Schmusen mit der Fleischkeule 3sat dokumentiert den künstlerischen Abstieg von Martin Schläpfer: mit der (Online-)Ausstrahlung von „Petite Messe solonnelle“

Martin Schläpfer und sein Abstieg

Kuscheln am Objekt aus Fleisch: Die Liebe zum überdimensionalen Schinken als Ballettsujet… zu sehen in Martin Schläpfers „Petite Messe solonnelle“ mit dem Ballett am Rhein. Videostill von 3sat: Gisela Sonnenburg

Es gibt Künstler, die sich im Laufe ihres Lebens – auch ihres Alterns – fortwährend interessant entwickeln und solchermaßen ihre Zuschauer beglücken. Dann gibt es Künstler, die ihr Publikum all die Zeit ihres Schaffens lang mit qualitativen Aufs und Abs in Spannung halten. Und es gibt Künstler, die, wenn sie einen gewissen Punkt erreicht haben, entweder nurmehr sich selbst kopieren oder ganz an innerem Halt verlieren und ihr Niveau nicht mehr halten. Zu der letzten Kategorie scheint traurigerweise der einst als hochbegabt gefeierte Martin Schläpfer vom Ballett am Rhein zu gehören. Seit wann genau er seine einstigen Höhen verließ, ist sicher streitbar. Aber dass er mittlerweile regelmäßig in peinlich dekorative oder zwanghaft originelle, ja sogar an Leni Riefenstahl und ihre billige Nazi-Ästhetik erinnernde Posen abgleitet, ist für jeden Gebildeten unübersehbar. Eigentlich ist es ein Skandal, dass dieser Choreograf nicht abberufen, sondern sogar routinemäßig von vielen gelobt wird. Unfreiwillig dokumentiert 3sat den künstlerischen Niedergang Schläpfers mit der Aufzeichnung seiner jüngsten Uraufführung, der „Petite Messe solonnelle“ nach Musik von Gioachino Rossini und Louis Niedermeyer.

Vorab jedoch ein Lob: an die Fernseh-Bildregie von Peter Schönhofer, der nicht zum ersten Mal hier bewies, dass er für Tanz und Bühnengeschehen ein gutes Händchen hat.

Leidenschaft in Anna Karenina

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Das war es aber auch schon fast an positiven Nachrichten, die diese Aufzeichnung aus dem Opernhaus Düsseldorf vom Juni 2017 mit sich bringt.

Die szenische Umsetzung der „Petite Messe solonnelle“ wirkt wie eine aufgeblähte Referenz an die 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Die Kostüme von Florian Etti (der schon oft für Schläpfer die Textilkunst schuf) erinnern dieses Mal mit Kleidern im Kittelschürzenlook für die Damen und mit Niki-Halstüchern zu miederähnlichen Westen für die Herren doch zu sehr an Trümmerfrauen- und Schwule-Burschen-Looks. Kein Wunder, dass die so zusammen gesetzten Paare in aalglatten Allerwelts-Pas-de-deux nicht wirklich überzeugen können.

Geradezu zwanghaft arbeitet Schläpfer sich hier zudem an dümmlich gewählten Requisiten ab: Allen voran tanzen und schmusen die Tänzer mit riesenhaften blutigen Fleischkeulen, einer Art überdimensionalem Schinken aus Plastik – sollen es Menschenteile sein oder ist das Werbung für die übel beleumdete Fleischindustrie?

Vielleicht beides. Denn Schläpfer scheint immer mehr ein Künstler zu werden, der vor allem auffallen will. Darum wohl auch die Provokation mit den blutigen Fleischkeulen als Fetische.

Als hätte hier jemand die Lehren des Provokationsgenies Christoph Schlingensief missverstanden. „Martin, so geht es nicht!“, würde dieser Akteur des gekonnten Skandalismus dem für so etwas viel zu biederen Schweizer Bauernsohn zurufen.

