Illusionen wie die Farbe Blau Das Ballett am Rhein mit „7“ von Martin Schläpfer und Musik von Gustav Mahler im Gepäck als Gastspiel beim Staatsballett Berlin

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Martin Schläpfer (3. von rechts) inmitten seiner Tänzerinnen und Tänzer vom Ballett am Rhein nach „7“ beim Schlussapplaus im Schiller Theater beim Gastspiel in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Das kleine Berliner Schiller Theater ist nicht mal ausverkauft. Und der Schlussapplaus wird zwar anerkennend, aber mit deutlich unter zehn Minuten nicht besonders lang sein. Das Berliner Publikum fremdelt ganz offensichtlich mit dieser Compagnie, wiewohl oder weil sie ihm vorab doch von so vielen Zeitungsfeuilletons mit unsinnigen Superlativen angepriesen wurde. Das Ballett am Rhein sei die „aufregendste Kompanie Deutschlands“, heißt es da von einem Berliner Kritiker – mit der so dümmlichen wie unnötigen Eindeutschung des Wortes „Compagnie“ anbei, was nicht die Tradition, sondern das Militärische vom Ballett betont. Aber der Wortfabulant wird von einer seiner Kolleginnen noch übertroffen: Das Ballett am Rhein sei im letzten Jahrzehnt „zur besten deutschen Ballettcompagnie“ geworden, trötet ein anderes unkundiges Berliner Kommerzorgan. Wiewohl man die betreffende Lobhudlerin noch nie regelmäßig beim Hamburg Ballett, beim Ballett Dortmund, in München, Dresden oder Stuttgart sah – wie also kommt sie zu dieser Behauptung? Den Beweis bleibt die Dame denn auch schuldig. Dafür assistiert ihr eine andere schreibende Mutti: Sie ortet mal eben ein „grandios auftrumpfendes Ensemble“ unter der Ägide von Chefchoreograf Martin Schläpfer. Was für eine routinierte Oberflächlichkeitsfabrikantin! Das Publikum hat da mehr Instinkt: Seit vielen Monaten ist das Gastspiel „7“ angekündigt, dennoch blieben viele Sitze leer.

Es scheint, dass alle begeistert sind von Schläpfers Kunst – nur das Publikum hält sich auffallend zurück.

Das ist übrigens nicht nur in Berlin, sondern auch anderswo so, wird aber von beflissenen Politikern und ihren anhängenden Lohnschreibern stets verschwiegen. Martin Schläpfer gilt überall als Erfolgsgarant – aber die nackten Zahlen verraten etwas ganz anderes.

Um hier mal einen nachweislich richtigen Superlativ anzubringen und vorab einen falschen zu korrigieren:

Das Ballett am Rhein mit „7“ von Martin Schläpfer und Musik von Gustav Mahler im Gepäck als Gastspiel beim Staatsballett Berlin

Der Choreograf beim Applaus – nach der „7“ am 11. April 2017 auf Gastspielreise nach Berlin ins Schiller Theater. Foto: Gisela Sonnenburg

Martin Schläpfer ist ein interessanter Choreograf, und seine Balletttruppe ist eigenwillig und spannend. Aber:

Das Ballett am Rhein ist ganz sicher nicht die beste deutsche Balletttruppe, dazu tanzt es einfach nicht gut genug. Nicht synchron genug, nicht auswärts genug, nicht graziös genug. Über Ausdruck lässt sich von mir aus streiten, über solche Fakten nicht.

Und auch hierüber lässt sich nicht streiten:

Das Ballett am Rhein ist mit fast 50 Tänzern dasjenige unter den großen Ballettunternehmen in Deutschland, das die wenigsten Aufführungen und auch das kleinste Spielzeit-Repertoire hat. Und zwar mit Abstand. Ein Bick in den monatlichen Spielplan hier im Ballett-Journal beweist das. Wenn schon Superlative, dann bitte diese hier!

