Die Vielfalt der Schwäne Der „Schwanensee“ von Patrice Bart präsentiert sich beim Staatsballett Berlin auch in den neuen Besetzungen als spannender Mutter-Sohn-Konflikt

"Schwanensee" von Patrice Bart - beim Staatsballett Berlin

Weltstar Polina Semionova mit neuem Bühnenpartner Alejandro Virelles nach „Schwanensee“ beim Staatsballett Berlin: immer eine Augenweide! Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Sie strahlt nach wie vor mit dem Weiß ihres Tutus um die Wette: Polina Semionova ist eine Odette, eine Schwanenprinzessin, wie aus dem Bilderbuch! Und mit ihrem neuen Bühnenpartner Alejandro Virelles, dem soeben aus München ans Staatsballet Berlin (SBB) gewechselten sanftmütigen Kubaner, erhält ihre klassische Interpretation vom „Schwanensee“ eine weitere, märchenhafte Ergänzung. Als Schwarzer Schwan Odile glänzt Polina gar mit dreifachen Pirouetten während der Fouetté-Serie. Sie ist halt immer wieder ein wandelndes Ballettwunder! Aber auch Yolanda Correa, neu beim Staatsballett Berlin und wie Virelles in Kuba gebürtig, gibt einen fantastischen Schwarzen Schwan ab: voll spritziger Virtuosität und sicher geleitet von Marian Walter, der seiner Partie des Prinzen Siegfried stets eine aufregend ambivalente Note zu verleihen weiß. Debüts in weiteren Rollen sowie viele neue Ballerinen und Ballerinos unter Beteiligung der Staatlichen Ballettschule Berlin im Corps de ballet würzen die in Berlin gut bekannte Einstudierung zusätzlich mit neuem Flair – auch beim zwanzigsten Male des Ansehens wird die Inszenierung von Patrice Bart damit nicht langweilig.

"Schwanensee" von Patrice Bart - beim Staatsballett Berlin

Glücklich und bewundert: Yolanda Correa und Marian Walter mit dem Staatsballett Berlin nach „Schwanensee“ von Patrice Bart. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Patrice Bart – der große Franzose, der als Assistent des Weltstars Rudolf Nurejew an der Pariser Opéra sein Kunstverständnis verfeinerte – erarbeitete seine Fassung zwar nach den Originalmustern vom „Schwanensee“ von Marius Petipa und Lew Iwanow. Jetzt ist auch das dazu gehörende opulente Bühnenbild von Luisa Spinatelli wieder zu sehen, nachdem seit einer Bühnenhavarie Heiligabend 2017 vieles repariert werden musste.

"Schwanensee" von Patrice Bart - beim Staatsballett Berlin

Das Publikum jubelt: Polina Semionova und Alejandro Virelles nach „Schwanensee“ in der Deutschen Oper Berlin. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Aber Bart verpasst seiner Version durch die Betonung der Mutter-Sohn-Beziehung einen sehr speziellen eigenen Geschmack, der sich von der ersten bis zur letzten Szene durch das Stück zieht.

Angelegt ist der brisante psychologische Konflikt – man könnte auch sagen: die Hassliebe – zwischen der Königin und ihrem Sohn Prinz Siegfried zwar bereits im altrussischen Original.

Dieses premierte in der heute beliebten Originalversion von Petipa und seinem Assistenten Iwanow1895 in Sankt Petersburg, nachdem die Moskauer Uraufführungsversion des heute völlig vergessenen deutschstämmigen Choreografen Wenzel Julius Reisinger 1877 mehr oder weniger floppte.

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Das Corps de ballet vom Staatsballett Berlin, verstärkt von Ballettstudentinnen der Staatlichen Ballettschule Berlin, nach „Schwanensee“ noch im Nebel der Vorstellung. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Aber was Bart 1997 daraus machte, hat einen eigenen Standard und setzt, insbesondere, was die psychologische Schlüssigkeit des Librettos angeht, tatsächlich Maßstäbe in der Ballettgeschichte.

Das ist bis heute gültig.

So beginnt das Stück mit dem Flanieren der Königin mit dem kindlichen Prinzen an der Hand, der zuerst im Einschulalter, in einer zweiten Bühnenüberquerung dann als Teenager zu sehen ist.

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Später, auf dem Ball anlässlich des 21. Geburtstages des Sohnes, verleiht die Königin ihm einen brillant glitzernden Orden – mehr ein Schmuckstück als ein Abzeichen – und schenkt ihm ein Jagdgewehr.

Doch Siegfried will weniger schießen als vielmehr vor seiner Mutter fliehen. Obwohl sich in einem Pas de deux eine extrem enge Verbundenheit zwischen beiden abzeichnet, ist diese auch beängstigend.

Der Choreografie von Bart gelingt es, eine Spur von inzestuösem Gefühl in den Paartanz von Siegfried mit der Königin hineinzutragen.

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Yolanda Correa und Marian Walter beim starken Jubel nach „Schwanensee“ von Patrice Bart beim Staatsballett Berlin. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Einerseits sieht man hier die Vertrautheit eines jungen Erwachsenen mit seiner früh verwitweten Mutter.

