Gruppenkonsum, leicht gemacht „Mr. Gaga“: Ein Kinofilm von Tomer Heymann über Ohad Naharin bringt einem den Choreografen nicht näher, sondern zeigt ihn als Big Ego

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Ein Choreograf mit telegenem Gesicht und viel Erfolg, aber künstlerisch ist sein Werk anzuzweifeln: Ohad Naharin im Film „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann. Videostill: Gisela Sonnenburg

Manchmal ist ein Kinofilm besser, als es seine Macher wissen. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein an sich schlechter Film unfreiwillig etwas ganz anderes mitteilt, als er mitteilen soll. „Mr. Gaga“, die filmische Doku von Tomer Heymann über den israelischen Vorzeige-Choreografen Ohad Naharin, strotzt nur so vor Mitteilungen darüber, wie egomanisch sein Hauptprotagonist im Grunde ist – und das sind lauter Botschaften, die ganz offenkundig nicht im mindesten beabsichtigt sind. Auch, wenn der Künstler Naharin gen Ende des Films ins Mikro beichtet, bei welchen scheinbaren Fakten er zuvor in seinem Redestrom aus dem Off gelogen habe, so ist das für einen erfahrenen Zuschauer nichts wirklich Neues: dass etwa Naharin einen autistischen Zwilling gehabt habe, klang derart ausgedacht und konstruiert, dass die Selbstentlarvung als Lügner keine Überraschung mehr ist.

Den Redefluss des zu Portraitierenden als Leitfaden für eine Doku zu nehmen, ist nun zudem weder eine neue Idee noch hier irgendwie variantenreich umgesetzt. Der israelische Filmemacher Tomer Heymann geht lediglich den Weg des geringsten Widerstands und hat sich auch sonst nicht allzu viel Arbeit gemacht mit seinem Werk.

Verglichen mit Annette von Wangenheim („Nijinsky und Neumeier“, „Feuer bewahren – nicht Asche anbeten“) wirkt Heymann wie ein dilettierender Anfänger, der zudem seine journalistischen Grundsätze in einem Seminar über Propaganda gelernt haben könnte.

Überhaupt kann als Motto des Films gelten: Man hat schon bessere Zaubertricks gesehen.

Wo Ehrlichkeit und Authentizität angebracht gewesen wären, wird hier PR-trächtig um die gute Meinung des Publikums gebuhlt.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Eine Tänzerin im blauen Bühnenlicht: Auch schöne Momente kennt der Film „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann, nur sind sie leider zu selten – und werden zu sehr ohne Kontext präsentiert. Videostill: Gisela Sonnenburg

Dabei redet der Choreograf die ganze Zeit über, den ganzen hundert Minuten langen Film, aus dem Off. Er erzählt sein Leben, wie er und seine Freunde vom Film es eben offiziell darstellen wollen – ohne Fragen, ohne Widerrede, ohne Einwürfe.

Das ist so strunzlangweilig wie ein von der EU gesponserter blondierter Werbefilm, der im Fernsehprogramm als Füllsel eingesetzt wird. Weil es sich hier aber um eine einflussreiche Filmlobby handelt, die dahinter steht, kommt das Machwerk „Mr. Gaga“ großflächig in die Kinos.

Tatsächlich handelt es sich bei „Mr. Gaga“ um eine israelisch-schwedisch-deutsch-niederländische Koproduktion – mit einem unkritischen US-amerikanischen Weltbild, das Einfachheit anstelle von Diversität einsetzt.

Kultur ist darin eine Art Konsum, der meistens unter Gruppenzwang einher kommt.

Das Ganze beginnt mit einem nur scheinbar spektakulären Probenauszug:

Ohad Naharin, der 1952 geborene Tanzmacher, verlangt von einer Tänzerin immer wieder ein Knall-auf-Fall-artiges Umkippen. Aus einer zittrigen Verkrampfung heraus, die gar nicht mal uninteressant aussieht, soll sie ganz plötzlich umkippen und zu Boden donnern, als sei sie ohnmächtig geworden. „Fallen lassen!“

Naharins Stimme ist dabei tief und rollend, mit einem Quantum Herrschsucht darin, eine optimale Befehlstonlage also, und wer weiß, wieviel von seiner natürlichen Autorität Naharin diesem Sprechorgan verdankt.

Die Tänzerin, die er malträtiert, ist eher stumm. Ihr Hinterkopf schlägt hart auf, und kein Kissen mildert den Aufprall. Naharins Anweisung aber ist unnachgiebig, er lässt das Mädchen die Bewegungen wiederholen, wiederholen, wiederholen. Angst vor blauen Flecken oder vor einer Gehirnerschütterung darf die Tänzerin nicht haben. Und als Naharin sich nach ihrem Befinden erkundigt, empfiehlt es sich kaum, Schmerzen zuzugeben.

