Die Liebe zum Tanz in schweren Zeiten Die Staatliche Ballettschule Berlin, die eigentlich nicht mehr so heißt, feiert sich mit einer Gala zu ihrem 70-jährigen Bestehen - ein Vergleich mit den Schulen in Hamburg und Stuttgart ist spannend

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Die Stimmung beim Schlussapplaus war sehr gut – aber ganz überzeugend war die erste Schulgala nach dem Skandal 2020 nicht. Die Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin sucht noch sich selbst. Foto aus der Staatsoper Unter den Linden: Gisela Sonnenburg

Es ist schon erstaunlich: Da lockt die einstige Staatliche Ballettschule Berlin, die seit letztem Jahr Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin heißt, noch unter ihrem alten Namen zu einer Gala in die Staatsoper Unter den Linden, und der Anlass ist nicht etwa der, dass man zeigen will, wie gut sich die Schule vom Skandal vor zwei Jahren erholt hat, sondern der, dass die berühmte Institution in diesem Jahr 2022 ihr 70-jähriges Bestehen feiert. Die angeheuerte Moderatorin Nadine Heidenreich weiß zwar mit Charme und Routine locker durch den Abend zu leiten, der am vorgestrigen Freitag Premiere hatte – aber von der Geschichte der Schule gibt sie fast nichts preis. Als Einleitung wird ein Film gezeigt, der mehr ein Filmchen ist und so banal, dass sich einem die Nackenhaare sträuben: Unkommentierte Ausschnitte aus mehr oder weniger qualitativ schlechten Aufführungsmitschnitten von 1979 bis 2017 sollen eine „Retrospektive“ bilden, zeigen aber doch nur, wie wenig sich diese Schule ihrer eigenen Geschichte stellen will. Man hätte eine Fotomontage mit erläuterndem Kommentar erstellen können, man hätte Zeitzeug:innen befragen, Schlagzeilen und Unterlagen zeigen und eine hübsche Dokumentation erstellen sollen. In fünf- bis fünfzehn Minuten Sendezeit hätte etwas entstehen können, das sogar fernseh- oder youtube-tauglich sein dürfte. Aber dafür war wohl kein Geld da oder es fehlte schlicht das Interesse an einer selbstkritischen Darstellung. Denn dann hätte man die Karten auf den Tisch legen und was erzählen müssen!

Doch kein Wort kündet von den Siegen nach Punkten der Schule durch Martin Puttke, der die „Staatliche“ von 1975 bis 1995 in ihren besten 20 Jahren leitete und der in dieser Zeit mit Pädagoginnen wie Ursula Leesch außer guten Corps-Tänzer:innen auch legendäre Ballett-Stars hervorbrachte, noch von der jüngsten Niederlage der Schule vor zwei Jahren unter Ralf Stabel, dem grob falsche Behandlung etlicher Tanzschüler:innen durch seine Lehrkräfte zur Last gelegt wurden. In einem zweieinhalbstündigen Gala-Programm wird vielmehr heile Welt gespielt. Und nicht mal das klappt.

Tom Schilling war der bedeutendste Choreograf der DDR.

Martin Puttke, Ballettpädagoge und umtriebiger Mentor vieler berühmter Tänzer:innen, sorgte für die beste Zeit der Staatlichen Ballettschule Berlin, von 1975 bis 1995, bevor er aus dem Amt gedrängt wurde. Seither fehlt ein schlüssiges Konzept, das sowohl die jugendlichen Laien als auch die angehenden Profis tänzerisch problemlos versorgen könnte. Foto: Gisela Sonnenburg

1951 wurde die Schule in der DDR gegründet, doch von ihrem Gründungsflair erfahren wir auf ihrer Jubiläumsfeier eben rein gar nichts – und was sich heute im gläsernen Neubau der Schule abspielt, scheint auch noch immer nicht ganz so transparent, wie man es gern hätte.

Wortgeklingel, das in einem groß und bunt angelegten Programmheft ertönt, kann davon nicht ablenken: Die Fakten, ob endlich genügend Pädagog:innen mit einer künstlerischen Vision in Berlin vorhanden sind, ob sie mit moralisch vertretbaren Methoden unterrichten und ob die Kinder richtig ausgewählt und gut ausgebildet werden, bleiben im Dunkeln.

