
Dirigentin Simone Young (mittig) mit den Solisten und dem Chor: Stehende Ovationen zeigten die Begeisterung des Publikums in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin für den „Lohengrin“ am 25.01.2026, dirigiert von Simone Young. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg
„Lohengrin“ – das sind drei Akte, die in sich fast geschlossen wirken. Die ersten beiden Teile enden im Glück, mit einer himmelhochjauchzenden, weltfernen, aber kritikresistenten Musik des Friedens und der Harmonie, die – wie dieses ganze Gesamtkunstwerk – natürlich von Richard Wagner stammt. Ist die Welt darin nicht voll Hoffnung und Erfüllung? Doch dann, im dritten Akt, bricht alles zusammen. Stück für Stück. Da wird gekämpft, gebarmt, verzögert. Aber das Unglück ist unausweichlich. Nur die Jugend hat noch eine Zukunft – vermeintlich jedenfalls. Und dennoch oder gerade deshalb kann man gar nicht genügend „Lohengrin“-Aufführungen sehen und hören, zumal in verschiedenen Deutungen. Diese hier in Berlin taugt auch für den mehrfachen Besuch: Calixto Bieito inszenierte den „Lohengrin“ schon 2020 für die Berliner Staatsoper Unter den Linden, und derzeit läuft das gute Stück wieder. Sogar in sängerischer Glanzbesetzung – wie am gestrigen Sonntag – und unter dem mal zartfühlend einfühlsamen, dann wieder gefühlstief aufbrezelnden Dirigat von Simone Young. Ihre Mischung aus sensiblem Feingefühl und festlichem Pathos rührt einen schon beim Vorspiel und den ganzen ersten Akt lang immer wieder zu Tränen.
Der Anfang des Stücks, in dem eine junge Unschuldige des Mordes an ihrem kleinen Bruder angeklagt wird, ist hart. Aber der Schluss hat es erst recht in sich: Der hehre Ritter muss sich da verabschieden und weiterziehen. Dieses klassische Ende bleibt in der sonst auch mal schräg verlaufenden „Lohengrin“-Inszenierung von Bieito bestehen: als fester Bestandteil der Interpretation.

Vorzüglich: Der Staatsopernchor (Einstudierung: Dani Juris) beim Schlussapplaus nach „Lohengrin“ in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg
Dass vorab und mittendrin animierte Videos als Projektion flimmern, die eine schöne schwarze Frau mit nacktem Model-Busen beim Kreißen zeigen – heraus kommt dann ein weißer Schwan – hat zur eigentlichen Inszenierung null Bezug. Man wollte wohl nur etwas auf der Liste „Diversity“ abhaken.
Auch dass der Schwan auf der Bühne, der sonst Lohengrins Bootsgefährt ziehen muss, lediglich als simple Origami-Figur aus Papier vorhanden ist, handgroß und nicht besonders edel gemacht, tut beinahe nichts zur Sache.
Denn in der Inszenierung geht es um Psychologie, um Macht und um Gehorsam.
Und: Es geht um den Abschied.
Der schmerzhafte Abschied des Helden Lohengrin ist sozusagen die Zielgerade, auf die alles hinausläuft – obwohl es zunächst anders scheint.

In einem stilisierten Gerichtssaal mit Käfig für die Angeklagte, im Hintergrund gebrochen von Videos, spielt der erste Akt von „Lohengrin“ in der Inszenierung von Calixto Bieito in Berlin. Foto von der Staatsoper Unter den Linden: Monika Rittershaus
Inszenatorisch befinden wir uns in einer Art Gegenwart, die wie ein stilisierter Alptraum anmutet. Bühnenbildnerin Rebecca Ringst schuf einen Gerichtssaal mit rückwändigen Holzpaneelen und großem weißen Käfig vorn nahe der Rampe, bestimmt für die Angeklagte Elsa von Brabant. Sie wird verdächtigt, ihren Bruder Gottfried, ein Kind und zugleich designierter Herrscher von Brabant, umgebracht zu haben.
Elza van den Heever singt die Elsa mit klarer, inniger, ergreifender Stimme. Die Weichheit, auch die Neugier, die ihrer Ehe letztlich zum Verhängnis werden, zeigt ihr Gesang bereits vorzüglich. Ihr körperlicher Einsatz in den durchaus sinnvollen Kostümen von Ingo Krügler unterstützt das.

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Aber auch Elsas Gegenspielerin, die über Hexenkraft verfügende Ortrud – Anja Kampe singt sie mit zielsicherem Tiefgang als glamouröse Verkörperung der Bosheit – hat was vor. Sie stichelt und hetzt, bis Elsa tut, was sie nicht tun soll: den Gatten Lohengrin, der sie vor der Hinrichtung gerettet hat, nach Name und Herkunft befragen.
Als moderner Mensch hat man so seinen Verdacht. Hat Lohengrin ein dunkles Geheimnis?
Die Oper „Lohengrin“ vereint Träume und Alpträume zuhauf. Der Traum vom Ritter in Weiß, der wie ein deus ex machina einfach so als Retter in höchster Not ins weibliche Leben tritt und darin jeden anderen Märchenprinzen überbietet, scheint einem typischen Mädchentraum zu entsprechen. Oder wünschen sich doch eher die Männer, dass Frauen von so etwas träumen? „Nie sollst du mich befragen!“ Diesen Befehl Lohengrins an seine Elsa möchte mancher Macker vielleicht nur zu gern als Lebensparole an seine Partnerin ausgeben: um somit seine Geheimnisse für sich zu behalten. Man denke nur an jene Exemplare, die sich gleich zwei Familien leisten, ohne dass die eine von der anderen weiß.
Für Frauen ist es hingegen eher alptraumhaft, den Partner nichts fragen zu dürfen. Ob es um Liebe, Alltag, Treue, Reue oder schlicht um die Identität geht, man will doch wissen, mit wem man es zu tun hat. Auch als Frau. Das ist nur zu verständlich. Lohengrin hingegen verlangt blinde Hingabe und williges Schweigen – das macht heimliche Männerträume und großen Frauenalpdruck wahr.