Woanders, etwa beim Staatsballett Berlin oder beim Hamburg Ballett, hat man zehn oder sogar zwölf, manchmal sogar dreizehn und mehr verschiedene Abendprogramme pro Spielzeit auf der Liste. Man tanzt sie mehrfach die Woche, durchschnittlich zehn bis fünfzehn Mal pro Monat. Das Ballett am Rhein bedient hingegen zwar regulär sogar zwei Häuser und Städte (in Düsseldorf und Duisburg), schafft aber trotzdem nur etwa fünf Auftritte im Monat – und selten mehr als zwei verschiedene Abendprogramme.

Und das bei derzeit 46 TänzerInnen!

Das ist außerordentlich wenig und, wenn man so will, alles andere als leistungsstark.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Und noch ein Blick auf den schönen Applaus nach der Vorstellung im Schiller Theater: Das Ballett am Rhein mit Chefchoreograf Martin Schläpfer. Foto: Gisela Sonnenburg

Effizient kann man das erst recht nicht nennen – zumal Ballett an sich schon durch das tägliche Training, durch die notwendigen, sehr häufigen und zeitraubenden Proben und durch die enge Verzahnung mit anderen Künstlern (Orchestermusikern, Ausstattungsdesignern) eine ziemlich zahlungsintensive Kunst ist.

Man kann also nachweislich konstatieren: Das Ballett am Rhein ist objektiv gesehen eine ganz besonders leistungsschwache und insofern auch teure Balletttruppe.

Eine tänzerische Luxus-Truppe aus dem Rheinland, sozusagen…

Ist sie nun auch besonders gut? Tänzer sollten Schauspieler mit dem Körper sein.

Wir werden sehen.

7“ beginnt ohne Vorspiel, mit der Musik der siebten Sinfonie von Mahler.

Das Stück beginnt mit einem einzelnen, leidenden Tänzer, der sich bald männliche Gesellschaft zur Erholung und als Leidensgefährten holt. Das Stück endet nach neunzig Minuten mit einer Tänzerin, die auf Spitzenschuhen auf einem Hocker oder Mini-Tisch mit quadratischer Sitz- oder Stellfläche vorsichtig im Kreis zu trippeln versucht. Um sie herum befindet sich das Corps in Gehröcken, ebenfalls mit so einem Hocker bewaffnet; zuvor erinnerte ein rasches Rennen der Tänzer im Kreis an das Kinderspiel „Die Reise nach Jerusalem“ und auch an William Forsythes rasant-furiosen Schlussteil „Bongo Bongo“ von „Impressing the Czar“ (www.ballett-journal.de/semperoper-ballett-impressing-the-czar-rezension/ ).

Zwischendrin sorgt immer wieder das wolkenlose Blau des Bühnenhorizonts für Stimmung. Mal ist es blassblau, dann knallig-mittelblau, schließlich mischt sich ein Grauton darunter, der bald überwiegt. Das Blau des Himmels ist dann nur noch Illusion.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Freude beim Applaus nach der „7“ von Martin Schläpfer im Berliner Schiller Theater. Foto: Gisela Sonnenburg

Bühne und Kostüme von Florian Etti betonen ansonsten das Schwarz auf Anthrazit, das für eine bestimmte 90er-Jahre-Ästhetik prägend war. In diese Zeit rückt uns auch eine Hochhausfassade in Nahaufnahme, die zeitweise den blauen Horizont ersetzt.

Martin Schläpfer schöpfte seine „7“, die er nach der Ziffer der Sinfonie so nannte, ohne dieser Zahl oder einer anderen noch weitere Aufmerksamkeit zu schenken, übrigens 2013.

Die Information muss man sich, wie so vieles, aber selbst besorgen – die etwas angeberisch gestylten Druckerzeugnisse, die man vor Ort als Ballettbesucher hierzu erhält, enthalten mehr schwallenden Werbetext als nützliche Fakten.

