Lady Schwan im Psychothriller Am 1. Mai zeigte das Staatsballett Berlin eine fantastische „Schwanensee“-Vorstellung: Psychokrimi und Tänzervirtuosität in eins

Schwanensee verzaubert alle.

„Schwanensee“-Mädchen vom Berliner Staatsballett beim Schlussapplaus am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Sie verzauberten ihr Publikum! Foto: Gisela Sonnenburg

Warum sieht sich das Publikum eigentlich immer und immer wieder den „Schwanensee“ an? Weil man jedes Mal wieder begeistert ist – und sich danach wie rundum erneuert fühlt. Ein Jungbrunnen für die Seele, ein Quell lustvoller Freude – man weiß gar nicht, wie sehr man dieses Ballett, das sich im Laufe der letzten hundert Jahre zu einem Ballet-Bestseller entwickelt hat, noch loben soll. Vor allem, wenn das Staatsballett Berlin – wie am 1. Mai – sich in Virtuosität und Corpsgeist, in psychologisch durchgefeiltem Spiel und raffiniert über die Bühne geworfenen Blicken absolut nichts vormachen lässt. Ein Tag der Arbeit auf ballettisch. Und: Was für eine Spitzenvorstellung eines Spitzenensembles!

Da passte es, dass man im Publikum englisch, russisch, spanisch und japanisch sprach, polnisch, italienisch, holländisch, plattdütsch und bayerisch. Die Internationalität, die Ballett schon im 19. Jahrhundert vor den anderen Künsten auszeichnete, wiederholt sich so manches Mal im Publikum – und das Berliner Staatsballett hat, seit Vladimir Malakhovs Zeiten, einen anhaltenden, hervorragenden Ruf.

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Vladimir Malakhov, Gründer und Wegbereiter des Staatsballetts Berlin, tanzte auch selbst den Siegfried. Hier mit Polina Semionova, die er zur Primaballerina machte. Foto: Enrico Nawrath

Es ist, auch mit Nacho Duatos Prägung fürs Zeitgenössische, eine Truppe für beide weltweit das Ballett liebenden Fraktionen: für das eher konservative, ältere wie für das junge, moderne Publikum. In keiner Kunstart sonst hat man diese Mischung der Generationen beieinander, und dass sich auch noch die Kulturen mischen und zunehmend sogar arabische und türkische Besucher kommen (deren vom Islam geprägte Prüderie langsam aufbricht), ist ganz sicher ein gutes Zeichen für diese an sich ja ohnehin noch junge Kunstsparte.

Denn so stilisiert Ballett sein muss und so stark es dem 19. Jahrhundert, der Zeit seiner ersten Blüte, huldigt: verglichen mit Musik, Malerei und Theater, ist es eine junge Kunst, die erst vor knapp 400 Jahren entstand.

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Bejubelte Schwanenmädchen vom Staatsballett Berlin – schön und stolz auch beim Applaus in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

„Schwanensee“ mit der Musik von Peter I. Tschaikowski wurde zum Inbegriff des heutigen klassischen Tanzes, und jede Vorstellung ist erneut ein Fest dessen wie auch ein Prüfstein: Stimmt es denn noch, zieht „Schwanensee“ noch immer magisch an? – Und wie!

Die Choreografie von Patrice Bart, die das Staatsballett Berlin tanzt, ist dafür aber auch wie gemacht. Es ist ein tragischer „Schwanensee“, ohne wirkliche Aussicht auf ein Happy Ending. Dabei fängt alles so lieblich an.

Nachdem Bart uns die starke Mutterbindung des heranwachsenden Prinzen Siegfried gezeigt hat, schwenkt die Szene auf seinen 21. Geburtstag. Was für ein Fest! Das Ensemble hat hier seinen ersten großen Auftritt, mit Walzer und Polonaise, mit einem stilvollen Ambiente wie aus der Belle Époque. Bühnenbild und Kostüme stammen übrigens von der international balletterfahrenen Luisa Spinatelli, die auch oft an der renommierten Mailänder Scala das Equipment besorgt.

Die cremefarbenen Anzüge der Herren und die altroséfarbenen Roben der Damen vermitteln, zumal bei den synchron schwingenden Walzerfigurationen, ein Frühlingserwachen, es scheint eine frohe, eine unbeschwerte Ära zu sein, die wir bei Hofe antreffen.

