Adieu, schöner Onegin! Mikhail Kaniskin tanzte ein letztes Mal die Titelrolle in „Onegin“ von John Cranko beim Staatsballett Berlin – gemeinsam mit Elisa Carrillo Cabrera, die außerdem bereits Ko-Direktorin der Compania Nacional de Danza in Mexiko ist

"Onegin" verabschiedet sich

Ein Dandy erzählt tänzerisch von sich und seiner Welt: Mikhail Kaniskin als „Onegin“ und Elisa Carrillo Cabrera als Tatjana im ersten Akt des Cranko-Stücks in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Carlos Quezada

Er hält die Fäuste aus unterdrückter Wut geballt, als sich sein Freund nicht belehren lassen will: eine plausible Geste, wie eine letzte Warnung, kurz vor dem tödlich endenden Duell. Schlägt Onegin sich an dieser Stelle der Choreografie sonst mit der flachen Hand trotzig auf die Schenkel, trommelt er jetzt rhythmisch mit den Fäusten: Mikhail Kaniskin füllte die Titelpartie des hochkarätigen Weltballetts „Onegin“ immer wieder mit neuen originellen Details, entwickelte sich und die Rolle stetig weiter und sorgte so für Abwechslung ebenso wie für neue Erkenntnisse. Er war ein Highlight im Berliner Besetzungsreigen – und als Onegin in der deutschen Hauptstadt so urrussisch und doch international verständlich wie kein zweiter. Jetzt fiel der Vorhang für „Mischa“ als Onegin zum letzten Mal, nach einer furiosen Vorstellung gestern abend in der Staatsoper Unter den Linden. An seiner Seite als Tatjana: Die elegante Elisa Carrillo Cabrera, mit der Kaniskin verheiratet ist, ein Kind hat und mit der er gemeinsam 2009 vom Stuttgarter Ballett zum Staatsballett Berlin (SBB) wechselte. Seit 2012 organisiert das tanzende Paar außerdem jährlich die Gala „Elisa y Amigos“ in Mexiko, und in Elisas Heimat warten weitere Aufgaben auf die beiden zwischen Berlin und Mexiko pendelnden Kosmopoliten: Gemeinsam leiten sie dort ein Festival, und Elisa ist seit diesem Jahr außerdem Co-Direktorin der Compania Nacional de Danza in Mexiko, bereitet dort, nach der erfolgreichen Uraufführung eines Balletts über die Malerin Frida Kahlo, eine Rekonstruktion der „Giselle“ in der Inszenierung von Anton Dolin vor. Seine Glanzpartie wird Kaniskin dennoch nicht los: Auch in Mexico City ist „Onegin“ von John Cranko als Bestandteil des aufzubauenden Repertoires im Gespräch.

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Elisa Carrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin mit dem Staatsballett Berlin nach „Onegin“ beim Schlussapplaus. Wow! Foto: Gisela Sonnenburg

Er hat aber auch einen Charme, dieser weltverdrossene Zyniker, der ein erfahrener Salonlöwe, ein Womanizer par excellance, ein belesener Intellektueller, der beste Gesellschaftstänzer seiner Generation und zudem auch noch ein außerordentlich guter Schütze ist. Eugen Onegin, durch eine Erbschaft finanziell unabhängig, lebt und liebt das großstädtische Dasein als Adliger im Russland der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und sein Erfinder – der Dichter Alexander Puschkin – versah den Blick auf ihn mit satirischen, aber auch einfühlsamen Spitzen.

Für sein Ballett „Onegin“ baute John Cranko (in der heutigen Fassung wurde es 1967 in Stuttgart uraufgeführt) das Personal psychologisch etwas um, er reduzierte und dramatisierte es passgenau für die erhabenste aller Bühnenkünste.

Hier ist Onegin keine wandelnde Karikatur mehr, sondern ein ernstzunehmender, wenn auch sehr erotisch gestimmter Charakter.

