Wenn Wünsche wahr werden „Reid Anderson – Having it“ ist ein tolles Buch über den Stuttgarter Ballettintendanten. Und dann entlässt dieser auch noch Demi Volpi als Hauschoreografen: Das Ballett-Journal sagt für beides DANKE!

Reid Anderson wird Superpapi - und feuert Demis Volpi

Erfrischende Sommerlektüre: „Reid Anderson – Having it“ ist ein Must für jeden, der wissen will, warum das Stuttgarter Ballett heute ist, was es ist! Faksimile des Buches auf sonnigem Balkon: Gisela Sonnenburg

Die Nachricht kam überraschend, und nicht wenige Ballettkundige mögen, wie ich, in Gedanken spontan ein freundliches „Dankeschön“ an Terpsichore gemailt haben. Demis Volpi wird ab kommender Spielzeit also nicht mehr Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett sein. Die Truppe, die als stärkste von allen in der Welt das Erbe des wahlschwäbischen Tanzgenies John Cranko lebendig zu erhalten hat, trennt sich somit von einem Nachwuchsstar, der schon lange nicht mehr hielt, was er versprach. Als Jungspund vor formalen Ideen nur so sprudelnd, stagnierte Demis Volpi, wann immer es um Inhalte in seinen Balletten gehen sollte. Auf einen provinziellen Populismus ausgelegt, gilt Volpi Kritikern wie mir als so unreifer wie moralloser Erfolgsapostel. Ballettintendant Reid Anderson ging jetzt mit Volpis Rauswurf den notwendigen wichtigen, richtigen und mutigen Schritt, um seiner Compagnie Luft für Neues zu verschaffen. Die Nichtverlängerung von Volpis Vertrag macht Lust auf Stuttgart – und zudem Lust auf die Lektüre des Buches „Reid Anderson – Having it“, das den großen Mann der Ballettkunst ausführlich portraitiert. Wie nebenbei wird hierin die geschriebene Ballettgeschichte in Deutschland um einige wesentliche Kapitel ergänzt.

A bisserl Talent ist eben nicht alles! Gerade der Werdegang des hoch talentierten Reid Anderson selbst zeigt, wie bedeutend auch Instinkt und Verhandlungsgeschick, Fleiß und Souveränität sind.

Reid Anderson wird Superpapi - und feuert Demis Volpi

Reid Anderson, immer noch ein Mann der klugen Entscheidungen. Die jüngste schleichende Krise beim Stuttgarter Ballett führt er jetzt in eine Phase der Erneuerung. Danke! Foto: Gisela Sonnenburg

Reid Anderson hat diese Souveränität in seinem Dickschädel, und dass er dazu ein offenes, freundliches Wesen hat – fast könnte man sagen: ein lyrisches – täuscht nicht darüber hinweg, dass er, wie jetzt in Sachen Volpi, knallhart sein kann.

Seit 1996 ist der gebürtige Kanadier Anderson Intendant vom weltberühmten Stuttgarter Ballett. Wie es dazu kam und wie es seither in der schwäbischen Metropole am Opernhaus tanzmäßig abgeht – das beschreibt das Buch mit dem Untertitel „vom Tänzer zum Intendanten“ nicht nur mit vielen Anekdoten und Details, sondern auch aus verschiedenen zeitlichen und thematischen Perspektiven.

Dass sich dadurch Manches doppelt, ist nur auf den ersten Blick eine Irritation. Dann siegt der Hunger, gut informiert zu sein – und dazu tragen sowohl die zahlreichen Bebilderungen bei als auch die von Angela Reinhardt und Gary Smith erstellten Texte.

Auf 240 großen, hervorragend genutzten Seiten gewährt dieses Buch Einblicke und Erklärungen, die fortan in keiner Bibliothek zur Kultur- und Ballettgeschichte Europas mehr fehlen sollte.

