Legenden der Liebe Eine sagenhafte Show: „Fordlandia“ mit Lucia Lacarra und Matthew Golding premierte beim Dortmund Ballett. Was für ein früher Höhepunkt der Saison! Und: Berlin, bitte auch hinhören!

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

Sensationell: „Fordlandia“ von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding sprengt alle Vorstellungskräfte – mit kreativen und technischen, tänzerischen und filmischen Mitteln. Bravissimi! Foto: Januszewski 

Wir sind ja nun extrem verwöhnt. Und trotzdem müssen wir sagen: So etwas Aufregendes  sieht man selten! „Fordlandia“, der utopisch inspirierte Abend von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding, reizt die kreativen und technischen Möglichkeiten, die man im Theater hat, voll aus. Film und Bühnentanz, Licht und Musik verschmelzen mit den Stilen von vier hoch begabten Choreografen zu einem Gesamtkunstwerk neuer Dimension. Inhaltlich geht es um den Neuanfang von Mann und Frau während einer permanenten Katastrophe: Könnte ein Stück zeitgemäßer sein?! Die Natur spielt hier eine große Rolle, die innere Natur des Menschen wie auch die äußere Natur als bedrohte und bedrohliche Lebenskulisse. Noch einmal: Geht es überhaupt zeitgenössischer?! Instinkt und Können gehen hier eine Alliance ein. Wie nebenbei empfiehlt sich das Macher-Duo Lacarra-Golding damit als Anwärter für eine Ballettdirektion: Wird nicht in Berlin gerade jemand gesucht, der künstlerischen Weltruhm, internationale Kontakte und ungebrochene Kreativität vereint? Nachdem dort das Duo Johannes Öhman und Sasha Waltz scheiterte, sollte man nun möglichst bald einem neuen Paar – dieses Mal sind es zwei Menschen, die tatsächlich viel und eng miteinander arbeiten – die Chance geben. Andererseits hat sich die Berliner Politik schon so oft mit Sprengsätzen ins Ballettgeschehen eingemischt, dass man die Schleudersitze der Ballettintendanz eigentlich niemandem wirklich wünschen kann. Aber Lucia Lacarra und Matthew Golding scheinen als Ausnahmepaar so kraftvoll, dass sie es auch mit der Berliner Unsicherheit aufnehmen könnten. Sie wirken wirklich wie gemacht für eine tatkräftige Doppelspitze. Matthew Golding ist dabei der konzeptionelle Head: Von ihm stammt das Konzept für den Abend, und er zeichnet auch für die Inszenierung. Lucia Lacarra ist für die Details, für die künstlerische Ausformulierung zuständig: Sie entwarf auch das Bühnenbild und die Kostüme, mit sicherem Gespür und viel Geschmack. Mit Anna Hop, Yuri Possokhov, Juanjo Arquéz und Christopher Wheeldon gaben Choreografen ihre Kraft in das Stück, die keine Scheu haben, es mit modernsten filmischen Mitteln aufzunehmen. Bravo und Dank an alle, die hier das nachgerade sensationelle Bühnengeschehen miterzeugen!

In dessen Zentrum stehen selbstredend die beiden Tanzikonen. Sie sind ein faszinierendes Bühnenpaar, berücken mit einer Harmonie und dennoch expressiven Ausdruckskraft, die ohnehin schon ein Mysterium für sich ist.

Lucia Lacarra hat eine schier magische Ausstrahlung, wenn sie tanzt – sie wäre auch eine geborene Schauspielerin, wären ihre Beine und Füße nicht die schönsten der Tanzwelt.

Sie reißt in den Bann, fesselt den Blick, gibt sich vollends dabei preis – und verströmt aber auch unendlich viel liebende Energie.

Matthew Golding ist im Gegensatz zu soviel flirrender weiblicher Power der ruhende männliche Pol. Männliche Schönheit und souveräne Kraft kennzeichnen ihn, der schon vielen mit seinem rundum attraktiven Äußeren wie ein Filmstar vorkam.