Gustav Mahler schrieb jedenfalls seit 1904 an seiner in e-moll gehaltenen, fünfsätzigen Sinfonie, und zwar größtenteils unter starken Mühen, bis hin zur inneren Blockade. Nur für eine kurze Phase fühlte er sich beschwingt. Genau diese Phase zitiert der Programmfalter vom Staatsballett Berlin. Das ist dramaturgisch nicht nur sauber gearbeitet. Auch der Werbetext auf der Homepage vom Staatsballett ist, trotz hochtrabender Wortwahl, nicht immer richtig.

Aber wie dem auch sei:

1908 erfolgte die Uraufführung von Mahlers Sinfonie, die, wie auch Martin Schläpfer schon beim ersten Anhören des Werks ganz richtig bemerkte, zwar eindeutig von Mahler stammt und doch gar nicht für Mahler typisch ist. Aber so überhaupt nicht!

Ich darf das mal ausführen: Im Werkkanon von Mahler nimmt die „Siebente“ insofern eine besondere Stellung ein, als die häufig abrupten, als Kontrast und Antithese von Satz zu Satz eingesetzten Stimmungswechsel in Gustav Mahlers Sinfonien hier zur Gänze fehlen.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Ein Paar, typisch für den choreografischen Einsatz bei Martin Schläpfer: Die Dame ist etwas exaltiert und hat ausgeprägte Oberschenkelmuskeln. Der bei ihr liegende Herr passt auf den ersten Blick nicht ganz zu ihr. Aber wo die Liebe hinfällt… Foto vom Ballett am Rhein: Gert Weigelt

Die siebte Sinfonie ist ein einziger großer Fluss, ein Rausch, ein kongruentes Aneinander- und Ineinanderpassen – und, bei all den quertreibenden Bläsern darin, eine einzige große Fügung ins Schicksal, dem gegenüber das Aufbegehren nurmehr zur Lebensader, zum Lebensquell, nicht aber zum Lebenssinn herhält. All dies ist allerdings tragisch angelegt, darum auch die Tonart e-moll.

So ganz verstanden hat Schläpfer das indes nicht. Ihn interessieren lediglich die Einzelbauteile des Stücks. Da ist dann auch optisch mal was Folkloristisches, mal was Naturhaftes, mal was Pathetisches, mal was Impressionistisches vorhanden. Aber ein großes Ganzes ergibt sich beim besten Willen nicht.

Schläpfer setzt die wagnerianisch gefärbte Musik um, als sei er im Kindertheater. Manchmal ist die direkte Illustrierung sogar peinlich. Dabei legte Mahler großen Wert darauf, sich zwar zum Beispiel von der Natur inspirieren zu lassen, aber keineswegs Programmmusik zu komponieren. Diesen feinen Grat muss man bewandeln können oder ihm etwas Stichhaltiges entgegen setzen, wenn man mit Mahlers Musik arbeitet, ob auf der Bühne oder im Film. Das kann aber nicht jeder.

Was an anderer Stelle Witz haben mag – etwa das lauthals zischende Darstellen einer Lok durch drei Tänzer – wirkt hier vor dem Hintergrund der Mahler’schen Tragik wirklich abgeschmackt. Es ist auch weder absurd-grotesk inszeniert noch naiv-lustig. Und das gilt leider für das ganze Stück: Lauheit und Unentschiedenheit ist sein vorrangiger Ausdruck.

Wenn sich die ungleichen Paare finden – und das ist stets, so auch hier, ein wesentlicher Kern der Schläpfer’schen Choreografien – ist die Chance noch am größten, dass berührende Momente entstehen können.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Schwarz und Weiß, Hart und Zart: ein ungleiches Paar, aber typisch für die Paare in den Stücken von Martin Schläpfer. Auf dass es knistere… Foto vom Ballett am Rhein: Gert Weigelt

Ja, und das ist ein paar Mal auch der Fall!

Da tanzt ein dunkelhäutiger, muskelprotzender, richtig starker Mann mit einer weißhäutigen, etwas staksigen, dünnen Frau. Er wirft sie umher, etwas grob vielleicht, aber anscheinend will sie das.

