
„Frida“ Kahlo wird bei den Aufführungen beim Ballett Dortmund ihre typischen Blumen zu den hochgesteckten Zöpfen tragen – man darf gespannt sein auf das Ballett von Annabelle Lopez Ochoa. Website-Bild: Ballett Dortmund
Sie ist schwer angesagt, die bekannteste kommunistische Malerin der Welt. Frida Kahlo, leidgeprüfte Ikone der mexikanischen Kunst, wurde letztes Jahr Opfer einer wenig ergiebigen Show im Berliner Friedrichstadtpalast, aber jetzt wird sie beim Ballett Dortmund so richtig ernst genommen. Die Choreografin Annabelle Lopez Ochoa – seit der laufenden Spielzeit Artist in Residence in Dortmund – schuf schon 2016 eine erste Arbeit über Frida Kahlo. Auf der Grundlage ihrer „Broken Wings“, die sie für Tamara Rojo und das English National Ballet kreierte, premierte dann 2020 „Frida“ in Amsterdam – und jetzt bereitet Lopez Ochoa mit dem Ballett Dortmund die deutsch Erstaufführung mit einer weiteren Version dessen vor. Die heutige Matinee im Ballettzentrum Westfalen bot „leckere“ Einblicke in das künstlerische Geschehen und macht entsprechen Appetit auf die Premiere am kommenden Freitag, den 13.02.26.

Mit thematisch passender Folkorestickerei: Dramaturgin Helena Sturm erzählt von den Premierenvorbereitungen. Videobild: Gisela Sonnenburg
Nach dem Grußwort von Ballettchef Jaš Otrin im White Cube des Studios ging das Mikrofon an die Damenwelt: Die Dramaturgin Helena Sturm, Ballettmeisterin Bojana Nenadović, die Tänzerin Júlia Baró Claveria und die Choreografin Annabelle Lopez Ochoa erläuterten die künstlerischen Absichten. Da ist die schwierige Vita von Frida, die als Kind Kinderlähmung überlebte, aber ein hinkendes Bein zurückbehielt, und die mit 18 Jahren bei einem Verkehrsunfall von einer Stahlstange durchbohrt wurde. Mit dem Malen begann sie, weil ihr Vater, der Fotograf war, ihr die Malutensilien ans Bett brachte, damit sie sich nicht langweilte.

Annabelle Lopez Ochoa im Gespräch mit Helena Sturm. Zu sehen in der Matinee vom Ballett Dortmund – online. Videobild: Gisela Sonnenburg
Auch die belgisch-kolumbianische Choreografin Annabelle Lopez Ochoa malt, und sie beschäftigte sich nicht nur mit dem Leben, sondern auch mit dem Werk von Frida intensiv. Während Kunstgeschichtler sie als Vorläuferin des Surrealismus einordnen, sagte die Mexikanerin von sich, sie male ihr Leben.

Eine diffizile Beziehung: Diego (Javier Cacheiro Alemán) und Frida Kahlo (Júlia Baró Claveria) im White Cube vom Ballett Dortmund. Videobild: Gisela Sonnenburg
Highlights aber sind im Stream, der bis zum 15.02.26 online steht und kostenlos anzusehen ist, die Tänze. Da wiederum zieht ein männlicher Tänzer alle Blicke auf sich: Der gebürtige Kubaner Javier Cacheiro Alemán tanzt Diego, also den Künstler Diego Rivera. Er war der zweimalige Ehepartner von Frida, der sie einerseits unterstützte und andererseits immer wieder betrog. Keine einfache, dafür eine spannende Beziehung.
Da ist der Versöhnungs-Pas-de-deux als Sinnbild dieser Ehe gerade richtig. Mit buntem Blumenstrauß nähert sich Javier als Diego der Darstellerin von Frida (Júlia Baró Claveria). Sie lehnt es zunächst ab, die reuevolle Entschuldigung des untreuen Gatten zu akzeptieren. Aber als er sie zärtlich hochhebt, sich mit ihr ein Stück dreht und sie sanft wieder abstellt, um den Pas de deux zu beginnen, kann sie sich nicht mehr verweigern. Die Liebe zwischen beiden ist stark.

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Am Ende des Pas de deux überreicht Diego ihr nochmals eine Blüte, eine einzelne, in Gelb, also in jener Farbe, die für Frida Angst und Eifersucht, aber auch Freude und Sonne bedeutete. Dieses Ende des Paartanzes ist mit Bedacht gewählt, soll es doch gleichsam eine weitere Entschuldigung für kommende Unbill bedeuten. Es ist große Kunst, wie Javier Cacheiro Alemán den zugleich bereuenden und doch weiterhin ungezähmten Gatten von Frida darstellt.

