Tanz gegen Glaube Das Bundesjugendballett tanzte sein Credo „Hopes & Fears“ im Salon Kleiner Michel in Hamburg

Ballett in der Kirche

Es beginnt langsam, mit gesprochener Sprache, gesanglicher Atonalität, blauem Kunstlicht und Bewegungen, die das Verhältnis der Gruppe zum Einzelnen im Raum ausloten: das Bundesjugendballett bei seinem Auftritt mit „Hopes & Fears“ in der Kirche namens St. Ansgar und St. Bernhard in Hamburg. Foto: Gisela Sonnenburg

Schon Martin Luther wusste – und bekannte es offen: „Religion ist nicht tolerant.“

BJB im blauen Licht

Die Tanzfläche füllt sich, nicht nur mit Protagonisten, sondern auch mit Leben… Foto: Gisela Sonnenburg

Kaum ein Krieg ohne religiöse oder ideologische Vorwände, kaum ein Abschlachten von Menschen ohne fanatisches Gefasel von Gott – und angeblich hoch stehenden Werten, die doch mit dem Menschen an sich meist zu wenig zu tun haben, um glaubwürdig und glaubenswert zu sein.

Es gibt daher ja sogar folgende laizistische Haltung: Man sollte religiöse Gefühle vorsätzlich verletzen, und zwar bei jeder Gelegenheit – damit man dem Unsinn, man könne mit Religion auch nur irgend etwas rechtfertigen, nicht auch noch Aufmunterung bietet. Religion als Sünde – das wäre das Zukunftsmodell. Den Gläubigen aber sei geraten: Tanzt doch lieber noch `ne Runde!

BJB bei einer Hebung

Tanz ist auch Technik – mit Herz. Hier eine gelungene moderne Hebefigur aus „Hopes & Fears“ vom Bundesjugendballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Zudem sollte man nicht müde werden, sich mit der Geschichte der Kirche(n) auseinander zu setzen, auch mit ihren grausigen Seiten. Man denke nur an die Inquisition, also an die Hexen- und Ketzerverfolgung. Sie endete mitnichten mit dem Abschluss der Renaissance in Europa. Durch sie wurden, was gern verschwiegen wird, vielmehr in den USA noch im 19. Jahrhundert Todesopfer gefoltert, die wegen „Hexerei“ ermordet wurden.

BJB Gruppenhebung

Etwas unscharf, aber voller Flair: Wenn mehrere Personen eine einzelne empor heben, so kann das viele verschiedene Bedeutungen haben, von Verherrlichung bis zu Vereinnahmung. Foto: Gisela Sonnenburg

Übrigens wurden damals dort sogar Tiere – häufig Pferde – wegen angeblicher Satanspaktiererei gehängt. Von solcher Art Fanatismus sind Balletttänzer zum Glück weit entfernt. Sie interessiert das Tanzen, nicht das Schänden, Morden oder Brandschatzen.

Pas de deux

Ein schöner Pas de deux, der im Original von Sasha Riva, Solist des Hamburg Balletts und Choreograf des BJB, stammen könnte. Foto: Gsiela Sonnenburg

Religion ist damit allerdings nicht entschärft. Als Deckmäntelchen für alle niederen Triebe, vom schwachsinnigen Verbot der gerade heute weltweit unverzichtbar wichtigen Geburtenkontrolle bis hin zur gar nicht läppischen Schändung von Jungs in katholischen Erziehungseinrichtungen, diente und dient sie nach wie vor zumeist wenig edelmütigen Interessen.

Scheinbeten

Dieser Junge kniet – ein kleines Zitat vielleicht aus John Neumeiers Werk „Josephs Legende“, dort kniet Joseph vor dem Herrscher Potiphar. Oder es handelt sich um tanztypisches Scheinbeten: erhabene Gefühle ohne Gott sind die besten. Sagt der gläubige Atheist. Foto: Gisela Sonnenburg

Von den vielen sexuell missbrauchten oder auch diskriminierten Mädchen ganz zu schweigen!

Das BJB als Paar

Ein ungewöhnliches Paar, das offenkundig mit sich hadert. Foto: Gisela Sonnenburg

Vom angeblichen „bellum justum“, dem „schönen Krieg“, der zur Zeit der Kreuzzüge das westliche Barbarentum höchst grausam vom Abendland in den Orient trug, bis zum heutigen primitiven Gewaltrausch diverser islamischer Terrororganisationen.

Die Losung müsste heißen: Religion – nein, danke!

