Die absolute weiße Magie Ein höchst erfolgreicher Beginn der Intendanz von Tamas Detrich mit der Premiere von „Shades of White“ beim Stuttgarter Ballett

Die "Shades of White" sind ein sensationeller Erfolg

Klassik auf den sinfonischen Punkt gebracht: Das Stuttgarter Ballett in „Shades of White“ nach dem „Königreich der Schatten“ beim Applaus. Eine fulminante Premiere! Foto: Boris Medvedski

Stuttgart hat eine ballettöse Zukunft! Das ist das Fazit, wenn man den soeben premierten, ungewöhnlichen klassischen Dreiteiler „Shades of White“ – „Weiße Schatt(ierung)en“ – beim Stuttgarter Ballett gesehen hat. Das Ensemble bietet alle Kräfte, inklusiver großer Starpotenziale auf, um die Magie der Weißheit auf drei verschiedene Arten zu präsentieren. Drei Mal Ballerinen in weißen Tutus – das ist kein inhaltliches Konzept, aber eine wandelnde Symbolkraft des Balletts. Die legendäre Ballerina und Choreografin Natalia Makarova reiste denn auch selbst an, um ihr „Kingdom of white Shades“, das „Königreich der weißen Schatten“, aus ihrer Version von „La Bayadère“ einzustudieren. Der Stuttgarter Ballettintendant Tamas Detrich, neu im Amt, gab ihr dafür erst einen Handkuss, dann kniete er vor ihr beim Applaus. Zurecht: So poetisch zelebrierten seine TänzerInnen den Klassiker, als handle es sich um eine Utopie. Auch das „Konzert für Harfe und Flöte“ von John Cranko überzeugte, mit einer tadellosen Alicia Amatriain und dem wie immer perfekten Friedemann Vogel. Und auch die „Sinfonie in C“ von George Balanchine, technisch verzwickt und von der typischen Balanchine’schen Mixtur aus Stil und Ironie getragen, begeistert! Glück gehabt, lieber Tamas Detrich! Herzlichen Glückwunsch zu diesem grandiosen Einstand!

Dabei war es ein ziemliches Risiko, die Spielzeit nicht mit einem der bewährten abendfüllenden Ballette aus dem Repertoire des Stuttgarter Balletts zu beginnen, etwa mit „Onegin“ von John Cranko. Damit hätte Detrich – einst selbst ein sehr guter Tänzer der Titelrolle – den ersten Stich in seiner Ära sicher gehabt.

Stattdessen setzte er auf Neues, wenn sich dieses auch aus Bewährtem zusammengesetzt.

Die "Shades of White" sind ein sensationeller Erfolg

Verbeugungen im weißen Tutu nach der Höchstleistung des Damen-Corps im „Königreich der Schatten“ aus „La Bayadère“: bei der Premiere von „Shades of White“ beim Stuttgarter Ballett. Foto: Boris Medvedski

Aber die Kombination, die dieser „weiße“ Ballettabend bietet, hat in der Tat eine so starke Eindeutigkeit in der Botschaft, dass diese auch glatt hätte nach hinten losgehen können.

Denn wer sagt denn, dass sich das Publikum nicht langweilt, wenn es drei Mal hintereinander mit weißen Tutus satt bedient wird? Und wer sagt, dass es den Leuten gefällt, klassische Ballette an einem Abend ausschließlich als sinfonische Ballette inszeniert zu sehen?

Ohne Handlung – macht denn das überhaupt Sinn?

Oh ja. Detrich hat alles auf eine Karte gesetzt – und mit vollem Haus gewonnen!

Ein Lob geht indes auch an das Stuttgarter Ballettpublikum, das sich eingelassen hat auf dieses Wagnis, und das fraglos an den richtigen Stellen applaudiert. Nämlich nicht (nur) bei den „Tricks“, also bei den akrobatischen Fertigkeiten. Sondern dann, wenn man ergriffen wird, wenn die getanzte Poesie die Oberhand gewinnt; wenn es Gänsehautmomente gibt oder exquisite Balancen, die zwischen Leben und Ewigkeit alles zu enthalten scheinen.

Seele – dieser Begriff gewinnt im klassischen Tanz stets neue Bedeutungen, neue Bedeutungsebenen; darum wird dieses organische Körperkunstsystem niemals fade oder vergänglich.

