Die Gesichter der Zukunft Das Ballett Dortmund dreht voll auf, liefert mit „Strawinsky!“ zeitgemäße Neuinterpretationen:  „Petruschka“ von Xin Peng Wang und „Le Sacre du Printemps“ von Edward Clug

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Javier Cacheiro Alemán springt als „Petruschka“ generös über alle Bedenken hinweg – und doch in alle Probleme hinein. Wow! Foto vom Ballett Dortmund: Leszek Januszewski

Was für ein Flash! „Petruschka“, als gegenwärtige Parodie auf die Machtspiele der kapitalistischen Gesellschaft gedeutet, geht unter die Haut – und „Le Sacre du Printemps“, als diffizil-psychologische Abrechnung mit dem Massenphänomen, das keinerlei Individualität duldet, begeistert mit feucht-deprimierender Symbolik. Es ist nicht ungewöhnlich, dass diese beiden Stücke in einem Programm laufen, sie stammen vom selben Komponisten, vom großartigen Igor Strawinsky, und sie wurden beide in Paris von den legendären „Ballets Russes“ uraufgeführt. Das Ballett Dortmund lehrt uns allerdings, dass man diese bereits oftmals und sehr verschieden interpretierten Klassiker der Moderne auch heute noch ganz neu machen kann. Wow, und wie neu! Ballettdirektor Xin Peng Wang kreierte seinen „Petruschka“ brandneu in gleich zwei Besetzungen, und „Le Sacre du Printemps“ von Edward Clug, schon 2012 heimlich, still und gar nicht leise im slowenischen Maribor uraufgeführt, ist bereits als Knüller unter Insidern bekannt (und wird derzeit auch beim Ballett Zürich getanzt). Da sind Standing Ovations sozusagen garantiert. „Strawinsky!“, der neue Abend beim Ballett Dortmund, trägt also das Ausrufezeichen ganz zurecht im Titel. Gestern abend war Premiere – und auch die kommenden Vorstellungen verdienen alle Aufmerksamkeit.

Am Anfang ist das Lachen. Ein zynisches, auch höhnisches Lachen, ein überlegenes und souveränes Lachen. Es gehört „Petruschka“, und es kommt aus dem Off.

Javier Cacheiro Alemán, der fantastische kubanische Erste Solist und zugleich der Petruschka aus der Premiere, kommt auf die Bühne. Sein Anzug ist weiß mit bunten Klecksen – clownesk und modisch zugleich.

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Das Auge des „Petruschka“ alias von Javier Cacheiro Alemán im Werbetrailer für „Strawinsky!“ vom Ballett Dortmund. Videostill: Gisela Sonnenburg

Die Kostüme von Helena de Medeiros unterstützen, was das Make-up schon besagt: Petruschka sieht von weitem zwar aus wie ein Manager, der sich für eine Privatfete klar macht. Aber sein Gesicht ist das vom „Joker“ aus den Kino-Filmen, der seit 1966 („Batman hält die Welt in Atem“) und später vor allem durch Jack Nicholsen Furore machte.

Grelles Weiß als Clowns-Teint (ganz ohne Whitefacing-Verdacht), dazu bunte geometrische Linien als Augen- und Mund-Make-up: Petruschka ist hier von vornherein gezeichnet. Sein Schicksal steht fest. Er ist ein Außenseiter, ein talentierter, grandioser Outlaw, aber eben ein Underdog. Und seine einzige Chance ist es, durch sein Charisma zu herrschen.

Er ist ein Skeptiker, ein Melancholiker, zugleich aber auch ein Schelm, ein Schlauer, ein Gewitzter. Kein Mitläufer. Kein Durchschnittstyp. Sein Tanz macht das deutlich.

Ist er ein Mensch der Zukunft? Und ist das grelle Joker-Make-up das Gesicht der Zukunft?

Andere Männer tauchen auf, sie sind ganz anders. Sie versuchen, ihn zu unterjochen, sie verprügeln ihn. Er ist machtlos dagegen. Was für ein armes Menschlein!

