Das Leben als Herausforderung Kévin Pouzou wechselte vom Staatsballett Berlin ans Zürich Ballett – und tanzte schon in der ersten Saison dort Siegfried in Alexei Ratmanskys „Schwanensee“

Kévin Pouzou tanzt jetzt in Zürich

Kévin Pouzou als Prinz Siegfried in Alexei Ratmanskys „Schwanensee“ beim Ballett Zürich: poetisch und ausdrucksstark. Foto: Natalia Voronova

Es ist selten, dass ein Ballerino sich kontinuierlich nur positiv entwickelt, ohne stehen zu bleiben, ohne Rückschläge, ohne Aufs und Abs. Kévin Pouzou ist so ein Körperkünstler wie aus dem Bilderbuch. Geboren in Bordeaux und ausgebildet am Pariser Konservatorium, tanzte er ab 2007 in Berlin, zunächst als Eleve. Mir fiel er erstmals beim Dance Summit 2010 mit dem Staatsballett Berlin (SBB) auf. Bei einer Lecture zeigte er damals sanfte, schön gezirkelte Pirouetten, angefeuert von Ballettmeisterin Christine Camillo und Ballettmeister Tomas Karlborg. Technisch wie darstellerisch gewann Kévin seither nur noch dazu. Als Benno in Patrice Barts „Schwanensee“ und in „Namouna“ von Alexei Ratmansky brillierte er dann mit unnachahmlicher Geschmeidigkeit. Und in den Balletten von Nacho Duato wurde klar, dass er von so großer Liniensicherheit ist wie nur wenige Tänzer. Pose für Pose ist bei Kévin stimmig, der Bewegungsfluss dazwischen ist von auratisch-eleganter Präzision. Dennoch wurde Pouzou in Berlin nicht genügend gefördert und gefordert, sodass er vor einem Jahr zu Christian Spuck und dessen Ballett Zürich wechselte. Schon in seiner ersten Saison am Zürisee tanzte er den Prinzen Siegfried in der wunderbar nostalgisch rekonstruierten, historisch basierten „Schwanensee“-Version von Ratmansky. Im Ballett-Journal erzählt Kévin Pouzou von seinen Erfahrungen.

Kévin Pouzou tanzt jetzt in Zürich

Kévin Pouzou drückt mit seinem diagonalen Spagatsprung die Hoffnungen und Sehnsüchte von Prinz Siegfried aus. Beim Zürich Ballett, in der „Schwanensee“-Inszenierung von Alexei Ratmansky. Foto: Natalia Voronova

Ballett-Journal : Du tanzt jetzt seit einer Saison beim Ballett Zürich, nachdem du vorher viele Jahre in Berlin warst, wo du 2007 als Eleve beim Staatsballett Berlin angefangen hattest. Wie ist es für dich in Zürich, mit dem Ballettdirektor und Choreografen Christian Spuck als Chef? 

Kévin Pouzou: Nach zehn Jahren beim Staatsballett Berlin habe ich mich hier gut eingelebt. Mir gefällt es sehr gut hier. Spuck hat ein unglaubliches Gespür für die Musik und benutzt sie nicht nur als Grundlage für die Choreografie, sondern auch, um die Geschichte zu erzählen. Dabei scheut er sich nicht vor komplexen Geschichten, wohingegen andere Choreografen oft die Handlung vereinfachen, um sich auf die primäre Handlung zu konzentrieren. Er mag die Herausforderung, und es ist faszinierend zu sehen, wie er seine Ballette strukturiert. Zusammen mit seinem präzisen Sinn für die Musik macht es als Tänzer einen riesigen Spaß, Teil seiner Ballette zu sein.

Außerdem teile nicht nur ich seine künstlerische Vision. Wir ziehen hier alle an einem Strang und verfolgen dasselbe Ziel. Dieser Teamspirit schafft eine tolle Arbeitsatmosphäre.

