Im Fieber geschrieben Erinnerung an Alexandr Trusch als Armand in „Die Kameliendame“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Die Kameliendame mit Alexandr Trusch

Liebende unter sich: Armand (Alexandr Trusch) und Marguerite (Alina Cojocaru) im Weißen Pas de deux – auf dem Höhepunkt ihres Glücks. Aus „Die Kameliendame“ von John Neumeier. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Abgespielt. Für diese Saison ist „Die Kameliendame“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett gegessen. Leider. Aber es wird ja ein neues Date mit ihr geben, ab dem 10. November 2018 in der Hamburgischen Staatsoper. Und obwohl es eigentlich nur interessante Besetzungen des Stücks gibt, die allesamt sorgfältig ausgewählt und auf ihre Aufgaben vorbereitet werden, so ist eine von ihnen doch etwas ganz Außerordentliches. Die Rede ist von Alexandr Trusch, dem jüngsten Ersten Solisten in Hamburg.

Er tanzt natürlich nicht die Titelrolle, sondern deren Liebhaber, den jungen Armand Duval, der sich Knall auf Fall verliebt, auf Gegenliebe stößt, aber dann doch um seine Erfüllung als Mann gebracht wird. Manche Fans fieberten seit Jahren dem Zeitpunkt entgegen, da er endlich den Armand in der „K-Dame“ tanzen würde.

Es gab bei einem „Tag der offenen Tür“ 2015 im Hamburger Ballettzentrum (http://ballett-journal.de/ballettzentrum-hamburg-allianz/) eine Kostprobe, nämlich eine öffentliche Probe in Trainingsklamotten dazu – und spätestens seitdem ahnte man, welches sanfte Gewitter in Menschengestalt da auf einen zukommen würde.

Diese Saison war es soweit.

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Wenn Alexandr Trusch zu Beginn als Armand ins leergeräumte Appartement seiner bereits verstorbenen Marguerite stürmt, ist er in einem Zustand höchster Erregung. Er steht fast neben sich, sozusagen. Denn er weiß, dass er zu spät kommt, viel zu spät, um die Geliebte noch einmal zu sehen.

Als er das Plakat sieht, auf dem die Auktion benannt wird, bei der Marguerites Hausrat Geld einbringen soll, beginnt er zu schluchzen.

Er hyperventiliert hörbar, atmet rasselnd laut, bis er zusammenbricht.

Einen solchen ersten Auftritt hatte bislang kein Armand!

Auch später darf  der rundum anmutige Trusch etwas, das andere nicht dürfen (oder nicht wollen), und zwar mit lauten Atemgeräuschen arbeiten. Alina Cojocaru, die traditionell bei ihren Auftritten als „Kameliendame“ beim Hamburg Ballett ab und an unvermittelt laut stöhnt und röchelt, was sehr effektvoll ist, muss sich mit Trusch als ihrem Partner diesbezüglich zurückhalten.

Dafür verleiht das leidenschaftliche Röhren, das dem jungen Mann entfährt, auch ihr den Nimbus einer umso stärker begehrten Femme fatale.

Ob das starke Atemgeräusch möglicherweise bedeutet, dass sich Armand mit Tuberkulose infiziert hat – seine Geliebte stirbt ja an dieser Lungenkrankheit – oder ob es sich um reine Passion (Leiden aus Leidenschaft) handelt, kann hier nicht abschließend geklärt werden.

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Dass Trusch hier so viele Laute von sich geben darf, und zwar so gekonnt, ist aber erstaunlich.

Ein absolutes Novum in der 40-jährigen Geschichte des Neumeier’schen Armand!

Lediglich Roberto Bolle hatte ein ähnliches Privileg, mit lautem Schluchzen beim Lesen des Tagebuchs von Armands verstorbener Geliebten.

Aber man kann die beiden nicht vergleichen. Bolle war kein ganz junger Mann mehr, als er 2011 den Armand tanzte. Er war auf dem Zenith seines Könnens und seines Ruhmes.

Trusch hingegen ist erst 28 Jahre alt. Und hat zwar auch schon reichlich Hauptrollen-Erfahrung, vom Romeo über den Albrecht bis zum Basil, vom „Lied der Erde“ bis zu „Nijinsky“ – doch für einen Armand ist er dennoch relativ unerfahren.

Aber was er mit dieser Mischung aus jung erworbener Souveränität und gut erhaltener Naivität anstellt, um die schwere, große Partie des Armand zu gestalten, ist nachgerade umwerfend schön!

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Man möchte Maler oder Dichter sein, um das zu beschreiben – schnöde journalistische Worte scheinen mir kaum auszureichen. Dennoch folgt ein solcher Versuch, mit dem Hinweis, dass einmal mehr hier gilt, dass gelesen nicht dasselbe ist wie selbst gesehen!