Immerhin wird an diesem Gala-Abend getanzt, das ist die gute Nachricht – die schlechte Nachricht ist die, dass man den Eindruck hat, dass es in dieser Schule weder vor noch zurück geht.

Das ist natürlich ein Eindruck von außen, aber er ist begründet. Und dabei hätte ich an dieser Stelle so gerne richtig froh verkündet, dass man von einem glänzenden Neuanfang sprechen kann.

Neu ist der dröhnende Big-Band-Sound von Benny Goodmans „Sing, Sing, Sing“ für das erste Tanzstück namens  „Dance, Dance, Dance“ nun nicht. Schüler:innen vom 2. bis zum 5. Ausbildungsjahr (also aus der 6. bis zur 9. Schuklasse) führen sichtlich teure schwarz-weiße Einheitskostüme vor, die nach Entwürfen von Choreograf Giorgio Madia im schuleigenen Atelier (oh ja, das gibt es) genäht sind. So werden dort die nicht-tänzerischen Arbeitskräfte gut beschäftigt, obwohl der schuleigene Fundus wirklich seit vielen Jahren sehr groß und reichhaltig ist.

Mehr als hundert Kostüme wurden nun für die neue Gala-Show angefertigt. Aber ist das wirklich toll?

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Noch ein Blick auf den Schlussapplaus am 21.1.22 in der Staatsoper Unter den Linden nach der Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Man sollte lieber Geld für neue Pädagog:innen ausgeben anstatt sich ein eigenes Nähatelier zu leisten. Kostüme für Tanz kann man heutzutage tatsächlich preiswert und wunderschön von Profi-Händlern kaufen. Niemand muss mehr selbst an der Nähmaschine sitzen, und eine Ballettschule sollte andere Prioritäten haben als selbstgefertigte Kostüme.

Aber wie man Berlin kennt, werden hier eher auch noch Maskenbildner:innen eingestellt, als dass man sich die Mühe der Auswahl bei der Qualität von Lehrkräften macht.

Daran wird wohl auch Katja Will nichts ändern. Die frühere Lehrerin an der Staatlichen brachte mit ihren Enthüllungen den Skandal 2020 ins Rollen. Sie selbst hat sich aufs Privatdasein mit Familie und Versorger fern von Berlin zurückgezogen. Jetzt aber sitzt sie – oho! – als eine von fünf Damen im Vorstand des Fördervereins der Staatlichen Ballettschule Berlin e. V..

Katja Will arbeitet also nicht wieder als Pädagogin in Berlin, sondern lenkt aus der Ferne via Geldstrom die Geschicke der Schule. Ganz schön clever! Aber ob das gut ist?

Das Ganze hat ein Geschmäckle. Frau Will erkaufte sich ein einflussreiches Amt nicht mit Leistung, sondern übers Whistleblowing.

Nicht übers Konzept, sondern übers Geldgeben möchte Will nun wirken. Das ist peinlich.

So sehen aber wohl die modernen Karrieren jener Leute aus, denen harte Arbeit zuviel ist, deren Eitelkeit ihnen aber dennoch gebietet, unbedingt mitmischen zu wollen.

Sehr unsympathisch. Auch ein Gespräch mit einer anderen Dame vom Förderverein, das ich führte, hat mein Vertrauen in deren Erneuerungswillen überhaupt nicht bestärken können. Im Gegenteil.

Zurück zur Aufführung. Die armen kindlichen und jugendlichen Darsteller:innen können ja nun überhaupt nichts dafür, dass an der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin möglicherweise nicht wirklich viel Gutes passiert.

Aber sie müssen es ausbaden, als Schwächste im Glied der Kettenhierarchie und als diejenigen, die hier raus auf die Bühne gehen.

Und so bieten sie eine sehr oberflächliche, immerhin akkurat gearbeitete und synchron getanzte, aber ziemlich inhaltsleere Show.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Alumni Katja Wünsche mit Bühnenpartner und der Staatlichen Ballettschule Berlin beim Schussapplaus nach der Gala. Foto: Gisela Sonnenburg

Emotionale Kälte ist ein Stichwort, das man gerade hier eigentlich nicht erwartet hat. Aber es ist unvermeidlich. Madias „Dance, Dance, Dance“ steht exemplarisch dafür.