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Ulian Topor nach seinem Debüt als Benno im „Schwanensee“ mit dem Staatsballett Berlin – beim Applaus in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Ulian Topor, der als Benno, also als Vertrauter des Prinzen, sein Debüt gibt, erntet die ersten Ahs und Ohs und Bravos des Abends beim Szenenapplaus: mit leichten Sprüngen und verbindlichem Spiel. Es ist ja kein Zufall, dass Benno den Nachnamen „von Sommerstein“ trägt: Er ist eine Frohnatur, ein Sonnenschein, und dass er in den Prinzen ohne Wiederliebe verknallt ist, ist ja eigentlich kein Makel. Sondern nur ein Unglück – für beide. Ulian Topor, gebürtiger Moldawier, der am Konservatorium in Wien und an der John-Cranko-Schule in Stuttgart ausgebildet wurde, tanzt seine neue Rolle mit Elan und Einfühlungsvermögen – Benno ist jemand, der hoch vergnügt ganz falsche Hoffnungen pflegt. Da er vordergründig synchron mit dem Prinzen tanzen darf und die beiden Jungmänner ein „dufte Team“ abgeben, sieht er sein Bestreben allerdings auch zunehmend berechtigt.

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Brilllant-anmutige Luft-Ritte: Dafür steht Marian Walter beim Staatsballett Berlin, so in „Schwanensee“ von Patrice Bart. Foto: Enrico Nawrath

Es folgt ein sanft-mysteriöser Pas de deux des Prinzen (einfach umwerfend gut: der schöne Marian Walter) mit seiner Mutter (majestätisch und weiblich: Elena Pris). Man weiß nicht so genau, was die beiden so stark aneinander bindet. Aber irgendwie ist diese Mutter-Sohn-Beziehung suspekt – und dass die Mutter Witwe ist, scheint die Sache noch komplizierter zu machen. Sie flirtet mit dem Premierminister von Rotbart (elegant und diabolisch: Alexej Orlenco, dem die braun-brünette Haarfarbe zudem exzellent steht und ihm auf der Bühne viel mehr schmeichelt als blondierte Strähnen).

Es handelt sich hier also um eine Konstitutionelle Monarchie, und Rotbart ist derjenige, der die Macht hat und die Fäden zieht. Die Melancholie des Prinzen ist somit von Patrice Bart, der die Figur des Premierminister erfand und dem überlieferten Libretto anfügte, hinreichend motiviert worden. Was hat ein junger Mann wie Siegfried in dieser Gesellschaft für eine Zukunft? Lediglich eine repräsentative, und da er ein starker Gefühlsmensch ist mit einem Hang zur Innerlichkeit, kann ihn das nun gerade gar nicht befriedigen. Siegfried sehnt sich danach, aus dieser Welt auszubrechen, und die Flucht in die Natur ist ein Vergnügen, bei dem er für einige Stunden glaubt, ein anderer zu sein.

Die Geburtstagsgeschenke seiner Mutter bedienen denn auch beides: den Prinzen in ihrem Sohn – mit einer offiziellen Auszeichnung – und den jungen Mann Siegfried, der von ihr ein neues Gewehr bekommt und damit ein neues Alibi, sich bei ausschweifenden Waldstreifzügen dem mütterlichen Zugriff zu entziehen. Die Waffe steht hier sicher auch für männliche Potenz sowie für die Erlaubnis, sie selbständig zu benutzen.

Spontan ziehen die Jungs zur nächtlichen Jagd in den Wald. Siegfried nimmt allerdings sein Gewehr nicht mit. Man fragt sich, was dieses im Ballett öfters auftauchende Motiv von der Jagd bei Nacht zu bedeuten hat. Sind die Vollmondnächte überhaupt hell genug, um ohne Lampenstrahlkraft nachts im Wald überhaupt voran zu kommen, geschweige denn zu jagen? Welcher Schuss soll da denn treffen? Es geht wohl mehr um Abenteurergefühle und um Männerbünde bei diesen Ausflügen ins Dunkle, im Fall Siegfried vor allem um Weltflucht – und dass nächtliches Jagen eine symbolische Bedeutung im Sinne der Erotik hat, muss wohl nicht extra erklärt werden.

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Krasina Pavlova und Marian Walter beim Schlussapplaus am 1. Mai in der Deutschen Oper nach „Schwanensee“: ein fantastisches Anti-Märchenpaar… Foto: Gisela Sonnenburg

Siegfried hat auf einer Wald-Lichtung ein exquisites Adagio-Solo, das ihn in langen Arabesken und leichten Attitüden seine innere Einsamkeit schildern lässt. Marian Walter tanzt es voll Gefühl, voll Schmerz, aber auch voll Sehnsucht nach Besserung seiner Situation. Er möchte so gerne in emotionale Tiefen gezogen werden, verstrickt werden in eine Beziehung, die nichts mit der höfischen Welt aus Berechenbarkeit und Politik zu tun hat. In dieser inneren Emigration aus Melancholie hat Siegfried sich schon geradezu seelisch häuslich eingerichtet.