Andererseits erkennt man ihre Herrschsucht, ihr auch sexuell motiviertes Dominanzgebaren. Sie will ihren Sohn kontrollieren, sein Leben bestimmen, seine Seele besitzen – und ihn gerade nicht selbständig und erwachsen werden lassen.

Siegfried ist seiner Mutter ergeben, er kann sie nicht abschütteln, und der Beginn des Pas de deux ist – nach ihrer Aufforderung hierzu – seine ganz zart gehaltene Referenz, eine treuherzige, innigliche Verbeugung nur mit dem Kopf und der Brust.

Marian Walter vermag es, bereits mit dieser einen Geste die Beziehung von Siegfried zu seiner Mutter zu charakterisieren.

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Vor allem in der Besetzung mit Aurora Dickie als Königin setzt sich die verhängnisvolle Beziehung der beiden dann im Tanz fort.

Hebungen und Führungen finden statt, wie sie auch unter Liebenden denkbar sind. Und die Blicke, die die Königin ihrem Sohn zuwirft, sind alles andere als die einer Frau, die ihren volljährigen Nachwuchs ohne Aufsicht ins eigenständige Leben schicken will.

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Alejandro Virelles umarmt Polina Semionova – nach seinem Debüt in „Schwanensee“ in Berlin in der Deutschen Oper. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Vor allem aber auch die Armhaltungen und Ports de bras der Königin offenbaren ihren Charakter. Einerseits hat sie gelernt zu repräsentieren und ihre wahren Gefühle zu verbergen. Andererseits ist da etwas Verklemmtes, etwas Krummes, etwas Ungelenkes an ihr – und anders, als im klassischen Ballett üblich, lässt die Königin hier ihre Ellenbogen spitz hängen (statt sie zu abgerundeten Armlinien hoch zu halten).

Aurora Dickie, die bereits in Nacho Duatos „Romeo und Julia“ eine grandiose, weibliche und keineswegs matronenhafte Mutterrolle abgab, ist auch hier die Optimalbesetzung beim aktuellen SBB.

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Aurora Dickie – hier als Lady Capulet, also als Julias Mutter in „Romeo und Julia“ von Nacho Duato. Sie tanzt auch eine vorzügliche Interpretation der Königin in „Schwanensee“ von Patrice Bart beim SBB. Foto: Fernando Marcos

Die gebürtige Brasilianerin, die in der brasilianischen Filiale des Bolschoi Theaters ausgebildet wurde, füllt die Rolle mit Leben und schafft es, ohne Affektiertheit oder Übertreibung das Schicksal einer im Grunde bösen Königin zu verkörpern. Die Kämpfe, die sie mit sich ausficht, macht die Partie so spannend – schließlich wird hier, in der Version von Patrice Bart, die Täuschung des Prinzen durch den Schwarzen Schwan als Intrige der Königin inszeniert. Dabei liebt und begehrt sie ihren Siegfried – eine auch auf den Bühnen dieser Welt wirklich seltene und umso sehenswertere Konstellation.

"Schwanensee" von Patrice Bart - beim Staatsballett Berlin

Marian Walter als Prinz bei der Verbeugung mit Yolanda Correa als Odette – und direkt hinter ihnen Arshak Ghalumyan, der mit feurig-teuflischem Temperament den Premierminister Rotbart tanzt, Politiker und böser Zauberer im „Schwanensee“ von Patrice Bart. Ha! Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Gerade auch im Pas de deux mit Marian Walter als Siegfried berückt diese psychologisch-verzwickte Mutter-Sohn-Beziehung im Tanz mit Aurora Dickie.

Sarah Brodbeck hingegen, die eine schöne, auffallend hochgewachsene Figur hat und neu im SBB ist, scheitert an der realistischen Durchdringung, die diese Rollengestaltung verlangt. Bei ihr wirken die Bewegungen der Königin mit den spitzen Ellenbogen wie aufgesetzt, fast exaltiert und ohne innere Beteiligung – man ist versucht zu sagen, Brodbeck habe die Rolle wohl (noch) nicht verstanden.

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Murilo de Oliveira (links, im Kostüm als Benno), Elisa Carrillo Cabrera (mittig, als Königin), rechts neben ihr Yolanda Correa (als Odette) beim Applaus nach „Schwanensee“ in der Deutschen Oper Berlin. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Elisa Carrillo Cabrera hingegen gelingt vor allem in den Soli die Darstellung dieser in sich zwischen Gut und Böse zerrissenen Frau. Auch am Ende, als sie ihren Sohn ertrunken im See findet und erkennen muss, dass ihre Kooperation mit den dunklen Mächten ins Nichts des Todes führte, berührt die Darstellung von Carrillo Cabrera zutiefst.

Aber den großen Pas de deux mit Marian Walter als Siegfried zeigt Dickie als Königin in großartiger Perfektion und trotz der schwierigen Ausgangslage in nicht zu überbietender Übereinstimmung mit ihrem Partner.