Wird eine Beziehung daraus? Wird sie ihn zähmen oder wird er sie an sich binden können?

Aber nein.

Flugs tanzt sie schon allein ein Solo, selbstversunken, wie alle Soli hier ist es zu kurz, um wirklich Eindruck zu machen – aber ihr Ex-Partner kehrt alsbald schon mit Verstärkung zurück.

Jetzt sind die Männer zu dritt, das Licht geht aus; ist man im Darkroom für Heteros oder im liebeslüsternen Park?

Freie Liebe scheint das nicht zu sein, denn die Frau wird wüst ein paarmal hin- und hergeworfen und bleibt am Ende liegen. Die Männer gehen ihrer Wege. Eine Vergewaltigung sollte man so verharmlost aber auch nicht zeigen. Was also war das? Schläpfer wird es auch nicht wissen.

Wirklich famos ist allerdings mal wieder Marlúcia do Amaral.

Die moderne Diva und langjährige Muse Schläpfers taucht allerdings erst im vierten und fünften Satz auf, also gen Ende – ach, aber ihre Pas de deux mit einem zwei Köpfe größeren Partner und natürlich auch ihre kurzen Solopartien sind so mitreißend, so sinnlich, so körperlich eloquent dargeboten, dass sich der ansonsten auch langatmige Abend schon dafür lohnt.

Was wird das Ballett am Rhein nur ohne sie machen? Sie ist nicht mehr jung, einige Jahre wird sie noch tanzen, aber dann?

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Das ist nicht die „7“, aber das ist Bogdan Nicula, wie ihn Gert Weigelt allerbest fotografisch tanzportraitierte.

Man erinnert sich an Bogdan Nicula, einen hervorragenden Schläpfer-Tänzer, der im Sommer 2015 nach langer Krankheit starb (www.ballett-journal.de/ballett-am-rhein-bogdan-nicula/). Bogdan hatte ein unverwechselbares, sehr prägnantes Flair, er war der Puck, der Irrwisch, das niedliche Teufelchen, aber auch der gutmütige Elf in Schläpfers Riege. Er hat keinen Nachfolger, niemand kann ihm das Wasser reichen – und die Choreografien, die er kreiert hat, leiden darunter.

Auch hier, in der „7“, ist eine Figur, die eindeutig von Bogdan Nicula kreiert wurde. Rückwärts tänzelt dieser Junge auf allen Vieren von rechts auf die Bühne, zappelt, macht Faxen, ist dennoch von unerhörtem Ernst dabei – und man muss sich vorstellen, wie das ursprünglich mal aussah, denn der Tänzer, der die Rolle heute tanzt, kann Nicula nicht das Wasser reichen.

Ähnlich wird es wohl mit Marlúcia do Amaral gehen.

Ein Ersatz für sie ist nicht in Sicht. Wer wird ihre Partien übernehmen können? Die anderen Tänzerinnen und Tänzer beim Ballett am Rhein, von denen viele gut, aber nicht sehr gut sind, fallen gegen Marlúcia ab wie Chorsänger gegen eine Anna Nebtrebko.

Aber ihre dicken Schenkel, die sind immerhin Programm geworden bei den Damen von Martin Schläpfer.

Werden woanders Ballettmädchen mit Streichholz-Beinchen bevorzugt – ein Extrem, das eher hässlich als hübsch ist, das aber dem Magerkeitswahn der Mode Tribut zollt – wachsen beim Ballett am Rhein die Damenmuskeln wie in einem Bodybuilding-Center.

Vor allem die Oberschenkel, aber auch die Schultern und die Arme werden auf Schläpfers Wunsch hin ausgeprägt stark trainiert.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Marlúcia do Amaral (links vorne) beim Schlussapplaus: glücklich und dankbar. So eine große Künstlerin! Foto vom Schlussapplaus nach „7“ vom Ballett am Rhein beim Gastspiel im Berliner Schiller Theater: Gisela Sonnenburg

Und zwar nicht nur mit den innen liegenden Muskeln, die fast unsichtbar bleiben und für die Langstreckung der Gliedmaße zuständig sind, sondern auch mit den außen aufliegenden Muskelpaketen, die gnubbelig und konisch sind. Die also auffallen und aus den Tänzerinnen optisch Kampfsportlerinnen machen.