Giorgia Madias Mädchenkostüme wirken zudem sehr seltsam. Sie sind keusch und dennoch modern, sie sind nonnenhaft hoch geschlossen, trotzen aber der vorgeblichen Unschuld mit aufgebauschten, stehenden  knallweißen Unterkleid-Tutus. Der Petticoat-Effekt beim kurzen Teller-Tutu:

Das ergibt eine Art Schulmädchen-Erotik, die man in Japan toll findet. Aber will man so etwas im Ballett für junge Damen? Die Jungs wirken in feinen Westen wie kleine Herren, sie sind die Herrchen der Mädchen, sozusagen. Zusammen sehen sie aus wie aufreizende Pärchen aus einer Revue. Offen gesagt, gibt es für Kinder dieser Altersstufe auch passendere Kostüme. Ein Choreograf ist eben nicht unbedingt auch ein begabter Kostümdesigner, und gerade bei Madia, dessen Kostüme für „Don Juan“ in Richtung Sexismus bis an die äußerste Grenze gingen, hätte man eben auch mal zügeln müssen.

Seine Choreografie dazu ist zurückhaltend, und es ist fast seltsam, dass sie von Giorgio Madia stammt. Er kann nämlich choreografisch viel mehr, und das wird er später am Abend auch noch zeigen. Dieses „Dance“-Stück aber ist tänzerisch so brav und bieder, so unspektakulär und langweilig und auch noch inhaltsleer gemacht, dass man sich wundert, dass das Publikum mitgeht.

Aber es befinden sich einerseits reichlich Jubelclaqueure im Saal, also Menschen, die grundsätzlich alles toll finden, was da kommt, unter anderem vom Förderverein, und andererseits gibt es hier merkwürdig respektlose Leute, die zum Beispiel mitten im Solo der Startänzerin Polina Semionova von ihren zentral im Parkett gelegenen Plätzen aufstehen, um das Opernhaus zu verlassen. Unhöflicher geht es eigentlich gar nicht mehr.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

„Romeo und Julia“ alias Victor Caixeta und Elisabeth Tonev beim Applaus nach ihrem Auftritt auf der Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin 2022. Foto: Gisela Sonnenburg

Als scharfer Kontrast zum ersten, superlaut eingespielten Stück folgt dann ein zarter Romeo-und-Julia-Pas-de-deux – die Balkonszene – in der zeitlos-klassischen Interpretation von Leonid Lawrowski. Zwei Alumni, Elisabeth Tonev, die heute bei Het Nationale Ballet in Amsterdam Coryphée ist, und Victor Caixeta, der beim Mariinsky in Sankt Petersburg Solist wurde, tanzen diese Szene der absoluten jugendlichen Verliebtheit mit einem hohen Grad von Stilisierung – man hat schon bessere Darstellungen dieses Gefühls im Ballett gesehen. Irgendwie war bei der Einstudierung wohl der Wurm drin. Sorry, aber auch dieses vermeintliche Glanzlicht vermag bei mir nicht zu punkten.

Kindertanz und Stars treffen sich in Berlin

Anrührend tanzen sie ein modernes Stück: Kinder vom Ballett- und Tanzstudio Zehlendorf von Franziska Rengger in Berlin. Foto: Tony Maher

Wenn Kinder und Jugendliche tanzen, dann sollte dieser Tanz eigentlich etwas ausstrahlen, das auch der Tanz von Erwachsenen kann, was Kindern und Jugendlichen – egal, ob Laien oder angehende Profis – besonders gut gelingt: Ihr Tanz sollte rühren.

Der privaten Ballettschulleiterin Franziska Rengger vom Ballett- und Tanzstudio Zehlendorf in Berlin gelingt das in ihren Galas hervorragend, obwohl sie keineswegs den Anspruch auf Professionalität ihrer Protagonist:innen erhebt. Aber die Freude am Tanzen steht im Vordergrund – und nicht das Angebenwollen mit Leistung.