Heißblütig und leidenschaftlich: „Carmen la Cubana“ reißt mit, bietet Tanz und Gesang vom Feinsten – und zeigt die Geschichte von Liebe und Tod mal ganz anders als in der Oper gewohnt. Das kann nur Musical! Und hier geht es flink zu den Tickets… Viel Vergnügen! Faksimile: Anzeige

Ballett-Journal: Vermisst du Berlin? Als Tänzer mit sehr großem Talent gerade für Solo-Parts und Hauptrollen wurdest du beim SBB nicht genügend befördert. Dennoch war es deine künstlerische Heimat, wenn man so will. 

 Kévin Pouzou: Natürlich vermisse ich Berlin! Während der zehn Jahre habe ich viele Freundschaften fürs Leben geknüpft. In meiner Zeit in Berlin bin ich auch als Künstler und Tänzer enorm gewachsen, ich bin als Eleve zum Staatsballett gekommen und habe die Compagnie als Solist verlassen. Mir wurden tolle Rollen und großartige Gelegenheiten gegeben und habe dadurch viel Inspiration gewonnen.

Ich hatte mich aber entschieden, Berlin zu verlassen, weil ich das Gefühl hatte, mich dort nicht mehr weiterentwickeln zu können. Es geht mir dabei nicht um große Rollen oder einen bestimmten Rang, sondern mehr um die Kunst selbst. Um meinen künstlerischen Horizont zu erweitern, sah ich mich gezwungen, die Compagnie und meine Umgebung zu wechseln.

Kévin Pouzou tanzt jetzt in Zürich

Kévin Pouzou, der auch modelt, posiert hier in Anlehnung an den „Denker“ von Auguste Rodin – fotografisch toll eingefangen von Dean Barucija. So zu sehen auf Kévins Facebook-Account. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Ballett-Journal: Soeben hast du in Zürich als Siegfried debütiert, in der poetischen, historisch rekonstruierten Version von Schwanensee, die Alexei Ratmansky für Zürich vorgenommen hat. Erzähle uns bitte davon! 

Kévin Pouzou: Prinz Siegfried zu tanzen, war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Die Rolle eines romantischen Prinzen zu tanzen, war ein großer Traum von mir, und ich kann es immer noch nicht ganz fassen, dass er in Erfüllung gegangen ist. Ich freue mich schon auf das nächste Mal! Eine Hauptrolle zu tanzen, ist ein einmaliges Erlebnis und ich bin unendlich dankbar, dass dieses Erlebnis mit dieser Compagnie geschah. Hier habe ich so viel Unterstützung und so viel positive Energie von allen erhalten, von Tänzern und Ballettmeistern bis hin zu den Direktoren, so dass ich mein Rollendebüt wirklich genießen konnte.

Kévin Pouzou tanzt jetzt in Zürich

Kévin Pouzou als Siegfried mit Martina Arduino als Odette in Alexei Ratmanskys „Schwanensee“ beim Ballett Zürich. Leidenschaftlich! Foto: Natalia Voronova

Ballett-Journal: Wie kam es zu der Besetzung in Schwanensee? Wie verliefen die Proben? Wie ist das Zusammenspiel mit deiner Partnerin auf der Bühne? 

Kévin Pouzou: Ich war überglücklich, als ich meinen Namen auf der Besetzungsliste gelesen habe. Seitdem habe ich viel geprobt und erhielt währenddessen auch viel Unterstützung. Die Probenarbeit hat sehr viel Spaß gemacht. Aufgrund einer kurzfristigen Besetzungsänderung hatte ich das Glück, mit Martina Arduino, Solistin an der Mailänder Scala, zu tanzen. Da „Schwanensee“ in Koproduktion mit der Mailänder Scala entstand, konnte sie kurzerhand bei uns einspringen. Auch ihr habe ich mein erfolgreiches Rollendebüt zu verdanken. Sie ist eine großartige Künstlerin. Sobald die Musik spielte, war sie Odette und dann Odile. Wir hatten eine tolle Chemie, und mit ihr fühlte ich mich als der Prinz Siegfried, der ich sein musste. Ich hoffe sehr, daß ich so etwas noch einmal erleben darf!