Dieses Mitleid gebührt Petruschka, er ist einer jener seltenen Helden, die eben nicht heldenhaft tapfer und siegreich dastehen. Das ist auch in der Urversion schon so gewesen.

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

MIt grellem Rot mitten im Gesicht clownesk: Javier Cacheiro Alemán im „Strawinsky!“-Werbetrailer als „Petruschka“. Videostill: Gisela Sonnenburg

Aber anders als in der Handlung um die Spielbudenpuppe Petruschka im Original von Mikhail Fokine von 1911, die eine rummelige Nostalgie beschwört und 1830 spielt, ist Petruschka hier bei Wang zwar auch der traurige Ausgestoßene, der Versager, der Geprügelte, der Unterdrückte.

Aber er hat eine Chance, und die nutzt er.

Mit kühnen Sprüngen und ausholenden, für Wang typischen „Segel“-Bewegungen darf er Kraft sammeln, sich später profilieren und im Bühnenlicht des Erfolgs sonnen.

In der Zweitbesetzung wird übrigens Guillem Rojo i Gallego den Petruschka tanzen, und auch auf diese Interpretation darf man gespannt sein.

Denn Petruschka gilt Wang als das Sinnbild des modernen Menschen – und damit ist der tragische Spaßmacher nicht mehr und nicht weniger als jede und jeder von uns.

Der Außenseiter Petruschka als innerstes Abbild von uns allen – es ist schon fast ein wenig unheimlich, was Wang da macht. Geht es um eine Geisterbahn der Gefühle statt um einen ausgelassenen Rummelsplatz als Metapher für die Welt?

Zeitgemäß ist das auf jeden Fall.

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Hinter der Tanzbühne ragt denn auch ein großer Trichter hervor, der als Leinwand fungiert (Bühnenbild: Hartmut Schörghofer). Filmaufnahmen von Großstädten zeigen hier zunächst das beginnende 20. Jahrhundert, später das 21. Jahrhundert, dessen hektische Lebensart in Autobahnen schier unfasslichen Ausmaßes kulminiert.

Petruschka findet derweil Trost in der Liebe. Als er desolat am Boden liegt, taucht „Das Mädchen“ auf (in der Premiere von Amanda Vieira reizend lieblich verkörpert, in der Zweitbesetzung von Daria Suzi vermutlich hervorragend anmutig).

Welch ein Funken Hoffnung in der trostlos ratternden Welt der Maschinen!

Die Liebe hält Einzug in Petruschkas ganz auf Erfolg gepoltes Dasein.

Amanda Vieira ist für ihn wie eine rote Madonna: Ihr Gesicht wirkt unschuldig, ihre Körpersprache ist noch unverdorben von den Riten des großen Geschäfts. Mit ihr scheint wahre Liebe möglich, das Zwischenmenschliche, das ohne spekulative Interessen agiert.

Aber sie bleibt nicht bei ihrem Herzbuben. Als ein Dominus von hohem sozialen Rang erscheint, wechselt sie rasch die Seiten, lässt sich mitnehmen in die große weite Welt des big success.

Die harte Welt der Gegenwart erreicht Petruschka. Noch hat er die Kraft, hier mitzuhalten.

Er wechselt zu einem roten Jackett und zu zartgelber Hose, très chic sieht er nun aus, wie vom Mailänder Laufsteg. Eine Art Netzteil ersetzt ihm das Hemd. Oh, er ist nun ein Avantgardist, der Gewagtes zur Schau trägt!

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Auch von nahem betrachtet brillant: Javier Cacheiro Alemán als „Petruschka“, in der Version von Xin Peng Wang beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski

Den Damen der etablierten Gesellschaft gefällt das. Sie haben – ohne Spitzenschuhe dazu – Kleider in bunten Uni-Farben mit tiefem Ausschnitt, in Orange, Grün, Gelb. Petruschka kommt gut an bei ihnen, er flirtet, er wird von ihnen umschwärmt.

Aber an sich geht es hier ums globale Business, kein Zweifel, und das bestätigt diese zweite Hälfte der Inszenierung. Da zieht das Tempo an, und für Romantik ist nun wirklich kein Platz mehr.