So jung und doch so inniglich dabei: Paare in „Beethoven Dances“ von John Neumeier, Höhepunkt vom Programm „Erste Schritte“ von der Ballettschule des Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Auch die Profi-Schulen vom Hamburg Ballett und vom Stuttgarter Ballett schaffen es in ihren Publikumsprogrammen regelmäßig, das Publikum zu rühren und nicht nur mit lauten Wumm-Wumm-Rhythmen mitzureißen. Die Schule vom Hamburg Ballett – John Neumeier hat zudem den Vorzug, zwei Ausbildungswege anzubieten, von denen nur der eine den Beruf des Balletttänzers zum Ziel hat. Das schafft Luft für junge Menschen, die auch andere Fähigkeiten ausbilden, aber im Schulfach Tanz ihr Abitur machen wollen. Das ist nämlich in Hamburg möglich.

Stuttgarts John Cranko Schule feierte kürzlich, also letztes Jahr, selbst ein Jubiläum, das 50-jährige. Erst zwei Jahre vor Crankos Tod wurde die Ausbildungsstätte gegründet. Bis heute hält man eisern an hohen Standards fest, ohne dass es zu einem Skandal gekommen wäre. Zuletzt wurde die schon immer auch durch Klugheit aufgefallene Primaballerina Maria Eichwald als Lehrerin fest engagiert. Und die Vorführungen der Schule vor Publikum begeistern Jahr für Jahr, während man in Hamburg dafür einen Zweijahresrhythmus gewählt hat.

Stuttgarter Nachwuchstänzer von der John Cranko Schule bei der Arbeit im Ballettsaal: Sie proben hier für die Jubiläumsgala 2021. Foto: Stuttgarter Ballett

In Stuttgart wie in Hamburg weiß man:

Man lässt die Kids auch grundsätzlich nichts zeigen, was sie überfordert. Sondern man passt den Grad der Schwere an das tatsächliche Können und Wollen der jungen Leute an.

Zudem braucht man ein Gefühl für Stil, für guten Geschmack und für inhaltliche Vermittlung.

All das geht den aktuellen Leiterinnen der Berliner Staatlichen Ballettschule – Martina Räther und Doreen Windolf – leider ab. Sie haben kein Konzept für ihr Programm, und fast alles wirkt lieblos und angeberisch eingetrichtert und vorgeführt.

Bis auf eine Ausnahme, zu der kommen wir noch.

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Zuvor aber wird ein großer Ausschnitt aus „Paquita“ von Marius Petipa gezeigt, und zwar unter Aufbietung von so vielen herzlos hochgerissenen Beinen und im Sprung nicht gestreckten Füßen, dass man ahnt: Die meisten der Darbietenden werden niemals professionelle Balletttänzer:innen werden können. Denn wenn sich solche Fehler – wie das Beinhochreißen statt des gekonnten Führens im Wurf – sich einmal eingeschlichen haben und jahrelang in falschem Training manifestiert werden, ist es sehr schwer, das noch zu ändern.

Man muss begabten Kindern und ihren Eltern also immer noch von dieser Schule abraten – und es stimmt, man kann es nachlesen: Die Lehrkräfte, die mir vor zwei Jahren von Betroffenen und Eltern als deutlich schlecht im Unterricht gemeldet wurde, sind zum Teil noch immer im Dienst, dürfen ihre mangelhaften didaktischen Kenntnisse weiterhin an den Kindern lukrativ auslassen.

Die bei der Gala-Premiere anwesende neue Berliner Schulsenatorin Astrid Busse sieht im übrigen nicht so aus, als hätte sie von Kunst oder gar Ballett fachfrauliche Kenntnisse. Eine Profi-Ausbildungsstätte gehört auch nicht ins Familienressort, sondern – wie es in anderen Bundesländern ja auch üblich ist – in die Riege der Hochschulen, also ins Wissenschaftsressort. Berlin sollte darüber mal nachdenken, und sei es anlässlich des 70-jährigen Bestehens seiner Staatlichen Ballett- und Artistikschule.

Und sogar der junge Galan, der mit der durchaus sehr begabten Hauptdarstellerin in „Paquita“ tanzt, ist für seinen Part vermutlich nur nach der Körpergröße (er ist groß) ausgesucht worden und nicht nach wirklich professionellen, zeitgemäßen Kriterien. Denn er kann nicht partnern, und das Mädchen, das im Solo sehr gut tanzt, verkommt unter seinen Händen immer wieder zur schief stehenden Unglücksfigur. Was für ein unnötiges Desaster!