Shades of White“ verdeutlicht das, ohne in Kitsch zu verfallen oder aus Stilistik eine oberflächliche Mode zu machen.

James Tuggle leitet dazu das Staatsorchester Stuttgart mit bewährter, auch ballettbewährter Hand.

Den Beginn macht ein Stück von John Cranko, das dieser 1966 zu äußerst lieblicher Musik von Wolfgang Amadeus Mozart hervorzauberte.

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Das Stück entstand, während Peter Wright nebenan seine „Giselle“ mit dem Stuttgarter Ballett vorbereitete. Weil darin so viele Damen gut zu tun haben, sollten in Crankos Arbeit vor allem die Jungs aus dem Corps de ballet beschäftigt werden. So simpel war die Ausgangsidee.

Aber weil Cranko ein Genie war, entwickelte sich daraus ein hochkarätiges Stück Tanzkunst, das eine hintergründige Neuverteilung der Mann-Frau-Rollen vornimmt.

Die Zöpfe und Spitzenjabots bei den Herren erinnern zudem an die Barockzeit, in der Mozart lebte.

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Hier noch ohne Spitzenjabots und noch nicht so perfekt wie bei der Aufführung, dafür in authentischen Probenklamotten: Ballettprobe mit dem Stuttgarter Ballett für das „Konzert für Flöte und Harfe“ von John Cranko, wie sie beim World Ballet Day 2018 online zu sehen war. Top! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Die beiden Primaballerinen im weißen Tutu aber, die hier einer ganzen Schar von Herren vorstehen, verkörpern die Instrumente aus dem Titel: Das „Konzert für Flöte und Harfe“ rückt die zarten, fragilen Töne in den Vordergrund, und das ist nicht nur klanglich, sondern auch mental gemeint. Es ist, wenn man so will, eine Referenz an die Weiblichkeit mit den Mitteln der Verehrung durch die Gentlemen.

Das Orchester wird tänzerisch denn auch von der Herrentruppe personifiziert, wobei jede der beiden Ballerinen ihren Hauptkavalier hat.

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Wow! Was für eine schöne Probenatmosphäre! Alicia Amatriain mit Tamas Detrich und den Ballettmeistern links sowie mit den Herren vom Stuttgarter Ballett rechts bei der Probe am World Ballet Day 2018. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Alicia Amatriain bildet dabei mit Friedemann Vogel ein bewunderungswürdiges, klassisch-grandioses Paar.

Ami Morita, die sich hier als ganz vorzüglich präzise Ballerina von großer Amut entpuppt, passt zu dem lyrisch-sensiblen David Moore.

Während des World Ballet Day 2018 am 2. Oktober zeigte das Stuttgarter Ballett online eine entsprechende Probe, die von Tamaz Detrich geleitet und erläutert wurde.

Sie war wirklich sehr geeignet, um den „Spirit“ dieses Stücks zu erkennen.

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Aufrecht und energetisch wie ein Yogi: Tamas Detrich (vorn) mit Ballettmeistern bei der Probe auf dem World Ballet Day: So kann Stuttgart sich der Welt präsentieren! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Das Zusammenspiel von Tanz und Musik ist hier exquisit, es entspricht teilweise dem Prinzip der Illustration, bietet andererseits aber auch Möglichkeiten der Widerwehr und Eigenständigkeit an.

„Hear the trill!“ Tamas Detrich, der trotz eigener Deutschkenntnisse die Proben bevorzugt auf Englisch leitet – passend bei einer so internationalen Truppe – wurde dabei nicht müde, auf die Musik hinzuweisen. Also: „Hör auf den Triller!“

In diesem Fall ist es die Aufgabe der Ballerina, dazu rückwärts zu bourrieren; ihr Partner hält sie dabei an der Hand, sie sanft leitend.

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Das Paar Alicia Amatriain und Friedemann Vogel wird empor gehoben: auf der Probe zum „Konzert für Flöte und Harfe“ von John Cranko während des World Ballet Day 2018 beim Stuttgarter Ballett. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Wenn dann beide von dem muskelstarken Herren-Corps hochgehoben werden, avancieren sie zu siegreichen, geliebten Liebenden. Adam und Eva im Paradies der wortlosen Anerkennung!