So etwas ist an einer einzelnen Tänzerin mal ganz toll, eine erfrischende Abwechslung, an Marlúcia etwa berücken solche Muckis schon lange; sie waren bereits ihr Markenzeichen, als andere Ballerinen noch stolz Hosen in Kindergrößen trugen.

Im Dutzend wirken solche muskelbepackten Frauen aber eher wie ein Geschwader von Amazonen.

Mag sein, dass gewisse Herren das besonders reizvoll finden.

Den meisten, die Ballett lieben, dürfte soviel kampfbereite Weiblichkeit aber gegen den Strich gehen, zumal die Oberweite der Schläpfer’schen Damen noch mehr enttäuscht als ohnehin häufig im Ballett.

Mal im Klartext gesagt: Frauen ganz ohne Busen sehen meistens so aus, als würde ihnen etwas fehlen.

Das gilt auch für Tänzerinnen.

Der dekadente Geschmack der 70er- und 80er Jahre, von Twiggys Magerkeit beeinflusst, muss nicht weiter kultiviert werden. Schon gar nicht in Kombination mit ausladenden Muskelpaketen an den Beinen.

Es gibt mittlerweile ja auch weltweit viele hevorragende Ballerinen, die auch mit Oberweite tanzen können – gerade im moderneren Bereich sollte ein gewisser Grad an Natürlichkeit erlaubt sein und sogar für das befunden werden dürfen, was er ist: einfach schön.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Das Ballett am Rhein gastiert im Berliner Schiller Theater, als Gast vom Staatsballett Berlin. Das Plakat an der Fassade des Hauses zeigt es an! Foto: Gisela Sonnenburg

Operationen, die das weibliche subkutane Fettgewebe für den Ballettberuf eliminieren, sollten endlich der Vergangenheit angehören. Pimpt von mir aus weiter eure Nasen, Jungs und Mädels, die klassische Ballerina mit Hakenzinken gibt es ja ohnehin schon seit Natalia Makarova fast gar nicht mehr. Aber die Brüste lasst doch bitte geschlechtsspezifisch erkennbar!

Doch viele Choreografen, Ballettmeister, Ballettlehrer und auch Ballettfans wollen – ganz wie in den Film- und Modewelten – lieber die Flachheit eines Bretts als eine schöne Kurve im Profil. Das hat sich mit dem zunehmenden Einzug von Heteros in die Machtpositionen des Balletts bislang nicht wesentlich geändert.

Geben wir mal leichthin Vogue und Co. die Schuld – viel weiter reicht ja der Horizont bei vielen heutigen Kulturschaffenden ja ohnehin nicht.

Oder habe ich da in den letzten Jahren etwas überhört? Gibt es irgendwo eine Ballung von politisch befähigten (nicht bloß Arsch leckenden) Künstlern?

Bei Martin Schläpfer sollte man jedenfalls nicht mit politisch-utopischen Hoffnungen auftauchen. Er ist fest in der Hand der (rheinischen) SPD, und die bevorzugt spätestens seit Gerhard Schröder teure Maßanzüge statt eine volksnahe Politik.

Teuer heißt nun allerdings noch lange nicht geschmackvoll.

Womit wir wieder beim Thema sind.

Marcia Haydee im Filmportrait

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Beeindruckend am Ballett am Rhein ist nicht das Neue, das es verkörpert, sondern die Konsequenz, man könnte auch sagen: die radikale Einfachheit, mit der diese wenigen Novitäten durchgezogen und nachgerade penetrant wiederholt werden.

Das ist in „7“ gut zu sehen. Die wenigen Leitmotive bilden keinen Zusammenhang, und der Ablauf der Szenen ist symptomatisch simpel konstruiert.

