Angst vorm Sitzenbleiben Klassik-Juwelen, aber auch Modeschmuck aus Techno: Johannes Öhman und Sasha Waltz stellten beim Staatsballett Berlin ihre Pläne für die Spielzeit 2019/20 vor

Waltz und Öhman und ihr neues Programm

Sasha Waltz und Johannes Öhman auf ihrer Pressekonferenz im Foyer de la Danse in der Deutschen Oper Berlin am 14.03.2019. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Berliner Kulturpolitik hat stets panische Angst vorm Sitzenbleiben. Während man woanders in aller Ruhe sowohl Weiterentwicklungen als auch die Bewahrung von Qualitäten anstrebt, sollen in Berlin ständig neue Blendlichter am Kulturhorizont auftauchen, an denen Profiteure aus dem Hintergrund gut verdienen wollen. Das führt dazu, dass ein hektisches und ruppiges Klima herrscht, eine Atmosphäre der Bedrängnis und des Drucks, und im überbordenden Wettbewerb der vielfältigen Veranstaltungen geht die Qualität des Inhalts als Wesensmerkmal allzu leicht unter. Dagegen anzusteuern und die Qualität in Form und Inhalt hochzuhalten, ist die vorrangige Aufgabe der subventionierten Staatskultur – fürs Staatsballett Berlin (SBB) eine Mammutaufgabe, die sowohl Risikofreude als auch Inspiration durch Bewährtes erfordert. Ballettintendant Johannes Öhman und die kommende Co-Ballettintendantin Sasha Waltz stellten jetzt ihre Pläne für die Spielzeit 2019/20 vor: Neben einigem Tand darf man auch ballettöse Highlights erwarten. Bedenklich ist jedoch die deutliche Tendenz, mit Techno einem schlechten, kommerziell ausgerichteten Massengeschmack zu huldigen, nur um die Bude voll zu bekommen.

Emotionen und Leidenschaft: Ksenia Ovsyanick und Denis Vieira 2017 nach „Giselle“ mit dem  Staatsballett Berlin. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Die beste Berliner Ballettnachricht des Tages vorab: „Giselle“ in der klassisch-romantischen Jahrhundertinszenierung von Patrice Bart kehrt am 26. September 2019 auf den Spielplan zurück, dieses Mal wird sie in der Deutschen Oper Berlin statt in der Staatsoper Unter den Linden ihr ewiges Leben finden, und wer sich dafür nicht interessiert, sondern „Giselle“ als olle Kamelle abtun will, dem ist nicht zu helfen.

Freilich muss die Besetzung der beiden Hauptrollen adäquat sein – insbesondere Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru, aber auch Ksenia Ovsyanick und Denis Vieira schweben hier durch den erfahrbar gemachten Nebel der Erinnerung, als bräuchten sie überhaupt keinen Tanzboden, sondern nur die eigene Anmut und die faszinierende Sphäre dieses Balletts für ihre hohe Kunst.

Waltz und Öhman und ihr neues Programm

Was für ein Flair! Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru nach einer „Giselle“-Vorstellung mit dem Staatsballett Berlin. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Bart gelang ein großer Wurf bei der behutsamen Neuinszenierung des 1842 in Paris uraufgeführten Stücks, die mittlerweile zu Berlin gehört wie sonst nur noch John Crankos russisch inspirierter Ballettbestseller „Onegin“. Während letzterer den Spielplan verlässt, hält die französische „Giselle“ mit all ihrer Poesie, aber auch existenzieller Sozialkritik wieder Einzug in die heiligen Berliner Hallen der leidenschaftlichsten aller Künste – wir hoffen auf umwerfend schöne, beglückende Abende, die sowohl die Kraft der Liebe als auch die Ungerechtigkeiten des Lebens vorführen, ohne auch nur ein Jota in den Kitsch zu verfallen.

Sinnlich, smart und mordsmäßig sexy: Erleben Sie mit CHICAGO eines der begehrtesten Broadway-Musicals aller Zeiten. Im Sommer ist die englischsprachige Originalversion an ausgewählten Spielstätten in Deutschland und Österreich zu Gast. Freuen Sie sich auf einen preisgekrönten Soundtrack, mit Nummern wie „All That Jazz“ und „Cell Block Tango“, begleitet von einem brillanten Jazz-Orchester. Hier geht es zu den Infos und Tickets. Schuldig im Sinne der Anklage, wer diese Show verpasst!