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

Fragil, aber stark wie die LIebe: Lucia Lacarra und Matthew Golding in „Fordlandia“, hier in „Snow Storm“ von Yuri Possokhov, zu sehen beim Ballett Dortmund. Foto: Januszewski

Beide haben die Klassik rauf und runter getanzt, sind berühmt geworden sowohl in klassischen Ballettpartien als auch in modernen Kreationen. Lucia Lacarra, gebürtige Spanierin, war Muse von Roland Petit und Helgi Tomasson, tanzte Hauptrollen in Balletten von John Neumeier, John Cranko und Kenneth MacMillan. Von Marius Petipa über Jerome Robbins und George Balanchine bis zu Edwaard Liang und Christopher Wheeldon reicht ihr Repertoire: Man kann sagen, dass Lacarra ein wandelndes – tanzendes – Musterabbild der traditionellen, aber auch der jüngeren und jüngsten Ballettgeschichte ist.

Matthew Golding, in Kanada geboren, wurde in den USA und an der Royal Ballet School in London ausgebildet. Geprägt hat ihn als Tänzer vor allem das Het Nationale Ballet in Amsterdam, wo Ted Brandson ihn bis heute liebend gern als Gaststar engagiert. Wie Lucia Lacarra kennt und schätzt er die Klassik, die Romantik, die Moderne und das zeitgenössische Ballett aus eigener Anschauung – und gastierte, wie Lacarra, rund um den Erdball auf Galas und als Gast.

Jetzt planen die beiden eine gemeinsame Zukunft, und im Namen der Kunst ist das nur zu bedanken!

So ist „Fordlandia“ keine Exklusivproduktion für das Ballett Dortmund, sondern kann im Rahmen einer Tournee von Opernhäusern und Compagnien gebucht werden. Nur zu! Schwer denkbar, dass jemand das bereuen sollte.

Lucia Lacarra und Matthew Golding werden einen Auszug aus „Fordlandia“ auf der „Gala des Étoiles“ in Luxemburg tanzen, einem der bedeutendsten Gala-Events Europas. Nur am 10. und 11. Juli 2021 – darum am besten gleich die Tickets buchen! Hier geht es zum virtuellen Ticketschalter. Und hier zum Bericht der „Gala des Étoiles 2019“. Nicht verzagen, sondern buchen!

Was man sieht, ist große Weltkunst. Insofern ist Xin Peng Wang, Ballettdirektor und Chefchoreograf beim Ballett Dortmund, ausdrücklich zu belobigen. Er hat keine Angst vor Konkurrenz und zeigt mit „Fordlandia“ eine Koproduktion mit Lucia Lacarra und Matthew Golding, die ihresgleichen an zeitgeistiger Einschlagkraft einerseits und ästhetisch-faszinierender Sogkraft andererseits umsonst suchen wird.

Es beginnt mit dem nicht nur in Corona-Zeiten angemessenen Medium Film. Videos sind aus diesem Programm nicht wegzudenken – sie ergänzen den Tanz auf der Bühne, sie verleihen ihm Kontext und Reflexion.

Die Szenerie ist allerdings atemberaubend, gerade für Theater- und Ballettfans. Man sieht Lucia Lacarra nämlich in einem leeren, mit seiner Eigenästhetik bestens für die Filmaufnahmen gerüsteten Theater in Bilbao, und die Kamera umkreist sie wie ein Satellit.

Surreal und zugleich vertraut wirkt dieser Anfang.

Irgendwann begegnet die Primaballerina ihrem Partner Matthew Golding. Er sitzt auf einem Stuhl, lässig und doch erwartungsvoll.

Schnitt. Jetzt beginnt das Bühnengeschehen. Und es geht da weiter, wo das Video unterbrach: Lacarra trifft auf Golding, der von seinem Stuhl aus die Welt zu beobachten scheint.

Dazu bringen Klavierklänge von Frédéric Chopin ein Flair theatraler Poesie ein. Chopin und Ballett – das geht immer, das ist sogar eine Geschichte für sich. Gerade in der letzten Jahrhunderthälfte entstand eine Vielzahl von Choreografien auch der bekanntesten Tanzschöpfer zu Werken des polnisch-französischen Komponisten. Der perlende Pianoklang, für den er steht, dient zudem nicht selten als Trainingsgrundlage – und eines der bekanntesten Ballette unserer Zeit, „Die Kameliendame“ von John Neumeier, ist ohne den Schmelz der Chopin’schen Melodien und Akkorde kaum vorstellbar.