Die höfliche Frage des Choreografen ist denn auch im Ton nicht empathisch, sondern so sachlich wie eine Dienstanweisung, sich zu disziplinieren. Tanz als Hochleistungssport – diese Prämisse wahrt Naharin, sie macht einen Teil seines Mythos aus, bedient sie doch das masochistische Vergnügen von vielen Tänzern, die eigene Perfektion, soweit es geht, voranzutreiben.

Aber Ohad Naharin kann es auch selbst schön vormachen, dieses verletzungsfreie, spielerisch-rückhaltlose Zu-Boden-Gehen, das ihm so wichtig ist.

Wie kommt es nur, dass er damit wie ein Angeber wirkt, obwohl er mitten in der künstlerischen Arbeit ist? Am Ende des Films stolpert er sich solchermaßen eine Treppe hinauf – mit hohem Symbolgehalt.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Für welches Land die weiße Flagge steht – die traditionell auch als Unterwerfungsfahne gedeutet werden kann – bleibt wohl unklar in Ohad Naharin Tanzstück. „Mr. Gaga“, der Film von Tomer Heymann, gibt sich mit Deutungen nämlich nicht mal im Ansatz ab. Videostill: Gisela Sonnenburg

Denn in der Tat fiel dieser Künstler sozusagen die Treppe hinauf, was Karriere, Erfolg und Machtzuwachs anging. Sein unglücklichstes Jahr, sagt er, se hingegeni jenes Jahr gewesen, in dem er Tänzer in Maurice Béjarts „Ballett des Zwanzigsten Jahrhunderts“ war. Da habe er nur gemerkt, was er alles nicht wolle, sagt Naharin. Er sagt das ohne Bedauern, vielmehr mit Arroganz im Unterton.

Aber während Béjart ein Weltkünstler war, der Meisterwerke hinterließ, ist Ohad Naharin lediglich ein modebewusstets Kind des Zeitgeistes und der Spaßgesellschaft, und sein Werk wird, langfristig gesehen, wohl kaum auch nur annähernd so großen Einfluss haben wie Béjarts.

Aber Ohad Naharin hatte irgendwie sehr viel Glück ohne große Anstrengung. Das zeigt der Film ausgiebig.

Während andere schöpferisch tätige Künstler in der Kindheit gebührend litten, um anschließend ihre Traumata direkt oder indirekt in der Kunst aufzuarbeiten, gab es bei Naharin als Kind im Kibbuz vieles, das er schicht großartig fand. Das starke Gemeinschaftsgefühl der Kinder dort genoss er, und drei Stunden am Tag sah er immerhin auch seine Eltern. Sein Leben war durchorganisiert wie ein Ballettprobenplan.

Filmaufnahmen zeigen den agilen Jugendlichen Ohad, wie er Akrobatik in Jeans auf einer Sommerwiese übt. Solche Szenen haben Flair, sind aber leider nicht ergiebig kommentiert.

Bei der israelischen Armee dann – die hier selbstredend mit keinem Wort kritisiert wird – lässt Naharin sich wegen eines körperlichen Defekts der „Army Entertainment Group“ zuordnen. Er tritt also singend und tanzend vor den Soldaten auf. Als er schließlich doch an der Front landet und die Golanhöhen abfährt, sieht er verwesende Leichname. Freunde von ihm sterben im Krieg. Das erzählt er mit Tragik in der stimmlichen Mittelllage.

Aber an sich, so scheint es, ist Ohad Naharin völlig resistent für pazifistische Ideen oder auch nur für Mitleid mit dem Feind. Geradezu ängstlich vermeidet er jegliche Wertung – Krieg gehört für ihn halt dazu, zu einem Leben wie im Rausch des Erfolgs und des Sich-Durchsetzens, fürs Nachdenken bleibt da keine Zeit.

Ist das nicht genau die Haltung, die unsere Politiker von uns wollen? Naharin als Musterbeispiel des Weltbürgers, der hier ein bisschen tötet, weil ja Krieg ist, und der dort ein bisschen was abschießt, was sonst stört, der sich ansonsten aber begeistert ausschließlich seinem beruflichem Werdegang widmet.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Schönes Am-Boden-Robben – aber außer Spesen ist nicht viel gewesen, wenn man den Film „Mr. Gaga“ im Kino anschaut. Videostill: Gisela Sonnenburg

Dafür verdient er sich ein ironisches Prädikat à la „ganz und gar unpolitischer Künstler“, denn er kommentiert tatsächlich, um niemandem auf die Füße zu treten, mit keiner einzigen Silbe die Situation zwischen Israel und Palästina. Ist das nicht hochnotpeinlich?