Diese Gefahr ist auch bei der zweiten guten Nachricht des Tages definitiv nicht gegeben:

Dornröschen“ in der spritzig-eleganten, aber auch hintersinnig-klugen Choreografie der Grande Dame Marcia Haydée löst beim Stuttgarter Ballett, seinem Stammsitz, regelmäßig Begeisterungsstürme aus und wird ab dem 15. Februar 2020– das ist der Premierentermin – ebenfalls in der Deutschen Oper Berlin sein ballettöses Erwachen feiern.

Darauf freuen sich nun bitte jede und jeder, die oder der ein Herz für Klassik hat, zumal die Musik von Peter I. Tschaikowsky von unsterblicher Passion ist und man sie aus der Inszenierung von Nacho Duatonoch immer allerbest im Ohr hat.

Ob Robert Reimer, der beste mir bekannte Ballettdirigent, der kürzlich von Berlin nach München zum Bayerischen Staatsballett wechselte, hier auch nochmal mit von der Partie sein wird, konnte die Ballettintendanz noch nicht mit Sicherheit bejahen oder verneinen. Es wäre ein absoluter Höhepunkt!

Bleibt indes zu hoffen, dass der kommende Berliner „Dornröschen“-Bühnenausstatter Jordi Roig nichts verdirbt, denn die entzückende pastellfarbene, dennoch kontrastreiche  Originalausstattung von Jürgen Rose kann oder will man sich in Berlin nicht leisten.

Waltz und Öhman und ihr neues Programm

Sasha Waltz und Johannes Öhman stellen das Programm der Spielzeit 2019/20 beim Staatsballett Berlin vor. Foto: Gisela Sonnenburg

Dafür fließt reichlich Geld in die Uraufführung am 25. April 2020in der Staatsoper Unter den Linden, die Sasha Waltz (voraussichtlich mit nur 20 bis 25 TänzerInnen) zu einem musikalischen Auftragswerk von Georg Friedrich Haas unter dem etwas nichtssagenden Titel „SYM-PHONIE MMXX“ gestalten wird.

SYM“, betonend abgetrennt, klingt nun nach einem chinesischen Fahrzeughersteller. SYM, die besagte chinesische Firma, ist hier zwar vermutlich nicht beteiligt, dennoch ist die Assoziation da – aber Bildung und Wissen sind ohnehin nicht die Schwerpunkte des neuen Publikums, das Sasha Waltz in die Opernhäuser ziehen will. Vermutlich darf man sich bei derart krampfhaft kreierten Stücktiteln einfach nicht viel denken.

Darin liegt auch das große Problem des neuen Spielplans: Gleich drei weitere Premieren sowie eine zusätzliche Uraufführung sind keineswegs irgendwie literarisch ausgearbeitete Ballette, sondern gehören ins weithin inhaltsleere Spielfeld namens „zeitgenössischer Tanz zu Technik-Musik“.

Mit synthetischer Musik sollen offenbar die Techno-Jünger ins Opernhaus geholt werden. Billig ist solche Musik in jeder Hinsicht – das eigentliche Ballettpublikum wird so allerdings vergrault.

Irgendwie haben die Opernfans da mehr Glück. Niemand denkt daran, Opernmusik – ob neu oder alt – durch Techno zu ersetzen, nur damit ein ungebildetes Publikum an Land gezogen wird. Tanz mit seiner Fastnacktheit der schönen Körper scheint da als Lockmittel für volle Kassen ordentlich missverstanden zu werden.

Dafür werden diffuse Themen wie „Unheimliches“ und „Synästhesie“ zu einem Sujet hochgepäppelt, vielleicht zu einer getanzten Geisterbahn oder auch zu einer vor allem verwirrenden Stimmung, die zu abendfüllendem Leistungsabfall im Sinne des – in der Wissenschaft bekannten – Plateau-Effekts führen soll: bei Jefta van Dinther, dessen „Plateau Effect“ am 6. September 2019in der Komischen Oper Berlin premieren wird.

Das Stück wurde für das Cullberg Ballet in Stockholm kreiert und wird den Ruf der Komischen Oper Berlin als Techno-Bude reichlich nähren.

Außerdem werden zwei Neukreationen erstellt, die für Johannes Öhman eine stilistische Option darstellen, wie von Alexander Ekman und Sharon Eyal für die Premiere am 8. Dezember 2019. Der Israeli Emanuel Gat steuert dazu sein schon existierendes Stück „Sunny“ bei – einen starken Bezug zur klassischen bzw. ernsthaften Musik kann man „Sunny“ indes auch nicht unterstellen. Und auch Eyal und Ekman sind dem Techno nicht wirklich fern.