Lucia Lacarra weiß das – sie hat über ein Jahrzehnt lang „Die Kameliendame“ beim Bayerischen Staatsballett in München verkörpert und die Mammutpartie leidenschaftlich immer wieder neu und mit wechselnden Partnern interpretiert.

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

Glück beim Tanzen, Glück beim Applaus in Dortmund: Lucia Lacarra und Matthew Golding haben mit „Fordlandia“ ein Meisterwerk vollbracht! Die beiden empfehlen sich unbedingt als Ballettdirektoren-Duo, in Berlin, München oder wo man sonst Künstler mit Herz und Hirn an der Spitze sehen will. Foto vom Schlussapplaus: Franka Maria Selz

Jetzt aber hat eine wie Chopin aus Polen stammende Choreografin das Wort: Anna Hop ist so einfallsreich, dass der manchmal etwas verschlafene etablierte Ballettbetrieb es vermutlich oft nicht aushält. Sie sprüht nur so vor Ideen – und ist flexibel genug, um nicht halsstarig irgendwelche Symbolismen durchprügeln zu wollen.

Hier guckt eine junge talentierte Frau weit über den eigenen Tellerrand. Und entdeckt, dass in der Tiefe des Seins die Liebe schlummert, bis sie durch außergewöhnliche Aktivität geweckt wird.

So auch hier, in „Stillness“ („Stille“), wie Hop ihr erstes Stück für Lacarra und Golding nennt.

Angeregt wurde es – wie das ganze Konzept von „Fordlandia“ – von der Corona-Krise, in der man und frau und Mann und Frau plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen sind.

„Stillness“ zeigt die erzwungene Selbstfindung während des Lockdowns und das langsame Aufbrechen der Isolation zu Gunsten neu erblühender Gefühle.

Abwechselnd findet hier der Tanz im Film und auf der Bühne statt. Nahtlos reihen sich die Einzelszenen wie ausgedehnte Momentaufnahmen aneinander. Ein Blick, eine Minute Tanz – und eine Minute ist viel Zeit für so ein intensives Miteinander.

Menschen, die sich verlassen fühlten, finden sich. Das ist eine Urgeschichte unserer Zeit!

Das zweite Stück, „Close“, stammt ebenfalls von Anna Hop; es schließt an „Stillness“ an. „Dicht“, „nah“, aber auch – als Substantiv – „Abschluss“, „Schließung“, „Ende“ heißt das englische Wort übersetzt.

Die Paarbeziehung wird somit besiegelt, nach innen wie nach außen.

Das Besondere an „Close“ ist der Ort, an dem es getanzt wird: im Schnürboden, also im filmischen Teil. Im Theaterhimmel, dort, wo sonst nur die Techniker sich heimisch fühlen dürfen, wird jetzt die Magie des Tanzes beschworen.

Für jede und jeden, die oder der sich auch schon mal sehnsuchtsvoll gefragt hat, was sich da wohl hinter und über dem Guckkasten der Bühne verbirgt, ist dieses Moment absolut lyrisch.

Bei der ersten Begegnung von Lucia und Matthew scheint man dann zudem die Funken zu spüren, die zwischen ihnen sprühen.

Intimität ist hier keine gymnastische Übung. Intimität entsteht aus den Gedanken heraus, wie eine Gedankenübertragung, als gemeinsame Schnittmenge einer Fülle von Möglichkeiten zwischen zwei humanen Lebewesen.

Das ist sichtbar, Schritt für Schritt, Anmutung für Anmutung.

Es ist, als würde der Paartanz neu erfunden.

Das setzt sich fort in der dritten Uraufführung des Abends, der insgesamt eine ist, die aus mehreren Einzelstücken besteht.

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

„Snow Storm“: Ein Schneesturm verhindert die erste große Liebe im Leben, aber der Traum von ihrer Auferstehung bringt Kraft und Mut… so zu sehen in „Fordlandia“, hier im Teilstück von Yuri Possokhov, kreiert für Lucia Lacarra und Matthew Golding. Wowowow! Foto: Januszewski

„Snow Storm“, der „Schneesturm“, wurde von Yuri Possokhov, dem vermutlich begabtesten russisch-amerikanischen Choreografen unserer Zeit choreografiert. Das Stück schildert die melodramatische Mitte der gleichnamigen Erzählung von Alexander Puschkin.