Reid Anderson wird Superpapi - und feuert Demis Volpi

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Als Herausgeberin und mutmaßlich erste sowie letzte Wortgeberin fungiert die Chefdramaturgin und Pressechefin vom Stuttgarter Ballett, Vivien Arnold. Eine sehr wortversierte Frau, die Reid Anderson seit langem kennt und in seinem Amt hautnah begleitet – aber auch eine, die so wunderbar penibel und gründlich ist, wie man es von einer schwäbischen Theaterfrau erwarten darf.

Andersons berufliche Lebensstationen sind vom Wirken mit und um Cranko geprägt – eben das prädestinierte ihn auch für seine heutige Position.

Als lieblich krähender Aprilscherz, also am 1. April 1949, kam Reid Anderson in Kanada zur Welt, begann dort mit dem Balletttanzen und erhielt als Teenager ein Stipendium für London, für die bedeutende Royal Ballet School. Als Eleve hatte er im Covent Garden sein erstes Engagement.

Im Fernsehen in Kanada hatte er Auszüge aus Crankos „Romeo und Julia“ gesehen – und sie nie vergessen können. Frederick Ashton in London hingegen befand Reid als für zu groß, zu kräftig für einen Ballerino. Er musste sich also sowieso einen neue Heimat für seine Zukunft suchen.

Reid Anderson wird Superpapi - und feuert Demis Volpi

Auch er war ein gefeierter „Onegin“, wie so viele Stuttgarter Stars: Reid Anderson in Kanada mit Karen Kain als Tatjana. Näher zu begucken im Buch! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Seine ersten Tage in Deutschland waren dann bereits so skurril und symbolträchtig, dass es kein Wunder ist, wenn eine besonders spitz zulaufende Karriere daraus wurde. Der junge Reid kam, angelockt vom menschlich warmherzigen und künstlerisch aufregenden Ballettwunder John Cranko – und der junge Mann durfte zunächst einmal der unkonventionellen Primaballerina Marcia Haydée in der Kantine die Füße massieren.

Er kam, sah und siegte, in diesem ersten Jahresquartal 1969. Stuttgart war ein Wintermärchen mit so viel Schnee, dass man von der Stadt kaum was anderes sah als vermeintlich ewiges Weiß – aber der 19-jährige Reid ließ sich nicht schrecken, tanzte vor und wurde engagiert. Für sofort!

Na gut, einen knappen Monat ließ man ihm, um die Koffer zu packen und das Land zu wechseln. Aber ab Februar 69 begann unmerklich die Verschmelzung von Reid Anderson mit dem Stuttgarter Ballett.

Sein Wirken sowohl als bildschöner Tänzer als auch als späterer Boss ist so detailreich geschildert, dass man sich fast in einer Doktorarbeit wähnt. Aber auch der Mensch wird fasslich, er zeigt sich ohne Scheu.

Da kommen bekannte und in Deutschland weniger bekannte Zeitgenossen zu Wort, aber auch Reid selbst darf Tacheles sprechen:

„Wenn ich die Stelle in Stuttgart bekäme, so schwor ich mir, würde ich mich offen zu meiner Homosexualität bekennen. … Mein neues Leben als offen homosexueller Mann hatte begonnen.“ Gut so!

Die Gala des Étoiles 2017 lockt nach Luxemburg

Die Gala des Étoiles lockt nach Luxemburg: am 20. und 21. Mai 2017 findet hier das Spitzentreffen vieler verschiedener Ballettsuperstars statt. Nicht verpassen! Zu den Tickets geht es hier: www.luxembourg-ticket.lu/fr/8/eid,10227/gala-des-%C9toiles-2017.html Foto: Press Photo / Anzeige

Dieter Graefe, der heutige Inhaber der Lizenzen für die John-Cranko-Ballette (und also Crankos Erbe) und Reid Anderson verliebten sich. In einer Wohngemeinschaft zusammen mit Cranko auf Schloss Solitude kümmerten sie sich um den versponnenen Choreografen – und blieben übrigens bis heute ein Paar.

In den Jahren mit Cranko tanzte Anderson sich hoch, wurde aber erst nach Crankos Tod zum prägenden Ersten Solisten.