Doch das Bundesjugendballett (BJB), das dem Hamburg Ballett zugeordnet ist, setzt sich darüber – frech, aber sympathisch – einfach hinweg! Und findet Verbündete in den Reihen der Gläubigen.

BJB in church

Flirrende Atmosphäre: Das Bundesjugendballett (BJB) in der kleinen Kirche St. Ansgar und St. Bernhard in Hamburg. Foto: Gisela Sonnenburg

In einer katholischen Einrichtung in Hamburg, dem Salon Kleiner Michel, der sich in der kleinen, aber angenehm schmuckfreien Kirche St. Ansgar und St. Bernhard versammelt, trat es mit seinem Programm „Hopes & Fears“ auf – und überraschte mit intensiven, freiheitsträchtigen Körpergedanken.

Musiker des Abends

Die Studenten der Hamburger Hochschule für Musik und Theater sowie der Organisatorische Leiter vom BJB, Lukas Onken, am Kontrabass (hinten mittig) sind hier zu sehen, die musikalische Leiterin des Abends, Aike Errenst vom BJB, ist am Klavier verborgen. Foto: Gisela Sonnenburg

Doch bevor wir näher auf den Tanz eingehen, sei ein Dankeschön an die Musiker gesagt, die das über einstündige Programm begleiteten.

Sieben von ihnen sind noch in der Ausbildung, als Studenten der der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.

Gehender Mann

Manche Momente in „Hopes & Fears“ – wie dieses Gehen eines Jungen – erinnerten an Maurice Béjart, den großen Choreografen der Moderne, der vor allem für Männer tolle Posen und Schritte schuf. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Pianistin des BJB, Aike Errenst, hatte die diversen Musiken der tänzerischen Collage – darunter Werkauszüge von Maurice Ravel, Alexander Glasunow, Bach, Tschaikowski, Strawinsky und Heitor Villa-Lobos – neu orchestriert und für eine insgesamt neunköpfige Musikerbande passend gemacht.

Gefühlvoll, rhythmisch meist sicher und vor allem im akustisch-optischen Einklang mit den Tänzern bereicherte so delikat dargebotene Live-Musik die Show.

Flirt ohne Blickkontakt

Manches Paar nähert sich mit der Körpermitte an. Man muss sich beim Flirten nämlich nicht immer direkt ansehen. Oder? Foto: Gisela Sonnenburg

Hervorzuheben sind dabei Marlen Korf, die als Sopranistin auch schräg-schwierige Passagen aus dem Reich der Atonalität mit einem gesungenen Lächeln versüßte und zu einem erhabenen Erlebnis mit lunarischer, also mondbezogener, Note machte – sowie Lukas Onken, der wie ein Profi-Musiker ernsthaft und akkurat den Kontrabass bediente, obwohl er im Brotberuf Organisatorischer Leiter des Bundesjugendballetts ist.

Junger Mann

Ein junger Mann steht einfach nur da – und sagt doch soviel damit. Die BJB-Künstler sind trotz versierter Technik auch Könner des unumgänglich Einfachen. Foto: Gisela Sonnenburg

Aber auch Leslie Schillen (Klarinette), Ingrid Budau (Flöte), Anna Becker (Violine), Eszter Kruchio (Violine), Lucas Schwengebecher (Viola), Lisa Baumann (Cello) und selbstredend Aike Errenst, die musikalische Leiterin am Piano, beglückten. Merci!

Handstand der Beziehung

Sie helfen einander, wo sie nur können: Tänzerisch hat das auch mal eine akrobatische Note. Wobei Handstand noch längst nicht das Schwerste ist. Und alles wird lässig gemeistert! Foto: Gisela Sonnenburg

Die eigentlichen Attraktionen des Programms „Hopes & Fears“ liegen dennoch im Tänzerischen, das muss auch so sein – wenn das BJB auftritt, sind Momente der atemberaubenden und auch authentischen Bühnenkunst schon beinahe garantiert.

BJB-Mädchen

Anmut und Grazie gehören auch dazu: Das Bundesjugendballett trägt die Poesie in die Kirche. Foto: Gisela Sonnenburg

In den bald vier Jahren seines Bestehens hat sich das Konzept nicht nur nach außen hin, sondern offenbar auch, was die interne Arbeit angeht, gefestigt und gestärkt.