Und: „Bleib lieber bei deinen Leisten!“

Doch worin er gut ist, hat Schläpfer anscheinend längst vergessen. Nur noch ein einziges, am Boden und auf allen Vieren operierendes Herrensolo erinnert an die alte gute Form des Tanzschöpfers, an eine Ästhetik des Sich-Quälens und dennoch Glückfindens in sich selbst.

Den großen Bezug zur Natur aber, zur inneren wie zur äußeren, der mal seine Spezialität war, hat Martin Schläpfer dem im Ballett recht Aufsehen erregenden, aber völlig sinnentleerten Stampfen in Springerstiefeln und einem witzlosen Mädelstanz mit ebenfalls laut hörbarem Spitzenschuhen auf breiter Front geopfert.

Die Corpstänze muten gar an wie aus dem Bilderbuch der Arno-Breker-Linien. Breker war Hitlers Lieblingsbildhauer (für alle, die das nicht wissen).

Das, was sonst am Ballett so bezaubert, nämlich seine Anmut und Lieblichkeit, ist hingegen jetzt bei Schläpfer völlig verlustig gegangen. Dass das mal anders war, ist hier nachzulesen: www.ballett-journal.de/ballett-am-rhein-schlaepfer-alltag/. (Weitere Beiträge zu Schläpfer auch hier im Ballett-Journal.)

Kraft durch Freude, Freude durch Kraft – das scheint jetzt die Parole, und es kann kein Zufall sein, dass Schläpfer gerade in Deutschland so großen Erfolg hat. Irgendwo schlummert halt immer noch die Sehnsucht nach dem Völkisch-Stabilen im Land. Und Künstler wie Schläpfer bedienen das, ohne sich selbst darüber im Klaren zu sein, was sie da eigentlich machen.

Inhaltlich müht sich das Stück lediglich an Kirchenkritik ab: Ein am Kostüm erkennbarer Pfaffe sitzt trauerkloßartig da, er ist der Außenseiter, wenn sich die ungleichen Paare finden – und er wird noch einsamer, als sich ein buntbekitteltes Mädchen ihm nähert und von ihm abgewiesen wird. Ganz am Ende stirbt der Geistliche am Händedruck der Kittelfrau.

Der Zölibat ist also Schläpfers Sache nicht, zumindest fühlt er mit den leidenden Priestern.

In einem Interview mit 3sat stellte der Choreograf denn auch klar, dass er als Protestant eine deutliche Distanz zur Musik und Tradition der katholischen Messe habe.

Für die Schöpfung eines großen Werks reicht das als Motivation allerdings sichtlich mitnichten aus.

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Auch eine auf Stühlen sitzende Männerschar, die abwechselnd das Rauchen und Kaffeetrinken – offenbar in einer Arbeitspause – imitiert, kann da nichts dran ändern.

Die Tänzer zücken ihre Fluppen hinterm Ohr vor, tun so, als ob sie einmal dran ziehen, dann schlürfen sie pantomimisch Luft aus den Kaffeetassen, die sie halten, und stecken ihre Zigaretten wieder ans Ohr. Schließlich stopfen sie sich jeder eine dicke Wurst in den Mund – und schlafen damit ein. Wie betäubt hängen sie mit den Würsten im Mund traumverloren auf ihren Stühlen. Grotesk. Oder eine öffentliche Übung für Oralsex?

Später dürfen sie, aus ihrem Wurstkoma erwacht, ganz entspannt, na was wohl, rauchen. Wieder eine Anspielung an orale Ersatzbefriedigung…

Das Ganze scheint deshalb inszeniert, damit auch jeder sieht, was das Proletariat erfreut: Konsum, Konsum, Pausieren, Konsum. Sex.

Wieder dürfen sich diverse als schmutzig bekannte Industriezweige (für Zigaretten, Kaffee, Fleisch) freuen über so viel Zuspruch eines – übrigens vor allem von SPD-Politikern und ihren Anhängern – gefeierten Künstlers.

Man fragt sich, warum nicht gleich Schlaftabletten von Bayer oder Zigaretten von Philip Morris ausgegeben werden.

Martin Schläpfer und sein Abstieg

Rauchen als Ruhefindung. Ein schönes Bild. Aber nicht wirklich abendfüllend… auch nicht in der „Petite Messe solonnelle“ von Martin Schläpfer mit dem Ballett am Rhein. Foto: Gert Weigelt

Aber dann gibt es da noch die Augenklappe-Bande. Freudlos kommt diese Schar Tänzer herein, passt sich mit einer langsamen Arabeske bei einem Standbein im Plié der auch ohne Handicap so stehenden Tänzermenschheit auf der Bühne an. Das soll wohl ein Sinnbild für Inklusion sein.

Dann wird noch deutlicher, dass die Augenklappe weniger für ein Rudiment lustiger Piraterie steht als vielmehr für das Leiden an sich.

Und als diese Leidenden suchen sich die Gläubigen einen hübschen Jüngling als vermeintlichen Erlöser, legen ihm die Hände auf die Schultern, der Junge guckt bedrückt ob der ihm auferlegten Verantwortung – und seine Anhänger erfinden sich ihren Jesus im Miniaturformat auf diese Weise neu.

Vielleicht soll auch das Kirchenkritik sein, so eindeutig wie im Fall des griesgrämigen Pfaffen ist sie jetzt aber nicht. Martin Schläpfer will ganz sicher nicht zu sehr weh tun. Er möchte ja weiterhin viel Geld und Erfolg für sich und seine Zukunft, und eine feste Meinung zu haben, ist heutzutage nachgerade unmodern. Da lässt man den Religiösen halt ihre Religion, nicht ohne sich vornehmst selbst davon zu distanzieren. Ist das noch Toleranz oder schon lukrative Wurschtigkeit?

Martin Schläpfer und sein Abstieg

War schon mal besser drauf: Choreograf Martin Schläpfer vom Ballett am Rhein bei der Probe zu „Petite Messe solonnelle“. Foto: Gert Weigelt

Womöglich will Schläpfer aber auch einfach mitteilen, dass er den Gläubigen, sofern sie behindert sind, ihren Glauben lassen möchte. Wenn’s denn hilft… ihr seid ja krank, scheint die Choreo den Benachteiligten zuzurufen. Das wäre dann die Predigt einer Zweiklassenintellektualität.

Schlimm ist indes, wenn Kulturjournalisten auf solche verfänglichen Szenen in ihren Rezensionen überhaupt nicht eingehen – und statt dessen ein beliebiges, wie vorfabriziertes Lob herunterhudeln: „Schläpfer nutzt die Komplexität der Messe als assoziatives Sprungbrett für eine Choreografie der Gegensätze, die unter die Haut geht.“ Das ist Maschinenjournalismus, gemacht, um selbst möglichst viel Zuspruch und möglichst viele Anzeigenkunden zu erhalten. Eine eigene Haltung zur Kunst wird sich hier zu Gunsten der Halbbildung verkniffen.

Das Zitat stammt übrigens von einem Klassik-Musik-Portal – aber was es mit der Musik zu Schläpfers Werk wirklich so auf sich hat, erfährt man dort auch nicht.

Dafür hier, im Ballett-Journal:

Gioachino Rossini schrieb seine Messe als Auftragswerk ab 1863 für ein Pariser Adelspaar, das damit 1864 seine Privatkappelle einweihte. Ohne das zu benennen, hatte Rossini ein Stück von 1849 aus der Feder seines Freundes Louis Niedermeyer integriert. Uuups! Rossini als Helene Hegemann seiner Zeit. Das ist ja interessant.

Der erfolgsverwöhnte Opernstar Rossini, der zu diesem Zeitpunkt schon Jahrzehnte keine Oper mehr komponiert hatte, der aber bereits mit seinen Belcanto-Werken unsterblich geworden war, gönnte somit seinem viel weniger bekannten Kumpel (oder auch Liebhaber?) Niedermeyer ein wenig Weltruhm, wenn auch incognito.

Diesen dubios-delikaten Freundschaftsdienst der beiden aneinander, den die Nachwelt erst 2010 aufdeckte, müssen die Komponisten, Rossini und Niedermeyer, außerordentlich genossen haben. Als heimliches Outing, als heimliche Schadenfreude am Betrügen, wenn man so will.

Auf diesen Aspekt der Musik hätte Schläpfer eingehen können – aber man hat den Eindruck, dass er sich gar nicht so intensiv mit der Entstehung der „Messe“ beschäftigte, als dass er das für nötig hielt. Auch sonst offenbart sich für mich kein auratischer oder auch nur irgendwie spezifischer Zusammenhang zwischen Musik und Tanz in dieser Choreografie.

Zum Titel des musikalischen Werks, den der Choreograf übernahm:

„Petite“ heißt „klein“, „solonnelle“ soviel wie „feierlich“.

Kleine feierliche Messe“ – der Schalk Rossinis lugt aus der Titelzeile „Petite Messe solonnelle“ hervor.

Martin Schläpfer und sein Abstieg

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Rossini selbst kommentierte zu dem Werk denn auch, dass er ja eigentlich ein Meister der Opera buffa sei, und er tat das mit dem Unterton, dass seine Messe dafür, dass sie von einem so weltlich und komödiantisch Gesonnenen wie ihm stamme, doch gar nicht mal schlecht sei.

Rossinis Selbsteinschätzung taugt mehr als all die Weihen, die man seiner rund 80-minütigen geistlichen Messe nachträglich angedeihen ließ.

Die vier Sänger darin haben zwar Möglichkeiten, sich zu profilieren, und die Verwendung von gleich zwei Klavieren in einer Messe ist recht ungewöhnlich. Aber insgesamt kann man nicht von einem wirklich grandiosen Werk sprechen – eher von einem zaghaften Spiel mit Ironie und Satire im Namen der Religiösität. Von daher ist die „MesseRossinis ein solider Deal. Aber nichts, was einen in Euphorie versetzen könnte, wiewohl es hier natürlich auch um die Ewigkeit gehen müsste, in einer „Messe“.

Doch auch mit diesen Diskrepanzen setzt Schläpfer sich nicht wirklich auseinander.

Außer den beschriebenen Provokationen mit den Requisiten besteht der Tanz hier zumeist aus grob und derb vorgetragenem Allerweltsgehopse mit ballettösem Anstrich.

Ballett als Verrohung. 

Sogar Marlúcia do Amaral, die kräftig gebaute Muse Schläpfers, kann hier nichts mehr retten. Mit offenem Haar und kryptisch verdrehtem, seitlichen Schreiten versucht sie noch, eine jammervolle Besonderheit des Menschlichen gen Ende des Stücks darzustellen – und bleibt doch im grämlichen Versuch sichtlich stecken.

Martin Schläpfer und sein Abstieg

Das Ensemble als „erwachendes Dorf“ in „Petite Messe solonnelle“ von Martin Schläpfer. Na, wo laufen sie denn? Foto vom Ballett am Rhein: Gert Weigelt

Das Schlussbild gehört dann einer anderen Tänzerin, jener Kittelfrau, die den Pfarrer sanft zu Tode brachte, und die jetzt hoffnungsfroh – wie absurd im Kontext des Gesehenen – nach vorne auf das Publikum zukommt. Ganz so, als sei die Aussicht auf Applaus jetzt doch das Beste am Ganzen.

Das ist Kunst für Halbgebildete. Eine schlimme Sache, weil sie viele blind macht für echte Ästhetik, echte Werte, echte Kultur, echte Gefühle. Ich bin dafür, Martin Schläpfer in Rente zu schicken.
Gisela Sonnenburg

Online in der Mediathek zu sehen bei www.3sat.de

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