So muss die Komische Oper Berlin langsam aufpassen, dass sie nicht zum Place to chill verkommt, wohin junge Besserverdiener ihre Cashmere-Pullis und Markenanzüge ausführen, nur um mal ein wenig Abwechslung zu haben.

Aber was nützt ein ausverkauftes Haus, wenn es darin nicht um Kultur geht? Das ist ein Abstieg in den Ruhm, wie ihn die bildungsbeflissene Öffentlichkeit der Hauptstadt nicht verdient hat.

Vielleicht sollte man einen Mindestanteil E-Musik zur Pflicht bei subventionierten Veranstaltungen in der Oper machen.

Denn Techno-Gedröhne gehört genau wie Rock und Pop eindeutig in den kommerziellen Bereich.

Waltz und Öhman und ihr neues Programm

„Der Ruf des Kranichs“ schildert die Abenteuer einer ornithologischen Wissenschaftlerin. Herz und Hirn gehen also auch im modernen Ballett bestens zusammen – in Peking! Foto: National Ballet of China

Da wünscht man sich erneut, in Peking zu leben, denn das Chinesische Nationalballett schert sich nicht um den schlechten Geschmack ungebildeter Menschen, sondern kreiert Tänze, die Hand und Fuß haben, eine künstlerische Magie und einen harten Inhalt. Schade übrigens, dass diese Ballett-Truppe kein Gastspiel in Berlin gibt. Sie ist bitte nicht zu verwechseln mit dem monarchistisch angehauchten, ideologisch äußerst dubiosen Artistik-Ensemble Shen Yun.

Als vierte Berliner Premiere lockt derweil nächste Spielzeit eine kleine Novität in die winzige Tischlereider Deutschen Oper Berlin, wo sich unter dem Titel „Staatsballett Kreativ“ am 21., 22. und 23. Februar die Tänzerinnen und Tänzer vom SBB mal so richtig austoben dürfen. Mit Techno?!

Johannes Öhman hat indes keine Ahnung von Größenverhältnissen, wenn er diese Plattform in Miniaturformat mit der zu Zeiten von John Cranko in Stuttgart reüssierenden NoverreGesellschaft vergleicht. Die Stuttgarter Noverre-Gesellschaft war eine gut organisierte Institution, die sich gezielt um den choreografischen Nachwuchs kümmerte. So etwas gibt es heute auch in Stuttgart nicht mehr, in Berlin aber gab es das noch nie.

Aus Crankos Ensemble wuchsen damals choreografische Giganten wie John Neumeier, Uwe ScholzJiri Kylián und William Forsythe. Die Noverre-Gesellschaft (die in ihren späteren Jahren allerdings bedeutungslos wurde) brachte so eine legendäre Anhäufung von schöpferischem Esprit hervor. Es waren eben andere Zeiten, in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts konnten auch choreografische Talente, die keine First Class Supertänzer waren, in angesehenen Compagnien tanzen.

Man sollte differenzieren zwischen dem, was John Cranko seinen Leuten an Nachwuchsförderung zukommen ließ und dem, was heute beim SBB diesbezüglich möglich ist.

Waltz und Öhman und ihr neues Programm

Die Stuttgarter Primaballerina Elisa Badenes und der frühere Stuttgarter Ballerino Daniel Camargo in „Dornröschen“ von Marcia Haydée: ein hohes klassisches Niveau ist erforderlich! Foto: Stuttgarter Ballett

Ebenfalls sollte man – mein Rat –als Berliner Ballettchef Vergleiche mit dem weltberühmten Ballett der Pariser Opéra besser unterlassen. 93 TänzerInnen hat das SBB in der kommenden Spielzeit, und das sei das mindeste, meint Öhman, denn in Paris habe man 150 Ballerinen und Ballerinos. Das Hamburg Ballett (das zum Vergleich zumindest räumlich näher liegt) hat aber nicht mal 70 TänzerInnen – und tanzt trotzdem einen bunteren, größeren, zudem noch von Tourneen und Gastspielen angereicherten Spielplan als das SBB.

Das Pariser Opernballett, nur um das nochmal klarzustellen, ist eine weltweit einmalige Einrichtung, mit Renten für die Tänzer ab dem 42. Lebensjahr, als nationale und internationale sehr beachtete Institution, es hat eine eigene Schule und eine weltweit begehrte Tradition, die auf die Entstehung von Ballett überhaupt zurückgeht  – dagegen ist das SBB ein früh gestrandetes Versuchsobjekt.

