Viel Humtata fürs Herz Der NDR zeigt noch einmal das Finale der Kultserie „Mord mit Aussicht“

"Mord mit Aussicht" ist Landleben ganz groß in Krimiform

Caroline Peters als atemberaubend komische Kommissarin Haas in „Mord mit Aussicht“, hier mit einem obskuren Objekt (aus der Folge „Henghasch“), das mancher Leute Begierde weckt. Videostill vom NDR: Gisela Sonnenburg

Einerseits wird hier manches mit heißen Nadeln gestrickt. Da geht ein hoher deutscher Beamter dem Hörensagen nach „in Rente“, statt, was korrekt wäre, in Pension. Dargestellte holländische Staatsbürger wiederum werden mit allen nur denkbaren Rudi-Carrell-Syndromen belegt. Doch wenn vier von fünf Stars in einer Serie weiblich sind, dann ist das ein nicht wegzudiskutierendes gutes Zeichen. In der zuerst vom WDR produzierten, dann zum ARD-Glanzstück avancierten Serie „Mord mit Aussicht“ haben Frauen, nicht Männer, die maßgeblich freche Schnauze. Der NDR zeigt am Samstagabend gleich drei Folgen auf einen Streich: Folge 37, 38 und 39 sind die vorerst letzten. Schon seit 2014 warten die Fans der Kultserie auf mehr. Und mussten sich mit einem Spielfilm abspeisen lassen. Den gibt es schon längst als DVD (unter dem Titel „Ein Mord mit Aussicht“). Doch bevor man zu diesem cineastischen Trostpflaster greift, lockt noch das Serienfinale – es ist die zunächst allerletzte Gelegenheit auch für Ahnungslose, doch noch zum Fan zu werden.

Das stets gut verständlich dargestellte, dennoch brillant witzige Geschehen hier spielt im fiktiven Ort „Hengasch“ in der Eifel – naja, man könnte auch ganz salopp, aber ehrlich sagen: Es spielt am Arsch der Welt.

Lokalkolorit trifft Kleptomanie, Hühnermist auf Eifersucht, Nachbarstreit auf Mordlust. Das Ländlich-Langsame, das Dörflich-Deftige, das Grotesk-Gemeine, auch das Skurril-Sympathische wirken dort.

Wie die Stars Caroline Peters, Meike Droste, Petra Kleinert und Carmen-Maja Antoni. Allesamt gestandene Damen, die man sich auch einzeln sehr gern ansieht, die gemeinsam aber noch umso mehr bezaubern.

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Auch sie stehen für eine lebendige Show mit spannenden Geschichten: Die Tänzer vom Alvin Ailey American Dance Theater sind auf Tournee – und am 2. September noch einmal in Frankfurt am Main zu sehen. Jetzt ganz schnell hierfür Tickets sichern: www.bb-promotion.com/veranstaltungen/alvin-ailey-american-dance-theater/ Foto: Annonce / BB Promotion

Peters – die kürzlich auch auf der Ruhrtriennale unter Johann Simons in einer avantgardistischen Performance reüssierte – bekleidet hier als zünftige Polizeichefin Haas die Hauptrolle: „Die Haas“ kommt aus Köln und will eigentlich zurück in die Metropole. „Es sollte eine ‚Fish out of Water’-Serie werden“, erklärt auf Nachfrage die WDR-Redakteurin Lucia Keuter.

Doch Haas entwickelt eine gesunde Hassliebe zur Provinz. Natürlich hat sie dort auch Männer. Wie den für seinen Beruf eigentlich viel zu sensiblen Tierarzt.

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Oder den jungen Bürgermeister, einen elastischen Emporkömmling mit roten Haaren.

Auf dem Revier hat Haas außerdem mit „Didi“ Schäffer – vom Komödianten Bjarne Mädel mit unnachahmlichem Landei-Charme gespielt („Mann, Mann, Mann!“) – einen trottelig-treuen Untergebenen.

Seine Kollegin, auch nicht nur helle im Kopf, wird von der fabelhaften Meike Droste ohne Angst vor Hässlichkeit verkörpert. Wer die Droste einst tränenselig in „Ein Sommernachtstraum“ im Deutschen Theater in Berlin sah, lacht sich jetzt erst recht kringelig: Ihre Dorfpolizistin ist nämlich so langsam, dass sie mit dem Ausruf „Nee, ne?“ ständig Zeit gewinnen muss.

Aber Zeitlupendenken hat für Außenstehende eben auch seine urkomischen Seiten!

"Mord mit Aussicht" ist Landleben ganz groß in Krimiform

Ein Traumpaar der etwas anderen Art: Petra Kleinert als Heike „Muschi“ Schäffer und Bjarne Mädel als Gatte Dietmar „Didi“ Schäffer in „Mord mit Aussicht“… Küsschen und Vorwürfe liegen in dieser Ehe nah beisammen… Videostill vom NDR: Gisela Sonnenburg

Blitzschnell und gar nicht zögerlich im Umgang miteinander sind dagegen Petra Kleinert und Carmen-Maja Antoni: als erbittert zankendes Damenduo, das zwar stets versucht, die Fassung zu wahren, das sich unterschwellig aber ständig anbiestert.

