Ohne Rose geht es nicht Kunst oder Kommerz? Disneys „Die Schöne und das Biest“ bietet live solides Theaterhandwerk, große Gesangskunst und ein exzellentes Orchester. What a show!

Die Schöne und das Biest küssen sich am Ende.

Ein kunterbuntes, fantastisches Personal: im verwunschenen Schloss in „Die Schöne und das Biest“ von Disney, einer deutschsprachigen Produktion aus Budapest. Foto: BB Promotion

Dass die Ungarn den berühmten Paprika im Blut haben, weiß man, wenn man auch nur einmal den Csárdás, den ungarischen Volkstanz, getanzt hat. Und Marika Rökk hin oder her – heute hat Budapest mit dem Pester Broadway Studio eine der besten Ausbildungsstätten für Musical in Europa. Dass das nationalistische ungarische Regime es derzeit schwer macht, die ungarische Kultur unvoreingenommen gut zu finden, ist dennoch das Eine. Das Andere aber ist, dass die Kunst immer Brücken baut – und ausgerechnet eine vom amerikanischen Disney-Konzern entwickelte Konzeption von „Die Schöne und das Biest“ jetzt von Budapest aus einem der seelenvollsten Märchen der Welt zum singenden, klingenden Erfolg verhilft. Die Premiere in Berlin im Admiralspalast bescherte dem Künstlerteam aus dem osteuropäischen Land bereits einen verdienten großen Applaus. Über Zürich, Wien und Dresden wird sich die Tournee damit des Budapester Operetten- und Musicaltheaters bis nach Linz erstrecken, im August 2017 – und es wird nahezu ohne ungarischen Akzent auf Deutsch gesungen und geliebt.

Im Vergleich zur Urfassung des französischen Volksmärchens und auch im Vergleich zur hinreißenden Filmversion von Jean Cocteau haben die Disney-Leute ihr eigenes, dem Medium Musical angepasstes Libretto ersonnen. Klamauk, aber auch solides Theaterhandwerk haben darin Platz; die Entwicklung der männlichen Titelfigur ist zudem so plastisch und nachvollziehbar geschildert, dass man kein Freud-Spezialist sein muss, um den Symbolgehalt der Geschichte zu entschlüsseln.

Vorab erklärt eine nette Dame einem kleinen Jungen vor noch geschlossenem Vorhang, dass dereinst ein verwöhnter, hoffärtiger Prinz einer Bettlerin die Tür wies. Sein Pech: Die Frau war eine bildschöne Zauberin, deren Antlitz er aber nur kurz bewundern konnte. Denn um ihm eine Lehre zu verpassen, verhexte sie ihn: in ein Biest.

Die Schöne und das Biest küssen sich am Ende.

Dieses Schloss ist nicht wirklich wie jedes andere… so zu sehen in „Die Schöne und das Biest“ mit dem Budapester Operetten- und Musicaltheater. Foto: BB Promotion

Ein Biest, eine Bestie, das ist hier ein fiktives Fabelwesen mit mächtig vielen Dreadlocks, zotteliger Gesichts- und Pfotenbehaarung, mit taumelndem Gang und dennoch einer Ausstrahlung, der man anmerken kann, dass hinter der tierischen Fassade ein Wesen mit goldenem Herzen steckt und nur darauf lauert, geliebt zu werden und wieder zu lieben.

Denn nur für den Fall einer glücklichen Liebe wird seine Lebenszeit nicht unerbittlich schnell ablaufen. Eine Rose, von der Zauberin zur Zeituhr bestimmt, zeigt mit ihrem Welken das drohende Ende an. Auf seinem Schloss, das mit hohen, drehbaren Treppen ganz majestätisch wirkt, haust nun fortan das Biest, auf eine Frau wartend, die ihn aus dem Zustand des vorzeitigen Alterns erlösen könnte.

Schon bei der Beschreibung dieser Vorgänge merkt man, dass es hier nicht nur um Anlässe geht, irgendwie traurig und irgendwie hoffnungsvoll zu singen. Vielmehr wird mit der Bestie „Biest“ die Tragikomik eines jeden Mannes geschildert, der Angst um seine Potenz und seine Lebenskraft hat. Der Clou dieser Geschichte: um seine Situation nachhaltig zu verbessern, muss er die Liebe erlernen.

Sándor Barkóczi singt diese Partie mit großem Einfühlungsvermögen in seine zottelige Fell-Identität wie in sein elegantes Kostüm des strahlend schönen Prinzen am Schluss.