Auch sonst sagt dieser Film viel aus über den globalen Zustand der Meinungsfreiheit und über den Gebrauch, der von ihr gemacht wird.

Einen Skandal hatte Naharin nämlich, als Israels damaliger Präsident Ezer Weizmann aus fehl geleiteten Pietätsgründen verlangte, für eine Vorführung vor hochkarätigem Publikum – das vom US-Präsidenten und der Knesset angeführt wurde – müssten die Kostüme der Tänzer, grauer Unterwäsche ähnlich, durch lange Hosen ersetzt werden.

Naharin, durch ein persönliches Gespräch mit dem Präsidenten kurz vor der Aufführung flugs zum Verräter seiner Kunst mutiert, war zu solchen Änderungen bereit. Das nennt man Umfallen nicht im körperlichen, sondern im intellektuellen Sinn. Vielleicht aber war Naharin auch nur besonders listig.

Denn seine Tänzer zeigten mehr Charakter – und bestreikten die Vorstellung, wegen der zensierten Kostüme. Damit entlasteten sie ihren machtgefügigen Boss, der dadurch keine juristischen, finanziellen oder auch nur moralischen Konsequenzen zu fürchten hatte.

Prompt wurde dank des Gruppenwiderstands der Tänzer eine scheinbar seriöse Presse-Campagne für Naharin und seine Freiheit der Kunst losgetreten, und an mehreren Orten wurde für ihn und seine Bühnen-Unterwäsche demonstriert.

Das ist Realität. Aber sie ist zugleich so grotesk-komisch wie eine Farce, und sie ist auch von einem so schwarzen Humor, als sei sie fiktiv.

Unterwäsche statt politischen Statements in Israel! Darin also erschöpft sich anscheinend die künstlerische Freiheit, die Ohad Naharin nutzt.

Es ist ja nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn er eine politische Meinung in seinen Tanzstücken haben würde.

Man versteht also dank dieses Films so langsam, was „Freiheit der Kunst“ im heutigen Israel bedeutet – und in welche Richtung ganz offensichtlich auch Strömungen in Europa gehen wollen.

Künstlerisch fischt der Film allerdings weiterhin im Trüben.

Das Bemerkenswerteste an Ohad Naharins Werken ist wohl deren Egozentrismus: Sie kreisen nur um sich selbst und gehen in ihrer Bedeutungshaftigkeit über den Moment auf der Bühne geradezu vorsätzlich keinen Millimeter hinaus.

Alles bleibt denn auch auch in „Mr. Gaga“ rätselhaft unverbindlich, oberflächlich, konsumistisch.

Genau richtig für Zombies, die sich ablenken und amüsieren wollen, ohne darüber nachzudenken, in was für einer Welt sie eigentlich leben und tanzen.

So wünscht man sich im Verlauf des Films, der brav und langweilig Probe an Probe an Doku-Szene reiht, Ohad Naharin hätte von Maurice Béjart vielleicht mal was gelernt, statt immer nur den eigenen Bauchnabel zu betrachten. Oder von Rudolf Nurejew, der – wie auch Peter Martin und Peter Schaufuss – mal in derselben Class trainierte wie Naharin in New York. Oder er hätte von Martha Graham lernen können, in deren Compagnie er tanzte. Die historischen Aufnahmen von Béjart sowie von Nurejew und Martha Graham im Ballettsaal gehören denn auch zu den de-luxe-Momenten dieses Films.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Rudolf Nurejew trainierte mal gemeinsam mit Ohad Naharin in New York – Archivaufnahmen würzen den Film „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann. Videostill: Gisela Sonnenburg

Zumeist allerdings steht Naharin mit seinem Allerweltsmachismo im Zentrum.

In einer narzisstisch-patriarchalen Gesellschaft kommen so egomanische Künstler aber oft gut an, das wird auch vorgeführt.

Dass das moderne Israel ein Land ist, in dem sich die meisten Frauen nur über das Gehalt ihres Ehemannes sowie der entsprechend großen gemeinsamen Kinderschar definieren, erfährt man in diesem Film mitnichten. Deutlich gesagt: Sonst würde man ja auch ein Tabu brechen. Denn die Freiheit der israelischen Frauen liegt außer im Militärdienst vor allem darin, sich familiären Strukturen zu unterwerfen.

Es gibt auch in Europa Politiker der verschiedenen politischen Couleurs, die sich im Grunde nichts anderes wünschen.