Regisseur Calixto Bieito lässt Elsa und Lohengrin ihre Hochzeitsnacht und ihren großen Krach auf einem weißen Sofa und mit Teppichrasen vollziehen. Sehr modern, sehr chic. Foto aus der Berliner Staatsoper Unter den Linden mit der Premierenbesetzung: Monika Rittershaus
Also sei nochmal gefragt: Hat Lohengrin ein dunkles Geheimnis? Was hat er zu verbergen? Will er wirklich nur um seiner selbst geliebt werden oder steckt da noch was dahinter?
Tatsächlich: Wie nebenbei erfährt man von des Königs Heerrufer, in der Inszenierung von Bieito in Berlin vom schlaksig hoch gewachsenen Arrtu Kataja geschmeidig getänzelt, dass Lohengrin – der gerade erst in Brabant landete – schon am nächsten Morgen, am ersten Tag nach seiner Hochzeit, zum Krieg rüsten will. Die Mannen sollen sich kampfbereit halten. Kriegsbereit also. Damit der Held sie zu neuem Ruhm führen kann. Wer der Feind ist, wird nicht gesagt – es könnte jeder sein, Hauptsache, es gibt einen.

Die Solisten (von links: Arttu Kataja, Wolfgang Koch, Elza van den Heever, Eric Cutler, Anja Kampe und René Pape) beim Schlussapplaus. Applausfoto: Gisela Sonnenburg
Ist Lohengrin also ein Kriegstreiber? Will er, der vorgeblich ein Gottgesandter ist, mit Gewalt so etwas wie einen Gottesstaat errichten? Lohengrin als fanatischer Gotteskrieger? Will er darum nicht mit seiner Identität rausrücken? Eric Cutler, der die begehrte Lohengrin-Tenorpartie mit fast orientalischen Höhen sehr samtig singt, will davon vielleicht nichts wissen. Im legeren hellen Sommeranzug wirkt er aber auch fast harmlos. Für einen Helden eigentlich zu harmlos.
Aber: Dem Kind Gottfried, das hier nicht persönlich auftaucht, hinterlässt der Ritter ein Schwert, ein Horn und einen Ring. Der Ring mag privat sein. Oder er gehört – ein kleiner Scherz – schon in die nächste Wagner-Oper.
Aber Schwert und Horn sind militärische Requisiten. Und da trabt in den Rhythmen auch schon die erste Kolonne heran.
Daran kann auch René Pape als Heinrich der Vogler – der real bis 936 das Ostfrankenreich regierte, während der erste Kreuzzug erst 1095 beschlossen wurde – nichts ändern. Obwohl er mit perfektem Stimmorgan von sanft bis bärig fasziniert.
Und so ist es vielleicht gut, dass Lohengrin geht. Elsa, die ihn zwingt, seine Identität als Gralsritter preiszugeben und ihn dadurch verscheucht, sei Dank: Brabant bleibt ohne Krieg. Jedenfalls erstmal.
Der Graf von Telramund, hier der mephistophelisch Böse – mit einem Timbre à la Ivan Rebroff gnadenlos gut: Wolfgang Koch – hat also wider Willen das Gute bewirkt.

Elsa mit Brautschleiertüll und Ortrud mit frecher Lüge: Die Versöhnung der Frauen, hier in der Besetzung der Premiere mit Ekaterina Gubanova als Ortrud (rechts), ist für eine von ihnen nur Heuchelei. Foto vom aktuellen „Lohengrin“ in der Inszenierung von Calixto Bieito der Staatsoper Unter den Linden: Monika Rittershaus
Elsa hat hingegen nochmal Glück im Unglück. Zumal sie hier, in dieser Inszenierung, am Leben bleiben darf. Wenn das der Wagner wüsste.
Ob er es geahnt hat, dass seine bis in den Tod liebende Heldin Elsa von Brabant – und zwar ohne dem Herztod nahe zu sein – dereinst ganz in Ruhe über Krieg und Frieden nachdenken kann? Als Calixto Bieito seine Vision von Lohengrin und Elsa inszenierte, war der Krieg noch so weit entfernt – zumindest gefühlt – dass man schon von Antizipation und beinahe von Prophetie sprechen kann.
Friede als Utopie – für Lohengrin mag das ein Fremdwort sein.
Gisela Sonnenburg
Wieder am 1. Februar und am 7. Februar 2026

Noch einmal ein Blick auf alle Mitwirkenden beim Schlussapplaus nach „Lohengrin“ am 25. Januar 2026 in der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Foto: Gisela Sonnenburg
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