Wir sehen Matthew Golding im Wald im Film – ein Sturm kommt auf. Es ist kein naturalistischer Film, sondern das Trio Altin Kaftira, Mario Simon und Max Schweder kreiert filmische Animationen so, wie man es nach rund vierzig Jahren Videoclip-Technik nur für angemessen hält. Und das Licht-Design von Florian Franzen passt genau dazu.

Realität und Imagination können so freundlich Hand in Hand gehen, und der metaphorische Gehalt eines Sturmes wird dabei umso deutlicher. Selbstredend steht so ein Sturm als Hindernis im Leben, als Bedrohlichkeit der Existenz, die Natur zeigt sich als großer Widersacher. Es könnte auch ein Bild für eine Pandemie sein.

Matthew Golding sitzt wieder auf einem Stuhl, wieder auf der Bühne. Er ist nachdenklich. Versonnen. Verwirrt. Der Sturm bringt sein Leben durcheinander. In welchem Ausmaß, weiß er noch nicht – aber er ahnt, dass nachher nichts mehr sein wird wie zuvor.

Eben lag er noch wie ein vom Sturm gemähter Baum auf dem Boden. Dann kam leichte Hoffnung. Der Stuhl ist immer auch eine Möglichkeit. Vorausblicken und planen ist hier angesagt.

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Und sie erscheint, die große Hoffnung, die große Liebe, in Person von Lucia Lacarra. Der Wald wird weiß, als Zeichen für Schneefall – und Lucia im dunklen Seidengewand tanzt wie eine überirdische, Mensch gewordene Kraft.

Die männliche Gesangsstimme der Musik von Georgi W. Swiridov illustriert die Sehnsucht als leitendes Motiv. Swiridov ist ein 1915 geborener russischer Komponist, der Schüler von Schostakowitsch war, allerdings weitaus konservativer komponierte und 1998 verstarb. Auch ihn hat der „Schneesturm“ von Puschkin inspiriert, und zwar im Jahr 1964.

Das merkwürdig-fantastische Happy Ending der Erzählung, in der sich ein Paar erst findet, nachdem es schon lange verheiratet ist, ist in „Fordlandia“ allerdings nicht von Interesse. In Possokhovs Pas de deux geht vielmehr um die erste, tragisch scheiternde Liebesgeschichte der Protagonisten: Ein Paar liebt sich heimlich und will sich, da beide Familien die Eheschließung nicht gestatten, sich in einer abgelegenen kleinen Kirche trauen lassen.

Auf dem Weg dorthin wird der Bräutigam von einem Schneesturm überrascht – und er verliert damit sein Mädchen an einen anderen, den es in der Dunkelheit der Kapelle im Glauben, es sei der Geliebte, als Ehemann annimmt. Das frisch getraute Paar trennt sich sogleich wieder, um die angestammten Familien nach und nach von der Sinnstiftung dieser Ehe zu überzeugen. Allein das kann nun nicht mehr funktionieren, denn der ursprüngliche Bräutigam wurde ja gar nicht vermählt.

Dieser Kuddelmuddel, dieses tragikomische Gewirr, ist für Yuri Possokhov der Anlass für die äußerst seltsame Paarbeziehung, die er hier zeigt. Aber ist die Liebe nicht im wahren Leben auf der emotionalen Ebene oft genau so seltsam wie hier durch die verworrenen Verhältnisse?

Was in der Literatur der Zufall oder auch das Schicksal an Unheil anrichten, entsteht in der Realität nicht selten ebenso plötzlich und bleibt für die handelnden Personen unvorhersehbar und undurchschaubar.

Liebe kann sich sehr merkwürdig anfühlen – und darum auch oft nicht klappen.

Die kindlichen Prägungen, die meist dahinter stehen, sind wie von einem Wald jüngerer Geschehnisse überwuchert. Es ist harte Arbeit, dahinter zu steigen und herauszufinden, was einen Menschen und sein Triebleben wirklich leitet und beglückt.

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

Sie zeigen die Beziehung des Menschen zur Natur ebenso nachdrücklich wie die zueinander: Lucia Lacarra und Matthew Golding beim Schlussapplaus nach ihrem sensationellen Coup mit der Uraufführung von „Fordlandia“. So modern wie schön, so tiefsinnig wie mitreißend. Unvergesslich. Foto vom Applaus: Franka Maria Selz

In diesem Fall sind es zwei Menschen, die sich nacheinander sehnen und aufeinander hoffen, obwohl sie die letzte Chance, zueinander zu kommen, schon verpasst haben.

In ihren Tagträumen aber sind sie beieinander, intim wie in „Close“ und intensiv wie in „Stillness“.

Die neoklassischen Passagen des Pas de deux, die Possokhov, der ein Meisterchoreograf ist, hier für Lucia Lacarra und Matthew Golding kreierte, könnten einem großen abendfüllenden Ballett entsprungen sein, so majestätisch und verbindlich wirken sie.

Wenn er sie hebt, hält, dreht, ist sie ganz die Seinige – und wenn er sie sanft absetzt und sie sich frei entfaltet, bleibt ein unsichtbares Band der innigen Zuneigung bestehen.

Aber sie inspirieren einander auch, verkörpern das Ideal und den Liebestraum des anderen.

Es ist eine Legende der Liebe, die hier zu sehen ist, und so, wie sich das Paar zu Beginn des Abends unter ungewöhnlichen Umständen traf und zu lieben begann, so setzt sich jetzt ihre Beziehung im Traumreich fort.

Körperliche Nähe ist im Ballett alltäglich und es ist schon schwer geworden, die fast hybriden akrobatischen Leistungen, zu denen Profi-Tänzer heute fähig sind, noch mit besonderem Sensationswert zu versehen. Hier gelingt das durch den Ausdruck und die Kombination des Tanzes mit einem außergewöhnlichen inhaltlichen Konzept.

Da ist nichts beliebig, nichts nur Show. Die Gefühle entsprechen der Großartigkeit des Lebens, wenn das Schicksal einerseits alles zu vernichten droht, was man an Hoffnung und Zukunft aufgebaut hat, um andererseits mittels Illusion und Vorstellungskraft an der Utopie festzuhalten und aus ihr die neue Gegenwart zu schmieden.

Jede Arabesque von Lucia Lacarra scheint hier in diese Richtung zu weisen, und wenn sie in den Armen ihres Partners Matthew Golding die Beine hin- und herführt, als seien diese selbständige Wesen, dann erreicht der Tanz der beiden die Qualität von höchster Sinnlichkeit.

Schließlich flaut der Sturm ab, die Jahreszeiten wechseln, aus dem Liebestraum wird eine Realität des Alleinseins. Der Herbst zieht ein, im Bühnenbild und auch im Leben auf der Bühne.

Der Mann ist wieder einsam auf seinem Stuhl, die russische Melancholie hat ihn voll erfasst.

Auch so kann eine große Liebesgeschichte enden. Vorerst.

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

Lucia Lacarra im Titelstück „Fordlandia“ – expressiver Tanz mit einem expressiven Kostüm in expressiven Farben. Endlich mal was Modernes im Ballett, das zugleich zeitlos und avantgardistisch und im Wortsinn zeitgenössisch mit realistischem Kontext  anmutet. Top! Foto: Januszewski

Denn es geht weiter mit der Titelutopie des Programms: „Fordlandia“.

Der Film führt uns ans Meer, in die baskische Küstenlandschaft, die so jungfräulich schön ist, als hätte kein Tourist hier je seinen Hintern im Sand gewälzt.

Matthew Golding gelangt über die Dünen zum Strand, in der Brandung findet er seinen Stuhl, den er braucht, um sich als Mensch der Natur gegenüber zu behaupten. Mit Nachdenklichkeit und Ruhe, mit Souveränität und gelassener Erwartung.

Lucia Lacarra steht derweil wie eine verzauberte, ausgesetzte Prinzessin auf der Spitze einer Klippe. Auch sie sieht hinaus aufs Meer, hoffend, dass sich von dort irgendeine Rettung, eine Zukunft anbahnt. Die Kamera umkreist sie wieder, wie schon in „Stillness“, und in der Tat ist es hier nur eine andere Art von Schnürboden, der sie hält.