"Schwanensee" von Patrice Bart - beim Staatsballett Berlin

Alexej Orlenco ist ebenfalls ein Respekt einflößender Premierminister Rotbart – hier nach dem „Schwanensee“ in der Deutschen Oper Berlin. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Man würde Aurora Dickie übrigens auch sehr gern mal als Odette / Odile sehen, eine Doppelrolle, die sie in der Version des „Schwanensee“ von Kirk Peterson auch bereits getanzt hat.

In Berlin stehen allerdings als weiteres Paar erst einmal die Stars Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru auf dem „Schwanensee“-Besetzungszettel – es wird spannend, sie mit dem neu entstandenen Corps de ballet zu sehen.

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Referenzen der Hauptdarsteller füreinander gehören dazu: Alejandro Virelles und Polina Semionova nach „Schwanensee“ beim Staatsballett Berlin. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Aber man könnte sich Aurora Dickie gut etwa mit Alejandro Virelles vorstellen, der aktuell Polina Semionova als Siegfried dient.

Allerdings sollte Virelles‚ Biografie auf der Homepage vom SBB korrigiert werden. Denn er mag zwar vor 2017 die Ballette „Coppélia“, „Schwanensee“, „Cinderella“, „Jewels“ und „Dornröschen“ getanzt haben. Aber in München beim Bayerischen Staatsballett standen diese Stücke im letzten Jahr nicht mal auf dem Spielplan.

In Berlin macht er dessen ungeachtet als Partner von Polina Semionova einen sehr guten Job.

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Ein strahlendes Paar: Polina Semionova und Alejandro Virelles nach „Schwanensee“ in der Deutschen Oper Berlin. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Ein strahlendes Paar sind sie, zum Schmachten edelmütig – Virelles’ Sprünge haben Glanz, sein Spiel hat viel Seele, und sein dezentes, aber souveränes Partnern gibt Semionova jenen Halt, den jede Primaballerina eben doch in einer solchen Partie ab und an benötigt.

Ebenso unterstützt Marian Walter seine Schwänin Yolanda Correa, wobei Walter insbesondere das lyrisch-melancholische Sehnsuchtssolo des Siegfried, bevor er am See zu seiner Schwanenwelt findet, mit grandioser Extravaganz und leidenschaftlichem Pathos zu füllen weiß.

Yolanda Correa beherrscht vor allem die technisch sehr anspruchsvolle, aber auch darstellerisch absolut fordernde Partie der Odile mit Verve. Als Odette sollte sie sich allerdings der Inszenierung von Bart noch etwas stärker anpassen und die Ports de bras mit stärkeren Akzenten in den Posen präsentieren. Durchgehend fließende Armbewegungen passen hier zwar zur Wassermetaphorik des Stücks, nicht aber zur Choreografie von Lew Iwanow, die ihre Pikanterie auch aus rhythmischen Pointierungen bezieht.

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Yolanda Correa und Marian Walter mit den Schwänen vom Staatsballett Berlin. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Yolandas Harmonisieren mit Marian Walter als ihrem Siegfried ist indes in den höchsten Tönen zu loben! Da sitzt jede Pirouette unter seinen Händen, jede Hebung scheint ein Schweben, und die verliebten Blicke, die er ihr zuwirft, erwidert sie rollengemäß mit scheuer Schönheit.

Bleibt zu erwähnen, dass der Dirigent Robert Reimer nach wie vor wie ein Sechser im Lotto für jeden musikliebenden Ballettfan ist.

"Schwanensee" von Patrice Bart - beim Staatsballett Berlin

Elisa Carrillo Cabrera mit Robert Reimer beim Schlussapplaus nach „Schwanensee“ in der Deutschen Oper Berlin. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Sein „Schwanensee“ mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin ist derart feinfühlig und dennoch auch voll Power intoniert, die Klangfülle ist stimmig in jedweder Phrase, sodass man am liebsten zeitweise die Augen schließen würde, um die aufwühlende Musik von Peter I. Tschaikowsky mit höchster Konzentration zu genießen. Aber das geht im Ballett natürlich nicht, man ist ja nicht im Konzert, also bitte:

Die Augen offen lassen und dennoch gut zuhören!

"Schwanensee" von Patrice Bart - beim Staatsballett Berlin

Applaus auch für die Dirigentin Alevtina Ioffe (mittig) nach „Schwanensee“ mit dem Staatsballett Berlin. Links: Murilo de Oliveira. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Auch Alevtina Ioffe, die als Dirigentin neu ist im Reigen der das Staatsballett Berlin geleitenden Künstler, verdient diese Aufmerksamkeit. Es ist natürlich besonders zu begrüßen, dass es mit ihr eine Frau zur Regentschaft im Orchestergraben geschafft hat. Und nachdem ihre erste „Schwanensee“-Performance in Berlin manchmal noch ein wenig diffus klang, ertönte ihre zweite bereits voll durchstrukturiert und ganz ohne jene schleppende Überbetonung der Bläser, die Ioffes Debüt ein wenig getrübt hatte.

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Schwäne mit Grazie: Das Staatsballett Berlin nach „Schwanensee“ in der Deutschen Oper Berlin. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Alles in allem lohnt sich dieser „Schwanensee“ immer wieder, auch und gerade in der Vielfalt der verschiedenen Besetzungen.
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

 

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