Zwei listige Opfer und ein Sündenbock Gamal Gouda, Erster Ballettmeister beim Semperoper Ballett, wurde beschuldigt, sexuell übergriffig und menschlich unerträglich zu sein. Aber die angeblichen Opfer verfolgen wohl vor allem Eigeninteressen

Istvan Simon, Jiri Bubenicek und Gamal Gouda: vereint in einer Farce

Er ist sehr hübsch, kein Zweifel. Aber ist er auch wirklich ein Opfer? Das darf man stark bezweifeln. István Simon, einst bejubelter Erster Solist beim Dresdner Semperoper Ballett, ist auf dem Foto in besseren Tagen zu sehen. Aktuell hat er einen Skandal entfacht. Foto: Gisela Sonnenburg

In Dresden steht man derzeit Kopf. Der Erste Solist István Simon beschuldigt Gamal Gouda, den Ersten Ballettmeister vom Semperoper Ballett, der sexuellen Belästigung. Und zwar, nachdem Simon viele Jahre mit Gouda gearbeitet hat und trotz nachlassender Leistung noch gut besetzt wurde. Wie glaubwürdig sind da wohl die Anwürfe? Vor dem Arbeitsgericht Dresden fiel Simon damit durch. Dann mischte sich aber auch der Choreograf Jiri Bubenicek in die Debatte und sprach dem angeblichen Opfer Simon seine Hochachtung aus. Er mag dabei Eigennutz im Hinterkopf haben: Bubenicek gilt als möglicher Anwärter für den Ballettdirektorenposten in Dresden, was das Ballett-Journal auch unterstützte. Bisher. Dass die Mee-too-Debatte solchermaßen für Männermachtinteressen statt fürs Ballerinenwohl benutzt wird, gefällt uns allerdings gar nicht.

Was also geht in Dresden wirklich vor sich?

Bei genauem Hinsehen entpuppt sich eine böse Posse, in der zwei listige, noch leidlich junge, selbst ernannte Opfer und ein davon etwas überrumpelter, älterer Sündenbock die Hauptrollen spielen.

Das Ganze hat die Anmutung von schlecht geprobtem Laientheater.

Und schon die Vokabel vom „sexuellen Missbrauch“, die im Dresdner Kontext herumgeistert, ist grundfalsch. Man spricht nur bei minderjährigen oder entmündigten Opfern von „sexuellem Missbrauch“; bei gesunden Erwachsenen sollte man von „sexueller Belästigung“ oder von „sexueller Nötigung“ reden. Solche Unterscheidungen sind keinesfalls egal. Denn Kinder wissen nicht mal, was man ihnen da antut, was bei Erwachsenen aber vorausgesetzt werden darf. Soviel zum Niveau der lokalen Berichterstattung.

Es ist zwar in Deutschland noch ungewöhnlich, für journalistische Projekte zu spenden, aber wenn man die Medienlandschaft um das Ballett-Journal ergänzt sehen möchte, bleibt keine andere Möglichkeit. Im Impressum erfahren Sie mehr. Danke.

Ich darf nun sagen, dass ich alle drei Dresdner Akteure – Gouda, Simon und Bubenicek – durch meine Arbeit, also durch Interviews und durch Beobachtungen, ganz gut kenne. Ich saß auch mal mit dem Einen oder Anderen in einem Restaurant – und harmlose Flirts gab es mit allen dreien.

Dass ausgerechnet István Simon sich als Opfer sexueller Belästigung stilisiert, hat bei mir nicht ohne Grund auf Anhieb starken Lachreiz verursacht. Denn Simon hat mir mal deutlich bewiesen, wie er die Wahrheit verzerrt und verhunzt, wenn er sich als Opfer darstellen will.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Als ihm Fotos, die er nachweislich zuvor autorisiert hatte, bei ihrer Publikation plötzlich nicht mehr passten, hetzte er mir einfach einen Anwalt auf den Hals. Ich sollte die Bilder löschen. Und mehr als 5.000 Euro als Entschädigung an István Simon zahlen. Er kam damit nicht durch. Die strittigen Fotos sind noch heute hier online und werden es auch bleiben. Und Simon bekam natürlich keinen Cent von mir.

Aber die Sache war für mich ein Schock, ein starker Vertrauensbruch und auch recht ärgerlich.