Ballett-Journal: Was unterscheidet den „historischen“ Siegfried Ratmanskys von moderneren Fassungen?

Kévin Pouzou: Mit allen Neubearbeitungen sind die Rolle des Prinzen und auch die Geschichte komplexer geworden. Es war sehr erfrischend, zurück zur Originalversion zu gehen, welche viel fokussierter und reiner ist. In dieser Version gibt es auch viel mehr Pantomime und Schauspielerei. Die Geschichte verständlich zu erzählen, ist sehr wichtig. Ich glaube, dass diese Version den Zuschauern, die nicht so mit „Schwanensee“ vertraut sind, besser gefällt, da sie verständlicher erzählt wird.

Ich mochte auch die Herausforderung, die alte Balletttechnik zu lernen. Es war schwierig von der heutigen Balletttradition zurückzugehen. Es beansprucht viel mehr die Unterschenkelmuskulatur und verlangt andere Körperhaltungen. Auch, wenn es der Stil aus dem 19. Jahrhundert ist, ist es kein altbackener. Es hat eine eigene Ästhetik, die es sehr wohl wert ist, wiederentdeckt zu werden.

Kévin Pouzou tanzt jetzt in Zürich

Leiden und Leidenschaft, hochkünstlerisch gestaltet, zu sehen in Alexei Ratmanskys „Schwanensee“ mit aller historisch gebotenen Nostalgie beim Ballett Zürich. Mit Kévin Pouzou (Siegfried) und Martina Arduino (Odette) als Gast von der Mailänder Scala. Foto: Natalia Voronova

Ballett-Journal: Beim Zürich Ballett gibt es keine hierarchischen Unterschiede à la Erster Solist, Solist, Demi-Solist oder Corps-Mitglied. Erlebst Du das als Vorteil? 

Kévin Pouzou: Natürlich ist ein Titel etwas Schönes, aber was noch wichtiger ist, ist das, was wir auf der Bühne machen. Kein Tänzer sollte sich auf seinen Titel beschränken oder sich darauf ausruhen.

Eine Hierarchie existiert auch hier in Zürich, aber es wird hier nicht so stark ausgelebt wie in anderen Compagnien. Ein Corps-de-ballet-Tänzer kann durchaus auch für eine Hauptrolle gecastet werden. Das mag auf den ersten Blick speziell erscheinen, aber es ist nie unbegründet. Die Compagnie versteht das und ist sehr unterstützend. Das schafft eine unglaublich harmonische Arbeitsatmosphäre.

Für freiberufliche journalistische Projekte wie das Ballett-Journal, das Sie gerade lesen, gibt es keinerlei staatliche Förderung in Deutschland – und dennoch machen sie sehr viel Arbeit. Wenn Sie das Ballett-Journal gut finden, bitte ich Sie hiermit um einen freiwilligen Bonus. Damit es weiter gehen kann! Im Impressum erfahren Sie mehr über dieses transparente Projekt, das über 450 Beiträge für Sie bereit hält. Danke.

Ballett-Journal: Wie sehen deine Pläne für die kommende Spielzeit aus? 

Kévin Pouzou: Ich freue mich riesig auf unsere kommenden (Neu-) Produktionen mit Christian Spuck, Jiří Kylián, Marco Goecke und Patrice Bart. Ich hoffe, in der nächsten Spielzeit überrascht und inspiriert zu werden, sodass ich mich auch als Person und Künstler weiterentwickeln kann.

Natürlich schaue ich gespannt auf den Richtungswechsel beim Staatsballett Berlin mit Johannes Öhman an der Spitze. Ich wünsche meinen Berliner Kollegen auf jeden Fall einen guten Start!
Interview: Gisela Sonnenburg

 www.ballett-zuerich.ch

 

ballett journal