Unfall in ihrem Leben hat mal Frida Kahlo die Bekanntschaft mit ihrem Ehemann bezeichnet, weiß die Dramaturgin Helena Sturm. Auch Diego Rivera war Kommunist und, als er Frida traf, bereits ein bekannter Künstler. Mit Wandgemälden war er Mexikos Liebling geworden, mit Frida traf er auf sein kontrastreiches Pendant.

In manchen Dingen des Lebens waren die beiden wie Feuer und Wasser, in anderen aber harmonierten sie absolut miteinander. Dabei war die gemeinsame Weltanschauung ganz sicher ein festes Band zwischen ihnen, ebenso wie die Malerei – und die erotische Passion. Aber Diegos sexuelles Naturell war wenig erbaulich für eine monogame Beziehung.

"Frida" beim Ballett Dortmund

Diego (Filip Kvacak) und „Frida“ (Sae Tamura) beim Ballett Dortmund: eine schwierig-schöne Beziehung… gerade richtig für aufregendes Balletttheater. Foto: Leszek Januszewski

Zwei Mal heirateten sie, wegen Diegos chronischer Untreue waren sie ein Jahr lang Geschiedene. Sogar Fridas Schwester Christina verführte der Charmeur, was seine Gattin besonders verletzte.

Mit Blumen bittet er sie in Pas de deux um Vergebung – und sie tanzen, um Kraft für die folgende Wegstrecke ihrer Beziehung zu finden. Beide wissen: Diego wird sich nie ändern.

Aber auch Frida lernte, sich anderswo zu orientieren. Gerade Frauen vertraute sie, auch in sexueller Hinsicht. In Lopez Ochoas Ballett (das in den 2016 von ihr in London kreierten „Broken Wings“ einen Vorläufer hat) illustriert ein buntes, mal dramatisch, mal lyrisch auftanzendes Figural die innere Welt der Frida Kahlo.

Ein Reh, fantastisch von der jungen Britin Liberty Fergus vom NRW Juniorballett in schwarzen Spitzenschuhen getanzt, kommt Frida besonders nahe. Schnell wird es ihr Alter ego. Das Miteinander der beiden ist so berührend, als werde man Zeuge einer Selbstfindung.

"Frida" beim Ballett Dortmund

„Frida“ Sae Tamura und Filip Kvacak als Diego erhalten auch von den Kolleginnen und Kollegen den verdienten Applaus. Foto vom 13.02.2026, vom Premierenschlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Diego bleibt dennoch Fridas äußerer Bezugspunkt. In ihrer inneren Vorstellung aber, die wir miterleben, indem hier alles tanzt, ist er gar nicht mal so wichtig. Darin residieren die Frauen: wie die „Königin der Blätter“, von der hinreißenden, in Sankt Petersburg ausgebildeten Daria Suzi mit luftigen Sprüngen verkörpert. Was für eine First Class Ballerina sie ist, und mit welcher leichtfüßigen Perfektion füllt sie ihre Partie, die entfernt an die Rolle der Königin der Dryaden in „Don Quichotte“ erinnert.

Männer in Volantröcken und Fabelwesen mit prächtigem Kopfschmuck zeigen das temperamentvolle, feierfreudige Mexiko.

Eine Heerschar von Skeletten steht Frida bei, wenn sie ihre Qualen durchlebt. Außer Eifersucht quälte sie unerfüllter Kinderwunsch: Sie hatte Fehlgeburten.

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Starke Bilder erschafft das Ballett dazu: Frida liegt am Boden, als rote Stricke, Sinnbilder für Nabelschnüre, wie abgeschossene Pfeile herabfallen.

Und als sich Frida über Diegos Untreue in einen Wutrausch tanzt, trägt sie Diegos Jacke – und verliert schließlich auch diese.

Dann wieder tanzen die sonst humoristisch skizzierten Skelette wie machtvolle Schönheiten aus einer anderen Welt.

Frida stirbt, auf Diegos Armen bis zum Schluss Halt findend.

Aber ihre Fantasie – von der Japanerin Kasumi Iwata als pinkfarbiger Vogel anmutig getanzt – stirbt nie, tanzend auf dem schwarzen Würfel, der hier keine Kaba, sondern ein Symbol für die Buntheit des Lebens ist.

"Frida" beim Ballett Dortmund

Was für eine schöne Stimmung im Anschluss an die Premiere von „Frida“ beim Ballett Dortmund! Hier die Tanzkünstlerinnen und Tanzkünstler beim Applaus, fotografiert von Gisela Sonnenburg fürs Ballett-Journal.

Geschäftsführer Tobias Ehinger verspricht, dass das Ballett Dortmund weitere Arbeiten von Annabelle Lopez Ochoa gerade zu Frauen zeigen wird. Die Ballettwelt braucht das!
Gisela Sonnenburg

www.theaterdo.de

"Frida" beim Ballett Dortmund

Sae Tamura als „Frida“ im Farbenmeer der Inszenierung von Annabelle Lopez Ochoa beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski

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