Fired and hired Eine moderne Karriere: Marco Goecke, beim Stuttgarter Ballett als Hauschoreograf gefeuert, wird Ballettchef an der Staatsoper Hannover

Marco Goecke macht Karriere

Ob er ein Fürst aus der Dunkelheit sei oder ob er für die erfrischend deprimierende Moderne steht – über Marco Goecke kann man prima streiten. Auch über den Film „Thin Skin – der Choreograph Marco Goecke“. Videostill: Gisela Sonnenburg / ARD Mediathek

Glückwunsch! Solche Trostpflaster sollte sich das Schicksal öfter einfallen lassen: Marco Goecke, letztes Jahr eher unrühmlich als Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett abgegangen, wird ab der Spielzeit 2019/20 Ballettdirektor in Hannover sein. Die designierte neue Intendantin, die gebürtige Amerikanerin Laura Berman, heuerte ihn an, verbindet sie doch mit seinem Werk „Virtuosität“, „Intensität“ und Bilder, die „zutiefst berühren“. Natürlich freut sich Goecke, der dann mit 47 Jahren im besten Mannesalter für so einen Posten ist, selbst auch über den Zuschlag. Gilt er doch einerseits als enfant terrible, was den langfristigen Umgang mit ihm angeht, andererseits aber auch als kongenialer Choreograf, was seine künstlerische Handschrift angeht. Ob sich das Ballett der Staatsoper Hannover, derzeit knapp 30-köpfig und seit zwölf Jahren von Jörg Mannes geleitet, bald in Hannover Ballett oder in Goecke Dance Company oder sogar in Best Dance Company of the German World umbenennen wird, stand bei Redaktionsschluss allerdings noch nicht fest.

Ebenso ist noch unklar, ob die TV-Doku „Thin Skin – Der Choreograph Marco Goecke“ von Manon Lichtveld und Bas Westerhof bis dahin noch einmal im Fernsehen gezeigt werden wird, wie 2016 auf arte.

Sicher aber ist, dass dieses düstere Werk bis 2099 – wenn es dann überhaupt noch Fernsehen geben wird – online in der ARD-Mediathek stehen soll und dort grenzenlos bewundert werden darf.

Die Doku gibt einen abgefilmten Überblick darüber, wie Marco Goecke sich gern darstellen lässt.

Zum Tagesbeginn etwa.

Der Wecker des Choreografen, ein Schmuckstück von Cartier, klingelt schrill. Im Spiegel gesteht der Künstler sich: „Ich habe mein ganzes Leben Probleme mit Angstanfällen, mit Attacken von Panik, sie kommen ganz plötzlich, aber sie sind immer da.“ Mitgefühl ist auch sonst für Goecke sehr gefragt. In einer Filmszene raucht er und steht nachts am Zaun: „Die ersten Angstgefühle hatte ich als Kind, als ich krank war und hohes Fieber hatte.“ Donnerwetter! Wo sich andere Kinder doch sicher pudelwohl fühlen, wenn sie fiebrig sind. Oder wie? „Krank sein, um behütet zu sein.“ Das sagt der Film, das sagt der Künstler. Und: „Meine Eltern haben viel gearbeitet, und ich war viel alleine. Das war nicht so schön, glaube ich.“ Na, ob man ihm das glauben soll, dass er das glaubt?

„Immer mit den Zigaretten“, sagt Goeckes Managerin und Dramaturgin Nadja Kadel. Sie muss ihm Handcreme mitbringen, muss mit des Künstlers Dackel lieb tun – und Marco „Sachen durchgehen lassen“. Natürlich sei er nicht immer einfach. Wie beruhigend! Was wäre er sonst auch für ein Künstler!

Zum Tanzen hat er dann auch ein besonders originelles Bonmot parat.

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Der Körper als Gefängnis: „Mein Tanzen hat viel damit zu tun, aus diesem Körper zu flüchten, aus diesem Gefängnis.“ Das sagt Marco Goecke. Und flüchtet jetzt vor der Weltkunst da draußen, flüchtet zum Adel des Kleinbürgertums nach Hannover. Passt doch gut!

Dafür hat Goecke ja auch brav Preise gewonnen, dafür hat er den ehrwürdigen Reid Anderson vom Stuttgarter Ballett, seinen langjährigen Förderer, mit einer Uraufführung sitzen lassen und auch sonst total vergräzt – und sich immer wieder mit der Attitüde des superleidenden Genies von manchmal schwachbrüstigen Bewunderern hochjubeln lassen.