Und das geht zumindest gefühlt so:

Solo, Gruppe. Solo. Gruppe. Pas de deux. Gruppe. Solo. Gruppe. Zwei Pas de deux. Gruppe. Drei Pas de deux zugleich. Gruppe. Solo, Gruppe. Solo, Gruppe. Solo.

Immerhin ist die Gruppe mal aus fünf, mal aus zwei Dutzend Tänzern bestehend. Aber ein inhaltlicher Aufbau oder gar eine Entwicklung lassen sich mitnichten erkennen.

Man muss sich also an die Einzelteile des Stücks halten, als seien sie willkürlich wie ein Würfelspiel zusammen gesetzt. Nur dann kann man sie genießen.

Und dann sind da tatsächlich einige Hebungen, die außerordentlich sind.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Sie gehört zu den Ausnahmen des Ballerinen-Idealmaßes – und fasziniert dennoch: Marlúcia do Amaral, im Spagat getragen, in der „7“ von Martin Schläpfer. Foto vom Ballett am Rhein: Gert Weigelt

Marlúcia do Amaral lässt sich zum Beispiel allerbest im Herrenspagat heben, um dann ihre Unterschenkel einzubiegen und ihre Füße nachzustrecken. Faszinierend sieht das Muskelspiel aus. Zumal sie dann in der Luft, auf Hüfthöhe ihres groß gewachsenen Partners, in den Damenspagat flutscht.

In Vogelarm-Positionen lassen sich andere Damen herumhieven – auch das äußerst sehenswert.

Und sogar die angezogenen Zehenspitzen der Frauen bei manchen Kollisionen mit den sie hebenden Jungs verströmen manchmal eine mitreißende Art von Lebendigkeit.

Wenn allerdings die An- und Wegwege vom Lift ohne jede Leichtigkeit, ohne Anmut, ohne „fliegenden“ Lauf ausgeführt werden, muss man den Reiz dieser Posen nachgerade mit der Lupe suchen.

Was in Berlin mit dem Stück „7“ zur Musik der siebten Sinfonie von Gustav Mahler zu sehen war, erinnerte denn auch eher an schnell zusammengestöpseltes, fragmentarisch gebliebenes Tanztheater im sportlichen Stil als an Ballett.

Auch wenn Spitzenschuhe zum Einsatz kommen (übrigens alle mit sehr breiten Vorderboxen): Das einbeinige sanfte Abrollen, von den Zehenspitzen hinab auf die ganze Sohle, das eine Ballerina unbedingt voll Poesie und Zartheit beherrschen sollte, wird diesem Ensemble wohl immer ein Rätsel bleiben.

Besser gelingen Gruppenbilder mit Tendus. Mal vorwärts im Effacé, mal rückwärts, ebenfalls im Effacé, schmiedet diese Grundübung des Balletts aus den modern und schwarz gewandeten Tänzerinnen eine Heerschar der sportiven Eleganz.

www.ballett-journal.de/ballett-am-rhein-schlaepfer-alltag/

Der Werbetrailer für „7“, der auf youtube zu sehen ist, zeigt prägnante Posen des Stücks. Videostill aus dem Online-Werbetrailer für „7“ vom Ballett am Rhein: Gisela Sonnenburg

Manchmal tragen sie übrigens kurze weiße Blüschen über den gerade geschnittenen Kleidern: Schulmädchen- oder Büroästhetik?

Jedenfalls nicht wirklich passend zu den Kostümen der Herren. Die tragen entweder oben ohne und unten scharze Hosen. Oder sie kommen im knallweißen Hemd zur Pseudojeans einher. Wie burschenhaft! Firmen wie Diesel oder Marc O’ Polo könnten hier noch lernen… aber im Ballett möchte ich eigentlich was mit Ausdruck sehen, auch die Gewänder betreffend.

Hier aber müssen die Tänzer alles rausreißen. Was nur teilweise gelingt.