Seither bin ich mir allerdings sicher, dass István Simon charakterlich nicht einwandfrei ist und gelegentlich wohl auch zum Lügen neigt. Nur zu gerne geriert er sich selbst dabei als Opfer.

Übrigens erinnere ich mich außerdem an einige wie zufällig ausgeübte Übergriffe auf meinen Busen in Dresden – aber Gamal Gouda war es ganz sicher nicht. Ich kenne ihn nur als höflichen, zuvorkommenden, sich achtsam benehmenden Mann.

Istvan Simon, Jiri Bubenicek und Gamal Gouda: vereint in einer Farce

Gamal Gouda, Erster Ballettmeister in Dresden beim Semperoper Ballett, wurde der sexuellen Belästigung beschuldigt – und nach aktuellem Stand damit verleumdet. Foto: Semperoper Ballett

Nun mag es sein, dass Gouda in seiner Position als Erster Ballettmeister manchmal hart und unerbittlich zu Tänzerinnen und Tänzern ist. Vielleicht ist er sogar launisch, wirkt manchmal cholerisch, streitsüchtig oder tyrannisch bei der Arbeit. Ich war nicht immer dabei. Aber mit sexuellen Übergriffen hat all das erstmal nichts zu tun.

Und wenn man gegen einen Vorgesetzten etwas unternehmen will, dann kann man über den Betriebsrat gehen. Oder sich einen anderen Vermittler suchen. Sich anwaltlich beraten oder auch vertreten lassen. Sich mit Kollegen austauschen und vielleicht sogar eine Unterschriftenliste starten. Oder den Königsweg der Beschwerde beim Oberboss beschreiten. Schließlich kann man eine Supervision anstreben.

Keinesfalls aber sollte man seine Ehefrau im nationalistischen Ausland – in diesem Fall in Budapest in Ungarn – einen Artikel darüber schreiben lassen, dass man sich von seinem aktuellen Vorgesetzten sexuell drangsaliert fühle. Genau das ist im Fall Simon aber geschehen.

István Simon und seiner Gattin, die damals als Physiotherapeutin an der Semperoper arbeitete, muss darum eine nachgerade gefährliche Dummheit nachgesagt werden. In Budapest hingegen haben sich Ultrarechte sicher sehr gefreut, einen Skandal gegen das tolerante Deutschland in der Hand zu haben.

Es mag dabei vielleicht durchaus zutreffend sein, dass Gamal Gouda – wie Jiri Bubenicek behauptet – beim Meckern mit seinen Tänzern manchmal übers Ziel hinaus schießt. So etwas kann passieren, und ob es Gouda passiert ist, weiß ich nicht. Aber: Mit sexueller Nötigung oder Belästigung hat das nichts zu tun. Warum wird das nun von Bubenicek verknüpft? Es gibt nur eine Erklärung: Weil man den Scheiterhaufen anrichten will. Solche Methoden nennt man auch Rufmord.

Und jeder, der sich mit Profi-Ballett schon mal intensiv befasst hat, weiß, dass viele der jungen Berufstänzerinnen und -tänzer – und auch Ballettstudentinnen und -studenten – häufig weinen. Weil der Druck, der auf sie ausgeübt wird, so ungeheuer stark ist.

Denn das System des knallharten internationalen Wettbewerbs, wenn es um körperliche Höchstleistungen geht, ist gnadenlos. Die meisten Ballettauszubildenden und auch die meisten Tänzer wollen allerdings so stark gefordert werden, weil sie nur so Bestleistungen bringen. Ich bin übrigens die Erste, die das kritisiert!

Aber: Man kann nicht einen einzelnen Dresdner Ballettmeister dafür zum Sündenbock abstempeln.

Nur die Harten kommen in den Garten – diese Devise ist im heutigen Profi-Ballett weltweit Usus. Profi-Tänzer von heute müssen, ob sie männlich oder weiblich oder etwas anderes sind, in erster Linie robust und echt hart im Nehmen sein. Leider. Denn erst dann kommen die anderen Tänzertugenden.

Man müsste, um das zu ändern, das ganze System ändern. Aber will diese Gesellschaft das überhaupt?

Solange die Menschheit – und eben auch das Profi-Ballett – sich an Kriterien wie Höher-Schneller-Weiter-Öfter-Länger hält, um die Qualität zu bestimmen, wird sich an der harten Gangart in der Hochleistungskunst Ballett nichts ändern. Natürlich muss man Auswüchse beschneiden. Aber wer bestimmt, wann solche vorliegen? Zwei – mit Verlaub – karrieregeile Machos?