Bringt ja auch gut Geld, sowas – denn die Saläre für Choreografen sind viel zu hoch im Vergleich zu den Honoraren anderer Berufsgruppen.

Sind Choreografen wie Fußballstars? Ganz so schlimm ist es noch nicht, aber Fakt ist: Zuviel Erfolg verdirbt mitunter den Charakter, manchmal auch die Inspiration. Darüber hätte man vielleicht mit Marco Goecke einmal sprechen sollen.

Im Film aber dominieren Alltagsfragen. Hund immer anbei und Rauchen in Hotels – das müsse sein. Für Goecke. Sonst würde er nicht anreisen.

Das macht seine Managerin – sie trägt wie ihr Meister eine Sonnenbrille auch in geschlossenen Räumen in diesem Film – klipp und klar.

Marco Goecke macht Karriere

Als Zaunkönig mit Zigarette bei Nacht im Film „Thin Skin“ inszeniert, kann Marco Goecke dennoch hübsch singen. Ob das in Hannover schon jemand bemerkt hat? Videostill: Gisela Sonnenburg / ARD Mediathek

Marco hat übrigens eine hübsche Gesangsstimme. Im Film „Thin Skin“ („Dünne Haut“ – so heißt auch eines seiner Stücke) singt er, nein, nicht über die eigene dünne Haut, sondern: „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin.“ Er singt für seinen Hund oder für die Kamera.

Jetzt hat er ja noch einen Koffer woanders, nämlich in Hannover. Berlin – Hannover – why not?

In Den Haag, wo er fürs Nederlands Dans Theater choreografierte, sagte Goecke auf einer Probe: „Mach mal die Klimaanlage an. Das ist ja hier wie im Führerbunker. Und der hatte bessere Luft.“

Er selbst raucht derweil. Wohl wegen der guten Luft. Mit dem Stück ist auch was nicht in Ordnung, meint er. „Irgendwas hat da nicht ganz geklappt, ich weiß auch nicht, was.“ Das ist Selbstkritik eines zeitgenössischen Künstlers. Man ist froh, wenn sich jemand überhaupt von vornherein nicht für den Allerallerallergrößten hält. Oder doch?

Nadja, wieder mit Perlenkette, aber ohne Sonnenbrille, guckt auch schon ganz bedripst.

Da spricht Marco Goecke ein großes Wort gelassen aus: „Ich bin da total unzufrieden mit.“

Unzufriedenheit, Depression, Rauswollen. Das sind Goeckes große Themen. Der Dackel heißt übrigens Gustav.

Eine der nettesten Personen in Hannover dürfte ab 2019/20 hingegen Christiane Hein sein, die designierte Leitung (der Abteilung) Kommunikation der Staatsoper Hannover. Beim Staatstheater Karlsruhe, ihrem derzeitigen Wirkungsort, ist Hein eine engagierte, diplomatisch begabte Kraft.

Aber ob Goecke nun immer noch als ein Meister der dunklen Seite des Balletts gesehen werden muss, wie manche Anhänger mutmaßen, sei dahin gestellt. Immerhin wird er in Hannover, wo der Himmel oft ganz schön blau ist, gefordert werden.

Marco Goecke macht Karriere

Marco Goecke am Abend einer Premiere in Stuttgart: Sein kommender Vertrag in Hannover sieht drei Premieren pro Spielzeit vor, wovon ein Abend ganz neu und aus Goeckes Hand sein soll. Klingt innovativ! Foto: Gisela Sonnenburg

Sein Vertrag sieht pro Spielzeit einen Goecke-Uraufführungs-Abend vor. Ob als Abendfüller oder mit mehreren Kurzstücken aus seiner Hand, bleibt dem Ballettchef überlassen.

Bei der weiteren Gestaltung des Spielplans hat er ausdrücklich freie Hand – und er hat so die Möglichkeit, sich eine eigene Compagnie selbst heranzuziehen. Bei um die 30 Tänzerinnen und Tänzern soll es bleiben.

Seine Werke wird er, so ist der Plan, aus Stuttgart und von anderswo requirieren. Pro Saison wird es drei Premieren geben, in den Anfangsjahren wohl noch mehr, um ein Goecke-Repertoire aufzubauen. Das klingt nach Hand und Fuß!

Na, und Sasha Waltz – die dann das Staatsballett Berlin mit leitet – wird da wohl ordentlich Konkurrenz bekommen.