Denn es gibt einen Big Boss in diesem Machtspiel um Geld und Ansehen.

Es ist nicht etwa der Spielbudenbesitzer wie bei Fokine, es ist auch nicht der Mohr, der bei Fokine als höchst attraktiver Exot (und gar nicht rassistisch geschmähte Figur) das Herz der Ballerina erobert.

Sondern es ist „Der Chef“, so wird er im Programmzettel ausgewiesen, und in der Premierenbesetzung wird er mit dominanten Gesten und machtheischender Haltung von Simon Jones getanzt (in der Zweitbesetzung tanzt Aidos Zakan). Es ist der Dominus, der auch „Das Mädchen“ so leicht entführen konnte.

Sein Gefährt ist eine Art Roller mit überdimensionierten Rädern – ein wenig wirkt diese Maschine nicht nur wie ein Scooter, sondern wie ein zweirädriger SUV, von der übermächtig kraftvollen Ausstrahlung her.

Petruschka hat gegen ein so vereinnahmendes Flair keine Chance, kämpft er doch stetig selbst ums Überleben in dieser gruppendynamisch-gefährlichen Business-Society.

Die Herren vom Corps tragen denn auch SM-ähnliche Anzüge, sind ganz in Schwarz gewandet, manchmal auch ohne Top, und ihr Anführer ist, wie in einem Polizeistaat, ein Polizist.

Márcio Barros Moto – ehemals beim NRW Juniorballett – ist eine neue tolle Errungenschaft beim Ballett Dortmund. Pressefoto von der Homepage theaterdo.de: Leszek Januszewski

Er, der eigentlich Böse hier im Spiel, ist tänzerisch mit Márcio Barros Mota in der Premierenbesetzung ganz hervorragend im Auftritt (in der Zweitbesetzung tanzt Francesco Nigro).

Das Ballett Dortmund hat mit Barros Mota anscheinend einen neuen kommenden Star, zumindest bietet er eine Ausstrahlung und eine Geschmeidigkeit, die ihresgleichen suchen.

Auch insofern handelt sich hier um einen Abend der Gesichter der Zukunft: Der Portugiese, der auf seinem Pressefoto so bereitwillig und befreit lacht, kam über das NRW Juniorballett zum Ballett Dortmund – und gleich in seiner ersten Saison fällt er mehr als nur positiv auf.

Als Polizist verkörpert er die Staatsmacht, der die anderen gehorchen – und Petruschka gerät in sein Visier.

Nicht zufällig: Dem „Chef“ ist die Polizei in diesem Korruptionsgewimmel natürlich hörig. Und so wird Petruschka verfolgt und bedrängt.

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Javier Cacheiro Alemán als tragischer „Petruschka“ im Werbetrailer vom Ballett Dortmund: ergreifend. Videostill: Gisela Sonnenburg

Auf der Flucht, Petruschka ist mit einer Reisetasche ausgestattet, passiert es dann. Sie stehen sich gegenüber, Petruschka und der Polizist, und der Polizist schießt zuerst. Er trifft. Petruschka wird getötet.

Der Tod der Titelfigur entspricht sowohl dem Libretto von Fokines „Petruschka“ als auch dem Score des „Joker“-Films von 2019, in dem ein als Clown verkleideter Demonstrant von der Polizei erschossen wird.

Bei Wang ist damit aber noch nicht Schluss. Das „Mädchen“, das sich nun doch besinnt, packt Petruschkas Pistole, will ihn rächen und den Polizisten erschießen. Sie drückt ab – doch statt eines Schusses kommt eine Rose aus dem Pistolenlauf.

Vom Timing her hätte diese Pointe noch spannender präsentiert werden können. Aber man versteht:

Petruschka war gar nicht bewaffnet, außer mit Humor und Poesie – doch das hat ihm in einer Welt, die die Kunst und den Esprit nicht wirklich achtet oder respektiert, nichts genützt.

Es bleibt sein Lachen, unheimlich und souverän – und wo Petruschka bei Fokine als Geist auf dem Dach der Spielbude erscheint und dem „Zauberer“ genannten Bösewicht, also dem Spielbudeneigner, eine lange Nase dreht, lacht er hier uns alle an und aus.

