Bekehrungsphilosophie 3sat sendet am 22. März nachmittags „Billy Elliot – I will dance“. Zum gefühlten 555. Mal, aber Nachdenken kann man immer wieder neu über den Ballettspielfilm

Billy Elliot

Soll boxen, will aber zum Ballett: Billy Elliot (Jamie Bell) im Klassikerfilm „Billy Elliot – I will dance“. Videostill: Gisela Sonnenburg

Wer diesen Film tatsächlich noch nicht kennt, höre bitte das Kommando: Ran an die Glotze und gucken! Alle anderen brauchen wahrscheinlich keinen Anpfiff, um von selbst vor die Mattscheibe zu finden. „Billy Elliot – I will dance“ becirct mit einer rührenden Story, einem entzückenden kindlichen Hauptdarsteller und einer exquisit brisanten Mischung aus Politstoff und Ballettschmalz. Eigentlich handelt es sich sogar um ein modernes Märchen; verkleidet ist es allerdings im historisch glaubhaften Spielfilmrealismus.

Billy, Sohn eines Bergmanns im Norden Englands, will nach der Schule weder boxen noch Fußball spielen. In der Turnhalle, in die man den schmächtigen Jungen zur Ertüchtigung schickt, gibt es Ballett tanzende Mädels, und Billy verliebt sich in die Tanzkunst. Der Vater, der tapfer gegen den arbeiterfeindlichen Thatcherismus kämpft und streikt, ist als Abziehbild eines Proleten allerdings dagegen, dass einer seiner Söhne Ballett tanzt: zu schwul, zu unsportlich, zu wenig bergmännisch, so die väterlichen Vorurteile. Dass solche Animositäten schon Generationen von jungen Menschen unglücklich gemacht haben, wissen Ballettfans sicher besser als das normale Durchschnittspublikum.

Aber es gibt eine gute Fee in Gestalt der kettenrauchenden privaten Ballettlehrerin. Sie erkennt Billys Talent und setzt sich für ihn ein. Nicht nur mit unentgeldlichen Einzelstunden, sondern auch mit trickreichen Diskussionen mit Billys Angehörigen.

Wie schön wäre es, wenn Privatlehrer für Tanz immer so uneigennützig agieren würden! Und tatsächlich siegt hier die Leidenschaft gegen die unsinnigen Verbote – und Billy darf unter dem Daumendrücken seines zum Kindeswohl bekehrten Vaters in London die Aufnahmeprüfung für die Profiausbildung zum Tänzer machen.

AM ENDE VERSÖHNT DIE TANZKUNST ALLE UND JEDEN 

Am Ende – oh, wie schön und versöhnt ist die Welt, zumindest schlussendlich in diesem Film – stürmen Billys Vater und sein Bruder ins Theater: um erstens den Freund des mittlerweile erwachsenen Billy kennen und akzeptieren zu lernen und zweitens Billy selbst als gefeierte Tänzerschönheit in einer Art Schwanensee für Männer zu bewundern (Vorbild war wohl Matthew Bournes „Swan Lake“). Friede, Freude, zigfache Harmonie! Man bekommt eine Gänsehaut vor glücklicher Rührung, wenn Billy, aus dem Bühnengrund heraus gefilmt, zum großen Sprung ins Rampenlicht ansetzt.

Obwohl von 2000, trifft der Spielfilm in der Regie von Stephen Daldrey exakt das Flair der 80er Jahre auf der britischen Insel. Die Hoffnung auf einen Neuanfang der Gesellschaft jenseits schraubstockartiger Vorurteile bleibt nicht nur dort aktuell: Schwule, aber auch Ballett liebende Kinder haben es noch immer häufig schwer. Auch und gerade gegen hartherzige, dumme Väter, die nur leider selten so griffig wie im Fall von Mister Elliot zu Ballettomanen oder wenigstens zu Toleranzbolzen und fleißigen Kindsförderern werden. Nur allzu oft bestätigt sich hingegen Walter Benjamins Maxime: „Überzeugen ist unfruchtbar.“

Die Bekehrungsphilosophie des Films sollte indes dennoch beherzigt und nicht einfach als „unrealistisch“ abgetan werden. Vielleicht können sich ja auch mal Juristen unter den ballettösen Eiferern damit befassen, welche Rechte begabte Kinder auf eine spezifisch ihr Talent fördernde Ausbildung haben.

Billy Elliot will dance

„Billy Elliot – I will dance“ ist am Ende eben nicht am Ende, sondern endlich auf der Bühne! Videostill: Gisela Sonnenburg

Und wer wissen will, was der Hauptdarsteller von damals heute so macht: Jamie Bell ist nach dem Erwachsenwerden ins Comic- und Actionformat abgeglitten und wird in dem Blockbuster „Fantastic Four“, der im August 2015 in den USA anlaufen soll, präsent sein. Nun ja. Jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten.
Gisela Sonnenburg

Sonntag, 22.3., 16.45 Uhr, 3sat

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