Virtuose Flugbewegungen Neubesetzungen beim Hamburg Ballett: Karen Azatyan als Gennaro und Niurka Moredo in „Napoli“

Karen Azatyan

Neu in Hamburg: Karen Azatyan, aus München kommend, hier auf der Premierenfeier von „Napoli“ beim Hamburg Ballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Man kann sich ernsthaft fragen, ob Ballett die Menschen besser macht. Also im Sinne der Läuterung, wie sie Lessing und Schiller eigentlich dem Sprechtheater zusprechen wollten. Man lacht und man weint, wenn man ein Ballett ansieht, man ist hinterher glücklich und erschöpft – und wenn das Stück gut ist und gut getanzt wird, kann man vieles über sich und das Leben lernen.

In „Napoli“ von Lloyd Riggins (mit den Originalchoreografien von Auguste Bournonville) gibt es im ersten Akt sehr viel zu lachen, mit einer Komik, die beim mehrfachen Ansehen des Stücks immer mehr Facetten erhält. Neapel als romantisches Idyll, wie es der Däne Bournonville im 19. Jahrhundert auf einer Reise erlebt hatte: Da erschließt sich eine detailreich illustrierte Kiez-Gesellschaft, in der einer den anderen kennt und für sich zu benutzen versucht. Da wird auch mal gern angegeben und sich wichtig gemacht, da werden Zärtlichkeiten und Gerüchte ausgetauscht, da wird gebaggert und gescherzt – und Peppo, ein Limonadenhändler (zünftig bis zur Brillance: Carsten Jung), wird sogar wörtlich hoch genommen, von einem Klüngel gut gelaunter, gut gebauter Jungs.

Ein weiterer Grund, sich ein Ballett öfters als einmal anzusehen, sind die Neubesetzungen. Jede Tänzerin, jeder Tänzer hat eine eigene Farbe – das ist wie die Klangfarbe eines Musikinstruments. Zudem interpretiert jede Ballerina, jeder Ballerino anders, und diese Individualität wird durch die Arbeit mit den Ballettmeistern bei den Proben herausgearbeitet. Für „Napoli“ waren ursprünglich drei Besetzungen angesetzt. Außer Silvia Azzoni mit Alexandre Riabko sollten auch Carolina Agüero mit Alexandr Trusch sowie Leslie Heylmann mit Karen Azatyan die Hauptrollen – das hübsche Mädchen Teresina und den armen Fischer Gennaro – geben.

Doch ein Autounfall brachte diese Pläne durcheinander. Der schuldlos verunglückte Wagen war mit mehreren Solistinnen und Solisten des Hamburg Balletts besetzt – und nun müssen Verletzungen, die nicht vom Tanzen rühren, auskuriert werden. Aber wie das am Theater so ist: Des einen Erkrankung bietet dem nächsten Gelegenheit zu zeigen, was man drauf hat. In diesem Fall sprang Karen Azatyan ein und tanzte mit Silvia Azzoni – eine ganz neue, in Plan A gar nicht vorgesehene Konstellation – das „Napoli“-Liebespaar, das sich erst über Umwege zu einem von allen geliebten Pärchen findet.

Der Armenier Azatyan kam über Zürich und München nach Hamburg. In Zürich wurde er von Oliver Matz, dem Direktor der dortigen Tanzakademie ausgebildet. Matz war einst ein weltweit bekannter Erster Solist in der Deutschen Staatsoper Unter den Linden und bewies als solcher, dass die DDR hervorragende Balletttänzer hervorbrachte. Sein eigener Ausbilder war der legendäre Martin Puttke, der als junger Mann vom Westen Deutschlands in den Osten, also in die DDR, gewechselt und bei einem Auslandsstudium in Moskau die Pädagogik von Nikolai I. Tarassov erlernt hatte.

Puttke steht für einen glasklaren, sauberen Stil mit gediegenen, gleichmäßigen Pirouetten und im Sprung schön nachgestreckten, virtuosen „Flugbewegungen“. Gerade das Männerballett war ihm damit ein Anliegen, und sein künstlerischer „Enkel“ Karen Azatyan zeitigt genau diese beiden Kennzeichen. Schon in München, wo er 2007 sein erstes Engagement antrat, fiel er damit ins Auge. Seit 2012 war er dort Erster Solist und begeisterte unter anderem als Basilio in „Don Quixote“. In einer besonderen Vorstellung tanzte die zierliche Iana Salenko vom Staatsballett Berlin als Gast in München die weibliche Hauptrolle. Salenko zelebrierte den berühmten „Kitri-Sprung“, eine schräg gelegte Variante des Spagatsprungs, noch rasanter als die meisten Primaballerinen: Karen und Iana waren ein so sprunggewaltiges Pärchen, wie man es selten erlebt.