Er schwankt zwischen Hochstimmung und Depression, will ausbrechen und aufbrechen zu neuen Taten, fühlt aber auch das Dunkle, Zerstörerische in sich, mit dem er nicht wirklich leben will. All das steckt in diesem Adagio…

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Noch einmal die Hauptdarsteller und das Schwanen-Corps beim Applaus, am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Nach einer gefühlt sechsfachen tadellosen Pirouette sinkt Marian Walter – ohne Schieflage – poetisch in einen Kniefall und überlässt seinen Oberkörper einem weiten Cambré, beugt den Oberkörper also langsam weit nach hinten. Wieder hoch kommend, nutzt er den sanften Schwung und lässt den Kopf nach vorn auf die aufgestützte Hand fallen. Welch Symphonie aus Kummer und Behaglichkeit, aus Wollen und Leiden!

Es ist so typisch und auch so sympathisch für einen jungen Mann, der gerade erwachsen wird, dass er sein Lamento auf diese Weise kund gibt. Marian Walter tanzt das entzückend, und man spürt förmlich die Bereitschaft dieses Siegfrieds, sich rückhaltlos zu verlieben, sofern das herbei ersehnte Liebesobjekt nichts mit der Welt seiner Mutter und der höfischen Etikette, die ihn so einzwängt, zu tun hat.

Doch wer taucht hinter ihm auf? Rotbart, in anderer Gestalt, zur Unkenntlichkeit als Maschinist großer, flatternder Fügel verkleidet. Links hinter dem Prinzen, auf halbe Bühnenhöhe erhoben, lässt Orlenco als Rotbart eine kreisrunde Stoffbahn sich schließen und öffnen… Machtvoll wirkt das und angsteinflößend – der Flügelapparat macht erschauern. Doch als handle es sich nur um eine psychologische Warnung, um eine optische Täuschung, verschwindet dieses Menetekel wieder.

Zurück bleibt Siegfried, der mit seinem neuen Gewehr spielt – und ins Dunkle zielt. Da taucht sie auf – die liebliche Schwanenprinzessin Odette, von Krasina Pavlova tänzerisch mit feingliedriger Linie skizziert, aber nicht zu zart, um als Schwan, der ja immerhin ein Tier ist, noch glaubhaft zu sein. Dieses Zwitterwesen des tanzenden Vogels, das seit seiner Erfindung Millionen von Menschen fasziniert, diese Mischung aus Frau und Schwan, aus Spitzenschuh und Federtutu, wird von jeder Ballerina neu interpretiert.

Die drei berühmtesten seit 1950 gab es in Moskau, London und Paris. Maja Plissezkaja ging einst in Moskau in den Zoo zu den Schwänen, um die Odile am Bolschoi Theater möglichst inspiriert und mit animalischen Zügen darzustellen. Margot Fonteyn in London war berühmt für ihre anmutige Geradlinigkeit – noch beim wildesten „Flattern“ mit den Armen. Yvette Chauvirée schließlich verschloss in Paris stets prägnant entschlossen auch das Gesicht, wenn sie die Arme vorm Unterleib kreuzte – und sie öffnete sich jedes Mal, wenn sie die Hände wieder erhob, als sehe sie gerade die Sonne aufgehen.

Krasina Pavlova nun, die in Stuttgart ausgebildete gebürtige Bulgarin, hat die Grazie ihrer Namensvetterin, der vor rund hundert Jahren berühmten Russin Anna Pavlova, und eine Figur, die an Margot Fonteyn und Svetlana Zakharova erinnert. Zakharova ist die wohl berühmteste heute noch auftretende Schwanenprinzessin, sie tanzt die Odette in Mailand, in Moskau und überall, wo man es schafft, sie in dieser Rolle zu buchen. Sie hat ein hübsches, flach geformtes Gesicht mit hohen Wangenknochen, das sehr geeignet ist für das Silberkrönchen darüber, sie hat schier unendlich lange, dünne, aber dennoch nicht magere Gliedmaße und einen sehr biegsamen, schmalen, flachbrüstigen Leib. Ihr langgezogener zarter Schwanenhals darf nicht ungenannt bleiben!

Schwanensee verzaubert alle.