Manchmal ist diese Liebe ein Hin und Her: Diego (Javier Cacheiro Alemán) und Frida (Júlia Baró Claveria) beim Pas de deux aus „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa. Videobild: Gisela Sonnenburg
Mit knallbunten Kostümen und einem raffinierten, gleichsam modernen Bühnenbild wird die Bühnenaufführung mit zusätzlichen Aspekten begeistern. Erstmal aber zählt der Tanz. Und Júlia Baró Claveria berichtet, dass für sie manche Momente im Ballettsaal besonders wichtig sind: weil sie sich dann entwickeln kann, sich verbessern und im Detail genau arbeiten. Dafür ist sie auch zum Ballett Dortmund gekommen, erzählt sie der fließend spanisch sprechenden Dramaturgin Helena Sturm: weil hier betont individuell mit den Tänzerinnen und Tänzern gearbeitet wird.
Das Stück „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa kennt Júlia vom Ansehen aus Amsterdam, von Het Nationale Ballet. Für sie schließt sich ein Kreis dadurch, dass sie in diesem faszinierenden Werk nun selbst die Titelrolle tanzt.
Für ihren Bühnenpartner Javier Cacheiro Alemán findet Júlia Baró Claveria treffliche Worte, wie sie auch Frida für Diego hätte finden können: „Wenn ich mal müde bin, brauche ich ihn nur anzusehen, und ich weiß: Es wird gut.“
Er hebt sie so leicht, als sei sie aus Wolkenmaterial gemacht, und ihre sanften Linien ergänzen seine männlich-kraftvollen, dennoch anmutigen Bewegungen. Man spürt, dass es bei Frida und Diego um viel mehr ging als nur um erotische Verliebtheit.

Eine ungewöhnliche Jungsgruppe tanzt mit „Frida“ deren Fantasien – bald beim Ballett Dortmund zu sehen. Videobild: Gisela Sonnenburg
Die sechs Jungs, die danach auftreten, tragen lange Röcke und tanzen barfuß. Sie verkörpern die „männlichen Fridas“, die ihre Fantasien und Facetten darstellen. Als kleines Corps wiegen sie sich im Wind, greifen Tanzbewegungen aus der Folklore auf und bieten Frida selbst schließlich die Möglichkeit, sich von ihnen sicher tragen zu lassen.
Die internationale Sprache des modernen Balletts übermittelt sich – und sie ist auch die Lieblingssprache von Annabelle Lopez Ochoa, wie sie erzählt. Dabei spricht sie vier Sprachen und lernt deutsch gerade als fünfte dazu.

Het Nationale Ballet tanzte als erste Truppe „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa – hier ein Ausschnitt von der Website. Videobild: Gisela Sonnenburg
Musikalisch wird „Frida“ begleitet von einer Auftragskomposition. Peter Salem schuf Klänge, die auch naturhafte Sounds, vor allem aber lateinamerikanische Rhythmen von Schlagwerken integrieren. Salem komponierte bereits für das 45-minütige „Broken Wings“ in London, und auch für Helen Picket und ihr „Lady Macbeth“-Stück in Amsterdam lieferte er die Musik.
Auf Wunsch von Lopez Ochoa sind zudem Liebesgesänge von Chavela Vargas zu hören. Chavela ist eine Legende in Mexiko, deren tiefe Stimme ihr etwas Dominantes verlieh. Tatsächlich war sie lesbisch, und auch Frida hatte neben außerehelichen Verhältnissen mit Männern auch Affären mit Frauen.

Der Kuss besiegelt die Versöhnung: Júlia Baró Claveria und Javier Cacheiro Alemán proben „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa. Videobild: Gisela Sonnenburg
Eine davon kam Diego zu Ohren – und er reagierte krass eifersüchtig. Wieder wird so die sexuelle Untreue zum Anlass für einen Versöhnungs-Pas-de-deux. Javier Cacheiro Alemán und Júlia Baró Claveria tanzen ihn hingebungsvoll und mit einem Schmelz, als würden sie „La Bayadère“ und „Romeo und Julia“ vereinen.

Bojana Nenadovic und Helena Sturm bei der Matinee zu „Frida“ vom Ballett Dortmund. Videobild: Gisela Sonnenburg
Romeo und Julia, in der Version von Edward Clug „Radio and Juliet“ genannt, werden übrigens demnächst vom NRW Juniorballett getanzt, und auch hier ist die tüchtige Ballettmeisterin Bojana Nenadović der Coach. Das ist insofern gut zu wissen, als sie die erste Julia in Clugs Stück war. Clug schrieb damit Ballettgeschichte, weil er Musik von Radiohead verwendet, und drei Termine ab Mai stehen hiermit in Dortmund im großen Haus an.
Zuvor aber wird „Frida“ kommen – und mit mexikanischem Temperament und der großen Lust zu leben alle bezaubern.
Gisela Sonnenburg
Am 13.02.26 ist Premiere!
Bis zum 15. Februar 2026 steht hier der Livestream von der Matinee:
https://www.theaterdo.de/medien/mediathek/detail/m-matinee-frida/