
Lea Grundig hielt auf diesem Linolschnitt fest, was Politik machen sollte: nicht aussperren, sondern diskutieren. Die „Diskussion zwischen KPD- und SPD-Arbeitern“ stammt von 1931. Faksimile aus dem Katalog „Lea und Hans Grundig in der Asso“, Hrsg. Maria Heiner, Dresden, 2025 (ISBN 978-3-941209-96-1)
„Ändere die Welt, sie braucht es!“ Das befahl uns einst Bertolt Brecht. Aber ist die Welt überhaupt zu ändern? Zumindest sind es die Lebensumstände von Frauen – dafür ist die Jugend der späteren Künstlerin Lea Grundig ein Beispiel. Vierzig Linolschnitte von ihr und ihrem Ehemann Hans Grundig, beide hervorragende Vertreter des Expressionismus, sind in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin-Mitte ausgestellt. Sie entstammen zumeist den Jahren 1929 bis 1931 und zeigen Deutschland in der Krise der Weimarer Republik: als soziale Spaltung und Ungerechtigkeit das Land bestimmten.
Da ist ein Foto von Lea Grundig beim Arbeiten. Ihr Gesicht ist konzentriert, man erkennt harmonische Linien – wie in ihren Werken. Sie wurde 1906 als Kind des jüdischen Kaufmanns Langer in Dresden geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste Dresden. Ab 1926 kannte sie ihren Partner im Leben, Lieben und auch Leiden, Hans Grundig. Beide traten in die KPD ein und fertigten ihre Kunst im Sinne eines sozialen Weltbildes. Der Mensch und die Kritik an der Gesellschaft stehen bei ihnen im Mittelpunkt.
Aber Leas Vater schickte die nicht Volljährige noch 1926 nach Heidelberg: um sie Hans und auch den linken Freunden zu entfremden. Umsonst. Leas Liebe zu beiden war sehr stark.
1928 heirateten die Grundigs – und konnten bald den Dresdner Ableger der „Asso“, der „Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands“ gründen. Die Werke in der Maigalerie waren denn auch letztes Jahr unter dem Titel „Lea und Hans Grundig in der Asso“ in Dresden zu sehen. Einer Freundin und Förderin von Lea Grundig, nämlich der Dresdner Ärztin Maria Heiner (die dankenswerterweise auch ein online stehendes Werkverzeichnis zu Lea Grundig erstellt) ist es zu verdanken, dass diese Bilderschau überhaupt stattfinden kann. Sie eint Werke aus Heiners Besitz mit solchen aus der Tessiner Sammlung von Sonja Salati.

„Mond“ – schlicht und doch stark metaphorisch mutet dieser frühe Linolschnitt von Lea Grundig aus dem Jahr 1929 an. Faksimile: Gisela Sonnenburg (nach dem oben genannten Katalog)
Die Drucke bieten Kontrast, Dramatik, Bildspannung. Und: Klare Konturen, klare Statements. Hans Grundig, 1901 als Sohn eines Dresdner Malermeisters geboren, wollte Kunst schaffen, die sowohl an der Wand als auch als Illustration taugt: für Presseerzeugnisse, für Flugblätter, für Plakate.
Wir sehen Kids, sie kämpfen ums Überleben. „Das Elend der Kinder“ heißt ein Werk von Hans, „Kinder der Großstadt“ ein anderes. Ein Bub ist zu sehen, dann ein Mädchen. Beide haben große, verloren wirkende Augen in den zarten Gesichtern. Der Junge schaut uns eindringlich an. Hinter ihm scheint die Straße sich zu bewegen, zu rasen, sie wirkt schattenlos und surreal. Fabrikgebäude und Schlote reichen bis in den Himmel, wo Wolkenlinien den Mond gefangen halten.
Das Mädchen bewegt sich an einem schneereichen Wintertag auf ebenfalls suspektem Weg. Diese Kinder haben keine glückliche Jugend, auch wenn das Mädchen die Puppe so fest im Arm hält, als sei sie lebendig. Außer einem leidvollen Leben wird diesen Menschenkindern nichts versprochen.