Die „Trocks“, wie „Les Ballets Trockadero de Monte Carlo“ liebevoll auch genannt werden, sind immer wieder ein Erlebnis: Die gewitzte Schönheit der Männer, die als Ballerinen furiose Tänze aufführen, reißt einfach mit! Bezaubernd und urkomisch zugleich – für diese Mischung stürmt das Publikum ins Theater. Da lohnt sich die rechtzeitige Reservierung, und auch mal eine Anreise. Zumal Leipzig und Graz gerade im Sommer attraktive Städte sind. Hier gibt es mehr Infos – und die Tickets. Foto: Anzeige

Als er, ganz in elegantes Schwarz gewandet, die Bühne betritt und somit den ländlichen Garten der verwitweten Madame Larina und ihrer beiden Töchter, sieht er die ältere Tochter Tatjana vor einem Spiegel sitzen. Ihre Blicke kreuzen sich im Spiegelbild.

Oh! Für Tatjana ist sein hochmütig-sinnlicher Gesichtsausdruck ein Schock. Noch nie ist ihr soviel Testosteron in so kultivierter Gestalt begegnet. Sie verliebt sich sofort in den Galan aus der Stadt. Und fühlt sich damit schutzlos wie ein verletztes Reh.

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Leidenschaft über alles: Elisa Carrillo Cabrera als Tatjana mit Mikhail Kaniskin als „Onegin“ im Finale. Atemberaubend. Foto: Carlos Quezada

Elisa Carrillo Cabrera spielt die Rolle der Tatjana genau so: Sie ist nicht der klassische  Blaustrumpf wie viele andere Tatjanen, keine Intellektuelle, die in ihren Büchern die besten Freunde hat. Sondern sie ist vor allem ein braves, gut erzogenes, ganz argloses Mädchen, das niemandem Böses will und das dem Leben offen und ohne Scheuklappen gegenüber steht.

Die Schleife, die sie am oberen Ende ihres langen Zopfes trägt, bringt ihren Charakter auf den Punkt.

Seit 2011 ist Elisa in Berlin Erste Solistin, in der Partie der Tatjana debütierte sie 2014. Schon damals war ihr Gatte ihr Bühnenpartner als Onegin, und die beiden sind ein versiertes Team darin, die destruktive amouröse Spannung zwischen ihren Figuren auf Kontrast und dynamischen Gegensatz anzulegen.

Wie sie ihn begehrt, anhimmelt, respektvoll zu ihm aufschaut!

Und wie er sie taxiert, abschätzig, aber durchaus interessiert…

Im Versroman von Puschkin erklärt er ihr bald bei einem Spaziergang, dass er sie zwar reizvoll findet, dass er sich aber nicht binden will. Und weil sie nun mal sichtlich ein anständiges Mädchen sei, für das nur eine Heirat mit allen Ehren in Frage käme und keine „schmutzige“ sexuelle Liason, würde er sie lieber nicht verführen wollen.

Leider weiß man bei einem wie Onegin nie, ob er, was er sagt, ernst meint – oder ob es die pure Ironie ist.

Tatjana hat nämlich ein ganz anderes Handicap als Anstand. Sie entstammt einer ärmlichen Landadelsfamilie, während Onegin mit den sozusagen stinkreichen Patriarchen in Sankt Petersburg konkurrieren kann. Und während Olga, Tatjanas jüngere Schwester, bereits verlobt ist, wird es für Tatjana auf dem Heiratsmarkt immer enger.

Krasina Pavlova ist aber auch eine entzückende Olga! Sie überrascht mit einer dezidiert durchgearbeiteten Interpretation, ist kess, voller Lebenskraft, und dennoch vollführt sie ihre Beinhebungen sanft und lyrisch.

Auch Pavlova tanzte in Stuttgart, und zwar auf der John Cranko Schule. Nach einem Engagement beim Semperoper Ballett in Dresden kam sie 2004 zum SBB, wo sie seit 2011 Solistin ist.

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Graziös und kess, lyrisch und feinsinnig: Krasina Pavlova und Daniel Norgren-Jensen als Olga und Lenski mit dem Staatsballett Berlin nach „Onegin“. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Mit Daniel Norgren-Jensen hat sie einen typgerecht besetzten Lenski zum Bühnenpartner. Nun gibt es bei dieser Partie viel Spielraum: Lenski ist von Beruf Dichter und eng mit dem gebildeten Onegin befreundet. Die beiden Männer sollten einen Gegensatz bilden, aber in ihrer choreografischen Ausformulierung gibt es durchaus auch Ähnlichkeiten.