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Ein ungleiches Paar beim formvollendeten Verbeugen für den Applaus: Die sehr begabte Ballerina litt sichtlich unter einem Partner, der nicht gut partnern konnte. Das hätte nicht sein müssen. Lichtblick und Trübsinn auf der Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin 2022. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Dabei gibt es einige, auch asiatische, also nicht ganz so groß gewachsene Tänzer im Stück, die den Hauptpart wahrscheinlich deutlich besser erfüllt hätten. Zumindest machen sie auch in ihren Soli deutlich bessere figura.

Sehen das die Pädagog:innen der „Staatlichen“ nicht? Sehen die Leiterinnen das nicht?

Da wurde offensichtlich geprobt, geprobt, geprobt – aber das Ergebnis ist teilweise wirklich richtig schade.

Nur zur Ermahnung: Heutzutage müssen die Herren im Tanz nicht mehr größer sein als die Ballerina. Wäre ja auch noch schöner.

Hinter dieser Konvention steht das Frauenbild, sie dürfe den Mann nicht überragen. Solche Denke ist überkommen und war im Ballett schon zu Zeiten von Vaslav Nijinsky vor rund hundert Jahren eigentlich kein Thema. Die Nachkriegsspießer haben es dann wieder eingeführt.

Ein guter kleiner Tänzer kann eine deutlich größere Tänzerin aber hervorragend partnern, wenn er gelernt hat, wie das geht. Dazu braucht man allerdings gute Pädagogen und nicht solche, die ein selbstgebasteltes oder unzureichendes Training mit den Jungs und Mädels durchziehen.

Unter den Begriff „unzureichend“ gehört auch das Überfordern von jungen Menschen, was sich im Körperlichen darin zeigt, dass Grundübungen falsch ausgeführt werden und im Ganzen nicht auf Tanz, sondern auf gymnastische Befähigung abgestellt wird.

Dass man heutzutage Ballettpädagogen-Diplome sozusagen hinterhergeworfen bekommt, sorgt natürlich nicht dafür, dass es bessere Ballettlehrer:innen gibt. Das geht nur so: Menschen, die sich genügend im Lehren wie auch im Beobachten und Sehen auskennen, sollten die nachrückenden Lehrer:innen wählen – hier nach „königlich“ klingenden Stempeln auf Papier gehen zu wollen, entspricht lediglich einer Art Arbeitsbeschaffung.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Und noch ein begabtes Tanzpaar (rechts) mit dem Ensemble: Applaus nach der Gala für „Paquita“ und die Staatliche Ballettschule Berlin 2022 in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Gisela Sonnenburg

Nun wurde mir ein Video zugespielt, das die Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin als Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung verteilt.

Was soll ich sagen? Man ist entsetzt. Es geht offenbar nur um die körperliche Befähigung zu einer Art Gymnastik. Mit Kunst, Temperament, Ausstrahlung, Darstellung, Koordination, Anmut, gar Musikalität haben die Übungen, die da vorbereiten sollen, überhaupt nichts zu tun. Mit dem so wichtigen Spaß am Tanzen schon gar nicht.

Kein Wunder also, dass hier letztlich vor allem Tanzgymnasten ausgebildet werden. Mag sein, dass manche hoch begabte Kids trotzdem durchkommen und es in den Beruf schaffen. Aber das ist dann wohl nicht ihrer Schule zu verdanken.

Es wäre jedenfalls sinnvoll, bei einer solchen Gala die Kinder und Jugendlichen das tanzen zu lassen, was sie können, und nicht das, was sie können wollen.

In Hamburg und Stuttgart gelingt das, und sogar eine Privatlehrerin wie Franziska Rengger aus Berlin schafft das.

Der Berliner „Staatlichen“ ist jedoch ihr eigener Drang zu Höherem, zum Angeben und zum Vorzeigen im Wege.

Das macht es der Liebe zum Tanz in den ohnehin wegen Corona schon schweren Zeiten nun ganz besonders schwer.

Echten Kritiker:innen wir mir tut es nämlich weh zu sehen, dass Teenager die Füße beim Springen nicht strecken können, aber in „Paquita“ auftreten. Können die Lehrkörper nicht etwas aussuchen oder kreieren, das zu den Fähigkeiten der Teens passt?