Mit wenig Erotik, etwas Charme und immerhin so etwas wie Geschmeidigkeit kommen die meisten Körperkünstler hier einher.

Inhaltlich allerdings bleibt es in „7“ ja nur leider bei Andeutungen: bei zitierten Bildern, deren Rätsel keine Auflösung erhalten, und bei Posen, die zwar hübsch und neckisch, aber eher zusammenhangslos als verdichtend wirken.

Da gibt es folkloristische Passagen, vor allem, wenn zwei Jungs und ein Mädchen in Schnürstiefeln ein wenig jiddeln oder wenn zwei Damen den russischen Volkstanz gleichermaßen zitieren wie sie ihn auf die Schippe nehmen.

Mit den Hacken einen Stampftanz eröffnen, barfuß hingegen frohgemut über die Bühne laufen – Schläpfer probiert aus, was der Rhythmus von Mahlers grollender Musik so aushält.

Es gibt handlungsähnliche Momente, wie die oben beschriebene Pseudovergewaltigung oder wie ein Mini-Dramolett, das die Beziehung von einer Frau zu zwei Männern beschreibt.

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Ach, die Jungs! Hier beim Schlussapplaus nach „7“ vom Ballett am Rhein in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Da bleibt die Frau stehen, will sich eigentlich dem einen Mann zuwenden, sie hat die Hand schon zum Streicheln erhoben, da gibt es von der Musik ein Donnergrollen – und die Frau dreht sich um, zum anderen Mann, der ihr Sohn oder Liebhaber sein könnte. Doch da kommt der Alte von hinten mit einem schwarzen Tuch, das er ihr übers Gesicht stülpt, und so zerrt er die unterlegene Frau mit sich. Kidnapping auf muslimische Art?

Man weiß es nicht, ob es das bedeuten soll oder nicht, denn die kleine Impression ist rasch versandet und kehrt auch nie zurück.

Verantwortung für seine Bilder will Schläpfer lieber nicht tragen.

Das ist die große Schwäche dieses Abends: Nichts hat miteinander was zu tun, alles reiht sich banal und wie zufällig aneinander, verliert dabei seine etwa vorhandene Bedeutung – und das Ganze bleibt Bespaßung zu melancholischer Musik. Motto: So schlimm ist das Dasein im falschen Leben doch gar nicht…

Das ist wie Theater für Leute, die das Spielen ihrer Kinder im Sandkasten für kongeniale Taten halten.

Eine einzige Szene allerdings berückt zur Gänze: Es ist die einzige, die zu Stille stattfindet, ohne die hier vom Tanz ohnehin missverstandene Musik, sie kommt zwischen dem zweiten und dem dritten Satz:

Zwei Frauen schreiten und trippeln darin im Kreis, vorwärts wie rückwärts, und dabei drehen sie sich versonnen das Haar zu einem hoch angesetzten Zopf, so, als wollten sie einen Dutt daraus machen, was aber unterbleibt. Sie behalten ihr Haar in der Hand.

Der Kontrast ihrer hehren Beinarbeit zu der locker-alltäglichen Verrichtung des Frisierens birgt eine leise Komik, die die Tänzerinnen mit Unschuldsmiene köstlich transportieren. Dass sie die Frisuren nicht vollenden, sondern wie eine Selbstzüchtigung das Haaredrehen vorführen, verleiht ihnen eine gewisse innere Unabhängigkeit. Diese Frauen, so hat man den Eindruck, wollen sich nichts sagen lassen.

Das Ballett am Rhein zeigt die 7

Jiddeln auf tänzerische Art: Dieses Trio aus „7“ soll für die jüdischen Wurzeln von Gustav Mahler stehen. Dagegen hätte der Komponist selbst sich vermutlich verwahrt. Foto vom Ballett am Rhein: Gert Weigelt

Eine andere Frauenszene findet zu einem Leit- und Leidmotiv der Choreografie, das später vom Corps wiederholt wird: die Tänzerin liegt auf dem Rücken und stampft bei aufgestellten Knien mit ihren Spitzenschuhen wütend auf den Bühnenboden. Was für ein stummes Wutgebrüll einer Frau, Trotz und Widersinn vereinend. Schön!