Norgren-Jensen ist der schönsinnige Feingeist, ein schlanker, ja zarter Mann, der zu Kaniskins deftig-dekadentem Onegin in schönem Kontrast agiert.

Berlins Ballettintendant Johannes Öhman brachte den Ballerino aus Stockholm mit, wo er Erster Solist war.

Damit ist das Quartett voll, das hier die Handlungsfäden abspult.

Als Fünfter tritt Fürst Gremin hinzu, hervorragend getanzt und dargestellt von Alexej Orlenco. Der in Moldawien geborene und am Konservatorium in Wien ausgebildete Solist tanzt seit 2006 in Berlin und kennt die Tanzpartituren des „Onegin“ bestens.

Als Gremin verkörpert er die angenehm verlässliche Seite des Lebens, den zur wahren ehelichen Gattenliebe befähigten Schönling, der für seine spätere Ehefrau in der Tat so etwas wie das große Los ist.

Er ist an Tatjana interessiert, erkennt hinter der Fassade des scheuen Mädels den Glanz des aufrichtigen Herzens.

Doch Tatjana hat nur Augen für Onegin.

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Von links nach rechts: Alexej Orlenco (Gremin), Elisa Carrillo Cabrera (Tatjana), Mikhail Kaniskin (Onegin) und das Staatsballett Berlin beim Schlussapplaus. Ah! Foto: Gisela Sonnenburg

Ihre Pas de deux mit ihm sind geprägt vom geschmeidigen Aufeinandereingehen, in der Tat bilden sie ein superbes Paar, der erfahrene Großstädter und die süße Landpomeranze.

Wenn er sie empor hebt – beim ersten Mal ganz unvermutet – dann ist es, als würde er sie damit zur Frau machen. Und sie genießt die tänzerischen Avancen dieses Gentlemans, der sich dann allerdings abrupt von ihr abwendet und sie schwärmerisch allein zurück lässt.

Für ein junges Mädchen ist das kein Warnsignal. Tatjana bemerkt nicht, dass Onegin ihr keine Chance gibt. Sie hat es überhört und übersehen.

Denn sie ist schwer verschossen…

In ihrem Schlafzimmer tüftelt sie bei Kerzenschein an einem Liebesbrief an ihn. Lieblich bemüht sie sich, die richtigen Worte zu finden. Und schläft darüber ein.

Da tritt – in ihrem Traum – Onegin höchstselbst aus dem großen Ankleidespiegel heraus und tanzt mit ihr, ach, so edelmütig und intim zugleich, so verehrend und nobel, so männlich und stark, dass sie sich durch diesen Traum nur noch mehr in ihn verliebt.

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Im Traum ist er der perfekte Mann für sie: Tatjana (wunderschön: Elisa Carrillo Cabrera) und Onegin (stark und faszinierend: Mikhail Kaniskin) mit dem Staatsballett Berlin in Cranko „Onegin“. Foto: Carlos Quezada

Mikhail Kaniskin ist aber auch ein Traum-Onegin zum Vergöttern!

Durch seine Hebungen wird sie majestätisch wie eine Königin, sie spannt den schönen Körper und begibt sich in aristokratische Posen. Er wirbelt sie durch die Luft, erhebt sie und legt sie am Boden ab, schwingt sie erneut empor – und kein Kuss könnte soviel Gefühl in einer Frau entfachen wie diese Tanzfiguren.

Es ist dieselbe Musik, zu der sie später, im dritten Akt, den Schluss des Balletts tanzen.

Peter I. Tschaikowsky komponierte sie 1893 für „Romeo und Julia“, als Duett für Sopran, Tenor und Orchester. Kurt-Heinz Stolze machte durch seine Bearbeitung daraus eine der bewegendsten Ballettmusiken.

So heißblütig kommt der liebende Onegin dann in Tatjanas Realität einher, dass ihr Jungmädchentraum von ihm dagegen im Rückblick wie ein Versprechen wirkt, das noch weit übertroffen wird.