Allein seine Mimik ist ein dramatisch-niedliches Ereignis für sich.

Jede Regung des zuerst schüchternen, dann forschen, erst nur schwer verliebten, dann auch sehr gekränkten Jünglings Armand zeichnet Alexandr Trusch mit Hingabe und blitzschneller Reaktion in sein schönes Gesicht.

Man erkennt das jähzornige, trotzige Kind, das er mal war, und den besonnenen, reifen Mann, der er mal werden wird.

Die Kameliendame entzückt immer wieder

Ein Spaziergang führt schicksalhaft zusammen: Armand (Alexandr Trusch, ganz rechts) trifft auf Olympia (Emilie Mazon), will aber eigentlich mit Marguerite (Alina Cojocaru, links außen) gehen. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Seine Augen werfen Blitze der Behaglichkeit wie auch Leidenschaft, wenn er die bildhübsche Alina Cojocaru, seine „Kameliendame“ erblickt. Sein Mund spitzt sich zu süffisanten Überlegungen, auch zu genussvollen Liebesschwüren. Seine Wangen strahlen, wenn er im Liebesglück mit seiner Marguerite ist, und sie trauern, nachdem er von ihr verlassen wurde.

Beim ersten Treffen allerdings kann er es kaum fassen, wer sie ist, wer er ist, was sie beide verbinden soll – außer diesem Gefühl, das ihn auch wörtlich immer wieder umwirft.

Die Kameliendame entzückt immer wieder

Eine harmonische und doch seltsame Gesellschaft: Dario Franconi (als Herzog), Alina Cojocaru (Marguerite), Alexandr Trusch (Armand) und das Ensemble vom Hamburg Ballett tanzen den zweiten Akt der „Kameliendame“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Faszination, Verehrung, Umwerbung, Offenlegung des Innersten, um die Geliebte für sich zu gewinnen: Die Komplimente, die er seiner verehrten Dame im Blauen Pas de deux macht, kann man beinahe wörtlich hören. Welche zugleich schamhafte und schamlose Art hat dieser Armand, sich und seine Gefühle zu zeigen!

Er hebt sie vorsichtig von der Couch, wirft sich ihr voller Elan mehrfach vor die Füße, zwingt sie zärtlich in den Pas de deux – und als er sie das erste Mal hebt, ist klar, dass beide hier nachgerade orgasmieren.

Zärtlich zwingt er sie zum Paartanz: Alexandr Trusch und Alina Cojocaru im Blauen Pas de deux im ersten Akt der „Kameliendame“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Der musterhaft gebaute Körper dieses Armands unterstreicht das noch, setzt Maßstäbe der tänzerischen Art. Selten ist ein Ballerino technisch so begabt und darstellerisch so ausdrucksstark wie Alexandr Trusch, und das beweist er ja nicht erst hier. Was für Sprünge! Balancen! Cambrés! Ports de bras! Und wenn er kniet, möchte man sofort aufspringen und ebenfalls knien. Vor ihm!

Nun schrieb ich all dies hier mit Fieber und Halsweh, so eine Erkältung hat ja viele Nachteile – aber am Schreiben hindern kann sie einen nicht.

Die Kameliendame entzückt immer wieder

Oh, habe ich etwa übertrieben? Nein, hier regiert die Leidenschaft! Alexandr Trusch und Alina Cojocaru im Schwarzen Pas de deux. Foto: Kiran West

Ich hoffe nur, ich habe im Fieberwahn nicht übertrieben – für diesen Fall müssen natürlich alle Leser (noch mal) rein in die „Kameliendame“ mit Alexandr Trusch, um sich selbst eine Meinung zu bilden.

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Vielleicht tanzt er diese seine neue Leib-und-Magen-Partie dann auch mit Madoka Sugai in der Titelrolle – auch darauf warten so manche Fans nicht erst seit gestern.

Und ob Alexandr Trusch 2019 den Benois de la Danse, den wichtigsten Ballettpreis, in Moskau erhalten wird? Er wäre nicht der erste Armand, der sich mit gerade dieser Rolle dafür profilieren würde. Die Juroren müssen sich aber beeilen, damit sie nicht zu spät kommen. Einen solchen Tänzer zu übersehen, würde nicht für die Jury sprechen!
Gisela Sonnenburg

Mehr zur „Kameliendame“ gibt es zum Beispiel hier: http://ballett-journal.de/hamburg-ballett-kameliendame-neumeier-ovcharenko-cojocaru/

Mehr zu Alexandr Trusch hier: http://ballett-journal.de/hamburg-ballett-alexandr-trusch/

Und ebenfalls ganz schön wild gibt es ihn am kommenden Freitag in Hamburg wieder als „Nijinsky“ zu sehen: http://ballett-journal.de/hamburg-ballett-nijinsky-alexandr-trusch/

www.hamburgballett.de

 

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