Ein wahres Juwel in jeder Hinsicht, auch in historischer, ist hingegen das abendfüllende Themenballett „Jewels“ von George Balanchine, der in die Staatsoper Unter den Linden wieder Einkehr hält. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten tanzte sich das SBB in der Vergangenheit mit den drei verzwickt-raffinierten neoklassischen Choreografien zur überhöhenden Schönheit der Smaragde, der Rubine und der Diamanten frei und auf ein schwindelerregend hohes Niveau der Balanchine’schen Kunst empor.

"Jewels" von George Balanchine in der neu sanierten Staatsoper Unter den Linden

Elisa Carrillo Cabrera und Cameron Hunter vom SBB nach „Emeralds“ in „Jewels“ von George Balanchine in der Staatsoper Unter den Linden. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Nach längerer Pause kehrt, dazu passend, ein weiteres Stück des russisch-amerikanischen Choreografen Balanchine auf den Berliner Spielplan zurück: „Theme and Variations“, das zuletzt beim Semperoper Ballett in Dresden zu sehen war. Es kommt mit „The Second Detail“ von William Forsythe (dieses war vor drei Jahren in Stuttgart zu sehen) und mit einer Uraufführung von Richard Siegal (der sportlich-akrobatisch-supermodern choreografiert, gern zu Synthi-Musik, und der in Deutschland bisher vor allem in München präsent war) zur Aufführung. Ab dem 15. Oktober 2019. Wo? In der DOB, die erfreulicherweise insgesamt 41 Ballett-Vorstellungen in der kommenden Saison beherbergen wird.

Die Staatliche Ballettschule Berlin unter der künstlerischen Leitung von Gregor Seyffert darf hingegen im Juni 2020 dort auftanzen, wo sie auch dieses Jahr mit „Le Corsaire“ begeisterte: in der Staatsoper Unter den Linden.

Zwei Nachwuchsballerinen aus dem jetzigen Abschlussjahrgang konnte Johannes Öhman für das SBB übrigens gewinnen und unter Vertrag nehmen, darunter die technisch exquisite und auch ausdrucksmäßig schon sehr professionelle Elena Iseki, die bereits seit zwei Jahren als veritabler Jungstar gelten kann. Wer weiß, ob man sie nicht eines Tages als Prinzessin Aurora in „Dornröschen“ feiert?!

Waltz und Öhman und ihr neues Programm

Sagenhaft schöne Linien: Elena Iseki – hier bei einer Probe zu „Le Corsaire“ in der Staatlichen Ballettschule Berlin – wird Mitglied vom SBB. Und bald ein Star?! Foto: Gisela Sonnenburg

Zwei weitere klassische Ballette bleiben im Repertoire, nämlich „La Bayadère“ (ab dem 10. September 2019) und „Der Nussknacker“ (ab dem 14. November 2019), während der  allseits verehrte „Schwanensee“ einstweilen verschwindet. Die soeben erst premierte „La Sylphide“, vom Berliner Publikum nicht ganz liebevoll aufgenommen, verflüchtigt sich ebenfalls, wird aber irgendwann ein Comeback haben, versichert Johannes Öhman.

Insgesamt gibt es demnächst also einerseits heftig schillernde Klassik-Klunker, andererseits billigen Modeschmuck aus Techno.

Was fehlt, ist erstens Gala-Glanz, zweitens neuer Wind bei den modernen klassischen Balletten und drittens der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.

Gaststars sind (bis auf einige Termine mit der ständigen Berliner Gastballerina Polina Semionova) derzeit nicht vorgesehen, während man früher in Berlin mit glanzvollen „Leihgaben“ unter anderem vom Stuttgarter Ballett, vom Wiener Staatsballett, vom Het Nationale Ballett, vom Ballett Zürich oder auch mal vom Bolschoi Ballett glücklich werden konnte.

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Dafür gibt es mit Aya Okumura eine neue, vielseitige Solistin, die aus Amsterdam vom Het Nationale Ballet von Ted Brandes kommt. Insgesamt sind es elf neue TänzerInnen, die dazu stoßen. Es ist übrigens eine Falschinfo, dass der beliebte und sehr talentierte Vladislav Marinov Berlin verlassen müsse – er bleibt uns dankenswerterweise erhalten.

Auf die Prägung und Präsentation vom SBB in Berlin und für Berlin wollen Öhman und Waltz auch ihren Akzent setzen (wiewohl Waltz zeitgleich auch ihre kleine zeitgenössische Truppe „Sasha Waltz & Guests“ zusammen mit ihrem Ehemann Jochen Sandig weiterführen wird).