Und auch, wenn die Herren im Corps das Grand jeté en tournant in eine sausende Bewegung von rechts nach links einbinden, hat das Pep und Kraft, ganz so, als würden diese jungen Männer bald die Welt erobern, ohne, dass diese es überhaupt bemerkt.

So peppig und lebensfroh, so tragisch und auch traurig und dennoch hoffnungsvoll wie zum Beispiel in Schläpfers „Forellenquintett“ (nach der Musik von Franz Schubert) – das ich sehr schätze – ist in „7“ allerdings keine Minute.

Wenn die Männer in dem Mahler-Ballett als Masse soldatisch anmarschieren, so laut auftretend wie eine Kompanie (nicht „Compagnie“), dann wirkt das so plump und primitiv wie Schülertheater bei der ersten Probe.

Dabei lebt Tanz von der Stilisierung – das wusste sogar Pina Bausch, die zweifelsohne am stärksten von allen ihrer Generation das Alltägliche als Metapher und Symbol in ihre Stücke einzubringen wusste.

Zweifelsohne ist „7“ auch nicht das stärkste Stück des gebürtigen Schweizers Schläpfer, der über Mainz an den Rhein nach Düsseldorf kam und dort zum Liebling der SPD-wählenden Oberschicht wurde.

Diese Nomenklatura – darunter etliche Anwälte und Unternehmer und nicht wenige, die mit der Baumafia von oben herab per du sind – hätte Martin Schläpfer auch gern in Berlin als Ballettchef gesehen. Bislang konnten sich diverse auch sexuell mit Schläpfer harmonierende Politiker jedoch noch nicht ganz durchsetzen; Sasha Waltz, die Tanztheaterfrau, als Neuinkarnation der Berliner Ballettintendanz (was sie ab 2019 sein soll) ist aber ein deutlicher Schritt in diese Richtung.

Das Weglassen gut bezahlter Solistenstellen ist übrigens, das zeigt auch Schläpfers Ensemble, ein zweischneidiges Schwert. Und auch ein gutes Stück Verlogenheit. Denn es ist gerade nicht so, dass es hier 46 Solisten geben würde. Natürlich haben manche viel mehr Soli als andere. Warum auch nicht? Aber werden sie gerecht bezeichnet? Eine eindeutig als Corps auftretende Gruppe dann noch als „Solistenschar“ zu bezeichnen, zeugt doch eher von Blindheit als von Richtigkeit.

Marcia Haydee im Filmportrait

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Schläpfer wie Waltz eint zudem eine deutliche Absage ans Credo der höchst möglichen Anmut. Aber gerade dieses Credo macht aus Ballett eben das, was es sein soll.

Ballett ohne Anmut – das kann keine Metaphysik haben und auch keine Spiritualiät. Insofern sind die Stücke von Pina Bausch noch eher Ballett als die von Sasha Waltz oder auch manche von Martin Schläpfer.

Wer lieber getrampelt und gestampft sieht als scheinbar schwebend und fliegend – der ist in Berlin künftig goldrichtig, und der ist auch beim Gastspiel vom Ballett am Rhein an der Spree nichts als glücklich.

Für alle anderen ist „7“ ein lockerer Zeitvertreib, nicht wirklich anspruchsvoll, nicht wirklich überraschend, nicht wirklich nachhaltig in der Wirkung – aber eben genau das, was sich die gehobene Konsumindustrie unter Kultur so vorstellt.
Gisela Sonnenburg

Wieder heute, am 12.4.17, sowie am 15.4.17 im Schiller Theater in Berlin

Eine Würdigung eines gelungeneren Abends vom Ballett am Rhein gibt es hier: www.ballett-journal.de/ballett-am-rhein-schlaepfer-alltag/

www.operamrhein.de

www.staatsballett-berlin.de

 

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