Mädchen mit Kerze

Sinnierend, vor sich eine Kerze (hier unsichtbar) – und äußerst bescheiden, obwohl räumlich noch vor der Tanzfläche sitzend. Das Bundesjugendballett ist eben ungewöhnlich! Foto: Gisela Sonnenburg

Ohne Routine im negativen Sinn, aber mit sehr viel professioneller Sicherheit lernte auch die aktuelle Generation von Jungtänzern, die nicht immer leichten Bedingungen, die das Tanzen an ungewöhnlichen Orten bedeuten, als Tugend zu begreifen.

Es ist wirklich toll zu sehen, wie diese jungen Profitänzer ein hervorragendes Raumgefühl entwickelt haben!

Echtes Licht

Das Bundesjugenballett tanzt gern in einer orgiastischen Lightshow – auch im sakralen Raum. Foto: Gisela Sonnenburg

Da steigt ein Tänzer rückwärts die Hühnerleiter, die auf die Tanzfläche führt, hinab – und um die ersten Sprossen zu finden, musste er nicht einmal den Kopf wenden. Sein Körper schien ihm den Weg zu weisen.

Pink ist Trumpf

Und noch einmal das tolle rosaviolette Licht: Pink ist Trumpf, für einige Minuten… das Bundesjugendballett in Hamburg beim kirchlichen Auftritt. Foto: Gisela Sonnenburg

Hebungen und Sprünge meistern sie bedenkenlos auch auf wenig Platz – zwanzig Quadratmeter erhalten, wenn das BJB darauf tanzt, die Anmutung einer großen Bühne. Auguste Bournonville, der dänische Meisterchoreograf, der zeit seines Lebens gegen eine für seine Ideen zu klein geratene Bühne in Kopenhagen ankämpfte, wäre ebenfalls begeistert.

Caliban in der Kirche

John Neumeiers „In the Blue Garden“ erinnert an Shakespeares „Sturm“. Dann wäre hier Caliban zu sehen, ein tierisches Wesen, während das Ensemble rechts den Aufstand probt. Foto: Gisela Sonnenburg

Es wird Zeit, die Heldinnen und Helden des Tanzes namentlich zu nennen: Maria del Mar Hernándes hat spanisches Feuer, nicht nur im Namen, und man sieht auf den ersten Blick, dass sie zum Tanzen aus Leidenschaft fand. Ole!

BJB im Flamenco

Auch eine Flamenco-Show ist in „Hopes & Fears“ enthalten, jedenfalls in der aktuellen Version. Sagenhaft! Temperamentvoll! Erotisch! Ole. Foto: Gisela Sonnenburg

Nicolas Gläsmann ist hingegen der analytische Darsteller, der mit Verve brilliert und den man sich hervorragend in Charakter- wie in Prinzenrollen vorstellen kann. Giorgia Giani ist zierlich, aber unnachgiebig in ihrer optischen Intonation von Stimmungen und Atmosphären.

BJB im Knien

Auch auf Knien attraktiv: Das Bundesjugendballett kennt keine Grenzen, was den Körperausdruck angeht. Foto: Gisela Sonnenburg

Yehor Hordiyenko ist zurecht der Star der Truppe: Man weiß gar nicht, wo man anfangen und wo aufhören soll, um all seine Vorzüge zu beleuchten, von akrobatischer Befähigung bis hin zu expressivem Bewegungsfluss. Minju Kang ist die Nachdenklich-Tiefsinige des Oktetts, sie bringt in jeden Tanz eine Anbindung an die so oft verborgene Wirklichkeit.

Paar am Boden

Auch das sehr intensive Miteinander zeigt der Tanz. In „Hopes & Fears“ bilden sich Paare, die viele Phasen einer Beziehung vorführen. Foto: Gisela Sonnenburg

Hélias Tur-Dorvault ist wandlungsfähiger, als er es zeigen will: Ihn umgibt das große Geheimnis, das Menschen auf der Bühne so oft anziehend macht. Federica Ricciardello hingegen steht für das Extravertierte, das Eindeutige und Unmissverständliche – ein großer Vorzug in der mitunter inhaltlich verschwommen wirkenden Ballettkunst.

BJB-Pärchen

Hoch fliegende Pläne für ein Pärchen – das Miteinander oder eine seiner Ausformungen beim BJB. Foto: Gisela Sonnenburg

Pascal Schmidt wiederum ist ein Zampano wie aus einem Bilderbuch des Titels „Tänzer für alle“: Es ist unmöglich, nicht gern hinzusehen, wenn er sich bewegt.