Aber sie verlieren dabei keineswegs die Spannung, vielmehr recken sich beide empor und vollführen standhaft in der Luft ihre Arabesken.

Wieder zurück auf dem Boden, ergeben sie sich spielerisch den klassischen Mann-Frau-Posen, und der Herr kniet vor der Dame, inniglich, während sie in ihrem Teller-Tutu ein formvollendetes Penché zelebriert. Wozu noch Märchen, wenn das Leben so einfach und schön sein kann?!

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Wie eine Blume: Alicia Amatriain wird vom Herren-Corps empor gehoben. So zu sehen beim World Ballet Day 2018 mit dem Stuttgarter Ballett. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Eine andere Passage lässt Alicia Amatriain wie eine „Blume“ („Flower“) mit Blütenkelch und über den Kopf erhobenen Armen empor liften. Gleich danach müssen die Herren vom Corps elegant ein Tendu zur Erdung zeigen – und sie dürfen sich dabei bitte keine Erschöpfung anmerken lassen!

Dass Ballett aus härtester Anstrengung besteht, darf man nicht wirklich bemerken. Und siehe da: Beim Stuttgart Ballett ist dieses Problem auf so hohem professionellen Niveau gelöst, dass man darüber eigentlich gar nicht diskutieren müsste.

Es ist nur so, dass gerade in den weißen Kostümen jeder kleinste Fehler nochmals stärker ins Auge fallen würde. Insofern ist dem Fleiß hier auch ein Extra-Applaus zu zollen – und dem Spaß der Protagonisten an ihrem Beruf, denn der überträgt sich fraglos auch ohne Worte ins Publikum.

Man hatte vorab die Befürchtung, dass die inhaltlich etwas haltlose Zusammenstellung dieses Programms den Fokus zu sehr auf die Technik lenken würde.

Die "Shades of White" sind ein sensationeller Erfolg

Friedemann Vogel, vorn kniend und edel anzusehen, im Ballettsaal beim World Ballet Day 2018, das „Konzert für Flöte und Harfe“ probend. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Dank der starken Betonung auf inhaltlichen Ausdruck – auf Sympathie und Charme, auf Sorgfalt und Zartheit, auf Willensstärke und Güte, auf Bewunderung und Respekt – erweisen sich solche Vorbehalte aber als gegenstandslos.

Am Ende hatten Viele im Publikum kaum noch Kraft zum Applaudieren, so mächtig hatte sie der Wunsch, johlend Beifall zu zollen, erwischt. Man kann sich halt auch vor Liebe heiser schreien, daran ist nichts despektierlich!

Die Absolutheit der weißen Magie – die im Gegensatz zur schwarzen Magie den guten, nicht den bösen Zauber bezeichnet – behauptet sich im Ballett damit einmal mehr.

Der Schachzug dieses Programms wäre allerdings nicht möglich gewesen ohne die legendäre Natalia Makarova. Sie, die in wenigen Tagen, am 21. Oktober, ihren 78. Geburtstag feiern wird, ist sozusagen die erste lebende Autorität in Sachen Ästhetik der Klassik. Und sie kam auf die Bühne, um den Dank für ihre bedeutendste Arbeit als Choreografin entgegen zu nehmen.

Ballet is beauty to save the world!“ („Ballett ist Schönheit, um die Welt zu retten!“)

Diese Zauberformel stammt von Makarova, die sie einst in kollegialer Zuneigung der amerikanischen Primaballerina Julie Kent in eine Premierengrußkarte schrieb.

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Natalia Makarova im Spiegel der Google-Bildersuche: Sie ist keine Unbekannte im Internet… wäre ja auch unerhört! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Makarova, die in Leningrad geboren wurde und dort nach der Ausbildung an der Waganowa-Ballettakademie rasch zur Starballerina des Kirov-Balletts (heute wieder „Mariinsky“ genannt) avancierte, muss es ja wissen. Nach der zügigen Eroberung des sowjetischen Publikums in frühester Jugend sammelte sie Ovationen in der restlichen Welt ein. Sie tanzte die lupenreine russische Klassik ebenso wie Neukreationen in den USA und in England.

Und: Sie vergaß nie, woher sie kam, künstlerisch gesehen. Als sie im Alter von 50 Jahren ihren Bühnenabschied nahm, geschah das im Zuge der Perestroika 1989 in Leningrad.