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Seit September springt Karen in Hamburg, er kam wegen John Neumeier. In dessen Choreografien „Der Nussknacker“ und „Ein Sommernachtstraum“ hatte Karen in München getanzt – und Neumeier bei der Probenarbeit als absolut anziehend erlebt. Genau so einen Chef wollte er, dafür nahm er in Kauf, dass beim Hamburg Ballett nur eine Stelle als Solist, keine als Erster Solist, frei war. Das ist schon toll: ein Künstler, der für seine eigene tänzerische Entwicklung ein geringeres Grundgehalt akzeptiert.

Bei der Premiere von „Napoli“ überzeugte Karen Azatyan im „Pas de six“, der sich in der traditionellen Bournonville-Choreografie aus vier Mädchen und zwei Jungs zusammen setzt. Gestern begeisterte er in der Hauptrolle des Gennaro: Er sprang die zierlichen wie die großen Sprungschritte so akkurat, zugleich mit solch temperamentvoller Geschmeidigkeit, dass es eine Freude war, ihm dabei zuzusehen. Auch beim Partnern erwies Azatyan sich als sensibel und souverän – sicher hat er hier sowohl vom Puttke-Schüler Oliver Matz als auch von seinem Münchner Chef Ivan Liška viel gelernt.

Silvia Azzoni, die bereits bei der Premiere die Hauptpartie der Teresina getanzt hatte (und zwar mit dem elegant-präzisen, leidenschaftlichen Alexandre Riabko), war auch diesem Gennaro eine zarte, vor Anmut nur so strotzende Partnerin. Bei den Hebungen überließ sie sich ganz dem Partner, bei den folkloristischen Tänzen, wie der furios-finalen Tarantella im dritten Akt, sprühten die beiden vor Lebenslust. Wichtig ist das Gesamtbild, der Gesamtausdruck: Azzoni und Azatyan rührten und begeisterten, und Auguste Bournonville hätte seine Freude daran gehabt.

Ein Glanzstück darstellerischer Art lieferte Azatyan am Ende des ersten Aktes ab, als Gennaro sich bei einem Mönch Rat holt und dann entscheidet, die bei einem Bootsunglück verschollene Teresina im Meer zu suchen. Hin- und hergerissen ist der junge Mann hier, voller Furcht, aber auch voller Tatendrang. All das Unglück, das einen mit einem Schicksalsschlag treffen kann, und all die verzweifelten Hoffnungen, die einen dann am Leben erhalten, spiegeln sich auf seinem Gesicht und auch auf seinem Körper – Azatyan hat sozusagen, wenn er sich zum Horizont wendet, einen sprechenden Rücken. Wunderschön.

Niurka Moredo

Eine hoch begabte tänzerische Darstellerin und Ballettmeisterin: Niurka Moredo nach der „Napoli“-Vorstellung am Samstag. Foto: Gisela Sonnenburg

Und noch eine Neubesetzung begeisterte: Niurka Moredo als Witwe Veronica, also als Mutter von Teresina. Niurka stammt aus den USA, sie wurde in Puerto Rico und Florida ausgebildet. In Orlando (Florida) lernte sie auch ihren späteren Mann, den künftigen stellvertretenden Ballettintendanten Lloyd Riggins, kennen. Die zwei sind tatsächlich seit Teenagertagen ein Paar! Und beide tanzten beim Königlichen Dänischen Ballett in Kopenhagen, wo Lloyd zunächst drei Jahre auf sie warten musste, bis auch sie, die Jüngere, dort ins Engagement kam. Den Stil von Auguste Bournonville, der in Kopenhagen das Balletttanzen dominiert, erlernten beide dort vor Ort und konnten es jetzt gut an ihre Kolleginnen und Kollegen weiter geben: Niurka Moredo assistierte ihrem Mann bei der Einstudierung.

Als Veronica mischt sie in „Napoli“ voll mit. Sie ist Ansprechpartnerin, Klatschbase, besorgte Mutter, die ihr Töchterchen möglichst reich verkuppeln möchte. Eine Mamma  italiana auf Bournonville-Art! Und Niurka Moredo holt da alles raus: Was diese auch als Ballettmeisterin hoch begabte Frau aus so einer vorwiegend pantomimisch definierten Rolle macht, ist einfach fantastisch! Sie hat die Gabe, einen mitfühlen zu lassen und trotzdem über die Figur zu lachen. So etwas schult auch beim Zusehen in Selbstironie – im Ballett eine konkret seltene Tugend. Bravooooh!

Weitere Vorstellungen mit den wechselnden Besetzungen im Dezember und Januar:

www.hamburgballett.de

Siehe auch Premierenbericht „Liebe, Lust und Lloyalität“ hier im Ballett-Journal:

http://ballett-journal.de/liebe-lust-und-lloyalitaet/

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