Auf der Bühne sind die beiden ein Stück weiter. Er trägt sie, die ein Kleid mit einer etwa zehn Meter langen Schleppe trägt. Sie wickelt sich aus den Stoffmassen, tanzt mit ihm, ganz organisch – und als Wind aufkommt, fahren Wellen durch das am Boden liegende Tuch, sodass auf der Bühne ein Meer aus Illusionen entsteht.

Und wieder entstehen Bilder, die man nicht vergisst, nicht vergessen will, weil sie so symbolstark und so hochästhetisch sind.

Auch hier kommt bald der Stuhl von Matthew Golding ins Spiel, auf dem er, einsam und verträumt, zurück bleibt.

Zuvor aber ergibt sich das Paar im längsten zusammenhängenden Pas de deux des Abends aneinander, voll Vertrauen, voll Zuversicht, aber auch von Wehmut und leiser Verzweiflung geprägt.

„Fordlandia“, so hieß der Traum und Alptraum des Automobilfabrikanten Henry Ford, der im brasilianischen Urwald eine Gummireifenfabrikanlage nebst Wohn- und Lebensraum für 8.000 Arbeiter errichten wollte. Das Projekt geriet schon in der Planungsphase in eine Schieflage und wurde nie realisiert. Ein Pilz befiel die zu dicht gesetzten Katschukpflanzen, die den Rohstoff für das Gummiprodukt liefern sollten, und zurück blieb eine Geisterstadt, in der heute rund 1.000 Menschen mehr überleben als leben.

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Die Natur durchkreuzte hier die Pläne von Menschen, sie im Namen der Effizienz und wirtschaftlichen Profitgier auszubeuten. Wie ein Mahnmal stehen die Reste von Fordlandia im Dschungel von Amazonien.

Der Komponist Jóhann Jóhannsson, der 2013 verstarb, nahm sich dieses Bild als Metapher für die globale Situation. Wenn die Ressourcen zuende gehen, die Überbevölkerung den Tieren und Pflanzen nicht mehr genügend Raum lässt, das saubere Trinkwasser knapp wird, die Flüsse austrocknen, die Müllberge ins Unendliche wachsen, Plastikteilchen Tieren und Menschen den Garaus machen und Honig sowieso nur noch als Sirupsuppe aus dem Labor zu haben ist, werden wir daran denken, wie es war, als sich der Mensch mit der Natur noch in so etwas wie einem Gleichgewicht befand.

Schwermütig, aber auch andächtig ist seine „Fordlandia“-Partitur. Minimal-Strukturen verleihen den Klängen etwas Schwebendes, hell eintröpfelnde Melodiefragmente wecken Hoffnung.

Diese Hoffnung zeigen Lucia Lacarra und Matthew Golding mit ihrem Liebestanz.

Verträumt und somnambul, schicksalhaft und doch wie spontan wirken ihre einander umgarnenden Bewegungen.

In Hebungen, die wie in Trance stattfinden, ist Lucia ihrem Matthew so vertraut, dass es scheint, als sei sie ein Teil von ihm und er von ihr. Akrobatik ist hier nie Selbstzweck oder Zirkusnummer, sondern immer Ausdruck der höchsten Empfindungen füreinander.

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

Lucia Lacarra und ihr Kostüm in ausdrucksstarker Bewegung. So zu sehen in „Fordlandia“ beim Ballett Dortmund. Nicht verpassen! Foto: Januszewski

Im Hintergrund tobt das Meer dazu – und sowohl mit dem Stuhl als auch mit der Schleppe (dem Bühnenmeer) ergeben sich erweiterte Pas-de-deux-Reminiszenzen.

Obwohl hier Teilstücke zusammen gefügt werden, die auch für sich selbst stehen können: Sie bilden ein homogenes Ballett, einen Ablauf innerer und äußerer Handlungen.

Den beiden Superstars Lucia Lacarra und Matthew Golding gelang so eine Supershow!

Der Kernteil, also das Titelstück, wurde für sie vom jungen spanischen Choreografen Juanjo Arqués maßgeschneidert zur Musik von Jóhannsson in modernes Ballett übersetzt. Arqués ist wie Matthew Golding von Het Nationale Ballet und dessen Leiter Ted Brandson geprägt. Sein Stil ist plastisch, konkret, er liebt die Arbeit der Frauenbeine im Pas de deux und die gemeinsame Sprache der Körper in geschmeidigem Bewegungsfluss.