Doch bis dahin ist es ein abendfüllender Weg zwischen Zorn und Ungeduld, zwischen Furcht und Sehnsucht.

Die Schöne und das Biest küssen sich am Ende.

Ein schönes Paar, mit und ohne Kledage: Kitti Jenes und Sándor Barkóczi in „Die Schöne und das Biest“. Foto: BB Promotion

In einem Interview hatte ich Gelegenheit, Sándor Barkóczi zu fragen, wie es für ihn war, als er begann, die Rolle einzustudieren: „Zuerst dachte ich, dass das eine absolute Traumrolle ist und mit Abstand das Beste, was mir je im Leben passiert ist. Denn ich kann da Dinge zeigen, die sonst verborgen sind. Und ich kann zeigen, dass es sich lohnt, niemals aufzugeben.“ Soweit, so schön.

Aber dann? „Dann stellte ich fest, dass ich nicht nur komisch und traurig sein muss, sondern auch viel psychologisch Differenziertes in der Rolle zu finden sein sollte. Denn das Biest hast so verdammt viel Selbstmitleid mit sich selbst, es schwelgt in seiner Einsamkeit, es frönt einer fast absurden Hoffnungslosigkeit.“

Zum Glück fürs Publikum, so Sándor aber erleichtert, entwickelt sich die Geschichte durch die Begegnung mit Belle zu einer bunten, gar nicht depressiven Lovestory. „Das färbt schon auf einen ab“, meint er lächelnd, „wenn man so eine Rolle verkörpert!“

Sándor Barkóczi kam über den Rock zum Musical. Als Schüler spielte er in einer Rockband, saß zwar dort erst am Klavier, aber als ein Sänger gebraucht wurde und er vokal loslegte, wollten ihn stets alle nur noch nach vorn, ans Mikrofon. Tatsächlich hat er einen hellen, dennoch volltönenden Tenor, der ein sowohl jungenhaftes, als auch stark männliches Flair hat.

Sein Studium am schon gelobten Pester Broadway Studio ebnete Sándor dann den Weg zur Bühne. In den Songs wie auch im Spiel als „Biest“ berückt sein Temperament, mit dem er die aufsteigenden Melodien stimmlich antreibt, und mit dem er körperlich als wuchtiger Bärenmensch zu wirken weiß.

Die Schöne und das Biest küssen sich am Ende.

Belle und ihr Papa – ein Herz und eine Seele. In „Die Schöne und das Biest“, einer deutschsprachigen Produktion des Budapester Operetten- und Musicaltheaters. Foto: BB Promotion

Wie gemacht, um seine längst fällige Liebe zu erwecken, ist die zarte, flotte Belle, die bei der Premiere von der hoch professionellen, zudem ausnehmend hübschen Kitti Jenes gesungen und gespielt wurde.

Sie tänzelt und tändelt über die Bühne, als sei sie dort groß geworden; auch Kitti entstammt der Talentschmiede des Pester Broadway Studios. Sie hat übrigens auch schon die Serena in „Fame“ gesungen – und als ehrgeiziges, dennoch lebenslustiges Temperamentsbündel kann man sie sich ebenso gut vorstellen wie als lyrisch-sinnliche Belle in „Die Schöne und das Biest“.

In rüschigen Klamotten, die teils der Belle Époque angehören – ein Musicalstandard, der irgendwie auch immer an „Mary Poppins“ erinnert – und die teils der Gegenwart oder auch nur der Fantasie von Erzsébet Túri entstammen, triumphiert hier das Romantische, das manchmal bis ins Schräg-Groteske gehen darf.

Drei Verehrerinnen des Supermachos Gaston, der prima stiernackig von Attila Németh gegeben wird, stolzieren nämlich mit waghalsigen Turmfrisuren in kabarettreifen Kokettenklamotten durch die Szenerie. Doch Gaston will Belle heiraten – ein Ansinnen, das diese als durchaus emanzipierte Tochter eines eigenbrötlerischen Erfinders selbstredend hartnäckig ablehnt.

Als der Vater sich im Wald verliert und bei der Bestie im Käfig landet, gibt der Tiermensch ihm erst eine Chance, als Belle ebenfalls im Schloss auftaucht – und sich als Geisel für den Vater anbietet.

Dass ein mit französischem Akzent „ökst“ vornehm sprechender Kerzenständer, eine singende Teekanne, ein Kind mit Zuckerwürfel auf dem Kopf als Teetasse, eine tirilierende Kommode und eine näselnde, munter herum laufende Uhr dafür stehen, dass der gesamte Hofstaat verzaubert wurde, mag fast an eine ausufernde Spielart von „Dornröschen“ erinnern.