Da war sie allerdings schon längst eine Kosmopolitin, deren künstlerische Kraft der ganzen Welt gehörte.

Sie hatte sich 1970 während eines Gastspiels in London in den Westen abgesetzt.

Sendungsbewusstsein in Sachen Ballett blieb ihr aber zueigen.

Die "Shades of White" sind ein sensationeller Erfolg

Applaus – stürmisch! – nach dem „Königreich der Schatten“ bei den „Shades of White“ mit dem Stuttgarter Ballett. Vorn: Elisa Badenes und Adhonay Soares da Silva. Foto: Boris Medvedski

Bereits vier Jahre später choreografierte sie das „weiße Ballett“ aus „La Bayadère“, also eben dieses „Königreich der Schatten“, das auch jetzt als sinfonisches Tanzwunderwerk ohne dazugehörige Rahmenhandlung getanzt wird. Die Erstaufführung von Makarovas Version war allerdings in New York, beim American Ballet Theater (ABT), dessen vielbewunderte Primaballerina sie war.

1980 endlich konnte sie das ganze Ballett „La Bayadère“ aufführen (lassen), ebenfalls am ABT. Sie selbst tanzte häufig darin die Nikija, die Bayadère, also die indische Tempeltänzerin, die von dem geliebten Mann für die Tochter des reichen Machthabers sitzen gelassen wird. International hat Makarova ihre Version bereits mehr als ein Dutzend Mal einstudiert, aber es gibt auch andere, die ihr folgten und die sehenswert sind (etwa hier und hier nachzulesen). Und eine ganz neue, historisch rekonstruierte Version von Alexei Ratmansky wird am 4. November 2018 beim Staatsballett Berlin premieren.

Die Geschichte ist typisch für das 19. Jahrhundert, typisch für das Ballett dieser Zeit – und typisch für die kongenialen Choreografien von Marius Petipa, der 1877 (im Jahr der verpatzten „Schwanensee“-Uraufführung durch Reisinger) die Uraufführung in Sankt Petersburg besorgte.

Die "Shades of White" sind ein sensationeller Erfolg

Tamas Detrich kniet vor Natalia Makarova herself, die nach Stuttgart angereist war und übrigens ohne Tuch auf dem Haupt in Erscheinung trat. Links weiter hinten: Makarovas Assistentin Olga Evreinoff. Applaus-Foto: Boris Medvedski

„Die Geschichte ist wie von Shakespeare“, sagte Makarova mal über den Plot, „es geht um die endgültigen Dinge wie Liebe, Eifersucht, Betrug, Reue – um die Wahl zwischen Liebe und Pflicht. Als Menschen interessieren uns solche Dinge doch immer.“

Und wie!

Makarovas Einstudierung in Stuttgart, unter Hilfe ihrer getreuen, langjährigen Assistentin Olga Evreinoff geschehen, reißt indes auch ohne Gesamtgeschichte vom Hocker und lässt einen dieses außergewöhnliche Stück Ballettglanz mit ganz neuen Augen sehen.

Wie ein sinfonisches Ballett, das von Liebe und Freiheit, von Kollektiv und Sanftmut erzählt, ist es ein Stück aus dem Paradies der Erinnerung – und zugleich ein Zukunftstraum, allerdings ohne leichtfertig falsches Versprechen auf Einlösung.

Da tanzt Elisa Badenes mit schwebender Leichtigkeit die entrückte, zur Schattenkönigin gewordene Nikija, als gebe es kein Gestern und kein Morgen, sondern nur das Hier und Jetzt. Fantastisch. Überirdisch. Und nicht blass oder fade oder gar technokratisch. Sondern lebendig und zuckersüß zugleich. Man möchte sie dafür küssen!

Adhonay Soares da Silva als ihr Partner Solor zeigt, dass er in den letzten zwei Jahren viel gelernt hat – und schon beinahe ein Ballerino von oberster Weltklasse ist. Saubere Arabesken, übermütige Sprünge bis in den Bühnenhimmel (so glaubt man zumindest), feine Linien und eine sanfte Führung seiner Dame machen ihn zu einer der großen Hoffnungen am Stuttgarter Ballettfirmament.

