Das Standbild einer Erschießung Olé! „Carmen“ von Georges Bizet unter Daniel Barenboim mit Anita Rachvelishvili, Christiane Karg und Michael Fabiano in der Berliner Staatsoper Unter den Linden

„Carmen“, gesungen von der schönen Anita Rachvelishvili, ist stark und schön – und wird für ihr untreues Wesen vom Ex-Liebhaber gemeuchelt. Ein dramatischer Evergreen der Menschheitsgeschichte! Foto von der Staatsoper Unter den Linden: Monika Rittershaus

Am Anfang und am Ende steht eine Hinrichtung. Don José (fabelhaft nuanciert und dennoch expressiv von Michael Fabiano gesungen) reißt sich noch die rote Augenbinde herunter, da wird er schon vom Hinrichtungskommando getötet. Am Ende senkt sich danach – mit dem Schlusston der Musik von Georges Bizet– der Vorhang. Zu Beginn aber wird der leblose Körper zur versonnen tändelnden Micaela (fantastisch lyrisch und feminin zugleich: Christiane Karg) geschafft, wo er flugs lebendig wird. Und das Geschehen nimmt seinen Verlauf. Anfang und Ende sind hier das Beste, ein- und dasselbe Standbild einer Erschießung: José, der rasende Liebende, ist nämlich vor allem auch ein Mörder. Das ist das Konzept der „Carmen“-Inszenierung von Martin Kusej von 2004: Kusej gibt der von José aus Eifersucht ermordeten Titelheldin Recht, als er sie rächen lässt. Und nicht nur sie: In seiner Inszenierung, die jetzt wieder an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zu sehen ist, hat José, bevor er Carmen killt, auch seinen Rivalen Escamillo umgebracht. Eine plausible Ergänzung! Warum aber das auch sonst veränderte Libretto nicht aufgeschrieben und ins Programmheft gebracht wurde, bleibt ein Geheimnis der nicht vorhandenen Dramaturgie. Kusej hätte hier Sorge tragen müssen. Auch der Tanz fehlt hier als Leitmotiv, obwohl er musikalisch doch so deutlich angelegt ist. Allerdings liegt der Wert dieser Aufführung ohnehin weniger im Bühnengeschehen als vielmehr im hohen akustischen Genuss. Anita Rachvelishvili ist als Carmen ein Ereignis, mit gleichmäßiger Stärke in allen Lagen und einem gutturalen, aber nie kitschig wirkenden stimmlichen Impetus. Eine femme fatale wie aus dem Bilderbuch, und dass ihre langen schwarzen Locken und ihr draller Körper ihr die Anmutung einer Domina verleihen, passt nur zu gut dazu.

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Maestro Daniel Barenboim greift die düster-starke Ausstrahlung dieser Frau auf – und intoniert bereits mit dem ersten Paukenschlag der Ouvertüre größtmögliche Dramatik. Fast zu laut rauscht die mal wieder hervorragende Staatskapelle Berlin durch das erste Glanzstück der Partitur, sie donnert und triumphiert, sie rast und frohlockt.

Carmen, das ewig lockende Weib, wird erlegt wie ein Stier vom Torrero – das ist die Message der Geschichte, die Barenboim allein schon in den instrumentalen Passagen dieser vieraktigen Oper zu erzählen weiß und deren Vorlage von Prosper Mérimée stammt, und deren vor spanischen Einsprengseln nur so strotzendes Originallibretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy geschrieben wurde.

Bei der Uraufführung 1875, drei Monate vor dem Tod des Komponisten Georges Bizet, fiel „Carmen“ durch. Zu schwülstig, zu frivol erschien der Stoff, zu pompös-pathetisch die Musik.

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Schon bald mauserten sich aber einzelne musikalische Motive zu Gassenhauern, und das Thema von der Frau, die den Mann durch Untreue zum Mord reizt, wird wohl ein Evergreen bleiben, solange es die abgestumpfte männliche Sexualität gibt.

Schlechte „Carmen“-Inszenierungen versinken im staubigen Klischee-Spanien; bessere bemühen sich um eine Aufdröselung des Personals zu fasslichen psychologischen Figuren.