Das kritisiert der Film natürlich nicht – im Gegenteil. Die französischen Homosexuellen-Hasser, die es gelegentlich zu Demonstrationen treibt, werden hier ebenso wenig genannt oder angegangen wie irgendeine andere ausgeflippte politische oder religiöse Gruppe. Das lernt man wohl in Israel: Politisch zu schweigen und einfach sein Ding zu drehen.

Der gute Künstler und Demokrat lässt demnach die Herrschenden von gestern, heute und morgen einfach machen, ohne sie zu stören oder auch nur im mindesten zu kritisieren. Im Gegenzug bekommt er dann deren Fördergelder, Wohlwollen, Respekt.

Aber hat das noch was mit unserem Bild von autonomer Kunst zu tun?

Man könnte mit einem Bildnis antworten: In einem von Naharins Stücken wird auf der Bühne von einem männlichen Tänzer eine MP solange geputzt und gewienert, bis sie automatisch los geht – und eine Tote-Kuh-Staffage aus dem Bühnenhimmel fällt. Das heftige Gelächter des Publikums zeigt, dass es abgerichtet ist auf eine notdürftige „Und-jetzt-bitte-Lachen“-Moderne; sinnvoll komisch ist die Nummer mit der toten Kuh indes nicht. Bluff ohne Hintersinn ist hier alles.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Auch Martha Graham ist im Film „Mr. Gaga“ zu sehen – arbeitend, im Ballettsaal. Ohad Naharin war eine Zeit lang Mitglied ihrer Compagnie. Videostill aus dem Film von Tomer Heymann. Gisela Sonnenburg

Aber auch ernste Themen liegen Naharin nicht. Er kann nur Körper, sonst nichts, und das ist für Kunst zu wenig.

Ansonsten gilt hier inhaltlich die große Themenflucht: Schließlich sollen die Stücke weltweit konsumierbar sein, ohne Vorbildung, egal, aus welcher Kultur oder Religion die Zuschauer gerade kommen.

Da bleibt nicht viel als kleinster gemeinsamer Nenner. So sieht also Tanz aus, der auf ein Massenpublikum der Marke Turbokapitalismus setzt. Man ist versucht, Kunst als regionales Produkt einzufordern, sarkastisch gesagt.

Liebe, Krieg, Einsamkeit, Tierschutz, Menschenschutz, Umweltschutz, Kinderrechte, Frauenrechte, Behindertenrechte, Friedensrecht – all dies scheint für den satten Selbstdarsteller Naharin nichts als unwichtiger Ballast zu sein.

Nur als Tänzer war Ohad Naharin zweifelsohne wirklich toll: Video-Aufnahmen zeigen ihn als jungen Mann tanzend, mit geschmeidigem Körperfluss , großer Ausdruckskraft und originell improvisierten Pointen, etwa beim „Reißen“ einer Bewegung oder bei einem abrupten Abbruch einer Schrittkombination zu Gunsten einer neuen. Wo ist sein Talent nur hin?

Lediglich formale Merkmale modernen Bühnentanzes bieten die Werke von Naharin. Es fehlt ihnen an Gehalt – der Mangel an Esprit klebt am Gruppensyndrom, reduziert das Individuum auf Mini-Soli und empfiehlt Naharins Tanzstil für den leicht zu nehmenden Konsum. Etwa als Clique mit oder ohne alkoholischen Getränken – man kann sich hier bildlich tragen lassen wie von Werbung in einer Endlosschleife. Und das war’s!

Entsprechend desensibilisiert sein Werk. Ob seien Bewegungssprache „Gaga“, die dem Film den Namen gibt und die Naharin auch als Training lehren lässt, viel mehr als Abstumpfung bringt, wage ich mittlerweile zu bezweifeln.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Eine der witzigsten Szenen: „Mr. Gaga“ liegt, lange bevor er sein Gaga, sein Bewegungssystem, erfand, als junger Mann mit Gitarre und Gesang in der Badewanne. Videostill aus Tomer Heymanns Film: Gisela Sonnenburg

Die Musik, die Naharin in seinen Stücken vorgibt, ist zudem häufig laut und dröge: keine bedeutende Klangwelt, sondern ein beliebiger Remmidemmi. Man hat den Eindruck, da sollte mal wieder ein guter Kumpel des Choreografen mit Honorar versorgt werden, also durfte er was musikalisch machen.

Gruppenkonsum von beliebigem Gehüpfe. Das ist die Erfolgsformel, denn die „verstehen“ international die zahlenden Zuschauermassen.

Insgesamt, so scheint es, geht der zeitgenössische Tanz mit Choreografen wie Naharin in eine Richtung, die man rasch wieder ad acta legen sollte: härter, aggressiver, dynamischer muss es darin sein, populistisch und durchschaubar antörnend. Tanz, ein Massenrausch. Damit auch noch der letzte Politiker die aufputschende Wirkung darin erkennen kann. Ach, Tanz ist ja wie Politik!