Als Projekt einer modernen Tanzcompagnie wird Hannover ganz neu ins Rennen gehen – und mutmaßlich viele Neugierige anlocken.

Womöglich wird Marco Goecke auch als Künstler durch die neuen Aufgaben einen neuen Drive entwickeln, nach Hannoveraner Art.

Projekte wie das damalige Versandhaus von Beate Uhse und das Magazin Der Spiegel begannen übrigens einst auch in der Metropole an der Leine… Und der Tanz?

Goeckes bisher schönste Arbeit ist wohl zweifelsohne der abendfüllende „Nijinski“, den er 2016 mit Gauthier Dance kreierte, von seinem guten Freund Eric Gauthier, einem multitalentierten Tausendsassa, am Theaterhaus Stuttgart sicher vor aller Unbill beschützt. In Hannover wird er seinen – überwiegend weiblichen – Stab haben, der ihm den Rücken frei halten und gegebenenfalls auch stärken muss.

Wenn das klappt, dann klappt wohl auch das Experiment Goecke in Hannover. Dann wird er hier erwachsen.

Marco Goecke macht Karriere

Tanz als Befreiung, Tanz als Rebellion – und der Körper als Gefängnis. Eine typische Goecke-Mischung, zu sehen in „Thin Skin – der Choreograph Marco Goecke“ vom WDR. Videostill: Gisela Sonnenburg / ARD Mediathek

Aber, das wollen wir mal nicht vergessen, es gab auch schon Talfahrten aus Langeweile, Selbstwiederholungen und Eintönigkeiten in Goeckes Werk. „Le Chant du Rossignol“, „Orlando“, „And the Sky on that cloudy old Day“ – nun ja, manche jubelten, andere gähnten. Interessant hingegen sein „Lucid Dream“, der auch eine jüngere Arbeit ist.

Sei’s drum: Wir wünschen Niedersachsen und speziell Hannover viel Genuss und viel Erfolg mit Goecke – und sind glücklich, uns seine Arbeiten selbst nur selten ansehen zu müssen.

Für stilistische Vielfalt werden ohnehin andere beim kommenden Hannoveraner Ballett sorgen müssen, denn bei Goecke sieht, und das ist die Crux einer Goecke-Compagnie, verdammt schnell alles irgendwie sehr ähnlich aus.

Mit vielen Arm- und Handbewegungen, die aus der Physiotherapie stammen könnten („Hacken“, „Wedeln“, „Flattern“), und mit Kostümen, die im Wesentlichen aus ganz oder zumindest scheinnackerten Oberkörpern über dunklen Herrenhosen bestehen, wird er vermutlich den Hauptkennzeichen seiner Arbeit treu bleiben.

Es ist zwar in Deutschland noch ungewöhnlich, für journalistische Projekte zu spenden, aber wenn man die Medienlandschaft um das Ballett-Journal ergänzt sehen möchte, bleibt keine andere Möglichkeit. Im Impressum erfahren Sie mehr. Danke.

Immerhin dreht sich somit das Karussell der modernen Karrieren einmal recht schnell. Nur knapp vier Monate dauerte es vom ersten Anfragen bei Goecke für den Job bis zur Vertragsreife.

P.S. Denkt eigentlich noch jemand an Jiří Bubeníček? Vielleicht wird er uns dereinst in Dresden in der Semperoper als Ballettdirektor frohlocken – das Beispiel Goecke lehrt, dass Manches Knall auf Fall kommt. Auch wenn in Dresden der unsäglich untalentierte Goyo Montero, derzeit Ballettdirektor und Choreograf im ballettös provinziellen Nürnberg, als Favorit gehandelt wird…

P.S.S. Ein Nachtrag vom Juni 2018: Marco Goecke geht auf Nummer sicher und verdingt sich ab Januar 2019 als Artist in Residence bei Gauthier Dance in Stuttgart. Sollte er später in Hannover scheitern, hat er immer noch eine ganz gute Einkommensquelle in petto. Das ist sehr clever. Zumal sein größter Erfolg, der Abendfüller „Nijinski“, bei Eric Gauthier im Stuttgarter Theaterhaus uraufgeführt wurde. Aber ob Goecke diese Qualität jemals wieder erreichen wird, ist höchst ungewiss: „Nijinski“ bildet stilistisch und thematisch eine große Ausnahme in seinem bisherigen Schaffen.

Dennoch wünschen wir ihm natürlich alles Gute – es kann ja, insgesamt gesehen, nur besser werden!
Gisela Sonnenburg

ballett journal