Recht hat er! Ist diese Gesellschaft nicht irre, immer schneller und immer stärker dem Profit und dem Erfolg hinterherzujagen statt nachhaltig und menschlich zu handeln?

Wissenschaftler aus fast allen Bereichen warnen, dass es fünf vor Zwölf sei. Aber was macht die gloriose Menschheit? Sie erfindet SUVs für noch mehr Dreck und Umweltbelastung – von den massiven Unfallschäden dieser Panzerautos ganz zu schweigen.

Inflationsraten quälen vor allem die von Armut Bedrohten – macht das etwas aus im Weihnachtsgeschäft? Ach was.

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Werden wenigstens unnütze Kreuzfahrten, die die Meere belasten und durch Tagestourismus ganze Städte wirtschaftlich von sich abhängig machen und zugleich mit Abfall verderben, endlich verboten? Aber nein!

Und was geschieht sonst im Bereich Menschenrecht und Umweltschutz?

Vor allem geschieht nur das, was wiederum zu noch mehr Profit führt. Wie Windenergie, Biolandwirtschaft, der Bau von Elektroautos. Aber wird wirklich etwas geändert?

Frauen wählen angeblich den finanzstärksten Ernährer, den sie finden können, als Partner. Pseudowissenschaftler führen darüber Buch. Ist das alles so in Ordnung?

Männer wählen angeblich die hübscheste Partnerin, die sie haben können. Ist das nicht etwas oberflächlich vermutet?

In Deutschland werden 5 Quadratmeter pro Sekunde zubetoniert. Ist das wegweisend?

Und wer rettet den Regenwald? Was wird auf der von Menschen überbevölkerten Erde noch geschehen?

Wasser, auch Trinkwasser, wird hier und da schon knapp. Die Mehrheit der Menschheit lebt in Armut. Das Tierleid, durch Massentierhaltung weltweit verbrochen, wird durch zunehmenden Fleischkonsum bei ebenfalls zunehmendem vegetarischem Konsum immer weiter verschärft.

Das sind nun Fakten, die Wang nicht ausspricht. Aber sie drängen sich gedanklich auf, wenn man seinen „Petruschka“ reflektiert.

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Der Jammer des Lebens in einer aussichtslosen Welt: „Le Sacre du Printemps“ von Edward Clug beim Ballett Dortmund. Foto: Leszek Januszewski

Die Menschen sind doch diejenigen, die die modernen Katastrophen anrichten und die sie auch ausbaden werden. Ob nun durch Täuschung oder durch Machtgier. Das macht Xin Peng Wang mit seinem „Petruschka“ klar.

Und darin liegt auch schon der verbindende Gedanke zum zweiten Teil des Programms „Strawinsky!“: zum „Sacre du Printemps“ („Frühlingsopfer“).

Der ist nun seit seiner Uraufführung 1913 in der Choreografie von Vaslav Nijinsky immer für einen Skandal gut.

Die „Ballets Russes“ fielen damit zunächst in ein finanzielles Fiasko, und erst nach dem Ersten Weltkrieg verstand die feine Pariser Gesellschaft, was mit den wilden, oft wechselnden Rhythmen der Musik gemeint war.

Pina Bausch schuf 1975 einen „Sacre“, der vor allem durch die am Boden ausgebreitete Erde bestach und eine Art tödlichen Fruchtbarkeitskult implizierte.

Edward Clug setzt in seiner Deutung auf das gegenteilige Element, auf das Wasser.

Doch zunächst ist die Bühne vor allem düsterblau, und sechs Jungs und sechs Mädchen zelebrieren in parallel gesetzten Diagonalreihen das Dasein in einer finsteren, fast aussichtslosen Welt.

Individualität zählt ihnen nichts.

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Wasser stürzt von oben herab: „Le Sacre du Printemps“ von Edward Clug. Foto vom Ballett Dortmund: Leszek Januszewski

Sie tanzen synchron, bis ein Gewimmel einsetzt und sich Paare finden. Das Opfer ist schnell gesucht und gefunden, es ist ein Mädchen – und Sae Tamura tanzte ihre schwere Partie bei der Premiere ganz vorzüglich. Weitere Besetzungen harren der Entdeckung.

Doch zuvor bewegen sich die Paare in Bodennähe, um die Rutschgefahr, die auf sie mit dem Wasser im Bühnenbild noch zukommt, gewissermaßen vorzubereiten. Sie biegen und beugen sich, sie tragen beim Tanzen eine unsichtbare Last. Der Druck ist unfasslich, aber groß – ebenso wie eine unterschwellige Erwartungshaltung.

Dieser erste Teil vom „Sacre“ endet mit einer Hebefigur, die in der Gruppe durchaus spektakulär wirkt: Die Damen werden von den Herren nur am Rücken angefasst und empor gehoben, oben dann gehalten wie kostbare Skulpturen auf einem Tablett.

Man darf noch den Eindruck einer sozialen Gesellschaft haben. Aber dann:

Später steht das Opfer allein da, isoliert, inmitten der Gruppe. Und das Wasser kommt!

Es kommt von oben, in Sturzbächen, und natürlich ist das ein sensationeller Effekt. Man wundert sich, dass es nicht in den Orchestergraben hinabflutet – aber da ist wohl eine unmerklich schüsselförmige Bauweise der Bühnenoberfläche dagegen.

Für die Tänzer:innen wird es jetzt nochmals schwerer, aber sie genießen die nasse Umgebung und baden darin tanzenderweise, als sei es das Natürlichste von der Welt.

Es ist im übrigen falsch, was in der Video-Einführung vom Ballett Dortmund online hierzu gesagt wird, dass nämlich die Körpersprachen vor und nach dem Wassersturz sich radikal ändern würden.

Clug nutzt den wasserrutschigen Tanzboden sowohl für Gruppenszenen als auch für Paartänze. Imposant bewegen sich die zwölf Auserwählten, die hier den „Sacre“ machen, über die nasse Bühne.

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Sae Tamura als passioniertes Opfer in „Le Sacre du Printemps“ mit Wasser von Edward Clug. Foto vom Ballett Dortmund: Leszek Januszewski

Es ist der Knalleffekt dieser Idee, die Bühne solchermaßen unter Wasser zu setzen, der hier die Interpretation ausmacht. Im Ballett sind solche Konzepte wirklich selten!

Clug, heute 48, stammt aus Rumänien. Sein erstes Engagement führte ihn nach Maribor, Slowenien, wo er später auch Ballettdirektor wurde und mit seinem „Sacre“ einen echten Hingucker kreierte. Allerdings lernte er nicht nur im Ballett. Sondern auch im Sprechtheater bei dem bereits 2016 verstorbenen, aus Maribor kommenden und auch in Deutschland Aufsehen erregend arbeitenden Regisseur Tomaz Pandur, für den Clug als Tänzer und Choreograf wirkte.

Mittlerweile gilt Clug als einer der wichtigsten Choreografen. Er hat kürzlich am Bolschoi Theater in Moskau kreiert und ist auch nicht zum ersten Mal beim Ballett Dortmund zu Gast. Das Stuttgarter Ballett hat ihn ebenfalls bekannt gemacht, und eine besonders gewitzte Arbeit („memento mori“) entstand in München fürs Theater am  Gärtnerplatz.

Sein „Peer Gynt“ fürs Wiener Staatsballett enttäuschte allerdings, zu wenig Abwechslung und zu wenige Leitideen in der Choreografie konnten dem umfassenden Thema nicht gerecht werden.

Mit seinem Frühwerk „Le Sacre du Printemps“ von 2012 hat Clug sich allerdings bereits in den Annalen der Rezeptionsgeschichte dieses wichtigen modernen Klassikers verewigt.

Das Ballett Zürich zeigt das Stück derzeit auch (in Kombination mit dem modernen „Boléro“ von Johan Inger) – und wer noch nie was von der sprungseligen Wasserorgie Clugs gehört hat, der hat tatsächlich was verpennt.