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Noch einmal Applaus für die „Paquita“-Crew der Staatlichen Ballettschule Berlin 2022. Immerhin mit viel Glanz, wenn auch manchmal fast zuviel für kindlich umgestreckte Füße. Foto: Gisela Sonnenburg

Richtig kleine Kinder wurden aus dieser Gala wohl wegen der Corona-Gegebenheiten ausgespart. Aber wer weiß, ob man da nicht auch den Eindruck der Überforderung gehabt hätte. In Hamburg schafft man es, selbst die Kleinsten, die kaum schulpflichtig sind, mit Freude und Ausdruck erhebend über die Bühne tänzeln zu lassen.

Tanz ist zunächst mal Harmonie unter der Haut – und eben nicht Technik hoch zehn.

Die Instrumente der Tanzförderung wie Folklore und Stepptanz fehlten im Jubiläumsprogramm übrigens ganz. Wahrscheinlich hat man dafür keine entsprechenden Lehrer:innen. Was katastrophal ist, denn das klassische Ballett beruht auf Folklore-Schritten, und in ernstzunehmenden Ausbildungsstätten wird Folklore darum auch groß geschrieben. Der russische, der ungarische Volkstanz, der Flamenco, sogar der holländische Holzschuhtanz bringen Kindern und Jugendlichen deutlich mehr als immer nur Klassik und Pilates (eine Stretchgymnastik) bis zum Abwinken, nur damit das Bein noch zwei Zentimeter höher gepresst werden kann.

Der falsch ausgerichtete Leistungswahn der Schule war ein Grund des Skandals, der 2020 über sie kam. Man erinnere sich an jene Teenager, die an der Hüfte operiert werden mussten, weil sie tagtäglich stundenlang falsches Balletttraining erhielten.

Vielleicht sind diese Spitzen der grausamen Realität gekappt worden. Das ist dann ein Fortschritt. Aber um eine gute – auch für die Auszubildenden gute – Ballettschule zu sein, braucht es eben mehr als nur das Fehlen ganz grober Mängel.

Dass viele Kids hier schon talentiert sind und an sich was können, zeigt dann eine speziell für Jungs erstellte Choreografie von Giorgio Madia.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Starke tolle Jungs beim Applaus für ein starkes tolles Stück von Giorgio Madia bei der Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Der versierte italienische Choreograf, der auch fürs Staatsballett Berlin schon mehrfach tätig war, schuf ein Stück namens „Better, Faster, Stronger“, das den Leistungswahn im Tanz karikiert und dafür auch auf die individuellen Stärken der Jungs abstellt.

Endlich richtiger Tanz, endlich ein richtig tolles Zeigen von Körper, Geist und Seele!

Dieses Highlight lohnt aus Zuschauersicht den ganzen Abend. Immerhin!

Männliche Schüler des 6. bis 9. Ausbildungsjahres strotzen hier nur so vor solistischer Virtuosität, aber auch vor sinnlicher Gruppendynamik. Jungs und Fouettés, Jungs und Sprünge in der Manège, Jungs als Pulk, der sich wie ein einziger Organismus blitzschnell in klassischen Steps über die Bühne schiebt. Wow!

Die Musik ist nicht mal besonders gut, sie stammt von Daft Punk und ist eher beliebiges Gesumse mit Techno-Rhythmen. Aber das stört nicht weiter, denn der Tanz reißt mit.

Das also ist hier möglich! Warum nur so spät und warum nur in diesem Stück?

Heike Keller, Christoph Böhm und Alessandra Pasquali haben bei der Einstudierung und Probenleitung endlich ganze Arbeit leisten können!

Maßgeschneidert passt das Werk sogar zu den hervorstechenden Tugenden der jeweiligen Jungmänner. In weißen T-Shirts zu einfachen Blue Jeans rockt hier das echte Tänzerleben.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Best Boys of Berlin! Und alle ernsthaften Zuschauer:innen haben Glück gehabt, ihren tollen Tanz zu sehen. Auf der Gala 2022 der Staatlichen Ballettschule Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Das tänzerische Leitmotiv mit kleinen, vorwärts drängenden Sprüngen wird von Pirouettenhighlights und großen Sprüngen ergänzt, aber auch von originellen Artistik-Elementen sowie solchen aus dem modernen Tanz.