„Schwanensee“ von Patrice Bart beim Staatsballett Berlin im zweiten Akt: Die Schwanenmädchen – hier angeführt von Polina Semionova, die die Odette / Odile ebenfalls in Berlin und auch rund um den Globus furios darstellt – tanzen um ihr Leben. In der Deutschen Oper Berlin. Foto: Enrico Nawrath

Was Zakharova mit Krasina Pavlova gemeinsam hat, sind zwei wichtige ballerinentechnische Dinge: zum Einen eine gewisse Perfektion in den langsamen Vor-, Rück- und seitlichen Beugungen des Oberkörpers sowie, zum Anderen, eine rasante Schnelligkeit im Spielbein, wenn es in gestrecktem Zustand ad hoc seitlich in die Höhe geworfen wird, wo der zu einer Halbmondform angespannte Fuß dann für Sekunden hoch über dem Kopf der Ballerina schwebt.

Mit Margot Fonteyn teilt Krasina Pavlova die gerade Linie – eine große Standsicherheit im Spitzenschuh auch bei den gestochen scharfen, wackelfreien Posen auf einer Zehenspitze ist nur eine der Auswirkungen dessen. Die andere ist die Schönheit von synchron und ruhig gerade gehaltenen Schultern, Ellenbogen, Armen sowie die Faszination wohl geformter, keineswegs Streichhölzern gleichenden Frauenbeinen.

Wenn sich Krasina Pavlova nun trippelnderweise auf diesen anbetungswürdigen Bein-Fuß-Apparaturen aus der rechten Kulisse auf die Bühnenfläche schiebt, so atmet das bereits eine Magie, derentwegen man die Vorstellung besucht. Kein Zweifel: Dieses Wesen hat überirdische Weihen, es entstammt einer anderen Sphäre, und dass es dennoch erotisch-feminin ist, macht es ja gerade so interessant!

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Lady Swan und Gentleman: Krasina Pavlova und Marian Walter beim Applaus mit dem Berliner Staatsballett am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Krasina ist zudem betont ladylike in ihrem Part – sie ist eine unnahbar schöne, grazile, aber sichtlich starke Persönlichkeit, deren Odette aus der Not der Verzweiflung so entrückt-berückend brilliert. Immerhin, das darf man nicht vergessen, lebt Odette ja nicht in Freiheit, sie sucht einen Retter! Und ihre etwas gezierte Art weist genau darauf hin und ist nicht etwa nur Vornehmheit ohne etwas dahinter.

Pavlova unterstreicht aber nicht, wie Iana Salenko, die ebenfalls eine brillante Schwanenprinzessin in Berlin abgibt, das Ungestüme und Mädchenhafte dieser Figur. Sondern Pavlova verkörpert die Lady im Schwan, die Aristokratin, die Edle. Eine hochkarätige Eleganz geht von ihr aus.

Kein Wunder, dass auch Prinz Siegfried sofort sehr angetan ist von ihr. Marian Walter spielt das mit großer innerer Spannung, man darf mitfühlend ahnen, dass auch er sich fragt: Wie fantastisch ist das jetzt? Und sofort beginnt er, sie anzuflirten und sie umwerben zu wollen. Aber Odile bedeutet ihm Respekt und Distanz. Sie hat ein trauriges Schicksal, ihre Zwitterhaftigkeit ist nicht freiwillig gewählt, sondern sie ist als Schwan die Gefangene von Rotbart in dessen gefiedertem Mädchenharem, und sie sucht verzweifelt einen Mann, der sie so stark liebt, dass diese seine Liebe und sein Treueschwur zu ihr Odette von ihrem Fluch erlösen. Dann wäre sie wieder ganz Frau, ganz Mensch – und könnte der Macht des bösen Rotbart über sie entrinnen.

Wenn sie denkt, dass sie Prinz Siegfried mit dieser dubiosen Vita abschreckt, so hat sie sich getäuscht. Denn auch er hat eine fatale Macht in seinem Leben, die ihn zu erdrücken scheint, und Odette scheint ihm auf Anhieb die beste aller Möglichkeiten, sich gegen die Übermacht seiner Mutter in seiner Psyche zu wehren. Würde die Sache gut ausgehen, Siegfried wäre vermutlich ein braver Pantoffelheld geworden, der seiner Herzensdame jeden Wunsch von den Augen abliest und sie anstelle der Mama akzeptiert.

Doch soweit wird es in dieser „Schwanensee“-Version nie kommen. Siegfried bleibt der von der Verzauberten verzauberte Prinz – bis zum bitteren Ende, seinem Tod.