Den zweiten Weg geht Kusej, allerdings hätte seine Inszenierung eine Überarbeitung verdient. Beton- und Sandwüsten charakterisieren zwar die geistige Einöde einer Gesellschaft, die in ihren Grundpfeilern aus Militär und Prostitution besteht. Aber das Bordell als einen seitlich offenen Turm mit Wasserbecken (immer dieses Wasser bei Kusej!) am Boden zu zeigen, ist schlicht dekadent.

Dekadenz hätte man viel lieber inszeniert gesehen, mit mehr Laszivität und Erotik auf der Bühne. Die Regie aber lässt Carmen und Don José ganz schön allein, das grobschlächtig reduzierte Bühnenbild von Jens Kilian hilft da auch nicht, und warum es überhaupt eine Extra-Arbeitskraft für die szenische Einstudierung gibt (Herbert Stöger), bleibt unklar.

Carmen und José agieren miteinander wie Fremde, und wer so schlaff wie sie barfuß im flachen Wasser sitzt, ohne Natur, ohne Schönheit um sich, wirkt zudem auch noch wie Footballspieler nach verlorener Schlacht. Von heißer Liebe keine Spur.

"Carmen" an der Staatsoper Unter den Linden

Der Chor ist zu oft verschieden verkleidet in der Inszenierung von Martin Kusej von „Carmen“: Die Soldaten mit Mundtuch sind allerdings schlüssig, nicht nur in Corona-Zeiten. Foto: Monika Rittershaus

So zaubert die Musik allein alles herbei, was die Inszenierung nicht leistet. Und siehe da: Deutsche Zöpfe zu banalen Sommerkleidchen (die schaurig öden Kostüme stammen von Heidi Hackl) stören dann nicht weiter, wiewohl sie möglicherweise die Pädophilen im Publikum erfreuen.

Dämonisch schillernd sind die Kaskaden von Anita Rachvelishvili, herzergreifend lyrisch und doch glasklar ist der Ausdruck des verträumten Barmens von Christiane Karg.

Ach, und Michael Fabiano ist der pure Schmelz in stimmlicher Person!

Dieser Don José ist kein Macho von vornherein, sondern ein verwirrter Liebender, dem nichts im Leben bleibt als das Hoffen darauf, wiedergeliebt zu werden. Als er erkennen muss, dass das verlorene Mühen sind, dreht er langsam, aber sicher durch.

Dass er Escamillo nach langem Zweikampf absticht, ist eine wirklich schlüssige Zutat von Kusej ins Libretto, die ruhig Schule machen sollte.

Aber würde man die Opernpartitur noch nicht kennen, würde man sich bei dieser Besetzung gleich doppelt darüber freuen. Weil der Sänger des Escamillo, der Bariton Lucio Gallo, die Partie ganz offensichtlich künstlerisch nicht genügend beherrscht. Vielleicht hatte er bei der Wiederaufnahme am Samstag einen schlechten Tag, aber man hatte den Wunsch, er solle besser stumm bleiben.

So einen Patzer muss man aber in Kauf nehmen, wenn der Rest des Opernkonzerts so sehr ergreift wie mit Rachvelishvili, Karg und Fabiano.

"Carmen" an der Staatsoper Unter den Linden

Don José (der fabelhafte Michael Fabiano) liegt erschossen in den Armen der verträumten Micaela (wunderbar lyrisch: Christiane Karg). Aber nach dem Tod ist nochmal Leben, zumindest im ersten Akt von „Carmen“ an der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Monika Rittershaus

Bleibt noch, den Staatsopernchor in höchsten Tönen zu loben: Martin Wright, der die Einstudierung übernahm, leistete mal wieder hochprofessionelle Arbeit, und wenn nicht die Flöten aus dem Orchestergraben ebenfalls sozusagen Weltbestleistungen erbrächten, so würde ich sagen, dass schon allein der beiden Chöre wegen (der Kinderchor der Staatsoper– Chorleitung: Vinzenz Weissenburger – tiriliert ebenfalls hochfein aus dem Orchestergraben) der Besuch lohnt.

Zum Glück gibt es aber noch viel mehr zu bestaunen, und von den Duetten der Hauptpersonen über die Kastagnetten-Arie der Carmen bis zum Schmugglerquintett und Josés Blumenarie trägt hier die musikalische Spannung über alle inszenatorische Lücken und Absurditäten hinweg. Was für ein Drama, immer wieder, voll Unheil, Tragik und großer Liebe!
Gisela Sonnenburg

www.staatsoper-berlin.de

 

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