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Schön, aber tödlich: Sae Tamura und das Ballett Dortmund in „Le Sacre du Printemps“ von Edward Clug. Foto vom Ballett Dortmund: Leszek Januszewski

Problematisch könnte man daran sehen, dass die Brutalität eines tödlich endenden Opfertanzes verharmlost wird.

Da gibt es sogar sanfte poetische Momente, wenn der Regen nicht mehr sturzbachartig, sondern als feiner Niesel aus dem Schnürboden auf die Frauen herabrieselt.

Natürlich sieht das schön aus. Und es wirkt auch schön und sogar erbarmungswürdig, wenn das Opfer in seinem Solo – statt zu rasen – regelrecht betet.

Sae Tamura, die hier von langem, schwerem Haar umwoben ist, gibt sich dem ganz hin, und ihr Gesicht hat einen zugleich flehenden und duldsamen Ausdruck.

Ist das die Tapferkeit des 21. Jahrhunderts? Ist das ein Gesicht der Zukunft?

Aber am Ende obsiegt hier aber nicht die Solotanzform, sondern der Paartanz als Vehikel des Menschlich-Unmenschlichen.

Die Herren ziehen die sitzenden Damen wie kleine Schiffchen über die glitschige Bühne und lassen sie sich, wenn sie auf dem Podex sitzen, zigmal im Wasser um die eigene Achse drehen.

Bis das Opfer schließlich (wie auch im ersten Teil, damals noch auf trockenem Boden) wie ein Pfeil auf dem Rücken über die Bühne geschossen wird. Das dürfte letal enden.

Manche Tierarten mobben und spielen überzähligen Nachwuchs oder kranke Tier in ihren Reihen langsam, aber sicher zu Tode. Wölfe tun das, manche Affenarten auch.

An diese grausame Form der Populationsregulation – die eine fehlende Empfängnisverhütung und Geburtenkontrolle ersetzt – erinnert das Stück ein wenig. Man muss allerdings schon weit über das hinausgehen, was man konkret auf der Bühne sieht, um darauf zu kommen.

Clug schont sein Publikum. Er frappiert zwar und fasziniert mit seiner Wasser-Idee. Aber er geht nicht unter die Haut, er rührt nicht, macht nur wenig einsichtig.

Sein prägnanter Stil, der ein relativ reduziertes Bewegungsvokabular umfasst, macht aus seinem „Sacre“ aber ein unumstritten spannendes Werk.

"Strawinsky!" beim Ballet Dortmund

Eine moderne Körpersprache gibt es selbstverständlich vor und nach dem Wassersturz im „Sacre du Printemps“ von Edward Clug. Hier vom Ballett Zürich getanzt. Foto: Gregory Batardon

Und wenn man gerade keine Möglichkeit hat, den genialen „Sacre“ von John Neumeier zu sehen – der von 1975 stammt und das Opfer sich am Ende ursprünglich nackt zu Tode tanzen ließ – dann ist Edward Clugs „Sacre du Printemps“ wirklich eine inspirierende Möglichkeit, sich zur aufwühlenden Musik von Igor Strawinsky optisch füttern zu lassen.

Die Dortmunder Philharmoniker bewältigen „Strawinsky!“ nahezu mühelos, mit großem Einfühlungsvermögen, und Motonori Kabayashi dirigiert entsprechend. Und nur an jenen Stellen, an denen nicht abzusehen ist, wie weit die Tänzerinnen im „Sacre“ übers Wasser rutschen, driften Musik und Choreografie manchmal doch etwas auseinander.

Übrigens wird im Februar 2022 in Leipzig der „Faust“ von Edward Clug (Uraufführung 2018) gezeigt, und für das Stuttgarter Ballett soll er in Kooperation mit dem Ausstatter Jürgen Rose einen neuen „Nussknacker“ kreieren.

Man wird ihm also nicht entkommen, diesem Quertreiber gegen den ästhetischen Leerlauf im choreografischen Gefüge, und es ist ein großes Verdienst von Xin Peng Wang und dem Ballett Dortmund, ihn mit dieser superben „Sacre“-Arbeit zu zeigen.
Gisela Sonnenburg / Anonymous

www.theaterdo.de

 

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