Früh zeigte sich: Innovation könnte sein zweiter Vorname sein!

1973 erfand Reid im „Requiem“ von Kenneth MacMillan – das anlässlich der Trauer über den Verlust von Cranko entstand (www.ballett-journal.de/stuttgarter-ballett-hommage-a-macmillan-outlook/ ) – zum Beispiel die „Hubschrauber-Hebung“ (die der Choreograf später auch in „Mayerling“ einsetzte).

Mit William Forsythe kreierte er ebenso wie mit Jiří Kylián. Und er zeigte auch selbst choreografisches Talent, so in „Wildflowers“, das er mit seinem heutigen Ballettmeister und avisierten Nachfolger als Intendant, Tamas Detrich, uraufführte.

Reid Anderson wird Superpapi - und feuert Demis Volpi

Ein Blick ins Buch verrät: Hier geht es um die wirklich hochkarätige Ballettszene in Deutschland. Reid Anderson hält die Kunst hoch! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Dennoch legt das Buch den Schwerpunkt auf die Führungspersönlichkeit Reid Anderson im Sinne seiner Direktorate und seiner Intendanz.

Er hat ja dieses große Talent zu kommunizieren und zu kooperieren, ohne sich zu verbiegen oder gar Speichel zu lecken. Dadurch überzeugt er, ohne unflexibel zu sein. Reden zum Beispiel muss ein Reid Anderson sich nicht vorher von Ghostwritern verfassen lassen. Er spricht frei, nach ein paar Stichworten, die sich vorher überlegt hat – und irgendwie trifft er so immer einen richtigen und richtig glaubwürdigen Ton.

Es wäre pure Vergeudung gewesen, hätte er mit seinem glücklichen Händchen für Entscheidungen und deren Vermittlung nicht einen wichtigen Posten angetreten! Es ist dieses gewisse Etwas, das „Having It“ aus dem Buchtitel, das ihn zu einem unverwechselbaren Patron macht.

Als Reid Anderson altersbedingt aufhörte zu tanzen – nachdem er in Crankos „Onegin“ und in dessen „Widerspenstiger Zähmung“ sowie in Dutzenden anderer Ballette reüssiert hatte – zogen er und sein Lebenspartner nach Vancouver in Kanada. Und das Schicksal dachte wie ich – und an Andersons Talent, mit Menschen umzugehen. Man berief ihn zum Chef einer kleinen neuen kanadischen Compagnie namens „Ballet British Columbia“.

Anderson hatte damit auf Anhieb Erfolg – und schaffte es sogar, John Crankos „Brouillards“ aufzuführen, obwohl ihm dafür eigentlich vier Tänzer fehlten.

Reid Anderson wird Superpapi - und feuert Demis Volpi

Reid Anderson tanzte sowohl mit Marcia Haydée als auch mit Birgit Keil – und erwies sich als geduldiger, instinktsicher Ballettboss. Hoch soll er leben! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Auf der Klaviatur des Bedienens von Politikern, Presse und Publikum – der drei großen „P“ im Leben eines Ballettchefs – erwies er sich rasch als Naturtalent.

Eine seiner damaligen Ballerinen erinnert sich: „Reid Anderson war als Ballettdirektor äußerst inspirierend. Er hatte Energie für zehn. Er war ehrgeizig, und wir waren Teil seines Erfolgplans“ – was einfach total motivierte. Und: „Obwohl wir intensiv arbeiteten, war immer auch Zeit für einen Scherz.“

Eine andere Tänzerin, die spätere Berühmtheit und heutige Ballettmeisterin beim Stuttgarter Ballett  Yseult Lendvai, folgte ihm denn auch nahezu blind, als Anderson die große Truppe vom Kanadischen Nationalballett anvertraut wurde. Die Ära Anderson dort wurde, trotz finanzieller Malaisen, die nicht er verschuldete, legendär.

Irgendwie wurde er recht früh zu diesem Mann, zu dem Künstler gerne „Papi“ sagen und aufschauen – und auf den auch die Außenstehenden hören, als sei er eine gottgewollte Autorität.