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Dabei kennen manche von denen, für die sie stellvertretend stehen, schon den Tod des Vaters. Etwa durch ein Grubenunglück, wie ein Linolschnitt zeigt. Die Verhältnisse in der Weimarer Republik, die nur für die Reichen ein goldenes Zeitalter war, werden deutlich. Lea Grundig fertigte 1929, im Jahr der Wirtschaftskrise, die „Straße im Arbeiterviertel“: Wir sehen einen Jungen mit frustriertem, aber nicht resigniertem Gesicht an uns vorbeilaufen. Während eine Mutter ihr Kleinkind an der Hand führt und uns ihren gebeugten Rücken zudreht. Fabrikschlote beherrschen auch hier den Himmel.
Lea Grundig war früh von Otto Dix beeindruckt. Ihre Arbeiten erinnern dann an Käthe Kollwitz einerseits und an Karl Schmidt-Rottluff andererseits. Auch Schmidt-Rottluff erstellte übrigens Linolschnitte, und von Erich Heckel, der mit Schmidt-Rottluff zusammen in der Künstlergruppe „Brücke“ wirkte, stammt sogar der erste Linolschnitt überhaupt (von 1903).
Ein frühes Werk von Lea in der Linolschnitttechnik heißt „Mond“, und es zeigt eine Landstraße bei Nacht. Bedrohlich ziehen darüber die Wolken auf. Kahle Bäume biegen sich im aufkommenden Sturm. Bildnerisch wirken sie, als zeigten sie Fluchtbewegungen. Hier spürt man die künstlerische Ahnung des Greuels der nahenden Nazi-Diktatur.
1930. Noch schreiben Kinder zur Weihnacht „Wunschzettel“. Hans Grundig zeigt sie. Dazu die ratlose Mutter. Lea Grundig fertigte schon 1929 das Portrait „Jugendliche Arbeitslose“: ein kreuzunglückliches Fräulein. Das „Mädchen mit Schal“ hat im Winter keinen Mantel. Nur den Schal. Tapfer schaut sie drein. Tapfer mussten auch Lea und HansGrundig sein, denn beide wurden von den Nazis verfolgt, verboten, fast vernichtet. Die „Asso“ wurde, wie die KPD, schon 1933 verboten. Auch die „Brücke“-Künstler wurden dann von den Nazis verboten.
Lea konnte sich, nach etlichen Verhaftungen, nach Palästina retten. Hans geriet ins KZ Sachsenhausen, dann ins Außenlager Berlin-Lichterfelde. Dann wurde er noch an die Ostfront geschickt, wo er zu den Sowjets überlief. Später, in der DDR, wurden die Grundigs geehrt. So erhielt Lea 1958 den Nationalpreis II. Klasse der DDR, gemeinsam mit ihrem an den tuberkulösen Folgen des KZ-Aufenthalts verstorbenen Mann. Sie war außerdem Mitglied der Akademie der Künste und sogar Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler der DDR. Sie erhielt den Ehrendoktor der Universität Greifswald und nahm an durchaus wichtigen Ausstellungen teil. Bis zu ihrem Tod 1977 war Lea hoch geachtet.
Ihre Linolschnitte zeigen, wie aus Kindern Leute werden können. Sie werden nicht nur durchs Altern erwachsen, sondern auch durch politisches Engagement. 1931 zeigt Lea die „Diskussion zwischen KPD- und SPD-Arbeitern“: Der Kommunist reckt den Zeigefinger in die Höhe, will argumentativ den Weg weisen. Sein Kontrahent von der SPD hält beschwichtigend die Hand flach. Leas „Streikende vor Fabrik“ tragen indes keineParteiabzeichen: Solidarität soll keine Parteigrenzen kennen. Leas „Trümmerfrau“ von 1953 ist dazu eine Kontrastfigur. Sie steht für die Hoffnung weiblicher Kraft.

Hans Grundig setzte seine Hoffnungen auch in die Jugend. „Lernender Arbeiterjunge“ heißt sein Linolschnitt von 1930. Faksimile: Gisela Sonnenburg (nach dem Dresdner Katalog siehe oben)
Hoffnung hegte Hans Grundig schon 1930. Sein „Lernender Arbeiterjunge“ wirkt so redlich, dass man ihm sein Ziel, als Studierter die Welt zum Besseren zu ändern, schon im Kindesalter ansieht. „Die Spinnerin“ steht dagegen stoisch in der Nachtschicht am Webstuhl. Heinrich Heine kommt einem in den Sinn: „Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch“, heißt es in den „Schlesischen Webern“.
Lenin mit zupackender Gestik – das ist der deutlichste Fingerzeig von Hans. Die Armut, den Suff, den Suizid, die blutige Niederschlagung einer Demonstration durch berittene Polizei hat er ebenfalls im Bilderreigen.
Bei den Grundigs wird Tacheles gesprochen: Denn eine Gesellschaft, die sich nur um ihre oberen sozialen Schichten oder nur noch um die Gewinner im Spiel der Mitläufer sorgt, wird keine Garantien für eine positive Entwicklung geben können. Erleben wir das nicht gerade im Jahr 2026?
Gisela Sonnenburg
„Lea und Hans Grundig“: Jeden Donnerstag, 13 bis 19 Uhr, ist geöffnet, bis 17.04.26, in der Maigalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin