Vom Küssen ohne Maske Ksenia Ovsyanick und Cameron Hunter als neues Titelpaar in „Romeo und Julia“ von Nacho Duato beim Staatsballett Berlin

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Jubel beim Schlussapplaus nach „Romeo und Julia“ von Nacho Duato am 20. Juni 2018 in der Staatsoper Unter den Linden: Ksenia Ovsyanick und Cameron Hunter als ein weiteres Dreamteam beim Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Küsse schmecken, wenn man verliebt ist, so süß wie ein ganzer Garten voll reifer Erdbeeren, Kirschen und Pflaumen, und sie duften nach Jasmin, Ylang Ylang und natürlich Rosen. „Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.“ Das sagt Julia bei William Shakespeare in seiner herzzerreißender Tragödie „Romeo und Julia“. Im gleichnamigen Ballett von Nacho Duato beim Staatsballett Berlin (SBB) tanzt jetzt die Primaballerina Ksenia Ovsyanick diese Titelpartie. Und ihr Körper, ihre Mimik, ihre Bewegungen, ihre Hände, ihre Füße, ihr Augenspiel – alles ist so beredt, als würde sie Shakespeares Text in einer anderen, eigentümlich sinnlichen, aufregend schönen Sprache referieren. Mit dem jungen Cameron Hunter, der mit Wuschellocken und anmutiger Burschenhaftigkeit eine klassische Typbesetzung abgibt, steht ihr ein Romeo zur Seite, der zu der bekannten, hoch emotionalen Musik von Sergej Prokofjew sowohl munter-clownesk als auch tödlich passioniert vorgehen kann. Wieder hat das SBB also mit Ovsyanick-Hunter ein neues Dreamteam auf der Bühne – die Wandelbarkeit der Berliner Tänzerinnen und Tänzer muss bei dieser Gelegenheit allgemein mal ausdrücklich gelobt werden!

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Ein fantastisches Ensemble beim Schlussapplaus nach „Romeo und Julia“ in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Gisela Sonnenburg

Denn auch die weiteren Solisten sowie das ganze Ensemble haben die Aneignung der modernen, dennoch auch schwelgerisch-romantischen Choreografie seit der Premiere vor nur wenigen Wochen in der Staatsoper Unter den Linden weiter fort betrieben – und sie strotzen nur so vor Präzision, Spielfreude, technischer Finesse und expressiver Ausdruckskraft.

Allen voran Vladislav Marinov, der auch bei der jüngsten Uraufführung des Stücks „was bleibt“ von Gentian Doda so tänzerisch brillant wie bühnenpräsent ins Auge stach. Hier tanzt er den Mercutio, jenen Freund Romeos, der ein formidabler Spaßmacher ist und dennoch einen besonders grausamen Tod stirbt.

Doch zuvor vollführt er Spaßsprünge jeden Formats – und dreht jedem eine lange Nase, der seinem Schalk nicht zuvor kommt. Unter sich albern die jungen Kumpels hier aber ohnehin viel herum, fantastisch ist das anzusehen.

Der hohe Grad an Lebendigkeit verführt dazu, jede verbleibende Gelegenheit wahrzunehmen, um das Stück noch einmal anzusehen. Denn kommende Saison verschwindet es ja leider schon wieder vom Spielplan.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Applaus mit Dirigent: Pedro Alcalde (im schwarzen Frack) mit dem Staatsballett Berlin – mittig: Ksenia Ovsyanick und Cameron Hunter, ganz rechts: Vladislav Marinov – nach „Romeo und Julia“. Foto: Gisela Sonnenburg

Aber nicht nur das Ansehen, auch das Anhören lockt herbei: Pedro Alcalde entlockt der Staatskapelle Berlin bewusst zarte Diminuendi, er kann in den höchsten Lagen ganz weich verzögern, bevor er mit den dramatischen Rhythmen in die Vollen geht.

Der 59-jährige Spanier hat übrigens nicht nur Musik drauf, sondern auch ein Studium der Philosophie absolviert, was man, wenn man spitzfindig sein will, sogar hören kann. Er promovierte musikwissenschaftlich und philosophisch über „Don Giovanni“, Mozarts Oper.

Und ist es nicht eine Idee von Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814), die sich in Prokofjews Partitur ihren Weg bahnt, wenn das melodiöse Liebesmotiv sich noch in den traurigsten Momenten zu ungeahnten Höhen aufschwingt? Fichte formulierte als Erster die Idee vom absoluten Ich, also von der (wenn auch verkappten) radikalen Subjektivität, welche Grund allen menschlichen Seins, Fühlens und Handelns sei. Nur das Ich kann demnach erfassen, begreifen, denken, planen, handeln – und lieben!

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Ein Handkuss gehört dazu: „Romeo und Julia“ alias Cameron Hunter und Julia Ovsyanick alias Julia nach Ovsyanicks Rollen-Debüt am 20. Juni 2018 beim Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Die erotisch inspirierte Liebe zu einem anderen menschlichen Wesen entspricht insofern dem idealistischen Konzept, als sie zwar einerseits grenzenlos egoistisch macht (gibt es ichbezogenere Menschen als Verliebte es sind?), andererseits aber die Welt mit ihrem Gefühl umspannt und alle kreativen und fruchtbaren Energien in eine einzelne Person projiziert.

Wenn Romeo und Julia sich hier erstmals treffen, trägt er ein Narrenkostüm in Schwarzweiß und eine goldene, mit kleinen Teufelshörnern versehene Maske.

Der Australier Cameron Hunter tanzte in Melbourne bereits den Puck in Frederick Ashtons Shakespeare-Ballett „The Dream“ (das im März diesen Jahres beim Semperoper Ballett in Dresden premierte, siehe hier).

Dieses schelmische Element hat er sich bewahrt, und nach fast zwei Jahren in Berlin beherrscht er auch den geschmeidig-eleganten choreografischen Stil von Nacho Duato ganz hervorragend. Als Romeo Montague hat er zudem die naiv-stürmische Leidenschaft eines ganz jungen verliebten Mannes sehr glaubhaft anzubieten – und dass er hier im Narrenkostüm auftaucht, macht die Rolle erst recht verspielt und delikat.

In sensationell aufrechten Pirouetten, gern auch mit veränderlichen Ports de bras dabei und sauberen lautlosen Landungen, zeigt er, was für ein Mannsbild er derweil unter der Fassade des Clowns ist.

Wenn er über den Boden tollt wie ein Hund oder ein wölfisches Wesen, gibt er Julia aber auch Anlass zu ganz einfachen Fantasien, die an die friedlichsten Ursprünge der Menschheit erinnern.

Schließlich zaubert er ihr eine tiefrote Rose in eine zuvor leere Schatztruhe und überreicht ihr das traditionelle Liebes- und Ehrerbietungssymbol. Oh, da ist sie ja schon sehr angetan!

Doch noch kennt Julia von ihrem Galan nicht das Gesicht. Küssen mit Masken ist derweil unmöglich! Die frisch Verliebten müssen warten und sich weiter mit anderen körperlichen Sinnen kennenlernen, bevor sie allein und ungestört sind.

Und zuvor wird sie ausgerechnet von Cousin Tybalt, dem Eifersüchtigen, erwischt, beim heißen Flirten mit Romeo… Es ist schon klar, dass die Liebe der beiden Titelfiguren keine Zukunft haben wird.

Bis zum bitteren Ende wird aber gehofft und gebangt, geliebt und versucht, aus der Liebe ein Leben mit Perspektive zu schmieden.

Die Tänze bis zum blutigen Schluss sind denn auch alles andere als langweilig; ein durchweg hervorragend beprobtes Ensemble erlaubt zudem Freude an volkstümlich inspirierten Hebungen, an wilden Tänzen mit Requisiten, an synchronen Freundes- und Paarkombinationen.

Und schauervolle Ahnungen beschleichen einen anhand der fast gruseligen, so handfesten getanzten Machtdemonstrationen der Capulets, also Julias patriarchaler reicher Familie.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Referenzen der beiden Hauptdarsteller voreinander gehören auch dazu: zu einem feinen Schlussapplaus. Hier beim Staatsballett Berlin nach „Romeo und Julia“ am 20. Juni 2018. Foto: Gisela Sonnenburg

Der „Tanz der Ritter“ ist hier vor allem ein Männertanz, er ist aber durchzogen von Paartanz-Elementen und schließlich auch gemischtem Gruppentanz. Weniger ritualisiert als in der weltbekannten Version von John Cranko – die kommende Spielzeit beim SBB wieder getanzt werden wird – haben die Ritter und ihre Partnerinnen aus dem Hause Capulet bei Nacho Duato eine Rückbindung an die Gesellschaft, in der sie leben. Sie sind keine reinen Repräsentanten, sondern lebendige Figuren.

Und dann endlich sieht Julia ihren Romeo ja auch mal ohne Goldmaske – und der erste Kuss schmeckt sichtlich nach jenem Sommergarten, der uns auch fürs Paradies verheißen wird.

Cameron Hunter weiß Ksenia Ovsyanick auch etwas später in der berühmten Balkonszene zu heben, als sei er für sie gemacht. Schwungvoll legt er sein Cape ab, tanzt ein hinreißendes Solo für sie – und aus diesem wird alsbald ein verliebter Pas de deux, der von tiefer Schwermut bis zur höchsten Leichtigkeit alles beinhaltet, was Menschen nur miteinander teilen und sich erträumen können.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Alle sind gerührt und happy: Schlussapplaus nach „Romeo und Julia“ mit Ksenia Ovsyanick und Cameron Hunter. Foto: Gisela Sonnenburg

Mit scheinbarer Einfachheit führt er sie in stylischen Posituren auf seinen Schultern über die Bühne, und sie genießt das Glück obenauf, als sei es für die Ewigkeit ersonnen.

Dabei ist gerade diese Liebe zum Tode verurteilt, von Beginn an. Und so viele Inszenierungen es von „Romeo und Julia“ seit 1597 auch bis heute gibt – es ist wohl keine ernstgemeinte dabei, die die beiden Liebhaber leben lässt.

Zu verschärft sind die Bedingungen, unter denen sie sich kennen und lieben lernen.

Ihre Familien sind sich spinnefeind, und in Nacho Duatos Inszenierung kommt ein veritabler Unterschied der gesellschaftlichen Schichten der beiden dazu. Romeo entstammt hier nämlich der einfachen Bevölkerung, während Julia eine Hochwohlgeborene ist.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Federico Spallitta, ganz links im Bild, und das Staatsballett Berlin mit Ksenia Ovsyanick und Cameron Hunter in der Mitte beim Schlussapplaus nach „Romeo und Julia“. Foto: Gisela Sonnenburg

Und ihr Cousin Tybalt – ganz fantastisch getanzt und gespielt von Federico Spallitta – macht ordentlich Stunk. Er ist aggressiv und an einer Vormachtstellung interessiert, eifersüchtig bewacht er seine Machtposition ebenso wie die seiner Familie. Julia wird von diesem Zerberus selbstredend nicht behandelt wie ein Mensch mit eigenen Rechten und Ansprüchen, sondern wie ein Dominostein oder auch ein Stück Familienbesitz.

Sie soll gehorchen und den braven Edelmann Paris ehelichen, den Olaf Kollmannsperger mit entprechend wohlerzogener, freundlich-argloser Miene tanzt.

Paris hielte es denn auch niemals für möglich, dass sich zwischen seiner ehrwürdigen Verlobten und diesem daher gelaufenen Burschen im Narrenkostüm etwas abspielt!

Seine Blindheit für die Belange seiner Braut wird ihn später noch sogar das Leben kosten…

Vorerst aber gelingt es Romeo und Julia, heimlich im Lichtschatten einer Kapelle zu heiraten und anschließend in Julias Jungmädchenstube eine vollauf beglückende heiße Liebesnacht zu verbringen.

Zwischen heimlicher Eheschließung und ebenso heimlicher Hochzeitsnacht liegen jedoch Stunden, die das Ende der beiden im Grunde bereits besiegeln.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Solisten und Ensemble werden zurecht bejubelt: beim Schlussapplaus nach „Romeo und Julia“ von Nacho Duato in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Gisela Sonnenburg

Denn auf dem Marktplatz, der im Bühnenbild von Jaffar Chalabi (der es laut Programmzettel nach Carles Puyol und Pau Renda kreierte) aussieht wie das Raumschiff Enterprise von innen, ereignen sich Kämpfe und Malheure: Mercutio wird von Tybalt immer wieder provoziert, sie geraten solange aneinander, bis Mercutio Tybalt ins offene Messer läuft. Wörtlich. Hoch dramatisch stirbt er – nachdem er zunächst noch versuchte, so lange wie möglich standhaft zu bleiben.

Selbst im Sterben versucht er noch, ein Schwert aus der Rückenlage emporzuschwingen – umsonst. Der Tod ist stärker.

Romeo, dessen bester Freund Mercutio war, ist fassungslos. Empört. Ergriffen. Nicht mehr er selbst.

Er, der zuvor mehrfach versucht hatte, den Zwist zwischen den beiden Streithähnen zu schlichten, wird jetzt selbst zum Aggressor.

Es ist ein Racheakt wie aus dem Bilderbuch, im Affekt, aber nicht ohne Kalkül.

Und Romeo ersticht den Cousin seiner Frau – mit dieser Mordsache wird er nicht durchkommen, das weiß er, auch wenn sonst niemand weiß, dass er mit Tybalts Cousine seit einigen Stunden verheiratet ist.

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Aurora Dickie als Lady Capulet, also als Julias Mutter, rastet jetzt wunderbar vor Trauer aus.

Ihr Klagetanz über den verlorenen Nachfolger als Familienoberhaupt hat absolutes Weltniveau – und das SBB kann froh sein, über eine Solistin mit so viel intensivem Potenzial zur Rollengestaltung zu verfügen.

Gemeinsam mit Alexej Orlenco als Lord Capulet bildet sie ein wahres tänzerisches Denkmal, gebaut aus Trauer, Wut und doch viel Disziplin.

Trauer in höchst eleganter Vollendung ist nun mal nicht dekadent, sondern extrem glaubhaft.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Aurora Dickie und Alexej Orlenco tanzen die Capulets – mit Power! Rechts hinter ihnen Gregor Glocke, Nachwuchstalent beim SBB, und Sarah Mestrovic, Solistin beim SBB. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Romeo muss fliehen. So oder so. Es war Mord, nicht Notwehr – und niemand würde ihm hier in dieser veronesischen Klassengesellschaft mildernde Umstände einräumen wollen. Er hat nichts anderes zu erwarten als die Verbannung oder noch Ärgeres.

Zuvor aber riskiert er für die Liebesnacht mit seiner Gattin alles, und entsprechend leidenschaftlich dürfen wir uns das erotische Geschehen zwischen den beiden jungen Leuten vorstellen, als Julia am frühen Morgen in Romeos Armen erwacht.

Aus ihrem schlaf- und glückstrunkenen Solo wird ein liebestrunkener Paartanz, der dennoch die Ahnung des Abschieds in sich trägt.

Als Julia sich vor der drohenden Ehe mit dem gut erzogenen Paris grault, ohne jedoch ihrer Familie zu bekennen, dass sie den Mörder ihres Cousins heimlich kirchlich geheiratet hat, sich ein Schlafgift holt, um durch scheinbaren Tod der gesellschaftlich motivierten Zwangsehe zu entkommen, hat sie Ängste bis zur Geistererscheinung.

Zwei Jünglinge, ihrem Romeo nicht ganz unähnlich, sorgen für ein Hin und Her ihrer Gefühle…

Dann trinkt sie das Gift. Und scheint bereits zu sterben, ihr Körper geht in den Zustand des Scheintodes über, mit über die Bettkante geworfenem Oberkörper und am Boden schleifenden Arm. Ach. Die Arme!

Die Amme (sonst in dieser Rolle eher zurückgenommen, jetzt passend laut: Julia Golitsina) schreit denn auch opernhaft auf, als sie das Mädchen so findet – und die leere Giftampulle dazu.

Dann nimmt das tragische Geschehen seinen Lauf.

Romeo darf sich noch in den seidenen Trauervorhang zur Gruft verhedder, als die Capulets dort einen Tanz mit Trauerfahnen aufführen.

Wieder bestechen Aurora Dickie und Alexej Orlenco mit formvollendeter Düsternis im Tanz.