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Solisten und Ensemble vom Staatsballett Berlin verbeugen sich: Am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Vorher aber zeigen die fragilen, sensiblen, perfekt harmonischen Schwäne, was sie können. Das Damen-Corps zeigt in höchster Präzision virtuose Formationen, es trippelt und arabeskiert, dass es eine Freude ist! Das ist Weltklasse, und ich bezweifle, dass es mehr als zwei, drei Compagnien weltweit gibt, die das genauso gut oder besser machen. Fast 30 Mädchen erstrahlen in Weiß, in Tellertutu und in Spitzenschuhen, mit Federn und Pailletten geschmückt. Es ist ein Fest für jedes Herz, das Ballett in seinem Wesen erkennen und lieben möchte!

Hier demonstrieren die feinen jungen Damen zudem, welche Macht das Gute hat, sogar dann, wenn man es weggesperrt und verflucht hat. Die „Vier kleinen Schwäne“ (Maria Boumpouli, Maria Giambona, Sebnem Gülseker und Marina Kanno) becircen besonders, mit der genauen Balance aus Stolz und Demut, während sie ihre Hände gekreuzt in einer Reihe anfassen und die Beinarbeit hurtig und fehlerfrei absolvieren. Dass es dennoch nicht roboterhaft wirkt, was sie tun, ist ja gerade die Kunst und der große Unterschied zum Zirkus oder zur Parodie!

Federleicht scheint dann auch Krasina zu sein, wenn Marian sie hält und „liftet“, also hebt – ganz Mann, versucht er, ihr Vertrauen und Zuneigung abzuringen. Und langsam, aber sicher steigt die Weichheit in ihrem Blick, wenn sie ihn ansieht – es ist ja immer wieder verblüffend, dass die jeweiligen Partner von Bühnenkünstlern da nicht allzu eifersüchtig werden. Aber jeder, der mal hinter den Kulissen war, weiß: Professionalität kann eine Menge Schaden verhüten, auch in emotionaler Hinsicht.

Siegfried indes hat kaum eine Chance, seinem Schicksal, das künftig Rotbart bestimmen wird, zu entrinnen. Als Rotbart nochmals drohend auftrumpft und die Schwäne verscheucht, ist Siegfrieds Leben bereits in seiner Hand, ohne es auch nur zu erahnen. Es ist wie in einem Psychokrimi: Die Schlinge muss sich nur noch zuziehen…

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Elena Pris, die am 1. Mai 2015 so majestätisch wie psychologisch schlüssig die Königin und Prinzenmutter tanzte, vorn beim Applaus: mit dem Staatsballett Berlin in der Deutschen Oper. Hinter ihr: Alexej Orlenco, der elegant den dämonischen Rotbart abgab. Foto: Gisela Sonnenburg

Daran ist Siegfrieds Mutter dann nicht ganz unschuldig. Benno, der Eifersüchtige, der beim Prinzen nicht landen konnte und von ihm sogar harsch abgewiesen wurde, verpetzt seine Liebschaft mit dem Schwanenmädchen bei der Königin. Elena Pris spielt redlich diesen schwierigen Part der majestätischen Mutter: Einerseits liebt sie ihren Sohn, andererseits will sie ihn als einen anderen Menschen, als einen weniger verträumten, weniger empfindsamen, sie will ihn zudem immer mehr psychologisch kontrollieren – und zu diesem Zweck ersinnt sie, gemeinsam mit Rotbart, eine Intrige.

Schließlich steht wieder ein Ball bevor. Bälle verweisen im Ballett übrigens auf seine Herkunft: Nicht nur sprachlich entsprechen das französische „le bal“ (Ball) und „le ballet“ (Ballett) einander. Denn im 17. Jahrhundert tanzte man Menuette, die zugleich Anschauungscharakter als Bühnentanz hatten. Es gab die Trennung zwischen Publikum und Bühne noch nicht, sondern man vollführte auf den Bällen gleichermaßen ein Sehen-und-Gesehen-Werden, beim Reihentanz wie bei den Momenten von Paartanz.

Schwanensee verzaubert alle.

Applaus auch für die beiden „Spanier“ Alexander Korn und Dominic Hodal – vom Staatsballett Berlin, nach der „Schwanensee“-Vorstellung am 1. Mai 2015. Foto: Gisela Sonnenburg

An diesen Ursprung erinnern die häufigen Festivitäten mit Tanz in den heute gezeigten Ballettstücken. Und tatsächlich erweist sich in diesen Szenen des Corps de ballet auch die Qualität eines Ensembles: Springen die Jungs synchron in die Höhe? Wiegen die Mädels gemeinsam ihre schlanken Leiber im Takt? Und wie sind die Gruppenpaartänze strukturiert? Ergeben sie Ornamente und Posen? Im Fall des Staatsballetts in Berlin kann und muss man alle Fragen bejahen, und wer noch nie ein wirklich sehr gut trainiertes und gecoachtes Ensemble sah, kann das in Berlin jederzeit tun. Da sind Paris und Moskau nicht weit!