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Noch ein Blick auf die beiden Stars und den Star, den das Damen-Corps mit den Solistinnen bedeutet: viel Applaus nach dem „Königreich der Schatten“ in „Shades of White“ beim Stuttgarter Ballett. Foto: Boris Medvedski

„Das Königreich der Schatten“ nimmt hier seinen Anfang nicht hinten rechts im Bühnenraum, sondern in der Mitte des Bühnenhorizonts, bis wohin die Aufbauten des Bühnenbilds reichen. Der Aufmarsch der hier 24 bildschönen, knallweißen Tutu-Ballerinen ist vom ersten Schritt an ein Event, wiewohl er sich gewissermaßen einschleicht. Schritt, Schritt, Schritt, Schritt – Stehen! Immer wieder wiederholen die jungen Damen diese Pose der Arabeske, strecken ihre beschleierten Arme dazu lang aus, formieren eine Rückenstärke wie von Gottes Gnaden – und sind dazu im Synchronschritt wie eine Engelsschar.

Für jede Compagnie mit noch so fabelhaft trainierten Mädchen ist dieses Stück eine Herausforderung. Probenintensiv, dafür aber auch reich an Effekt, ist es ein Prüfstein für die Macht, die das Ballett hat.

Denn die Zuschauer versinken, wenn die Sache richtig präsentiert wird, in einer Euphorie, die so nur von klassischem Ballett hervorgerufen werden kann. Es ist ein Rausch ohne Besoffenheit, eine ätherische Liebe ohne düsteres Begehren, aber voll der erotischen Beflügelung.

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Das ist auch ein schöner Moment, ein einmaliger noch dazu: Tamas Detrich beim Handkuss mit Natalia Makarova nach der Premiere vom „Königreich der Schatten“ im Rahmen der „Shades of White“ beim Stuttgarter Ballett. Glückwunsch an beide! Foto: Boris Medvedski

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sprach mir gegenüber oft vom „pädagogischen Eros“, und er meinte das keineswegs im Hinblick auf Pädophilie. Sondern er zielte auf die Motivation und Begeisterung, die nur durch sinnenhafte Fertigkeit evoziert werden kann.

Es ist nämlich nicht wahr, dass wir Menschen wandelnde Rechenmaschinen sind!

Das Menschliche an uns verlangt nach Erweckung – und dann nach Schulung, nach Erziehung. Und klassisches Ballett ist in diesem Sinne die Hochburg der Menschlichkeit an sich.

Gleich zwei BALLETTSCHULEN stehen in Schleswig-Holstein zum Verkauf! Die hervorragend eingeführten Studios von ION CONSTANTIN – eine in Lübeck, eine in Neustadt – kosten jeweils nur 25.000 Euro. Die Ballettsäle – siehe Foto oben – sind rundum bestens ausgestattet und sind von montags bis freitags gut besucht. Der feste Kundenstamm, bestehend aus begeisterten Kindern und Laien, freut sich auf neue Lehrerschaft! Ideal für eine Tänzerin oder einen Tänzer oder auch für ein Paar, das sich beruflich verändern möchte. Herr Ion Constantin und Frau Cornelia Constantin erwarten gern Ihren Anruf: 0172 – 421 83 90.  Mehr auch hier! (Foto: Anzeige)

Edle Werte werden hier praktiziert, und dass sie – etwa im Bayaderen-Schattenreich – sogar auch noch simpel anmuten, weil ein- und dieselbe Schrittfolge schier unendlich wiederholt wird, verstärkt auf dialektische Weise nur noch ihre Tiefenwirkung.

Es handelt sich um eine durchaus kompliziert-raffinierte Kunst, die von Können und nicht etwa von Ausprobieren kommt.

Makarova, die dieses Ballett der westlichen Welt schenkte – es wurde damals außerhalb der Grenzen des Eisernen Vorhangs nicht getanzt, es war im Westen sogar unbekannt – hat es in ihrer Inszenierung zu neuem Leben erweckt. Sie, die einerseits die russische Balletttradition nachgerade verkörpert, andererseits viele zeitgenössische Uraufführung angeregt und getanzt hat, konnte die Essenz von „La Bayadère“ mit einer doppelten Perspektive begreifen und solchermaßen für das Publikum des späten 20. Jahrhunderts spannend übersetzen.

Die Musik von Ludwig Minkus unterstützt übrigens jedwede Bewegung in diesem Ballett, aber sie als pompöse Theatralik zu missdeuten, wäre ein schwerer Fehler. Sie hat durchaus viele seltene Farben und Schattierungen zu bieten – und dass sie fürs anspruchsvolle Ballett komponiert wurde, merkt man bei jedem Schritt der zierlichen Tänzerinnen.

Ach, und da ist das Glück, das sie damit ausstrahlen und das sich aufs Publikum überträgt!

Hier allerdings toppt womöglich George Balanchine mit seiner „Sinfonie in C“ nochmals das Geschehen.

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Applaus, Applaus, Applaus! George Balanchine in Höchstform – hier das Stuttgarter Ballett mit Friedemann Vogel und Miriam Kacerova vorn, Alicia Amatriain und Jason Reilly rechts bei der Verbeugung nach der „Sinfonie in C“ bei der Premiere von den „Shades of White“. Foto: Boris Medvedski

Der muntere, abwechslungsreiche Reigen von in Weiß gekleideten, glitzernd bekrönten Damen und wie schwarze Diamanten dazu funkelnden Herren sprüht nur so vor überdrehter Lebenslust, vor Spaß am Zeigen und Mitreißen.

Mehr zur Choreografie des Stücks bitte hier.

Im Kontext der Stuttgarter Trilogie versinnbildlicht es eine Steigerung von Weiß, die sich auch im Bühnenlicht manifestiert.

Le Palais de Crystal“, „Kristallpalast“, hieß dieses Ballett ja ursprünglich; Balanchine kreierte es 1947 für die Pariser Opéra und benannte es erst später in den USA endgültig um.

Die Musik ist ein 1855 geschriebenes Frühwerk von „Carmen“-Komponist Georges Bizet, dessen „Sinfonie in C-Dur“ erst 1933 in großem Umfang publiziert wurde.

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Eine Prinzen- und vor allem Prinzessinnenorgie erster Güte: Die „Sinfonie in C“ von Balanchine sorgt für Begeisterung bei den „Shades of White“ vom Stuttgarter Ballett. Foto: Boris Medvedski

Den besonderen Geschmack erhält diese Prinzessinnen-Orgie aber vor allem durch die Ausstrahlungskraft der TänzerInnen.

Die grazile Miriam Kacerova und der geschmeidige Friedemann Vogel sind da ein absolutes Paar, welches makellose Schönheit und verliebte Seligkeit zu vereinen weiß. Bravo!

Aber auch die elegante Alicia Amatriain und der männlich-schöne Jason Reilly wissen mit unendlich bravouröser, dennoch auch herzensguter Demonstration mitzureißen und zu begeistern. Yeah!

Hyo-Jung Kang und Adhonay Soares da Silva haben schließlich einen betont modernen Geschmack glücklich zu machen – und verleihen dem ganzen Stück dadurch noch neue Facetten. Dankeschön!

Schließlich wissen aber auch Elisa Badenes und der Newcomer Moacir de Oliveira, wie man aus Balanchine’s klassisch-neckischem Stil eine Weltkunst mit Raffinement macht. Ah!

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Ach, ach! Man ist ja so selig, dieses Stück hier so vollendet getanzt zu sehen!

Und wenn die vier Solo-Herren in einer Reihe auftanzen und ihre Sprünge perfekt synchron und dennoch mit starker Ausdruckskraft vollführen, dann kann man sich beim besten Willen nicht entscheiden, wer der Beste der Tänzer hier ist.

Die "Shades of White" sind ein sensationeller Erfolg

Die Paare und das Ensemble strotzen nur so vor Glückseligkeit: Das Stuttgarter Ballett nach der „Sinfonie in C“, dem Schlussstück der „Shades of White“. Bravooooh! Foto: Boris Medvedski

Ganz schlecht kann es um unsere Kulturlandschaft nicht stehen, solange es solche Ballettaufführungen gibt.

Das sollte auch die Politik vor Ort einsehen – und nach dem milliardenschweren Fiasko von Stuttgart 21 einer angemessen sorgsamen, nicht am falschen Ende sparsamen baulichen Erneuerung des Stuttgarter Opernhauses endlich grünes Licht erteilen. Es gibt wohl kaum eine bessere Investition!
Boris Medvedski / Gisela Sonnenburg

Zu den alternativen Besetzungen: bitte hier klicken!

www.stuttgarter-ballett.de

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