Blue Couple

Und ein Paar ist mal im untypischen Stechschritt zu sehen: aus „In the Blue Garden“ von John Neumeier beim BJB. Foto: Gisela Sonnenburg

Zu Beginn und am Ende des Stücks „Hopes & Fears“ – der Titel meint Hoffnungen und Ängste, allgemeine ebenso wie persönlicher Art – steht das Wort, die gesprochene Sprache.

Blue Garden Bournonville

Hier tanzen sie die Moderne à la Bournonville: Mit kleinen Hüpfern auf dem Platz, mit ausgelassener Haltung dennoch. Foto: Gisela Sonnenburg

Eine Reise wird versprochen, und am Ende steht gar die Weisheit, das ganze Leben sei eine Reise, kein Ziellauf, im Original klingt das so: „Life is a journey, not a destination.“

Blue Garden Zack

Zackig und heftig: Die gar nicht klischierten Beziehungen in Neumeiers „In the Blue Garden“, vom BJB getanzt. Foto: Gisela Sonnenburg

Das schlussendliche Credo der Tänzertruppe kann man da getrost vorweg nehmen, es passt als Auftakt wie als Nachwort: „Dance is creation“. Tanz ist Schöpfung. Noch Fragen?

Poesie zu zweit

Eine wunderschöne Hebung, typisch für „Hopes & Fears“, wenn man den Titel wörtlich nimmt. Es könnte fast ein Brautraub sein! Foto: Gisela Sonnenburg

Vielgestaltige Antworten gibt die getanzte Traumreise durch 1001 Stück sowohl in den Ensembleszenen als auch in den oft so feinsinnigen wie experimentellen Pas de deux, Pas de trois, Pas de quatre.

Lokoon beim BJB

Thiago Bordin choreografierte einst ein Stück fürs BJB, und hier spielen sie genauso mit einem langen Schal… wie eine Gruppe, von einem antiken Bildhauer erdacht und mit moderner Requisite versehen. Foto: Gisela Sonnenburg

BJB-Kenner hatten das befriedigende Aha-Erlebnis, das eine oder andere Stück wiederzuerkennen. Ah! Dieses eine Stück da wurde zum Beispiel mal von dem damaligen Ersten Solisten des Hamburg Balletts, Thiago Bordin, kreiert.

Tuch und Drama

Ein schönes Detail aus dem Kampf mit dem Tuch – und der Gekreuzigte im Hintergrund sieht zu. Eine dramatische Szene, wie aus einem Stummfilm. Foto: Gisela Sonnenburg

Es handelt sich um ein Werk mit Tuchfühlung im wörtlichen Sinn: aneinander geknüpfte Tücher ergeben einen langen Schal, in den sich die Tänzer fantasievoll selbst einwickeln. Ein fast deftiges metaphorisches Bild für Beziehungsknüpferei!

BJB-Schrecken

Und noch ein Bild in Schwarzweiß, wieder aus der Tuchdramatik: Gefühle wie Aufregung und Sehnsucht, Angst und Schrecken gehören ebenso dazu wie die schönen Dinge des Lebens. Foto: Gisela Sonnenburg

Am stärksten wirken dennoch natürlich die Werke von John Neumeier, Intendant vom Hamburg Ballett wie vom BJB: Sein „In the Blue Garden“ ist eine tanzgewordene Poesie in Anlehnung an Shakespeares „Sturm“, und seine „Petruschka-Variationen“ sind so peppig-knackig-erfrischend, als seien sie gerade gestern und nicht schon vor über dreißig Jahren choreografiert worden.

BJB beim Beziehungsunterricht

Ein Paar, das sich mag, darf sich auch mal streiten – und wieder versöhnen. Das BJB erteilt Beziehungsunterricht. Foto: Gisela Sonnenburg

Das ist höchste Weltkunst, auch in der Modifikation fürs BJB und seine kleinflächigen Bühnen – und es ist eine wahre Lust, solchen Werkauszügen unter so ungewöhnlichen Rahmenbedingungen zu begegnen.

Umarmung

Eine Umarmung kann so hilfreich sein! Das Bundesjugendballett bei der nicht nur christlichen Nächstenliebe auf der Bühne in der Kirche St. Ansgar und St. Bernhard. Foto: Gisela Sonnenburg

Hinzu kommt, dass das Nachwuchsensemble, in dem die Tänzer beim Eintritt in die zweijährige Zusatzausbildung – man könnte auch sagen: Weiterbildung – nicht älter als 23 Jahre alt sein dürfen, sein Team mit kompetenten Helfershelfern ergänzt hat. Dirk Glowalla, Meister für Veranstaltungstechnik, und Ingo Schreiber, freiberuflicher Bühnentechniker, leisten ebenso wie die Gewandmeisterin Sonja Kraft ganze Arbeit.

Nur Kevin Haigen, den Künstlerisch-Pädagogischen Leiter, und seinen Stellvertreter und Ballettmeister Yohan Stegli, können die Techniker natürlich nicht entlasten.

BJB-Wechselbad

Noch einmal „In the Blue Garden“: John Neumeiers Werk hat auch schwungvolle Passagen, und viele Gefühle werden im Wechselbad erlebt. Foto: Gisela Sonnenburg

Auch sie haben sich mit und fürs BJB entwickelt, trotz ausgereifter Karrieren vorab – und wie sie die Jungtänzer formen und ausbilden, lässt sich von Vorstellung zu Vorstellung erfreulicherweise ablesen.

BJB und Clash of Culture

Auch diese Szene verblüffte: Ein Clash of Culture fand auf der Tanzfläche statt, als ein Tänzer wie ein Rapper zu den ekstatisch Zappelnden kam. Nun ja – eine gemeinsame Ebene war da schwer zu finden, ganz realistisch wurde das getanzt. Aber deshalb musste niemand niemanden umbringen wollen! Insofern sind die Stücke des BJB allgemein pädagogisch wertvoll. Foto: Gisela Sonnenburg

Ungewöhnliche Choreos gehören da auch mal dazu. So gibt es Hebungen, die man nicht im Kanon der Klassik oder der klassischen Moderne findet, und auch manche Abwandlung ins Lässige oder „Entspannte“ hinein tut den sonst mitunter etwas überspannten ballettösen, körperlichen Sprachkonvoluten ganz gut.

BJB-Abflug

Eine tänzerische Flugfigur – von den tänzerischen Überfliegern vom Bundesjugendballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Hinzu kommt, dass das Ausbildungsprojekt BJB ein work-in-progress-Selbstverständnis von sich selber hat, was es auch auf seine einzelnen Tanzstücke überträgt. Choreografen, die hier schöpfen, können nie ganz sicher sein, ob ihr Werk nicht bald variiert oder geändert wird – manchmal erfordern das schon die äußerlichen Umstände, denn das Bundesjugendballett tritt ja eher selten in Theatern auf, umso häufiger in Seniorenheimen, Gefängnissen, Konzertsälen und weiteren für Bühnentanz ungewöhnlichen Locations.

BJB mit Petruschka

Noch ein Meisterwerk von John Neumeier: Die „Petruschka-Variationen“ nach der Musik von Igor Strawinsky sind ein unsterbliches Stück knackig-witziger, erfrischender Tanzkunst. Voilà – Weltkunst in der Kirche. Das Bundesjugendballett macht’s möglich. Foto: Gisela Sonnenburg

Insofern ist Tanz als Kirchenkunst geradezu typisch fürs BJB! Im Schutz von Sankt Ansgar und dem Heiligen Bernhard in Hamburg war jedenfalls auch für ein beklemmendes Bühnenbild gesorgt, ganz einfach durch die Tatsache, dass ein Kruzifix und einige Kerzenleuchter für eine entsprechende Atmosphäre sorgten. Da wirkte sogar ein spontan vom Publikum bejubelter, auf erlesenem Weltklasse-Niveau gecoachter Ausschnitt aus dem Solo der Bergkristall-Fee aus Marius Petipas klassischem Meisterwerk „Dornröschen“ plötzlich hochmodern. Zumal er im schwarzen Teller-Tutu richtig anti-thetisch und also sehr progressiv präsentiert wurde: vampirisch-dynamisch!

So gesehen, könnte man sich sogar öfter als einmal alle zehn, zwanzig Jahre in eine Kirche trauen. Unter der Bedingung eines Mottos: Gotteshäuser zu Kunsttempeln!
Gisela Sonnenburg

Zu einem Portrait von Kevin Haigen, dem Künstlerischen Leiter des BJB, geht es bitte hier:

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-kevin-haigen/

Zu weiteren Texten über das BJB, etwa einer Arbeit mit einem behinderten Hauptdarsteller oder einem Museumsauftritt oder Arbeit mit Flüchtlingskindern: 

www.ballett-journal.de/bundesjugendballett-ein-kleiner-prinz/

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-kunsthalle/

www.ballett-journal.de/bundesjugendballett-ballinstadt/

www.bundesjugendballett.de

UND SEHEN SIE BITTE INS IMPRESSUM: www.ballett-journal.de/impresssum/

 

Maria Eichwald ist der Star

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