Erschütterung und Erlösung „Mayerling“ von Kenneth MacMillan wird beim Stuttgarter Ballett in der Besetzung mit David Moore und Anna Osadcenko verschärft interpretiert

"Mayerling" verschärft

Ein Paar, wie von einem Bildhauer gemeißelt: Anna Osadcenko als Mary Vetsera und David Moore als Rudolf in „Mayerling“ von Kenneth MacMillan beim Stuttgarter Ballett. Das gelungene Foto stammt vom Stuttgarter Ballett

Ach, die Liebe, sie ist so stark und doch tödlich für dieses ungleiche Paar: David Moore ist als Kronprinz Rudolf in „Mayerling“ von Kenneth MacMillan zunächst aristokratisch und sensibel, am Ende aber vollends psychotisch und abgewrackt. Anna Osadcenko ist als Baronesse Mary Vetsera das in diesen verrückten Thronfolger überaus verknallte junge Mädchen, ist romantisch und einfühlsam – und grenzenlos hingegeben an das unglückliche  Schicksal. Menschen, die keine Chance mehr haben, obwohl sie scheinbar an der Spitze der Gesellschaft stehen: Davon handelt dieses Ballettdrama, das zur Ära der Belle Époque in der österreichisch-ungarischen Monarchie spielt. Die Erschütterung steigert sich darin über drei Stunden, bishin zu einem radikalen Ende. Auch in der zweiten Besetzung betonen die neuen Kostüme und Kulissen von Jürgen Rose das dramatische Spiel der Figuren; mit langem und heftigem Applaus endete gestern abend das Rollendebüt von Moore und Osadcenko unter dem hervorragenden Dirigat von Wolfgang Heinz.

Das Staatsorchester Stuttgart muss besonders gelobt werden: Die von John Lanchbery orchestrierten Partituren von Franz Liszt schmolzen an diesem Abend zu einem hörbaren Meer der Emotionen. Voluminös und heftig, dennoch differenzierend und soft wie Watte lieferte die spätromantische Musik ein sinfonisches Klangerlebnis. Maria Theresa Ullrich in der einzigen Gesangspartie des Stücks berückte mit hintergründig pointierter Intonation, voll der Zartheit bei sinnlichem Ausdruck.

"Mayerling" verschärft

Nostalgische Begegnung mit der ehemaligen Geliebten: David Moore als der tragische Kronprinz Rudolf mit Hyo-Jung Kang in der Rolle der eleganten Gräfin Larisch in „Mayerling“ beim Stuttgarter Ballett. Foto: Stuttgarter Ballett

In drei Akten sieht man den Abstieg des Kronprinzen vom designierten Hoffnungsträger zum morphiumsüchtigen, von Schmerzen und innerer Zerrüttung gequälten Verlierer, für den der selbstgewählte Tod eine Erlösung sein soll. David Moore erweist sich hier als großartiges schauspielerisches Talent. Er lässt die Melancholie Stück für Stück aus dem Prinzen hervorspringen: mal aggressiv, wie der Prinzengattin Stephanie (Jessica Fyfe tanzt sie mit viel Stil) gegenüber, dann wieder subversiv und bei scheinbar gedimmtem Gemütszustand, so im dritten Akt.

Die Frauen umgarnen den gutaussehenden Freigeist, und zu jeder ist er anders, bietet jeder eine eigene Projektionsfläche, ist stets der moderne Traumprinz. Scheinbar. Denn beim Prinzen bröckelt nicht nur die äußere Fassade, auch innerlich zerreißt es ihn, mal mehr, mal weniger wird das sichtbar, bis er am Ende bei jedem Atemzug zusammenzubrechen droht.

Doch zu Beginn ist er der noble Umschwärmte, mit einem Ticken Verdorbenheit im Blick. Im Reigen seiner Geliebten fühlt er sich wohl, kann er es sich doch leisten, auszuwählen, welche Dame er außer seiner Gattin mit seiner sexuellen Freizügigkeit beglückt.

Da ist die Gräfin Larisch, von Hyo-Jung Kang mit unnachahmlicher Eleganz getanzt, souverän und großzügig, abgeklärt und dennoch vor menschlichem Charme nur so sprühend.

Und da ist Anna Osadcenko als Baronesse Mary Vetsera, für die Rudolf die erste und letzte Liebe des Lebens ist. Die Gräfin führt sie Rudolf zu, als ihre Nachfolgerin gewissermaßen und auch, um Marys Mutter einen Gefallen zu tun. Die hatte ihrerseits Jahre zuvor eine Liebschaft mit dem umtriebigen Kronprinzen, aber das ist eine andere Geschichte.

"Mayerling" verschärft

Sie planen ihren Tod: Mary Vetsera (Anna Osadcenko) und Rudolf (David Moore) in „Mayerling“ von Kenneth MacMillan beim Stuttgarter Ballett. Hätte der Fotograf die Kamera professionellerweise nicht frontal draufgehalten, würde man den Revolver erkennen, den das Paar vorne gemeinsam umklammert. Er wird ihr Schicksal. Foto: Stuttgarter Ballett

Jetzt geht es um das Glück und Leid von Mary und Rudolf. Er, der erfahrene, lebenssatte, naturwissenschaftlich und politisch interessierte Mann, der in vielerlei Hinsicht verwöhnte, als Kind aber auch unbotmäßig von einem strengen Erzieher gequälte Kronprinz, leidet an den Folgen der Syphilis. Die Lues scheint sein Gehirn aufzufressen – im 19. Jahrhundert war sie nicht heilbar.