Das ist keine Stilrichtung von Größe. Aber mit großer kommerzieller Tauglichkeit, zweifelsohne.

Der Stil der Batsheva Dance Company, bei welcher Naharin als junger Mann das Tanzen lernte und deren Künstlerischer Leiter er dann später wurde, war schon immer in diesem Sinne provokant. Dafür schwappte er aber dafür auch schon immer ins Trampelige.

Fans von Leichtigkeit werden mit den mitunter plumpen Körpern auf der Bühne nicht wirklich glücklich.

Aber wer Tanz nur als Experiment des Körpers für den Körper sieht, der kommt bei Ohad Naharin aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Dennoch hätte man sich über etwas mehr Haltung und Courage und etwas weniger Mitläufertum mit dem israelischen Mainstream gefreut.

Ohad Naharin steht denn auch als typischer Meinungsverweigerer da, der sich vor allem gern von den ihm untergebenen Tänzern bebauchpinseln lässt.

Er ist ein moderner Prototyp des Ballettsaal-Diktators.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Einen Großteil seiner Kreationen verdankt Ohad Naharin seinen Tänzern, sagt er – im Film „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann. Videostill: Gisela Sonnenburg

Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass ein Großteil seiner Kreationen von den Tänzern stammt.

„Ich unterscheide nicht mehr zwischen den Interpretationen der Tänzer meines Werks und diesem Werk selbst“, sagt er, und zwar nicht in Bezug auf Neueinstudierungen, sondern in Bezug auf die Tanzschöpfungen. Das ist im Grunde starker Tobak: Der Choreograf hat nichts außer einer eigenwilligen Virtuosität im Sinn.

Es ist ein Verdienst des Films, dass man die Arbeiten und auch die Arbeitsweise von Ohad Naharin nun so richtig kritisch sehen und argumentativ mit vielen Beobachtungen stützen kann.

Dass Naharin zudem die Zuschauer gern mal für dumm verkauft, wird an folgender Episode sichtbar: Bei einer Vorstellung lässt der dabei als Massen-Animateur performende Choreograf das in Stimmung und zum Stehen gebrachte Publikum sich nach und nach durch willkürliche Befragung teilen und setzen.

Bis nur noch ein Zuschauer steht.

Der darf dann auf die Bühne, zum munteren Mittanzen.

Ohad Naharin erläutert im Film mit stolzer Stimme, die Zuschauer würden natürlich denken, es sei ganz zufällig, wer da stehen bliebe. Aber da täuscht er sich. Wer mitdenkt, bemerkt die Manipulation und kann darum nicht viel Lustiges an der Szene finden. Denn natürlich ist der Stehenbleiber ein Fake, also ein bezahlter Schauspieler, und er spielt seine Rolle auch noch ziemlich schlecht.

Ansonsten aber gilt weiter das hemmungslose Umkippen als durchaus sinnvolle Metapher für Naharins Werk. Ich kenne überhaupt niemanden aus dem Kosmos der Choreografie, der oder die es derart hartnäckig verweigert, in einem Portraitfilm etwas mit Substanz zu sagen.

Naharin hat so große Angst, sich festzulegen oder etwas von sich preiszugeben, dass er ausnahmslos an der beschönigenden Oberfläche bleibt. Das ist schon fast uneitel zu nennen.

Ja, und man stellt fest: So sehen sie also aus, die Auswirkungen der globalisierten Welt, die von Presse- und Meinungsfreiheit immer weniger hält.

Bleibt die Würdigung des Künstler-Egos. Bei Naharin reicht es bis ins Privatleben, so man überhaupt von seiner Privatperson etwas erfährt. So ließ Naharin seine erste Frau Mari ihre Karriere und ihr Heimatgefühl für ihn opfern.

Immerhin war sie Assistentin von Alvin Ailey in New York, als sie sich kennen lernten. Im Film wird sie sogar reißerisch als „Star“ bezeichnet, was für eine Assistentin nun sicher weniger zutrifft. Aber in Tel Aviv, wohin Naharin sie später mitnahm, zählte nur seine Arbeit, zudem fühlte sie sich dort nie heimisch. Ihre Armbanduhr, so Naharin, hätte weiterhin die New Yorker Zeit angezeigt. Ob das nun stimmt oder nicht: Mari war in Israel unglücklich.

Als sie mit gerade mal 50 Jahren an Krebs starb, mag Naharin um sie getrauert haben.

Aber die Art und Weise, wie er sich dann mit einer vierzig Jahre jüngeren, gebärfreudigen Tänzerin tröstete – und mit der Geburt eines Kindes, das locker sein Urenkel sein könnte – befremdet doch sehr.

Wir sehen solche Perversionen ja überall bei den Neureichen von heute, also auch in den Ballettsälen. Gelifteter Opa nimmt sich ehrgeizige Jungfrau – wenn da dann nicht wirklich große Kunst bei rauskommt, ist man allerdings nicht verwundert.

Für die Zuschauer des Films springt immerhin ein verständnisloses Mit-dem-Kopf-Schütteln dabei heraus.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Der Choreograf als Selbstdarsteller: Ohad Naharin im roten Kleid beim Applaus – so kann er sicher sein, aufzufallen. Zu sehen im Film „Mr. Gaga“ über Ohad Naharin von Tomer Heymann. Videostill: Gisela Sonnenburg

Und wer noch nie ein von einem Big Boss gezeugtes Kleinkind vor versammelter Mannschaft sich hat produzieren sehen, der hat an dieser Passage des Films sicher seine Freude.

Und kein Tänzer muckt auf, weil er vielleicht doch lieber proben würde statt das Kleinfamilienglücks seines Chefs zu bewundern. Aber auch das gehört zum neuartigen Demokratieverständnis: Hauptsache, die Wirtschaft wächst. Naive Freude an Kindern ist da immer eine gute Motivation.

Man kann diese Szene aber auch untergründig degoutant finden, denn sie führt vor, wie willkürlich der Big Boss im Studio seine Belange durchsetzen kann. Kaum vorstellbar, dass er mit kritischen Meinungen diskutieren würde.

In einer Welt, die global dabei ist, ihre Kritiker abzuschaffen oder zumindest auf ein wirkungsloses Maß zu reduzieren, kommt Ohad Naharin allerdings prima voran: künstlerisch mit seinen klitzekleinen Frechheiten und seinen vor allem „unterhaltsamen“ Mini-Revolutionen, als Person durch kritiklose Anpassung ans kapitale System.

So lässt er Tänzer zwar schon mal schrill schreien, auf der Bühne in Aktion, und dass er originelle Pas de deux von ihnen kreieren lässt, dürfte sich auch schon herumgesprochen haben. Aber die Aussage all dessen ist eben absichtlich nebulös. Naharin will sich nicht festlegen lassen.

Dass Naharin inhaltlich aber auch wirklich so gar nichts hergibt, findet man, wenn man diesen Film gesehen hat, noch auffälliger als zuvor. Danke, liebe Produzenten!

Einen einzigen Spruch von Ohad Naharin finde ich allerdings bemerkenswert, im Sinne von glaubwürdig:

„Dont’t fuck with me, my life depends on you“ sagt Naharin gern zu den Tänzern, mit denen er probt. Er macht damit deutlich, dass es ihm verbissen um die eigene Karriere und ums eigene Ansehen geht – und um nichts anderes. Das ist keine wünschenswerte, aber ehrlich geäußerte Position.

Naharins verstorbene Frau Mari brachte das Verständnis seiner Kunst denn auch so auf den Punkt: Tänzer und Choreograf müssten sich völlig vertrauen, denn die Tänzer müssten sich für den Choreografen selbst aufgeben. Nun ja. Klingt nicht sehr progressiv. Dagegen war George Balanchine womöglich ein Rebell.

Die widersinnig strikte Hierarchie hat Naharin im klassischen Ballett also wohl nie gestört. Was wäre hier denn Demokratie in den Ballettsälen? Großes Fragezeichen…

Es ist aber ein bekannter Schwachpunkt im Gefüge der Ballettprofiwelt, dass die Abhängigkeiten von den Bossen viel zu groß ist, um nicht von Willkür und Machtüberschuss bei ihnen zu sprechen.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Die begabten Tänzerinnen in Ohad Naharins Choreografien können wenigstens zeigen, dass sie technisch und auch schauspielerisch so Einiges drauf haben. Szene aus „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann. Videostill: Gisela Sonnenburg

Aber dass nun ausgerechnet im Contemporary Dance, im Zeitgenössischen Tanz, weiterhin ein solcher Opfermythos gepredigt wird, stößt bitter auf.

Ja, wo sind sie denn nun alle, die Fortschritte des Tanzes? Isadora Duncan und Mary Wigman, Martha Graham und José Limon wollten die Tankunst befreien. Wo ist die Freiheit nun? Hier eben nicht, das lehrt der Film, hier regiert die Form ohne Gehalt, so kurzweilig und schwunghaft Ohad Naharins Stücke auf den ersten Blick auch scheinen mögen.

Zur Entwicklung seiner Bewegungssprache „Gaga“ kam Naharin denn auch nach eigenem Bekenntnis durch eine schwere Verletzung, als er einen neuen Bezug zu seinem geschundenen Tänzerkörper aufbauen musste.

Er hatte als Tänzer ein Rückenleiden verschleppt statt es zu kurieren, bis bei einem Auftritt sein linkes Bein jeden Gehorsam verweigerte. Der Arzt sprach von irreversiblem Nervenschaden.

Aber Tänzer geben in solchen Situationen bekanntlich nicht gleich auf, und Naharin war nicht er erste, der die Erkrankung nutzte, ein neues intensives Verhältnis zu seinem Körper zu pflegen.

Er fand im Zuge dessen zur Erfindung des Bewegungssystems Gaga, als logische Neuerfindung eines Tanzens jenseits des Drucks, bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen.

Ein guter Interviewpartner hätte an diesem Punkt mit Naharin ein vertieftes Gespräch geführt, unter Anreicherung überlieferter Erfahrungsschätze. Aber Heymanns allzu simples Filmformat lässt dazu keine Chance – es ist, als rede der Choreograf Naharin mit seinem Spiegelbild, um seine Selbstvermarktung bestmöglich einzustudieren.

Typisch erscheint mir übrigens, dass die ARD-Sendung „TTT“ diesen Film lobt, nach dem Motto: Daraus lässt sich rasch ein flotter Beitrag basteln, die Politik überlassen wir anderen Künstlerthemen.

Es wird denn auch von „Mr. Gaga“ nichts ausgelassen, was die unpolitische PR-Mühle antreiben könnte.

Da darf die Bespaßung von kranken Kindern natürlich nicht fehlen.

Man erfährt zwar noch nicht einmal, um was für Kinder in welchem Hospital es sich handelt. Aber wozu auch? Was hier zählt, ist allein die auf Emotionen spekulierende Macht der Bilder.

Der Film ist wie die Bild-Zeitung, so aufregerisch ohne Sinnstiftung.

Aber ob Bild oder Zeit: Nichts ist so PR-lukrativ wie Kinder im Krankenhaus. Das kranke Kind, Sinnbild der siechen Jugend und bedrohten Zukunft, verkauft, solchermaßen benutzt, nun mal alles und jeden.

Naharins Big Ego lässt sich so eine Gelegenheit nicht entgehen.

Aber wenn er, zurück auf einer der Proben, einen Tänzer eine Armabwärtsbewegung mit einer Power durchführen lässt, als werde „ein Nagel mit einem Hieb in die Wand“ geschlagen, dann zeigt sich, dass Naharin in der Arbeit mit Tänzern längst nicht so gut ist wie sein Ruf.

Der junge Mann, mit dem er probt, hat, als Naharin zufrieden ist, seine individuelle, verinnerlichte Form der Grazie verloren – er tanzt jetzt reizlos, plump, der Schwerkraft allzu sehr verpflichtet.

Dafür sieht sein Gehupfe schon auf den ersten Blick nach Naharin aus, was diesen offenbar günstig stimmt: So ein „Markendenken“ ist zwar nie der künstlerischen Qualität, wohl aber immer dem Ego des Urhebers dienlich.

Dabei protzt Naharin, als sei er ein Guru der Selbsterfahrung: Er wolle aus den Tänzern jene „Tiere und Jäger“ machen, die „wir“ eigentlich seien, lobt der Choreograf sich selbst. Rückschritt als Fortschritt. Vorsicht, die Bestien kommen! Und nur die härtesten überleben – das ist nichts Neues in einer von Leistungssucht durchtränkten Business-Welt.

Höher, schneller, weiter und all das mit Tunnelblick – genau so richtet man die Welt zu Grunde. Aber das werden Künstler wie Ohad Naharin sicher nie verstehen.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Während Tanzszenen vorbei flimmern, erzählt der Künstler Ohad Naharin aus dem Off vermeintlich staunenswerte Anekdoten aus seinem Leben. Hier behauptet er, mit dem Anreiz eines Stück Kuchens (“ Piece of cake“ ist ein Leitspruch von Naharin) seinem Schlaganfall-gelähmten Vater kurzzeitig das Aufstehen neu beigebracht zu haben: „Er stand auf wie ein fünfzehnjähriger Junge.“ Wer’s glaubt, wird sicher selig. Videostill aus dem Film „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann: Gisela Sonnenburg

Bei einem Applausauftritt tritt Naharin dann als Einziger im Traviestie-Look ein knallrotes, geschlitztes, sexy Kleid an – womöglich war das mutig, womöglich aber auch wieder nur ein kalkulierter Regelverstoß, um sich ins Gespräch zu bringen.