Die Gefahr bei diesem auf Berlin konzentrierten Konzept fürs SBB: aufs Lokale beschränkte Provinzialität und jede Menge choreografische Eintagsfliegen. Man bekommt auf Opernpreisniveau – vor allem in der Komischen Oper – eine Art gehobenes Off-Theater zu sehen.

Für Touristen und Entspannungsbedürftige ist das wohl ganz witzig. Aber wer sich eine Fortführung der Traditionskultur erhofft, geht auch mal leer aus. Drei Premieren, die „irgendwelche“ Kreationen ohne thematische Verklammerung aneinanderreihen – das ist schon etwas nachlässig.

Und ob die neue Waltz-Kreation wirklich überzeugen wird, bleibt abzuwarten.

Zur Erinnerung: Waltz hatte in ihrer Jugend durchaus einige gute Ideen mit einfallsreicher Umsetzung zu bieten, sackte aber seit 2012 inhaltlich und formal ziemlich ab und bietet seither Tanz als gepflegte Formalie, ohne auch nur einen einzigen Stachel. Angepasste Höflingskunst – diesen Vorwurf konnte sie meiner Meinung nach bisher nicht entkräften.

Da klingt es nicht wirklich wie ein Versprechen, dass sie auf der Pressekonferenz sagte: „Ich denke, ich werde meine Bewegungssprache nicht über Bord werfen.“

Aber vielleicht läuft sie ja nochmal zu richtig großer Form auf. Mein Tipp an Waltz: Wenigstens einen Rhetorik-Kurs absolvieren, damit die lästigen „äh, äh, äh“-Stotterer vor der Presse entfallen. Künstlerisch sollte sie zurück zu ihren Wurzeln gehen und nicht versuchen, äußere Erwartungen zu erfüllen. Konkrete Beziehungen zu illustrieren, gelang ihr stets besser als überfliegerische Bestrebungen à la „Gesellschaftsportrait“ zu zeichnen.

Johannes Öhman, der zudem tapfer und ganz schön akzentfrei gerade Deutsch lernt, hat seinen Start in Berlin mit Verve absolviert. In kommunikativer Hinsicht ist er  Sasha Waltz bereits jetzt um Längen überlegen. So ist man fast geneigt, seine Charakteristika wie „fantastische solide Arbeit“, „organisiertes Chaos“ und „Er hält seine Richtung ein“ bezüglich des Techno-Choreografen Jefta van Dinther sozusagen blind zu glauben. Wie auch immer: Am 6. September 2019 wissen wir dazu mehr.

Waltz und Öhman und ihr neues Programm

Sind sich einig beim Programm vom SBB für die kommende Spielzeit: Sasha Waltz und Johannes Öhman. Foto: Gisela Sonnenburg

Bis dahin wird das SBB auch einen neuen Geschäftsführer haben. Mit oder ohne Angst vorm Sitzenbleiben.

P.S. Werke von folgenden alten und jungen Starchoreografen, die gut nach Berlin passen und weder der sturen Klassik noch dem Techno-Trash entsprechen, möchte ich für die Zukunft vorschlagen:

John Cranko (der außer seinen bekannten Handlungsballetten auch zauberhafte abstrakte Tänze schuf), Heinz Spoerli (von dem das SBB einen ziemlich guten „Peer Gynt“ mit etlichen „Bombenrollen“ im Repertoire hat), Aszure Barton (eine der besten jungen und zudem besonders originellen Choreografinnen), der kompliziert-delikate David Dawson (der wirklich mal fällig wird in der Hauptstadt), der tiefsinnige Johan Inger (der mit Abstand begabteste der aktuellen skandinavischen Choreografen), Frederick Ashton (dessen zeitlose britische Eleganz auch in Brexit-Zeiten total angesagt ist), Yuri Possokhov (der von Russland aus Furore macht), Kenneth MacMillan (der das Ballett der Deutschen Oper Berlin gut kannte), Eno Peci (ein Ausnahmetalent, das seit einigen Jahren in Wien als Tänzer und Choreograf wirkt), Xin Peng Wang (der in Dortmund Ballettchef ist und dessen Arbeit ihrer Brisanz wegen auch mal nach Berlin kommen sollte) oder auch Raimondo Rebeck, der mal Startänzer in Berlin war und dank kontinuierlicher Arbeit mit der dortigen Jugendcompany mittlerweile als Wangs Nachfolger in Dortmund gehandelt werden kann.

Eine Bedingung hätte ich allerdings: überwiegend anspruchsvolle Musik!
Gisela Sonnenburg

 www.staatsballett-berlin.de

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