Baronesse Mary entdeckt dieses dunkle Geheimnis des Prinzen erst, als sie schon rettungslos in eine heiße Affäre mit ihm verstrickt ist. Sie schwärmte ja schon für ihn, als sie ihn nur vom Anschauen aus der Ferne kannte. Zielgerichtet bot sie sich ihm an, schaffte es, relativ zügig, bis in sein Schlafzimmer und in sein Herz.

Die Pas de deux der beiden sind von erlesener Dynamik, von großer Passion, von faszinierender Schärfe. Akrobatische Einlagen dienen hier der Veranschaulichung von komplizierten Gefühlslagen – und der Vehemenz der Emotionen.

In der Erinnerung sind die beiden so eng miteinander verbandelt wie Marmorstatuen in einer klassischen Skulptur. Aber in Bewegung, im Tanz, folgen sie nachgerade mustergültig der höchste Konzentration verlangenden, geschmeidigen Choreografie von Kenneth MacMillan, die unbedingte Ästhetik mit fast pantomimischem Ausdruck vereint.

1978 wurde das Werk in London uraufgeführt, und seither gewinnt die Vermengung des gesellschaftspolitischen Stoffs mit der tragischen Liebesgeschichte von Rudolf und Mary durch die Zeitläufte an ballettöser Bodenhaftung: Weil das Publikum weltweit die inneren Zusammenhänge des Stücks immer besser versteht.

Früher stand die Scheu vor der Erkenntnis, dass auch und gerade die Royals dieser Welt unter ihren prunkvollen Lebensumständen mitunter auch nur Menschen mit Problemen sind, oftmals zwischen der Kunst und den Zuschauern.

"Mayerling" verschärft

Jessica Fyfe wird hier als Prinzessin Stephanie in ihrer Hochzeitsnacht vom angetrauten Kronprinzen  Rudolf brutal eingeschüchtert und später auch vergewaltigt: Für sie bedeutet der Totenschädel kein gutes Omen. So zu sehen in „Mayerling“ von Kenneth MacMillan beim Stuttgarter Ballett. Historisch ist diese Szene übrigens nicht haltbar, der Freitod von Rudolf und Mary hingegen schon. Foto: Stuttgarter Ballett

Heute, da die globalen Probleme immer drängender werden, schwindet das Übermaß an Respekt vor gesellschaftlichen Hierarchien. Dem Stückverständnis kommt das zweifelsohne zu Gute.

Auch dem Verständnis der von unbedingter Liebe wie verfluchten Baronesse Mar

Für ihre Darstellung bedeutet das Stück eine Wandlung: von der tollkühnen Naivität bis zur todesmutigen Gefolgschaft.

Die überschäumende Freude der Verliebtheit weicht bei ihr bald dem Kummer über den Schmerz des Geliebten. Schließlich erscheint der gemeinsame Freitod die einzige Lösung, ein Ausweg, der bei aller Tristesse immerhin noch die Autonomie der Selbstbestimmtheit anbietet.

Anna Osadcenko ist hier ganz die der Liebe Untergebene. Sie liebt alles, was ihrem Herzbuben gefällt. Ohne Umschweife nimmt sie den Totenschädel in die Hand, der auf seinem Schreibtisch liegt. Und fast furchtlos spielt sie mit seinem Revolver, in einer  dominanten Pose ihren prinzlichen Liebhaber spielerisch damit bedrohend, zugleich wohl schon ahnend, dass der gewaltsame Tod für sie beide noch bedeutsam wird.

Als Rudolf sich dann gen Ende im Jagdschloss Mayerling, nach dem dieses berühmte abendfüllende Ballett benannt ist, nach einem kapriziös getanzten Koitus mit Mary eine Spritze in den Arm jagt, zuckt sie zusammen – und erleidet vor Mitleid und Ekel fast so tiefe Schmerzen wie er vor der Injektion.

Sollte es MacMillans Absicht gewesen sein, eindringlich vor Drogenkonsum zu warnen und wie nebenbei einen gruseligen Abschreckungseffekt zu liefern, so ist ihm das definitiv gelungen. Auch und gerade in dieser Besetzung tanzt der Tod durch die Sucht Rudolfs stets mit, wenn der Prinz und die Baronesse ihrer erotischen Zuneigung frönen. Das macht die beiden nicht eben beneidenswert. Und schließlich mündet diese Beziehung in die Sackgasse der Abhängigkeit, der hier nicht abgeholfen werden kann, die hier auf direktem Weg zum gemeinsamen Verzicht auf das Leben führt.

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Unrasiert und mit wirrem Haar stirbt die männlich verkörperte Zukunft der Habsburger Monarchie, und sanft, aber fest entschlossen, den Tod als Kuppler zu akzeptieren, opfert sich seine Geliebte auf, um den letzten Weg mit ihm zu gehen.

Was ist das für eine Welt, in der dieses wilde, herrliche Paar keinen Ort hat außer dem Jenseits?

Kenneth MacMillan klagt an, er romantisiert nicht, beschönigt nichts, stellt aber die Kraft und die Wonnen der Liebe ganz klar in den Mittelpunkt seines Interesses.

Das hervorragende Ensemble vom Stuttgarter Ballett lässt sich davon mitreißen, tanzt auf jedem majestätischen Fest und zu jedem weanerisch-ungarischen Rhythmus, ob zu Walzer, Csardas oder Polka, den Rausch einer Gesellschaft, die nicht weiß und nicht mal wissen will, was sie eigentlich tut.

Das zu sehen, ist Genuss und Erkenntnis zugleich.
Boris Medvedski / Gisela Sonnenburg

www.stuttgarter-ballett.de

 

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