Ich selbst bin wirklich dafür, die Dinge stets zum Besseren im humanen Sinn zu verändern.

Aber eine systematische Änderung erreicht man ganz sicher nicht mit spektakulären Verleumdungen – und auch nicht damit, alte Rechnungen zu begleichen.

Warum eigentlich gerade jetzt? Warum spielen sich Denunziant und Beispringer gerade jetzt als Opfer auf?

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István Simon hatte seine Tänzerpower schon längst zu einem bedeutenden Teil eingebüßt. Er verriss die hohen Sprünge, setzte angeberisch auf das Vorzeigen von Technik und auf ein ziemlich aufgesetzt wirkendes Spiel. Wollte er jetzt sein Ansehen als Primoballerino mit den Anwürfen an Gamal Gouda retten?

Oder spekuliert er auf eine hohe Entschädigung oder Abfindung, jetzt, da er seinen Höhepunkt als Ballerino eindeutig überschritt? Es sieht so aus, selbst wenn es nicht so sein sollte.

Auch Jiri Bubenicek, der früher ein Startänzer in Dresden war, verfolgt wohl eher keine rein edlen und uneigennützigen Ziele. Er könnte hier gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

So ist Bubenicek gelegentlich als Nachfolger von Aaron S. Watkin als Ballettdirektor in Dresden im Gespräch. Zumindest hofft er wohl, sollte etwa sein Freund Goyo Montero (derzeit Ballettdirektor in Nürnberg) nach Dresden berufen werden, auf  choreografische Aufträge an der Semperoper. Da will er Gouda, mit dem Bubenicek früher massive Differenzen hatte, als Gegner natürlich loswerden. Dank Simons Anwurf hatte er jetzt unverhofft Gelegenheit, das Feuer gegen Gouda zu schüren. Für den Fall, dass er den begehrten Chefposten tatsächlich bekommt.

Nur: Warum hat Bubenicek früher nie was gesagt?

Und noch etwas an der sächsischen Causa missfällt: Nicht zarte Mädchen oder unbedarfte Frauen, Berufsanfänger oder Nachwuchstänzer beschwerten sich hier über schlechte Behandlung. Sondern ausgerechnet zwei hartgesottene männliche Erfolgsbolzen, denen die Gier nach immer noch mehr Ruhm, bildlich gesagt, förmlich im Gesicht geschrieben scheint.

Was für eine Farce!

Und sollte die Medaille der sexuellen Belästigung auch eine Rückseite haben? Hat sich wer in Dresden hochgeschlafen? Dazu hört man kein Wort.

Aber wo wir gerade bei unlauteren Wegen zur Karriere sind: Wer besetzt denn lukrative Posten laufend mit Familienangehörigen, die dafür eigentlich nicht genügend qualifiziert sind?

Istvan Simon, Jiri Bubenicek und Gamal Gouda: vereint in einer Farce

Jiri Bubenicek, einst ein Star unter dem Ersten Ballettmeister Gamal Gouda beim Semperoper Ballett, beschuldigte Gouda kürzlich zwar nicht der sexuellen Belästigung, aber des unerträglichen Verhaltens bei Proben. Bubenicek arbeitet übrigens gern ganz famillionär, etwa wenn sein Bruder und seine Gattin lukrative Jobs bei seinen Choreografien abstauben. Foto: Gisela Sonnenburg

Jiri Bubenicek besorgt seinem Zwillingsbruder Otto – der auch mal Primoballerino war – regelmäßig schöne Jobs bei seinen  choreografischen Arbeiten. Dann wird mit Steuergeldern zum Beispiel ein ziemlich ungebildeter Komponist, Bühnenbildner oder auch Kostümdesigner bezahlt.

Und auch Jiri Bubeniceks Gattin Nadina Cojocaru durfte – zum Beispiel beim Nürnberger Ballettdirektor Goyo Montero – schon Honorar abgreifen, als ihr Gatte inszenierte: als nicht besonders begabte Bühnen- und Kostümbildnerin, die ihre Aufgaben wohl nur dank ihres Beschälers erhielt.

Ist das etwa in Ordnung?

Und jetzt bin ich gespannt darauf, wer  Jiri Bubenicek und István Simon immer noch zu den Superstars unter den Superopfern ausrufen will.
Gisela Sonnenburg

www.semperoper.de

 

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