Immer dieselben alten Muster Manuel Legris baute als Direktor vom Wiener Staatsballett viel auf: mit eigenen Superstars, mit einem guten Ensemble, mit einem schönen Repertoire. Ab 2020 darf der ausgebrannte Martin Schläpfer all das zerstören

Martin Schläpfer: Als Compagnieleiter vom Ballett am Rhein zog er sich bereits zurück, wirkte in den letzten Jahren nur noch als Künstlerischer Leiter und Choreograf. Ab 2020 soll er die Wiener als Ballettboss beglücken. Ob das was wird? Faksimile (aus dem Wangenheim-Film „Feuer bewahren – nicht Asche anbeten“): Gisela Sonnenburg

Man muss nur alt, reich und berühmt sein – und schon kommt eine ruhmsüchtige Lobby und engagiert einen für einen Job, für den man zwar hundertprozentig nicht geeignet ist, der aber viel Geld in die Kassen spülen soll. Martin Schläpfer, der einst in Mainz und zuletzt in Düsseldorf und Duisburg beim Ballett am Rhein durchaus Ehrbares geleistet hat, gehört zu jenen Titanen, deren innere Brenndauer früh ablief. In den letzten zwei, drei Jahren ist sein Stil immer gröber, oberflächlicher und einfältiger geworden, seine Truppe verlor jegliche Anmut und jeden typischen Ballettcharme. Und lediglich der Portraitfilm von Annette von Wangenheim über den 1959 geborenen Schläpfer erinnert noch an seine einstige Kraft. Bis Wien hat sich das aber noch nicht herumgesprochen. Der kommende Intendant der Wiener Staatsoper, Bogdan Roscic, leistete sich jetzt den Klops, ausgerechnet den ausgebrannten alten Schläpfer als neuen Ballettdirektor fürs schöne Wiener Staatsballett zu engagieren. All die Errungenschaften, die der fünf Jahre jüngere, einstige Pariser Étoile Manuel Legris dort seit 2010 auf diesem anstrengenden Posten erfocht, dürften damit vor die Hunde gehen.

Das Rudolf-Nurejew-Profil im Weltklasseformat, das in Wien selbstredend eine lange Tradition hat, ebenso wie die edelmütig erneuerte Klassikerkunst à la „Le Corsaire“.

Auch die Wiener Interpretationen von John-Neumeier-Choreografien dürften unter Schläpfer als Boss an Glanz verlieren oder sogar ganz den Spielplan verlassen. Quo vadis, Viennae?

Man ist versucht, das Schneuztuch hervorzukramen und Beileidsanrufe in Wien zu tätigen.

Superstars wie Maria Yakovleva, Olga Esina, Denis Cherevychko und Jakob Feyferlik, mit Eno Peci ein hochbegabter junger Choreograf sowie ein tolles Ensemble mit einem wunderbaren Repertoire und insgesamt einem  hochkarätigen Profil – das prägt das Wiener Staatsballett derzeit.

Jetzt aber erbt die kulturträchtige Donaumetropole den ausgesprochen unsinnlichen, ohnehin künstlerisch abgehalfterten Martin Schläpfer, der in den letzten zwei, drei Jahren eigentlich nur noch durch den Zuspruch der Bauwirtschaft und der Filmproduzenten positiv auffiel. Als Ballettdirektor war er bereits zurückgetreten, er wirkte lediglich noch als Choreograf und künstlerischer Direktor. Und auch da immer weniger…

Ob es sich nun um einen bloßen Versorgungsposten mit der Wiener Stelle für ihn handelt und Schläpfer zu Gunsten der eigenen Bequemlichkeit auch darauf verzichten wird, die Wiener Truppe aufwändig umzubauen, oder ob der alte Mann aus der Schweiz es im Bühnentanz nochmal richtig wissen und voll drauf lospreschen will, sei dahingestellt.

Fakt ist:

Es ist ein Skandal, nach was für lächerlichen Spekulationskriterien heutzutage Ballettdirektorenposten vergeben werden. Man nimmt offenbar absichtlich jemanden, der zum vorhandenen erfolgreichen Profil absolut nicht passt, nur damit es ordentlich Remmidemmi gibt, nach dem Motto: Neue Besen kehren besser.

Warum hat man den Job nicht an Eno Peci – Tänzer beim Wiener Staatsballett und gleichzeitig schon als Choreograf höchst aktiv – gegeben? Darf kein junger Mensch in Wien Erfolg haben?

Eno Peci – aber in Wien darf man anscheinend keinen Erfolg haben, wenn man jung ist. Dabei ist er genau jenes Nachwuchstalent, auf dass die Wiener Ballettszene gewartet haben dürfte. Foto: Wiener Staatsballett

Peci zeigte international mit vielfältigen Stücken sowie mit einer brillanten Offerte beim diesjährigen Wiener Opernball, dass er Klassik und Moderne zu verbinden weiß und zudem das Wiener kulturhaltige Flair bestens verstanden hat.

Er wäre doch der Mann der Stunde gewesen! Aber um das zu erkennen, darf man natürlich keine Tomaten auf den Augen haben. Und man müsste nicht nur an krampfhafter Veränderung, sondern auch an einer Fortführung des Guten interessiert sein.

Es sind immer dieselben alten Muster, nach denen der Reiz des Neuen alle anderen Wertigkeiten überwiegen soll. Das ist traurig und sollte eigentlich nicht hingenommen werden.

Es ist aber auch ein Zeichen der Kommerzialisierung, dass in die ehrwürdig goldglänzende Wiener Staatsoper und in die rustikalere Volksoper Wien nunmehr die Moderne von gestern Einzug halten soll. Das ist, als würde Chanel einen ausrangierten Hut vom Flohmarkt als dernier cri präsentieren. Es ist sehr fraglich, ob das Wiener Publikum das mitmachen wird.

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Wer sein Gedächtnis auffrischen möchte, dem sei hiermit die Erinnerung an die Aufzeichnung eines desolaten Schläpfer-Stücks ans Herz gelegt oder auch meine Reminiszenz ans jüngste Berliner Gastspiel von Schläpfers Truppe. Viel Spaß beim Gruseln!

Wien muss sein hartes Schicksal derweil in Zukunft entweder heldenhaft ertragen lernen – oder mit einem stillschweigenden Publikumsentscheid zum Boykott Berliner Art à la Dercon klarmachen, dass es was ganz anderes sehen möchte als das pseudomoderne, sportliche Gehüpfe des Choreografen Schläpfer.

Manuel Legris, Jahrgang 1964, auf der Couch von John Neumeier in Hamburg: Legris verlässt seinen Posten in Wien freiwillig, will sich eine Auszeit gönnen – und machte damit den Weg frei für Ungeheuerliches. Traditionsbewusstsein scheint fortan nämlich beim Wiener Staatsballett keine großen Chancen mehr zu haben. Faksimile: Facebook

Dabei war dieser mal – aber das ist echt schon lange her – ein prima Ballerino, etwa seinerzeit bei Heinz Spoerli in Zürich: witzig und selbstironisch noch dazu, mit sauberen klassischen Posen. Aber das ist, wie gesagt, schon echt lange her. Und auch die guten choreografischen Zeiten Schläpfers, in denen er noch das „Forellenquintett“ (2010) oder „Ein Deutsches Requiem“ (2011) schuf, sind deutlich vorbei. Künstler verändern sich – und nicht immer zum Guten.
Gisela Sonnenburg

 

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