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Star-Dirigent Paul Connelly (vorn) und das Staatsballett Berlin nach „Onegin“. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Paul Connelly – gefeierter Star am Dirigentenpult – schüttelt die Orchesterleitung gleichsam nonchalant aus dem Ärmel, beherrscht die Noten vollends, variiert von Akt zu Akt das Tempo – und steigert den musikalischen Output nochmals bis zum überwältigenden Ende.

Zuvor aber nimmt das tragisch durchwirkte Geschehen seinen Lauf, und Cranko hat in seiner Choreografie so sauber gearbeitet, dass man das Bühnenlibretto auch versteht, wenn man es nicht nachliest.

Onegin gibt der daraufhin herzzerreißend weinenden Tatjana ihren Liebesbrief zurück; er ist zu sehr ein Snob, um auf ihre zarten Gefühle Rücksicht zu nehmen.

Doch noch immer tobt die Liebe in ihr, und mit einem hilflos-entzückenden Solo versucht sie auf ihrer Geburtstagsfeier, erneut seine Aufmerksamkeit zu erringen.

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Noch einmal die Solisten und das Corps de ballet vom Staatsballett Berlin nach „Onegin“ beim Schlussapplaus am 5. April 2019. Foto: Gisela Sonnenburg

Man kann es sich denken: Der Macho Onegin fühlt sich genervt, springt vom Patiencenlegen auf und knallt mit der Hand auf den Tisch. Tatjana erschrickt wie ein Hündchen, flüchtet in die Arme ihrer Mutter.

Und der Macker in Onegin fühlt sich provoziert. Flugs greift er sich die hübsche Olga und tanzt mit ihr so heftig, so flirtend, so intensiv, dass nicht nur Tatjana entsetzt ist, sondern vor allem Lenski sich schwer brüskiert sieht.

Und auch in ihm, dem Schöngeist, schlummert ein heißblütiges Temperament, das jetzt ausbricht.

Er ohrfeigt Onegin – es ist ein Skandal. Und er fordert den einst guten Freund zum Duell. Niemand kann ihn davon abhalten, sich Rache und Genugtuung verschaffen zu wollen.

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Bei Mondschein tanzt Lenski sein letztes Solo. Er bereitet sich damit weniger auf das gleich folgende Duell vor, als vielmehr auf das Sterben. Angst überwältigt ihn zwischen sorgsam ausbalancierten Arabesquen und Pirouetten, er ergibt sich dem Wunsch, gebetshaft um sein Leben zu flehen. Und er ahnt, dass er gegen Onegin im Duell nicht bestehen wird.

Zelebrierte Cambrés münden in das zusammengekrümmte Liegen am Boden, zwei Mal – so, als solle definitiv festgehalten werden, dass Gewalt aus Menschen ein Häufchen Elend macht.

Aber Lenski fasst sich, setzt alles auf die Hoffnung, mit hoch erhobenen Armen, uns, den Zuschauern, den Rücken zukehrend.

Als Onegin erscheint, versucht er noch einmal, mit Lenski vernünftig zu reden. Doch der Nebel der Rachsucht ist zu dicht, Lenski wehrt ihn ebenso ab wie die beiden Schwestern.

Ein Schuss – und Lenski fällt.

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Einen solchen Kuss kann es nur nach der Vorstellung geben, unter dem Jubel des Publikums! Elisa Carrillo Cabrera in den Armen von Mikhail Kaniskin in der Staatsoper Unter den Linden. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Noch einmal tritt Onegin vor Tatjana, und dieses Mal ist er der Schwächere. Lange sehen sie sich an, die beiden – Elisa Carrillo Cabrera verleiht ihrer Pose unterm Kopftuch die Kraft des stummen Vorwurfes, und Mikhail Kaniskin kann sich dieser moralischen Energie nicht entziehen.

Onegin senkt den Blick, schaut ins Nichts, hebt dann langsam die Hände, die eines Mordes schuldig gewordenen, und er stürzt sein Gesicht hinein, als könne er so seine Scham verbergen und seine Tat vergessen.

Auf Tatjanas Geburtstagsfeier trug er noch weiße Handschuhe und gähnte gelangweilt. Hätte er sich stärker auf das frohgemute, mehrere Generationen umfassende Gesellschaftsleben auf dem Land eingelassen – er hätte viel Erfreuliches entdeckt und wäre nicht auf die Idee gekommen, sich möglichst herzlos und verletzend aufzuführen.