Vor allem aber macht das die Abhängigkeit der untergeordneten Stände vom Schicksal eines Herrschers, sagen wir mal: eines Arbeitgebers, deutlich.

Die Schöne und das Biest küssen sich am Ende.

Rasant: Das „Besteck-Ballett“ aus „Die Schöne und das Biest“ aus Budapest. Besten Appetit! Foto: BB Promotion

Denn nur, wenn der besagte, totale und völlig glückliche Liebesfall eintritt, werden auch die vermenschlichten Gegenstände zurück verwandelt in das, was sie vorher waren: ganz normale Dienerinnen und Helfershelfer des unglücklich-versnobten Prinzen.

Bis sich Belle und der Verzauberte dann endlich in die Arme schließen, gibt es aber noch allerlei Hin und Her und Her und Hin – und darum auch so viele hübsche Einlagen aus Tanz und Gesang, dass man den Zeitpunkt des ersten Kusses gern noch ein wenig hinaus gezögert sieht.

Vor allem ein Besteck-Ballett, bei dem menschliche Gabeln, Löffel und Messer ein furioses Auftanzen bieten, mit allen Paartanz-Raffinessen, die ein Musical haben sollte, und das zudem begleitet ist von tanzenden Tellern, zwei Akrobaten (Serviettenhaltern?) sowie edel anmutenden Servietten als Tischdamen, könnte Tote zum Leben erwecken.

László Makláry hat zudem sein Orchester fest im Griff, mit liebender Hand lenkt er es durch die cineastischen Aufwallungen und melodiösen Tuschmanöver. Deren Komponist, Alan Menken, schrieb übrigens auch „Sister Act“.

György Böhm hat, der Originalinszenierung am Broadway durch Robert Jess Roth von 1994 entsprechend, das Ganze hübsch detailfreudig und vom Timing her absolut stimmig einstudiert.

Nicht selten stehen einem die Tränen in den Augen, vor allem aber freut man sich wie ein kleines Kind, wann immer die Sonne des Hoffens in die makaber verzauberten Welten einbricht. Denn verbesserungswürdig sind, da lässt auch Disney keinen Zweifel dran, sowohl die Schloss-Atmosphäre als auch die Außenwelt. In der will der wilde Gaston den Vater der widerspenstigen Belle am liebsten in die Irrenanstalt verbringen.

Und fast ermordet er dann noch die Bestie, die doch ein so goldenes Herz hinter der rauen Schale verbirgt… Ach, man muss reichlich ums Lebensglück der beiden Hauptfiguren bangen.

Die Schöne und das Biest küssen sich am Ende.

Eine swingende Bibliothek: „Die Schöne und das Biest“ in Flirtstimmung. Foto: BB Promotion

Ein kleines pikantes Detail erlaubt zudem eine Verbindung zur Opern- und Ballettkultur: Belle, die Schöne, ist hier ein ausgemachter Bücherwurm, dem das Biest zum Zeichen seiner Ehrerbietung eine ganze Bibliothek schenken muss, um sie glücklich zu machen.

Ein schönes junges Mädchen, das gern liest und dafür normalerweise jedem Kerlemann eine Abfuhr erteilt? Das erinnert ein wenig an die Landpomeranze Tatjana in „Onegin“, und auch in Tatjanas Fall muss ihr männlicher begehrter Partner eine starke innere Entwicklung durchlaufen, bevor es auch nur annähernd zu einer Umarmung kommen kann.

Da ist man bei Disney natürlich weitaus schneller und gründlicher bei der Sache, auch weniger kompliziert – und vor allem weniger tragisch im Abgang und im Nachgeschmack. Dafür ist es ja, hey, ein Musical, das gute Laune und nichts als gute Laune macht!

Dass das Ensemble in der Schlussrunde große rote Rosen in den Händen hält, passt zu dieser ausgelassenen, dennoch festlichen Stimmung.

Die Schöne und das Biest küssen sich am Ende.

Noch ein Blick auf das bunt-romantische, auch gern mal etwas schräge Personal in „Die Schöne und das Biest“. Foto: BB Promotion

Denn schon Joseph Beuys, ausgerechnet er, stellte fest: „Ohne Rose geht es nicht!“ Kunst und Kommerz kommen solchermaßen ohne Ehekrieg allerbest zusammen.
Gisela Sonnenburg

www.bb-promotion.com/veranstaltungen/disney-die-schoene-und-das-biest/

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