Das Prinzip des sportlichen Wettbewerbs aus dem Titel („Besser, schneller, stärker“) wird hier ironisch leicht genommen und zum Sinnbild kreativer Freundschaft. Viel stärker als Rivalität sind darin Solidarität und Teamgeist erkennbar. Famos!

Und auch wenn akrobatische Bewegungen darin enthalten sind: Gerade sie können eben auch zu Tanz werden, wenn der Kontext stimmt.

Umgekehrt kann jede Ballettübung zu reiner Technik verkommen, wenn sie falsch gelehrt und ausgeführt wird.

Wer glaubt, die Technik im Ballett sei nur Technik, liegt eben falsch.

Das wissen die wahren Profis und vor allem Profi-Ausbilder, aber an der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin hat es sich noch immer nicht genügend herumgesprochen.

Paradoxerweise waren die Schulaufführungen zu Zeiten der heute geächteten Leiter Ralf Stabel und Gregor Seyffert weitaus besser, auch von mehr Freude der jungen Tänzer:innen gekürt. Die überaus harte Umgangsweise, die sie mit ihren Schützlingen pflegen ließen, zeitigte eine so strikte Auslese, aber auch Motivation, dass die extremen Auswüchse dessen nach außen nicht sichtbar waren.

Die Stars, die zur Gala in die Staatsoper geladen sind, werden nicht immer in ihrer Bedeutung für die Schule erklärt.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Polina Semionova auf der Gala 2022 der Staatlichen Ballettschule Berlin. Sie verströmt einfach immer gute Laune, auch wenn das Latex-Solo nicht ganz zum Schulthema passte. Foto: Gisela Sonnenburg

Polina Semionova ist jedenfalls nicht nur da, weil sie ein Star ist, sondern weil sie schon einige Jahre lang viel beachteten, wenn auch seltenen Unterricht als Honorarprofessorin an der „Staatlichen“ gab. Warum sagt das die Moderatorin nicht? Vermutlich weiß sie es nicht, denn die Texte, die sie abliest, müssen ja auch nicht von ihr stammen. Aber blöd ist es doch, wenn Polina nur als Saalfüller angekündigt wird und nicht als das, was stimmt: Sie hat einige begabte Schüler:innen durch Unterricht mit geprägt.

Wenigstens darf sie tanzen, wenn auch – wie schon geschildert – nicht ganz ungestört. Ihr Solo „Cinque“ von Mauro Bigonzetti ist ein Puzzleteil aus einer fünfteiligen Soloreihe (darum „Cinque“, was auf italienisch „Fünf“ heißt), und zu elegischer Barockmusik zelebriert Polina einen speziellen, erotischen, masochistisch angehauchten Solo-Charakter im schwarzen Latex-Tutu zu Spitzenschuhen mit elegant-modernen Verbiegungen des Leibs.

Ehrlich: Es passt nicht auf eine Schul-Gala, so etwas zu zeigen.

Der Zauber ihres Tanzes wird dennoch normal empfindsame und nicht völlig verrohte Zuschauer:innen fraglos erreicht haben. Brava!

Aber fürs kindliche Auge dürfte hier nicht viel spannend gewesen sein.

Das zweite Starteam des Abends hat Zukunftshintersinn in Berlin:

Katja Wünsche, die von 1991 bis 1999 an der Staatlichen Ballettschule studierte und heute bei Christian Spuck in Zürich Erste Solistin ist, kam mit Cohen Aitchison-Dugas, um ein Pas de deux von Spuck zu einer Nocturne von Frédéric Chopin zu zeigen. Tiefe Gefühle sind ja leider nicht mehr die Spezialität in Spucks jüngeren Choreografien, aber wer es abwechslungsreich und akrobatisch stimmig mag, findet an seinen Arbeiten unbedingtes Vergnügen.

Kommt Christian Spuck nach Berlin ?

Christian Spuck war 2017 Jury-Mitglied beim Prix de Lausanne, und 2019 war er Preisträger beim Prix Benois de la Danse in Moskau. Ein echter Kenner und Könner des Balletts – und er wäre für Berlin ein absoluter Zugewinn. Faksimile von der Homepage vom Prix de Lausanne: Gisela Sonnenburg

Christian Spuck ist der designierte kommende Ballettintendant vom Staatsballett Berlin, darum wird er hier von der Moderatorin hofiert und durfte auch im Programmheft schon mal Laut geben. Aber er ist eben nicht verantwortlich für die Schule, die in Berlin eben nicht der Company angegliedert ist. Vielmehr gibt es derzeit ein Mentorship-Modell, um eine regelmäßig Kooperation zu garantieren – ob solcher Einzelunterricht einiger Auserwählter ausreicht, wird die Zukunft zeigen.