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Die sechs Jungs vom Staatsballett Berlin aus dem „Ungarischen Tanz“ im „Schwanensee“ von Patrice Bart, beim Applaus am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Vier angereiste Prinzessinnen, ein Ungarischer Tanz, ein Spanischer Tanz, eine Tarantella (italienischer „Superschnellerhüpftanz“) und eine Mazurka liefern den Stoff, aus dem dieser Balltraum gewebt ist. Die Einlagen sind abwechslungsreich und schmissig, in hoher Qualität geboten erfüllen sie zugleich die Aufgaben des retardierenden Moments im Drama, vulgo: Die Spannung steigt.

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„Tarantella“-Tänzer Olaf Kollmannsberger beim Schlussapplaus am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Höhepunkt des Balls zweifelsohne: Der Grand pas de deux zwischen dem Prinzen Siegfried und Prinzessin Odile, dem schwarzen Schwan, die hier als Tochter von Premierminister von Rotbart allen anderen ungeniert die Schau stehlen darf.

Oh! Ah! Wowowow! Was für ein Paar! Krasina Pavlova kommt hier dominant und effektheischend einher, genau richtig für die Partie. Schließlich bricht diese Frau voller Vorsatz das Herz des Prinzen, macht ihn mit den mondänsten Mitteln des klassischen Balletts erst bekannt und dann verliebt, um ihm schließlich mitzuteilen, dass er soeben wegen ihr, ätschbätsch, seine große Liebe, die weiße Schwanenprinzessin, verloren hat.

Und der Prinz! Marian Walter tanzt den wie geflasht glücklichen Siegfried mit einer Hingabe und Spielfreude, dass man Mühe hat, die Augen auch nur für eine Sekunde von ihm zu lassen. Mein Notizblock war ernsthaft in Gefahr, keine weiteren Mitteilungen zu erhalten! Man kann sich ja dank des Bart’schen Librettos so gut in Siegfried einfühlen: Er hofft, bald möge sich sein Leben wegen dieser ominösen, wunderschönen Schwanenprinzessin zum Guten wenden. Vielleicht will er mit ihr auswandern, wenn der Fluch gebrochen ist. Vielleicht kann sie ihn ja mit in ihre Heimat nehmen, wo ihre königliche Familie schon mit dem Thron auf die beiden wartet… Auch Prinzen haben Träume, und dieser hier in seiner Weltverdrossenheit ganz besonders!

Da kommt Rotbart mit der schwarzen Schwanenprinzessin, die ein sexy schwarz glitzerndes Tutu mit Mieder trägt und dasselbe hübsche Gesicht hat wie die arme Verfluchte am See. Krasina Pavlova tanzt auch diese Hälfte ihrer Doppelrolle virtuos. Odile ist bei ihr aber nicht eine völlig Gefühlskalte, sondern eine lebendig-leidenschaftliche Dämonin, und das liegt La Pavlova besonders. Ihre feurigen Blicke fordern den Prinzen heraus!

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Marian Walter hinter Krasina Pavlova – auch beim Applaus ein „dufte Team“, er ganz Gentleman, sie ganz Lady Swan – so am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Und dann kommt er, der Grand Pas de deux, der seinen Namen hier verdient wie selten. Marian Walter, der den ganzen Abend schon mit hohen, gleichmäßig in Bögen schwebenden, nie gerissenen, also nachgerade fliegenden Spagatsprüngen – man möchte sagen: mit den leichtfüßigsten Luft-Ritten, die man sich nur denken kann – begeisterte, dreht in diesem Grand Pas de deux nochmals auf. Was für eine lyrische und dennoch kraftvolle Virtuosität! Berlin darf stolz auf Marian Walter sein. Und sollte der Senat noch einen Anwärter für den Titel des Kammertänzers suchen – man könnte damit beweisen, dass man dem Staatsballett Berlin wegen seines zeitweisen Streik nichts nachträgt – so wäre Marian Walter sicher derjenige, welcher als absolutes Unikat in der internationalen Ballettwelt, aber auch als Spitzentänzer von rundum Berliner Couleur diesen Titel verdient.

