Historische Leckerbissen „Der Nussknacker“ und „Schwanensee“ von 1999 aus der Staatsoper Unter den Linden in Berlin jetzt online: mit Nadja Saidakova, Vladimir Malakhov, Steffi Scherzer und Oliver Matz

Man kann auch ganz genau hinsehen: Oliver Matz tanzt mit Monokel den Drosselmeyer im „Nussknacker“ in der Aufzeichnung von 1999 aus der Staatsoper Unter den Linden. Videostill von Arthaus Musik: Gisela Sonnenburg

Drama, Drama, Drama! Wir alle erleben derzeit, wie unsere freie und oft auch so hemmungslose Gesellschaft auf Vieles verzichten muss, was bisher normal war. Mal ganz abgesehen davon, dass manchen Zeitgenossen gerade die Existenz abhanden kommt, verbindet die meisten Menschen wohl die Einsicht, dass man sich trotzdem benehmen muss. Zur Not diszipliniert Security-Personal die Raufbolde in den Märkten, die von Hamsterware wie Toilettenpapier gar nicht genug bekommen können. Die Berliner Staatsoper Unter den Linden tut, was sie nur kann, um für Ausgleich durch Kulturgenuss zu sorgen. Auf staatsoper-berlin.de zeigt sie täglich wechselnde Opern und Ballette als Video-on-demand, auch Konzerte sind darunter – und wer bisher noch nie das Vergnügen hatte, die aus der DDR stammenden und von Martin Puttke ausgebildeten Ballettstars Steffi Scherzer und Oliver Matz zu sehen, ist hier nun herzlich dazu eingeladen. „Der Schwanensee“ läuft mit Scherzer und Matz am 24. März 2020 sowie am 2. April 2020 jeweils ab 12 Uhr mittags bis zum Folgetag zur selben Uhrzeit im Rahmen des digitalen Spielplans der Staatsoper – und da gibt es nur eins: Hinsehen und sich in den maliziösen Stil dieser beiden Künstler der Grandezza verlieben!

Als neue DVD ist diese legendäre Aufzeichnung übrigens längst vergriffen. Man kann sie nur gebraucht beziehen, aber – bitte festhalten – der aktuelle Preis bei amazon liegt ungelogen bei 188 Dollar!

Historische Leckerbissen sind eben manchmal heiß begehrt.

Tolle Kunst zu unerhörten Sammlerpreisen: „Swan Lake“ von 1999 als DVD mit Steffi Scherzer aus der Staatsoper in Berlin kostet derzeit via amazon ein Vielfaches seines Neupreises. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Das hat hier nun auch seinen Grund, denn Scherzer und Matz, die beide heute in Zürich an der Akademie als Ballettlehrer tätig sind, hatten auf der Bühne ein unnachahmliches Flair. Vor allem die zarte rotblonde Steffi, eine Art Kathi Witt des Balletts, wenn es nach der Beliebtheit geht, steht für wunderbare, glasklare Linien und dennoch für viel Menschlichkeit in der poetischen Darbietung.

Dass Daniel Barenboim den Taktstock schwingt, macht die Sache noch besser, noch runder – er intoniert die Klänge von Peter I. Tschaikowsky mit weicher, von innen kommender Beseeltheit, aber auch mit konsequenter Dynamik.

Auch das zweite Stück der Ballettauswahl, die der Online-Spielplan der Staatsoper derzeit aufzubieten hat, wird von Barenboim mit genialen Händen und aufmerksamem Herzen dirigiert: Es ist „Der Nussknacker“, in der Version von Patrice Bart, und er ist zudem auch noch problemlos zu normalen Preisen als DVD im Handel erhältlich (er ist erschienen bei Arthaus Musik).

Am 31. März 2020 um 12 Uhr läuft er noch einmal online auf staatsoper-berlin.de (wie alle Aufzeichnungen ist er dort für 24 Stunden verfügbar).

Nadja Saidakova tanzt im „Nussknacker“ von 1999 aus der Staatsoper Unter den Linden das Mädchen Marie – traumwandlerisch hin- und hergerissen zwischen Realität und geisterhaftem Traum. Videostill von der DVD von Arthaus Musik: Gisela Sonnenburg

Die blutjunge, bildschöne Nadja Saidakova, heute immer noch schön und jugendlich und zudem mittlerweile Ballettmeisterin beim Staatsballett Berlin, tanzt hierin die Marie, also das Mädchen, das in einer seltsam entrückten Weihnachtsnacht vom „Nussknacker“ als Traumprinzen ohne Fehl und Tadel träumt.

Und wer tanzt diesen verherrlichten jungen Mann? Kein Geringerer als Vladimir Malakhov, der hier mit Verve die eleganten Beine hochwirft und mit seinem edelmütigen Gesicht schon allein die ganze Geschichte erzählen könnte.

Wobei Oliver Matz als Drosselmeyer dem späteren Berliner Ballettintendanten und natürlich auch der Saidakova ein ebenbürtiger Partner ist: mit viel Charme und Contenance gleichermaßen im Spiel wie im Tanz. Da ist das Monokel ein rollentypisches Requisit für die Partie, die hier irgendwo zwischen Lebemann und Lehrkörper schillert.

Barbara Schroeder, heute als langjährige Ballettmeisterin vom Staatsballett Berlin dessen heimliches Rückgrat, Viara Natcheva und Torsten Händler sind übrigens ebenfalls mit von der Partie.

Eine surreale Szenerie, fast wie aus „Schwanensee“: So tanzen die Winterelemente Eis und Schnee in „Der Nussknacker“ von Patrice Bart in der Staatsoper Unter den Linden. Faksimile von Arthaus Musik: Gisela Sonnenburg

Als kapriziöse Mutter von Marie reüssiert La Schroeder, aber im kindlichen Traum tritt dann die fast dekadente Eiskönigin alias Beatrice Knop auf, eine ebenfalls von Martin Puttke in Berlin ausgebildete Ballerina, die heute als Produktionsleiterin beim Staatsballett arbeitet.

Es gab mal nicht wenige Fans, die, um „Bea“ als Odile / Odette im „Schwanensee“ zu sehen, viele Kilometer anreisten. Aber das ist eine andere Geschichte aus einer anderen Zeit…
Gisela Sonnenburg

P.S. Ganz gegenwärtig ist allerdings am 24. März 2020 das traurige Versagen des Staatsballetts Berlin, das ohne Angabe von Gründen das erforderliche Material – die Aufzeichnung vom Schwanensee – einfach nicht bereit stellte. Die Staatsoper Unter den Linden stellte ersatzweise eine schöne Mozart-Oper online, auch was Feines.

Jüngste Meldung: Am 26. März 2020 soll dieser berühmte Schwanensee mit Steffi Scherzer  online laufen. Wir hoffen es sehr!

Der Nussknacker soll auch erst später als zunächst angesagt, dafür aber – vorläufige Ansage – früher als Schwanensee: am 25. März 2020 – auf staatsoper-berlin.de auftauchen. Das SBB zeigt grandios und ohne Begründung, wie man seine Fans veräppelt!

www.staatsoper-berlin.de

www.arthaus-musik.com

 

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