Letztlich fehlt den Kids die Erfahrung, vor Publikum zu tanzen – und da waren Produktionen wie „Der Nussknacker“ von Vasily Medvedev und Yuri Burlaka sowie „La Bayadère“ von Alexei Ratmansky beim Staatsballett Berlin einfach Gold wert!

Mit „About us“ („Über uns“) von Co-Schulleiter Kelvin O. Hardy, der seit nunmehr dreißig Jahren an der Schule lehrt, und zwar modernen Tanz, wofür ihn noch Martin Puttke akquirierte, endet dann der Abend. Puttke war übrigens nie ein Fachmann für modernen oder Contemporary Dance, sondern immer nur für klassisch-russischen Tanz.

Und leider hat Hardy ein choreografisches Niveau, das man getrost als bemüht und provinziell bezeichnen darf. Es ist nicht wirklich schlecht, was er anbietet, aber auch nicht wirklich gut. Die Kids strengen sich mächtig an, das sieht man – aber berühren können sie nicht.

Die typisch akademische Handschrift, die Hardys Stücke so langweilig und seicht macht, ist beliebig bekannt von anderen nicht eben brillanten Ausbildungsstätten im In- und Ausland – eine intensive Kommunikation der vielen Darsteller:innen auf der Bühne findet dabei eben nicht statt.

Gute Lehrer:innen für modernen Tanz oder Contemporary sind nämlich noch schwerer zu finden als für klassischen Tanz.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Glück beim Applaus für alle, auch für die jungen Tänzer:innen von „About us“ von Kelvin O. Hardy auf der Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin 2022. Foto: Gisela Sonnenburg

In Hardys Fantasie-„About-us“-Stück müssen die Kids mit Tüchern wedeln – übrigens äußerst ungeschickt – und mit im Schwarzlicht leuchtenden Stangen wie mit Schwertern hantieren. „Star Wars“ lässt grüßen – aber Sinn macht das Ganze nun mal leider gar nicht. Es ist wirklich peinlich.

Und das betrifft den gesamten Abend: Man will hier hervorstechen und sich toll fühlen – und kommt doch geistig über Kindergartenniveau nicht hinaus.

Wenn immer nur das Denken à la „Wir wollen was Besonderes sein“ vorherrscht, dann kommt eben genau so etwas dabei heraus.

Gekünstelte Effekte statt seelenvoller Tanzkunst – das scheint die Dauerschiene, das Dauerproblem der Staatlichen Ballettschule Berlin zu sein.

Staatliche Ballettschule Berlin feiert 70-jähriges Bestehen

Noch eimal der eigentliche Höhepunkt des Abends: Die Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin beim Applaus für „Better, Faster, Stronger“ von Giorgio Madia. Foto: Gisela Sonnenburg

Man muss dazu unterstreichen, dass ehemalige Schüler wie Victor Caixeta als fast fertige Tänzer:innen von den Geldern des Fördervereins gekauft werden, damit sie ein oder zwei Jahre noch an der Schule dienen, bevor sie ins Berufsleben starten.

Man kann diese Schüler dann als Berliner Schüler ausgeben, obwohl sie schon fast fertig waren und alle Grundlagen ganz fantastisch ganz woanders gelernt haben, bevor sie in Berlin überhaupt antraten.

Da ist die „Staatliche“ nicht die einzige Profi-Schule, die diesen Trick anwendet. Es ist nur schade zu sehen, dass für Berliner Kinder wahrscheinlich noch immer kein tragfähiges Konzept existiert.

Kids wie Elisabeth Tonev, die im Alter von zehn Jahren an die Staatliche kam und dennoch erfolgreich Profitänzerin im Ballett wurde, sind eher die Ausnahme.

Das ist hart, aber man sollte es nicht verschweigen.

Einen eigenen sinnvollen Weg zu gehen – davon scheint die „Staatliche“ heute noch weit entfernt.
Gisela Sonnenburg

www.ballettschule-berlin.de

 

 

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