Aus dem Themenkreis von „Fordlandia“ stammt hier die Energie, an etwas zu glauben – und die Bereitschaft, aus einem selbst angerichteten Desaster zu lernen.

Daran schließt das zweite Stück von Juanjo Arqués nahtlos an. „Pile of Dust“ („Ein Haufen Staub“) wird ebenfalls zu Musik von Jóhann Jóhannsson getanzt und setzt den schimmernden „Fordlandia“-Paartanz fort. Hier wird die Hoffnung weiter manifest, ohne textiles Bühnenmeer, aber noch mit Impressionen vom einsamen Strand im Film.

Fazit: Der Mensch darf nie aufgeben, im Verein mit der Natur und nicht gegen sie muss er seiner Berufung, vor allem der zur Liebe, folgen.

Als Schlusspunkt dazu passt, als sei er extra dafür kreiert, der berühmte Pas de deux „After the Rain“ („Nach dem Regen“) von Christopher Wheeldon.

Lucia Lacarra schuf hier ein neues Outfit und vor allem auch ein neues Bühnenbild für den sinnbildhaften Mann-Frau-Tanz, der jetzt endgültig wirkt wie ein lebendes, skulpturhaftes Monument.

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

„After the Rain“ erhält in „Fordlandia“ zusätzliche Bedeutung – und Schönheit! Lucia Lacarra und Matthew Golding im brillanten Paartanz von Christopher Wheeldon. Foto: Januszewski

Vor rosawolkigem, blaudunstigem Himmelszelt ergeben sich nun Silhouetten von größtmöglicher Erbauung. Lucia Lacarra in makellosen Linien, Matthew Golding mit tadelloser Haltung – die Vereinigung der Liebenden im Hier und Jetzt – und zwar im Einklang mit der Natur – ist somit besiegelt.

Die ätherisch-zarte Musik von Arvo Pärt, die schon John Neumeier zu einem seiner erotischsten Pas de deux inspirierte, betont die Grazie und Würde der Tanzenden.

Gegenseitige Anbetung und liebende Fügsamkeit, stillschweigende Verlässlichkeit und tatkräftige Gemeinsamkeit prägen die gezeigte Zweierbeziehung. Wheeldons Pas de deux erhält als Tüpfelchen auf dem i nach den grandiosen Vorgängern im Programm die notwendige Bedeutsamkeit: Nur die Liebe kann uns retten, und nur der Verstand muss das erkennen.

Wer das nicht sehen kann, hat eine Sensation verpasst!

Es ist schwer vorstellbar, dass dieser frühe Höhepunkt der laufenden Saison noch übertroffen werden kann.

Unbedingt hingehen und angucken, bitte, unbedingt!

Das Publikum ist denn auch genauso begeistert wie wir, den Schneestürmen und Wolkentupfern im Bühnenbild folgten bei der gestrigen Uraufführung entsprechende Wogen der Begeisterung aus dem Zuschauersaal im Opernhaus.

Mit Nasen-Mund-Bedeckung darf man sich dort so sicher vor Corona-Viren fühlen wie daheim – die großen Abstände machen es möglich. Es gibt also keine Ausrede, nicht sofort sein Ticket zu buchen. Also los!
Franka Maria Selz / Gisela Sonnenburg

Aus unerfindlichen Gründen gibt es für die heutige Nachmittags- und Abendvorstellung, 15 Uhr und 19 Uhr, noch Tickets!

Danach ist „Fordlandia“ erst wieder am 8. und 9. Oktober 20 zu sehen. Und im November 2020!

Und bitte denken Sie daran: Außer zuhause sind Sie nirgends so sicher vor Corona-Viren wie im Opernhaus, wenn Sie die vorgegebenen Abstände einhalten!

www.theaterdo.de

"Fordlandia" von und mit Lucia Lacarra und Matthew Golding ist eine Sensation

Auf zu neuen Ufern! Und zu neuen Ballettabenden. Mit „Fordlandia“ ist ein Höchstmaß an Stil und Ästhetik, gepaart mit einer großen Sinntiefe, versprochen und eingelöst. Foto: Januszewski

 

 

 

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