Walter, in Thüringen geboren, wurde ja in der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet. Er ist verheiratet mit Iana Salenko, mit der er den Prinzen Siegfried auch vor einigen Jahren begann. Seither ist Marian Walter stetig an seinen Aufgaben gewachsen, hat hart an sich gearbeitet – und seiner exzellenten Technik ein faszinierendes, vielschichtiges gestisches und mimisches Spiel hinzugefügt. Mittlerweile ist er einer der besten Siegfrieds weltwelt – er schafft es, auch in den Passagen ohne Tanz vollendet Tänzer und somit Darsteller zu sein.

Der Brillanz der Sprünge und Drehungen fügt er anschließend vor allem das Augenspiel und die Handgestik hinzu. Siegfried als Gentleman: Wenn Odile und Siegfried sich hier abwechselnd mit virtuosen Delikatessen übertrumpfen – er mit unverändert waagerecht gehaltenem, gestreckten Spielbein in Endlos-Drehungen, sie mit akkuraten Piqué-Pirouetten und natürlich mit den seriellen Fouettés – dann sind sie dabei immer noch Lady und Sir. Das macht dieses Paar so ansehenswert!

Es erweist sich ja immer wieder gerade an diesem Zweitanz, was aus dem jeweiligen „Schwanensee“ künstlerisch noch werden kann. Driftet er ab in Kitsch? Das passiert, wenn die Hauptdarsteller ihrer Sache nicht mächtig sind. Wird es etwa peinlich? Oder rein technisch? Wird es Zirkus? Wird es beliebig? Beim Staatsballett Berlin ist glasklar: Es ist und bleibt grandiose Kunst, was Krasina Pavlova und Marian Walter da machen, und sich das anzuschauen, sollte Pflicht für alle werden, die mit Kultur von Berufs wegen oder als Herzenssache zu tun haben.

Schwanensee verzaubert alle.

Noch einmal die schönen Schwäne vom Staatsballett Berlin, beim Applaus in der Deutschen Oper Berlin am 1. Mai 2015. Foto: Gisela Sonnenburg

Man muss da auch dem Ballettmeisterteam danken, das diese begabten Tänzer in vielen Proben und Trainings fit für die Auftritte macht. Und auch Robert Reimer, dem Dirigenten, und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin, ist zu danken – zumal Reimer ein besonders tanzfreundlicher, tanzbegabter Kondukteur ist, der auf die richtigen Pausen, Auftakte und Synkopen achtet und bei den Tempi sehr geschickt mit den Tänzern mitzugehen weiß. Seine Diminuendi und Crescendi sind dann ein Ohrenschmaus, vor allem im zweiten Akt, der da ja eine hohe Meisterschaft verlangt.

Zurück zu Siegfried und seiner verwirrten Jungmannseele. Da hat er nun so einen großartigen schwarzen Diamanten als Frau von seiner Mutter und Rotbart serviert bekommen, da fällt er nun auch prompt auf Odiles Schönheit herein, flirtet mit ihr hemmunglos und ungebrochen – doch da, im Moment, da er ihr Treue schwört, fällt ihm der weiße Schwan, seine Odette, wieder ein. Hinter ihm, auf der halben Bühnenhöhe, auf der sonst Rotbart erschien, tanzt und zittert und bibbert nun eine graziöse Schwänin, und Marian Walter als Siegfried schafft es, Reue und schlagartige Nüchternheit in eins darzustellen.

Wie konnte er sich nur so sehr verführen lassen! Pavlovas ganzer Körper scheint höhnisches Gelächter, als sie siegesgewiss mit Rotbart die Treppe in die Kulissen hinaus stürmt. Siegfried kann sie nicht mal mehr zur Rede stellen – sie hat sein Leben versaut, lapidar gesagt, und nur er weiß noch immer nicht, dass es so ist.

Wieder flüchtet der Prinz, sucht Odette am See. Der Vorhang ist jetzt lange geschlossen, für den szenischen Umbau auf der Bühne, und es ist interessant zu sehen, wie gespannt und fasziniert das Publikum der Musik lauscht – wie einer Binnenouvertüre – und wie alle geradezu darauf lauern, dass die in Seefarben graublau bemalte Vorhangschablone sich wieder hebt.

Schwanensee verzaubert alle.