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Dann bleibt Paris allein mit der aufgebahrten Scheinleiche. Bis Romeo flugs seinen Dolch zückt und den Rivalen absticht. Einmal ein Mörder – immer ein Mörder. Er glaubt, er habe keine andere Wahl. Paris ist völlig überrascht, kann sich nicht mal ansatzweise verteidigen. Das ist kein Kampf, das ist ein Abstechen.

Romeo, der Meuchelmörder. Die Liebe hat ihn zum Kriminellen gemacht, der nichts mehr zu verlieren hat.

Ein letztes Mal küsst er seine Julia. Ob er den Garten Eden noch einmal schmecken kann?

Ihre Lippen erwidern seinen Kuss ja nicht.

Fraglich, dass dieser Kuss noch ein großer Lustgewinn ist.

Romeo entscheidet sich für den Selbstmord. Was soll er noch fliehen, wozu? Er hat alles verloren: die Liebe, die Ehre, die Unschuld.

Als er sterbend hinabsinkt, ist die Musik ein sanfter Trost fürs Publikum.

Und als hörte Julia die Klänge, erwacht sie – um Sekunden zu spät, um sich und Romeo noch retten zu können.

Zuerst stellt sie fest, dass sie eingesperrt ist in dieser Gruft, vor der sie sich fürchtet. Sie kennt den Schleichweg ins Freie nicht, wie Romeo es tat.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Noch einmal ein Blick auf den Schlussapplaus nach „Romeo und Julia“ am 20. Juni 2018 beim SBB. Foto: Gisela Sonnenburg

Dann stolpert sie über die Leiche von Paris. Es ist entsetzlich.

Aber es kommt noch schlimmer. Sie entdeckt ihren geliebten heimlichen Gatten Romeo. Tot. Was ist das Leben jetzt noch wert?

Sie entscheidet sich, ihm ins Jenseits zu folgen. Sie ergreift den Dolch, den sie findet – sie legt ihn Romeo in die Hand, legt sich auf ihn und sticht sich in den Unterleib, dorthin, wo sie eigentlich die heiße Liebe empfangen wollte.

Was für ein armes Mädchen. Geld und Abstammung machen allein doch nicht glücklich, wenn die Herzenslust verboten wird!

Ksenia Ovsyanick rührt einen sehr, wenn ihre Julia, die am Anfang beim Tanz mit ihrer Familie noch ein kindhaft-störrisches Naturell zeigte, jetzt so reif und selbstbewusst und doch haltlos verloren in den Tod geht.

Romeo und Julia in einer Neubesetzung in Berlin

Ksenia Ovsyanick und Cameron Hunter: erschöpft von den Mammutpartien in „Romeo und Julia“ – und glücklich, weil die Vorstellung so gelungen war. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Sie ist ja eine First-Class-Ballerina, die in Weißrussland ausgebildet wurde und beim English National Ballet in London ihre Erfahrungen sammelte. In Berlin hat sie sich voll zu entfalten gewusst – und in den hübschen weißen Flattergewändern, die Angelina Atlagic für Duatos Romeo-Version entwarf, macht sie allemal eine wunderschöne Figur mit ihren pointiert agierenden, langen Beinen und dem wohlgeformt sich bewegenden Oberkörper einer Bühnengöttin.

Auf ein die beiden Familien Capulet und Montague versöhnende Ende, das William Shakespeare im Epilog seines Theaterstücks vorsah, verzichten übrigen die meisten Ballettversionen. So auch die von Nacho Duato.

Angesichts dieser edlen jungen Toten ist keine Aussöhnung mit der Welt mehr möglich. Menschlich gesehen, hatten sie einfach keine Chance. Schluchz.

Aber vielleicht lernt der Eine oder die Andere aus diesem bravourös getanzten Drama. Und frönt weniger dem Hass, dem Neid, der Eifersucht oder gar der Gier nach immer mehr Macht. Sie meinte der Philosoph Fichte nämlich nicht, als er den Begriff vom absoluten Ich erfand. Ganz heimlich kann man von diesen oft genug verschwiegenen Untugenden also doch bitte auch mal lassen. Vor allem, wenn man soeben „Romeo und Julia“ auf so noble Art hat sterben sehen.
Gisela Sonnenburg

Termine: siehe „Spielplan“

Lesen Sie hier auch die Rezension der Premiere mit Polina Semionova als Titelheldin!

www.staatsballett-berlin.de

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