Und hätte er Tatjana genauer angesehen, er hätte in ihren Augen die wahre Liebe gefunden.

In ihrem Traum war er ein Liebender. Wie es das alte Spiel vom Spiegel vorher gesagt hat: Wer in den Spiegel blickt, sieht den Geliebten – und so lernten Tatjana und Onegin sich kennen. Man sollte den alten Spielregeln Glauben schenken…

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Im „Roten Pas de deux“ zeigen Tatjana (Elisa Carrillo Cabrera) und Fürst Gremin (Alexej Orlenco) ihre eheliche Liebe. Foto: Carlos Quezada

Zehn Jahre sehen sich Onegin und Tatjana nicht. Sie wird die verehrte Frau von Fürst Gremin, er bleibt unverheiratet.

Als er sie auf einem Fest beim Fürsten in Sankt Petersburg wiedersieht, traut Onegin seinen Augen kaum.

Das einst schüchterne Mädel wurde eine reife, hoch elegante, selbstbewusste Schönheit.

Der gesellschaftliche Aufstieg hat ihr gut getan, und Onegin bemerkt erst jetzt den Glamour ihrer Persönlichkeit.

Kaniskin guckt weg und wieder hin, er kann es nicht fassen. Ist das die kleine Tatjana von einst?

Alexej Orlenco hebt als Gremin seine Tatjana in den siebenten Himmel. Das dunkelrote Ballgewand, das Elisa Carrillo Cabrera trägt, steht ihr dazu besonders gut.

Ein souveränes, sich in tiefer Liebe verbundenes Bühnenpaar!

Natürlich kann Mann da eifersüchtig werden: Der schmucke Alexej Orlenco als Gremin, hier beim Schlussapplaus nach „Onegin“. Foto: Gisela Sonnenburg

Und Onegin wird eifersüchtig. Noch eifersüchtiger. Er dreht fast durch.

Er fasst einen Plan.

Mikhail Kaniskin steht da, ganz schlicht, lässt die rund geformten muskulösen Schultern ein wenig hängen, die Arme und Hände hält er unten mit der Innenseite nach vorn gekehrt.

Was soll er tun? Er überlegt. Er ist entflammt. Es brennt in ihm. Er will diese Frau haben! Und gehört sie nicht sowieso ihm? Er hat ihre Liebe gefühlt…

Er will sie treffen. Er entscheidet sich, alles auf eine Karte zu setzen. Er wird ihr seinen heimlichen Besuch ankündigen.

Tatjana sitzt am Schreibtisch, fassungslos, sie hält den Brief von Onegin in der Hand. Er wird zu ihr kommen. In ihr stürmt es, sie ist aufgewühlt wie seit zehn Jahren nicht mehr.

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Noch ist Tatjana äußerlich ganz kühl: Elisa Carrillo Cabrera im finalen Pas de deux von „Onegin“, gehoben von Mikhail Kaniskin in der Titelrolle. Foto: Carlos Quezada

Sie hat ihn so geliebt! Und er hat sie so verachtet.

Jetzt hat sie ein eigenes Glück, ein Ehe- und Lebensglück. Soll sie das riskieren?

Sie kennt die verführerische Kraft von Onegins Augenspiel.

Sie versucht, ihren Ehemann Gremin zu bewegen, sie nicht allein zu lassen. Er weiß gar nicht, was mit ihr los ist. Sie kann es ihm nicht sagen. Was für ein hübscher kurzer Pas de deux über eheliche Missverständnisse.

So muss sie es allein durchstehen.

Und Onegin stürmt in ihr Zimmer wie ein Rasender.

Man spürt, wie sehr er sich zusammennehmen muss, um sich nicht auf sie zu stürzen.

Da stehen sie, Auge in Auge. Wie nach dem Duell tauschen sie einen langen Blick.

Zeitgleich gehen sie einen Schritt aufeinander zu. Bleiben stehen. Schauen sich an.

Er geht auf sie zu, beginnt seine Umwerbung. Umfängt ihren Leib mit seinen Armen, ohne sie zu berühren. