Weltgeist mit gestreckten Füßen Das Landesjugendballett der Staatlichen Ballettschule Berlin probt für die ersten Auftritte mit diesem Label

Das Landesjugendballett Berlin probt

Elena Iseki und Victor Goncalvez Caixeta proben für den großen Pas de deux aus „Le Corsaire“ – in der Staatlichen Ballettschule Berlin, für Auftritte mit dem Berliner Landesjugendballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Wenn Elena, 15, und Victor, 18, sich in die Augen sehen, ist es schon ganz wie bei den Profis. Sie vermitteln sich gegenseitig viel mehr als nur bloße Freundlichkeit. Es geht um die Vorbereitung zu einer fast intimen Zusammenarbeit: Körperlich sind sich die Paare im Ballett hautnah, man spürt einander, riecht einander, sieht einander wie in Nahaufnahmen an. Das hält man nur aus, wenn man unbedingt und gerne gemeinsam etwas erreichen will. Closeup für den Enthusiasmus! In der Staatlichen Ballettschule Berlin trainieren und proben derzeit denn auch Dutzende von Kindern und Jugendlichen wie Elena Iseki und Victor Goncalves Caixeta für ihre ersten Auftritte unter dem Label des frisch gegründeten Landesjugendballetts (LJB – www.ballett-journal.de/staatliche-ballettschule-berlin-landesjugendballett/). In und außerhalb von Berlin werden sie damit ihre beglückende Botschaft von Frieden und Schweiß, von Meisterschaft und Entzücken, von Anstrengung und Virtuosität verkünden.

Nach und nach wird das Repertoire der jungen Tänzerinnen und Tänzer erneuert und ergänzt.

Aber auch das tägliche Training gehört dazu, ist sogar die Voraussetzung.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Victor Goncalvez Caixeta steht souverän in Pose – in „Le Corsaire“ von Marius Petipa auf der Probe in der Staatlichen Ballettschule Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Bei Galas, Matineen und Wettbewerben, mit abendfüllenden Programmen oder als Gäste bei gemischten Veranstaltungen haben die Nachwuchstalente dann Gelegenheit, sich zu zeigen.

Die Klassik ist dabei die Grundlage für alle Formen und Tanztechniken.

Da wirkt ein simples Tendu wie die Errichtung einer Grundfeste zu einem Palast.

Aber was heißt simpel? Mit der richtigen Arm-, Rumpf- und Kopfhaltung wird bereits ein Kunstwerk daraus.

Zumal, wenn Shino Tsurutani es ausführt, und zwar als Diana in Marius Petipas schwungvoller Choreografie „Diana und Actaeon“.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Shino Tsurutani probt für „Diana und Actaeon“ in der Choreografie von Marius Petipa in der Staatlichen Ballettschule Berlin. Wow! Foto: Gisela Sonnenburg

Was für ein Flair! Der professorale Schulleiter Ralf Stabel, auch als Buchautor bekannt, kann stolz auf seine Studentinnen sein.

So auch, wenn Clara Melita das Tendu als Teil des ganz normalen Trainings absolviert.

Clara hat eine Figur, die einen neuen Typus von Tänzerin ankündigt. Sie wirkt so schlank und fohlenbeinig, dass sie mit den rundlich gedrungenen Tänzerinnen zu Petipas Zeiten im 19. Jahrhundert körperlich kaum noch Ähnlichkeit hat. Der Mensch an sich wird immer schlanker und ranker, größer und länger.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Clara Melita hat eine hochmoderne Figur, mit langen Beinen und rank gewachsenem schmalem Körper. Ihr Tendu adelt sie! So zu sehen beim Landesjugendballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Und ein hübsch auswärts gedrehtes Tendu an der Barre, an der Stange, erhält hier den Glorienschein einer hoffnungsvollen Zukunft. „Gehalten“ heißt Tendu aus dem Französischen übersetzt.

Ein Passé („Vorbeigezogen“) kann außerdem eine Ode an das Leben sein. Man muss nur richtig hinsehen!

Und wenn diese Übung mit dem hochgezogenen Knie, also das Passé, gar mit einem tiefen Cambré kombiniert ist, verströmt die Mädchenklasse der Ballettpädagogin Heike Keller damit so viel Poesie, als würde es sich um den Auftakt zu einem elfengleich getanzten Divertimento handeln.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Drei Mädchen, drei Mal Passé, drei Mal Cambré – Schönheit im Trio an der Barre in der Staatlichen Ballettschule Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Eine halbe Stunde später avanciert das Passé bei den 15- und 16-jährigen Mädchen zur quirlig-wirbeligen Pirouettenangelegenheit. Tadellos drehen sie ihre seriellen Fouettés au milieu, jede zweite Pirouette davon sogar als doppelte. Welch Raffinesse!

Das kann noch nicht mal jede Profi-Ballerina. Der Fortschritt der Jugend ist derzeit immens im klassischen Ballett; von Jahrgang zu Jahrgang gibt es mehr zu staunen.

Das ist international so, aber an einer progressiven Schule wie der Staatlichen Ballettschule Berlin besonders gut zu beobachten.

Zweifelsohne hat der Weltgeist hier höchst gestreckte Füße!

Eine Hebung aus dem großen Pas de deux von „Le Corsaire“ ist dann der Schlüssel zu den Herzen der Zuschauer.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Victor hebt Elena weit über seinen Kopf – so leicht und sicher, als wäre sie aus Wolkendunst gemacht. Aber sie ist ganz sicher real! Genau wie ihr Tanzpartner vom Berliner Landesjugendballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Wird die Dame auch noch hoch oben in der Luft durch den Raum getragen, so ist das, als sei das Tanzpaar bereits im siebenten Himmel angekommen.

Le Corsaire“ in der klassischen Choreografie von Marius Petipa steht eben auch beim Berliner Landesjugendballett für Virtuosität und Ergebenheit, für Romantik und Verlangen.

 

Das Landesjugendballett Berlin probt

Sanft wird die junge Dame in vorgeschriebener Weise durch den Raum getragen: Proben für „Le Corsaire“ sind anstrengend, aber auch beglückend. Hier Victor Goncalvez Caixeta und Elena Iseki in der Staatlichen Ballettschule Berlin. Wunderschön! Foto: Gisela Sonnenburg

Auch der Ausdruck ist wichtig hier, in jeder Sekunde! Mal steht der junge Mann mit beteuernder Gestik still da, mal präsentiert er sich, sein Becken, seine Brust in aufgestützt liegender Position. Voilà!

Und sie? Die junge Dame weiß ihre Füße weit über ihren Kopf zu führen, sanft rollt sie mit dem Standbein ab, edelmütig strahlt sie übers ganze niedliche Gesicht.

Elena und Victor, die beiden vom Anfang, proben und tanzen das mit ganzem Herzen.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Noch eine Pose, die tadellos klappt: Elena Iseki und Victor Goncalvez Caixeta mitten im großen Paartanz aus „Le Corsaire“. Foto: Gisela Sonnenburg

Wie oft haben sie auch die kleinen, blitzschnellen Kombinationen schon trainiert. Jetzt kommt die Belohnung: große, weite Sprünge gelingen ihnen mit Verve, und ihre vielfachen Pirouetten wirken so sicher wie elegant.

Dabei bedeuten alle Trainings und alle Proben auch immer harte und härteste Arbeit. Ganz unabhängig vom Können der Probierenden.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Die Balance wird gehalten – und der Ausdruck stimmt! Victor und Elena noch einmal in „Le Corsaire“ auf der Probe beim Landesjugendballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Pädagogen sind dabei unersetzlich. Ohne ihr scharfes Augenmerk, ohne ihre sachkundigen Anleitungen könnte vieles ins Leere laufen – statt in die Seelen der Zuschauer zu tänzeln.

Heike Keller und ihr Kollege Christoph Böhm proben hier mit Elena und Victor den großen „Corsaire“-Pas de deux.

Auf der Probe darf auch mal gelacht werden!

Das Landesjugendballett Berlin probt

Elena und Victor nach der Probe beim kurzen Ausruhen – nur fürs Foto! Foto: Gisela Sonnenburg

Das Zusammenspiel der beiden Partner muss allerdings so stimmig und exakt sein, dass man die Tanzenden nur zu gern zusammen ansehen mag.

Was für eine Aufgabe, zumal, wenn man so jung ist…

Gregor Seyffert, der Künstlerische Leiter vom LJB, weiß, wie wichtig eine gute Vorbereitung für einen Auftritt ist.

Er war einer der bedeutendsten Tänzer seiner Generation, und auch als langjährig erfahrener Pädagoge wird ihm immer wieder klar, welch hohen Stellenwert die saubere Probenarbeit hat.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Sauber landen, sauber beginnen: Drei Mädchen aus der Klasse von Heike Keller beim Training – mit vollem Einsatz! Foto: Gisela Sonnenburg

Anders als in anderen Kunstsparten muss beim Ballett vor jedem Auftritt geprobt werden. Vor jedem.

Auch, wenn man dasselbe Stück in derselben Besetzung schon oft getanzt hat.

Das liegt daran: Der Körper ist zu vielfältig in den Möglichkeiten, etwas richtig, halbrichtig oder ganz falsch zu machen.

Sprechtheaterschauspieler oder Opernsänger oder auch Musiker haben nicht ganz so viel Auswahl an Fehlerquellen.

Im Ballett ist die verlangte Exaktheit am größten!

Und ob bei einem Kurzauftritt oder in einem Mammutballett: Es überträgt sich aufs Publikum, inwieweit die Proben fruchten.

Aber dennoch wissen die Profis und auch die angehenden schon: Keine Vorstellung ist so perfekt, wie man sie gern hätte.

Denn Ballett lebt vom unermüdlichen Streben nach dem schier Unmöglichen! Die Annäherung ans Ideal ist bereits das Optimale… immer näher, immer näher kommen die jungen Tanzenden bei großem Können ihrem Ziel.

Das Landesjugendballett Berlin probt

Und noch einmal das Tendu, dieses Mal als Bestandteil des Trainings au milieu in der Gruppe. Eine feine Sache! Foto aus der Staatlichen Ballettschule Berlin: Gisela Sonnenburg

Aber in der Praxis, auf der Bühne, kann so vieles geschehen, das unvorhergesehen ist.

Da kann man ein wenig ins Rutschen kommen. Oder fast die Balance verlieren.

Kunst besteht dann auch darin, die ganz kleinen Fehler, die kaum jemand sieht, nicht groß werden zu lassen.

Die Lehrer werden darum nicht müde, auch bei den Exercisen laut zu predigen:

„Rettet euch!“ – „Lernt, euch zu retten!“ – „Fangt es ab!“ – „Macht den Abschluss sauber!“

Das Landesjugendballett Berlin probt

Heike Keller und Christoph Böhm, fürs Foto auch mal am Boden liegend: Sie sind Lehrer mit Verstand, Erfahrung und Herz für die jungen Künstler vom Landesjugendballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Heike Keller und ihr Kollege Christoph Böhm waren selbst Profitänzer. Sie wissen genau, wovon sie sprechen, wenn sie ihren Schützlingen raten, nicht zuviel zu riskieren, wenn es live auf der Bühne gut abgehen soll.

Sie loben, was gelingt, und korrigieren, wo noch leichte Mängel sind.

Schrittrichtungen, Armhaltungen, Kopfneigen, Blickrichtung – bis ins kleinste Detail wird alles geprobt.

Wie aufwändig Ballett ist!

Polina Semionova auf der Pressekonferenz am 24.April 2017

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Die meisten Zuschauer empfinden das gar nicht so. Sie sehen die Brillanz, nicht die unermüdliche Arbeit daran.

Das soll aber auch so sein: Die Magie des Augenblicks wird im Ballett stets obsiegen.
Gisela Sonnenburg

Am 1. Mai 2017 tanzt das Landesjugendballett das Programm „The Contemporaries – Volume 2“ im Schiller Theater in Berlin (www.ballett-journal.de/staatliche-ballettschule-berlin-contemporaries/). Sehr empfehlenswert!

Weitere Termine unter Mitwirkung des LJB: 

29. April 2017: in der Oper Leipzig bei der Matinee zum Welttag des Tanzes

13. Mai 2017: Ballettgala in Chemnitz

25. Mai 2017: Gala in Putbus

10. Juni 2017: Ballettgala in Koblenz und Osnabrück

10. Juli bis 14. Juli 2017: „Das Zauberhaus“ in der Staatlichen Ballettschule Berlin 

Viel Spaß! 

www.ballettschule-berlin.de

www.staatsballett-berlin.de

 

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