Seine unkomplizierte Art, die ihn weder heuchlerisch noch verlogen noch drückebergerisch sein lässt, half  und hilft denn auch oftmals, die Dinge so ins Lot zu bekommen, wie sie sein sollten.

Als Anderson1996 Kanada verließ, um in Stuttgart das Ruder von Marcia Haydée zu übernehmen, weinten in Übersee viele. Er war ja ein Stifter von Hoffnungen und ein Gutmacher – und auch, wenn die Kulturpolitik in Kanada nicht ganz begriff, was sie an ihm hatte: Er riss dort einen großen Graben mit seinem Weggang auf. Andere, die mit ihm gehen konnten, freuten sich jedoch mit ihm auf den Aufbruch in einem neuen Land, das glücklicherweise seit einigen Jahrzehnten als einigermaßen ballettbesessen galt.

Es liest sich wie ein Who-is-Who des Balletts, wer Anderson als Tänzer von Kanada aus alles nachkam:

Margaret Illmann, Yseult Lendvai, Robert Tewsley, Vladimir Malakhov, Eric Gauthier und, ein Jahr später, auch Jason Reilly folgten ihrem Häuptling nach Schwaben. Und Stuttgart wurde wieder eine Metropole mit tänzerischen Hoffnungen auch jenseits der eigenen Schule.

Welt-Choreografen wie John Neumeier und Hans van Manen überlassen der Company denn auch nahezu fraglos Lizenzen, und auch, wenn sich heute die jüngeren echten  Choreografie-Talente nicht eben stapeln lassen, so hat Anderson mit kreativen Künstlern wie Christian Spuck und Marco Goecke doch eine supergute Nase für Talent bewiesen und maßgeblich dazu beigetragen, im Ballett Marksteine zu setzen.

Die deutsche Neigung zu irreparablen Überwürfnissen ist Reid Anderson dabei zum Glück fremd – Unstimmigkeiten werden von ihm als für alle Seiten erträgliche, lösbare Konflikte begriffen. Im Gefüge der Narzissen und Big Egos auf Chefsesseln ist er somit zweifelsohne ein menschenfreundlicher Realist, vorbildhaft in seinem Wirken.

Reid Anderson wird Superpapi - und feuert Demis Volpi

Wer es einmal durch hat, kann einfach nochmal anfangen – so viel steht drin! Faksimile des Buches auf sonnigem Balkon: Gisela Sonnenburg

Der Rest ist jüngere Geschichte und bitte im Buch nachzulesen. Zumal nicht nur die Sonnenstunden hierin gezählt und nacherzählt werden…

Mit der Trennung von Demis Volpi beweist Anderson jetzt, dass er nach wie vor verantwortungsbewusst und zukunftsweisend agieren kann. Buch und Personalentscheidung erfüllen gleich zwei meiner größten Wünsche – ich darf Reid Anderson herzlich gratulieren!

Wenn er für die Spielzeit 2018 / 2019 das Zepter an Tamas Detrich mit bestem Gewissen übergeben will, steht nur noch Eines zu tun aus: einige neue männliche Primoballerinos engagieren, die ein wenig frischen Wind und ein wenig mehr Grandezza ins Haus tragen. Wenn man bereits einen Friedemann Vogel und einen Jason Reilly am Haus hat, dann verpflichtet das schließlich.

Die vorhandenen – fantastischen – jungen Damen wie Alicia Amatriain, Elisa Badenes, Anna Osadcenko und Hyo-Jung Kang hätten es verdient. Oh, und die drei großen „P“ natürlich auch!
Gisela Sonnenburg

Angela Reinhardt / Gary Smith: „Reid Anderson. Having It. Vom Tänzer zum Intendanten“, Hrsg. Vivien Arnold und das Stuttgarter Ballett. 240 Seiten, 200 Abbildungen, Hardcover. Henschel Verlag, Leipzig. ISBN 978-3-89487-789-7. Ist den Preis von 39,95 Euro unbedingt wert!

www.stuttgarter-ballett.de

 

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