Faktisch und intellektuell fällt das, was Naharin zu bieten hat, weit hinter etwa die Schwitzhütten selbsternannter deutscher Indianer zurück. Der ganze Mief und Muff von mittelmäßigen Workshops, deren Teilnehmer gegen viel Geld ein Elitegefühl auf Zeit entwickeln dürfen, schlägt einem da bei Naharins Auffassung von Lernen entgegen.

Poetische Momente entstehen in diesem Film denn auch nur am Rande, und man könnte sogar feststellen, dass es wohl kein Zufall ist, dass seine starken Minuten in der Gesamtansicht keine Gewichtung haben.

Da liegt der noch ganz junge Künstler mal expressiv-frustriert angezogen in der Badewanne, singend und auf einer Gitarre spielend. Das Instrument ist danach pitschnass – der Künstler findet’s lustig. Vielleicht will er auf die unwegbare Situation von Musikern aufmerksam machen? Oder einfach nur mal wieder ordentlich Fun haben?

Dann wieder singt er, viele Jahre später, über einen erinnerten Konflikt mit seinem Vater: über die Notwendigkeit zu lügen.

Leider kommt da nicht mehr zu so einem Thema. Aber es wäre es wert: Die Lüge als Ersatz für Wahrhaftigkeit. Ist das nicht in jedem Krieg so?

Und wird da Kritik, wird da kritischer Journalismus nicht ohnehin immer wichtiger? Wer entlarvt denn sonst die Lügen der Mächtigen, wenn die Künstler es nicht mehr machen wollen?

So wurde in der Türkei soeben ein aufmüpfiger Journalist zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, ohne, dass das einen Sturm der Entrüstung und Solidarität à la Charlie Hebdo verursacht hätte.

Als ginge es uns nicht viel an. Aber solche Urteile von einem EU-Anwärter-Land gehen uns sehr viel an. Sie beeinflussen auch das Klima in unseren medialen Landschaften. Sie machen vorsichtig, ob das nun den meisten bewusst ist oder unbewusst.

Dabei träumen ja in der Tat weltweit Industrielle, Politiker und nicht selten auch noch Künstler von solchen Möglichkeiten, Kritiker einfach mundtot zu machen. Wer sich selbst massenwirksam verkaufen will, hasst seine Kritiker heutzutage, statt sich von ihnen anregen zu lassen – da gab es auch schon mal andere Streitkulturen in Europa, etwa in den 80er und 90er Jahren, als man Kritik als Möglichkeit der Kommunikation sah.

Vor allem bilden Kritik und das Dulden von Kritik das Herzstück unserer Demokratie.

Mr. Gaga ist nicht gaga, aber konsumistisch.

Massenbespaßung statt ernsthafter Kunst: Ohad Naharin ist sich für nichts zu schade, das Erfolg verspricht. Diesen Eindruck hat man zumindest, wenn man den Film „Mr. Gaga“ von Tomer Heymann sieht. Videostill: Gisela Sonnenburg

Wenn Politiker anfangen, hier mit neuen Gesetzen etwa der Investigation einen Riegel vorzuschieben, steht damit auch die Meinungsfreiheit von jedermann zur Disposition. Diesen Zusammenhang übersehen viele.

Künstler, die von sich aus, ob aus Bequemlichkeit oder aus Geistlosigkeit, darauf verzichten, ihre Kritik an der Gesellschaft zu formulieren – ob verbal in Interviews oder nonverbal in ihrer Kunst – leisten einer Gesellschaft Vorschub, in der nur noch das unkritische Jubeln die Kunst und die Massen vereint. Das geht dann schon in Richtung Spaßfaschismus und bildet lediglich ein zahmes Gegenstück zu Massenevents wie Fußballspielen.

Wenn es nach Erfolgssüchtigen wie dem Choreografen Nahad Oharin geht, dann haben die Reaktionären mit ihren Absichten aber gute Chancen. Das Eine zeigt dieser Film nämlich ungewollt drastisch: Es wird Zeit für eine neue Künstlergeneration, für eine, die sich der Welt, in der sie lebt und atmet, nicht durch Flucht in Gemeinplätze entzieht.
Gisela Sonnenburg

Kinostart bundesweit: 12. Mai 2016

TV-Erstausstrahlung: 28. Mai 2017, 22.55 Uhr auf arte 

Aus einem Leserbrief an ballett-journal.de: „Ich habe mir gestern nach den Lobhudeleien von anderen Medien auch den ‚Mr. Gaga‘ angetan. Es war quälend!“

www.mrgagathefilm.com

ballett journal