Auch beim Schlussapplaus gab es – mit Licht statt mit Nebel – einen spätromantischen Effekt es Grusels: Wenn die Schwanenmädchen vom Staatsballet Berlin am Bühnenhorizont knien… am 1. Mai in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Und dann – ah! Dann quillt Nebel unter dem Vorhang hervor, das Paneel hebt sich und gibt Stück für Stück den Blick auf die Bühne frei. Welch Schauereffekt: Hinter den knallblau erleuchteten Nebelschwaden tauchen die knienden Schwäne auf – ein atemberaubender Anblick. Patrice Bart hat hier sehr gut und auch effizient die Kunststücke der Bühnentechnik einzusetzen gewusst. Man hat wirklich das Gefühl, am verzauberten See zu sitzen und die lieben Schwäne auftauchen zu sehen…

Die Nebel lichten sich – und erneut bietet das weibliche Corps de ballet eine raffinierte Show aus sich kreuzenden, teilenden, vereinenden Schwanenreihen. Da wird aus zwei „fließenden“ Kreisen aus Tänzerinnen auf der Bühne ein einziger großer, der wiederum teilt sich auf in mehrere Reigen. Die Verflechtungen dieses „Ballet blanc“, des weißen Balletts, haben eine hypnotisierende Wirkung auf die Zuschauer.

Es ist ja von Neulingen in der Ballettszene schon gemutmaßt worden, ob da irgendwelche Substanzen in den Opernhäusern versprüht werden, weil die Menschen bei den Ballettaufführungen so berauscht und glücklich werden. Aber es ist alles Natur und Kunst, Kunst und Natur…

Schwanensee verzaubert alle.

Die beiden Hauptdarsteller sind vorne beim Applaus: Krasina Pavlova und Marian Walter am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Im zweiten Akt erweist sich „Schwanensee“ zudem als wahrer Psychothriller: Noch einmal gibt es Hoffnung auf ein gemeinsames Träumen, auf ein gemeinsames freies Leben… auf die Freiheit für die Liebe!

Das Staatsballett Berlin weiß um seine Verführungskraft und spielt diese voll Sicherheit aus. Musik und Tanz sind in diesen Szenen eine perfekte Einheit, und wer da nicht mitfühlt, mit den verzauberten Prinzessinnen und der großen Liebe zwischen Siegfried und Odette, der muss ein Herz aus Stein oder Eisen haben.

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Gemeinsam zum Applaus: Das Staatsballett Berlin am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin, nach einem fantastisch getanzten „Schwanensee“. Foto: Gisela Sonnenburg

Rotbart indes scheucht die schönen Schwäne auf, er kommt, um Siegfried sterben zu sehen. Womit er nicht gerechnet hat: Siegfried greift ihn an. Patrice Bart lässt den liebenden Siegfried zugleich einen ermannten sein.

Zuvor aber ein letzter Pas de deux des Liebespaares: Sie strebt in einer Arabeske zur Flucht, er hält sie fest, „wickelt“ beziehungsweise dreht sie zu sich. Noch einige Spagatsprünge, leicht und hoch, bis Rotbarts Macht überwiegt. Die Liebenden werden sich nie wieder sehen. Und dennoch gibt es so etwas wie Rache und Sühne und Genugtuung in diesem „Schwanensee“: Der Kampf zwischen Rotbart und Siegfried ist einer auf Leben und Tod, aber ohne seine Flügelapparate ist Rotbart dem Prinzen nicht mehr überlegen, und Siegfried kriegt ihn im Pas de deux zu fassen und erwürgt ihn.

Schwanensee verzaubert alle.

Ein Blick auf den Applaus mit Dirigent Robert Reimer (in Schwarz) – Freude und Begeisterung in der Deutschen Oper mit dem Staatsballett Berlin am 1. Mai 2015. Foto: Gisela Sonnenburg

Rotbart fällt in die Nebelfluten – und noch ein Mal, ein letztes Mal, schwört der Prinz Treue, seiner Liebe schwört er Treue, seiner Liebe, die er jetzt nicht mehr haben kann. Dann wendet er sich ab und steigt, mit dem Rücken zu uns, ins Ungewisse des Bühnengrundes hinab.

Schwanensee verzaubert alle.

Applaus mit Blumen: am 1. Mai 2015 beim Staatsballett Berlin in der Deutschen Oper. Foto: Gisela Sonnenburg

Noch einmal hebt er da, weit am Horizont, schwörend die Hand, dann fällt er, er wird ertrinken, er weiß es – und wir wissen es auch.

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Applaus, auch für die Musik, hier verkörpert von Robert Reimer (mittig, in Schwarz) – das Staatsballett Berlin nach „Schwanensee“ am 1. Mai 2015 in der Deutschen Oper Berlin.

Die Musik tröstet uns, dieser helle, volltönende H-Dur-Akkord, der lange ausrollt. Vorhang. Bravoooooh!
Gisela Sonnenburg

Termine siehe „Spielplan“

Mehr über „Schwanensee“ beim Staatsballett Berlin: 

www.ballett-journal.de/die-verzauberten/

www.staatsballett-berlin.de

 

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