Kleinert spielt mit unersetzlichem Einsatz „Muschi“, also Schäffers Frau. Und die Antoni ist ihre aufdringliche Schwiegermutter. „Muschi“ rastet drehbuchgemäß als blond gelockte Empörung in Person gern mal etwas aus, zum Beispiel, weil ihr die Alte zu oft die Ausübung der ehelichen Rechte vermasselt.

Als Zuschauer wiederum wird einem Muschis Empörungstonfall derart zur Vorliebe, dass man gar nicht weiß, wie es ohne die Kleinert auf der Mattscheibe nun weitergehen soll.

Wenn man außerdem die Antoni als „Mutter Courage“ vom Berliner Ensemble kennt, hat das Ganze noch zusätzliche Extra-Würze (und auch hier kam die virtuose Antoni zum Einsatz: www.ballett-journal.de/berliner-ensemble-selbstmoerder/ und www.ballett-journal.de/berliner-ensemble-peymann-kleist-homburg/)

Und schon die holprige Trailer-Musik der Serie, von Andreas Schilling komponiert, ist den „Schmunzelkrimi“ „Mord mit Aussicht“ allemal wert:

Das ist Humtata mit viel Herz, ironisch mit Kirchengeläut, Gitarrengezirpe und reichlich Blech abgeschmeckt.

"Mord mit Aussicht" ist Landleben ganz groß in Krimiform

Nein, er übergibt sich nicht… Bjarne Mädel in einer Folge von „Mord mit Aussicht“ als Dorfpolizist Didi Schäffer. Videostill vom NDR: Gisela Sonnenburg

Witzige Kontraste gibt es auch optisch: Der Vorspann zeigt ein Cabrio inmitten einer Schafherde. Die Dialoge scheinen zudem so authentisch, als hätten die Schauspieler sie gerade erst erfunden.

Caroline Peters als Sophie Haas läuft denn auch mehrfach pro Folge zur absoluten Hochform auf. Das ist Comedy als hohe Schauspielkunst, ohne Draufdrücken, ohne Aufsetzen, ohne Routine. Einfach köstlich!

Eine Kostprobe der Kommissarin: „Ich geh jetzt nach Hause zum Duschen. Dann übergebe ich mich ein paar Mal. Und dann treffen wir uns auf der Wache wieder, ja?“

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, denn so, wie Peters es spielt, ist es Poesie mit Rest-Bowle im Unterton.

Nach einer wilden Nacht entlarven Haas und ihr Team solchermaßen in Folge 38 („Tod eines Roadies“) eine unheilige Schwangere.

Zuvor (in „Sankt Kennedy“) wurde sogar eine Prozession zum Tatort – heiliges Kopfsteinpflaster!

"Mord mit Aussicht" ist Landleben ganz groß in Krimiform

Ein Trio auf einem kleinen Revier, wie es kein zweites Dreigespann im deutschen Fernsehen gibt: Meike Droste, Bjarne Mädel und Caroline Peters in „Mord mit Aussicht“. Videostill vom NDR: Gisela Sonnenburg

In Folge 39, dem Finale (mit dem nicht ganz logischen Titel „Sophie kommet doch all“), hat dann vor allem die Schwiegermutter, also die alte Frau Schäffer, den richtigen Riecher.

Ihr Vermieter – eine Type für sich – wird vermisst, er verschwand, jaja, als Weihnachtsmann. Und schließlich wird ein gefesselter Straftäter Zeuge einer Geburt in einer Waldhütte. Ganz normal an Heiligabend, oder?

Ob und wie es mit „Mord mit Aussicht“ nun weiter geht, ist unklar. Zuschriften an den WDR würden wohl helfen, denn schon die zweite Staffel entstand nur auf Druck des Publikums.

Man kann nur an den gnädigen mündigen Fernsehzuschauer appellieren, diese Karte hier mal auszuspielen! Denn „Mord mit Aussicht“ ist zweifellos mit das Beste, was die ARD-Kette je produziert hat.

Einzelfolgen wie „Henghasch“ (in der es, wie der Titel schon sagt, um heimliche Haschisch-Fabrikation in Hengasch geht) oder „Klingeling“ (in der es um einen bildhübschen jungen Eiermann geht) sind alle Grimme-Preise wert, die es auf der Welt gibt…

"Mord mit Aussicht" ist Landleben ganz groß in Krimiform

Meike Droste und Caroline Peters als Bärbel Schmied und Sophie Haas in „Mord mit Aussicht“… Wir hatten 39 Folgen lang großes Krimiglück mit ihnen! Danke! Und bitte: Mehr davon! Videostill vom NDR: Gisela Sonnenburg

Schluchzen ist darum durchaus angesagt, weil es Abschied nehmen heißt von dieser Highlight-Serie.

Und, wie schon dargelegt, das Schreiben oder Mailen an den WDR (ersatzweise oder zusätzlich auch an den NDR) mit der zwingenden Bitte um weitere Folgen von „Mord mit Aussicht“ sollte nicht vergessen werden!

Die Serienidee stammt übrigens ursprünglich von der versierten TV-Autorin Marie Reiners. Sie war damals selbst in die Eifel, in diese neckisch langweilige Idylle, umgezogen – und Reiners wusste danach oft nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Bald hatte sie den Bogen aber raus: Nur schamloses Gelächter hilft Frauen weiter.
Gisela Sonnenburg

Samstag, ab 21.45 Uhr beim NDR – www.ndr.de

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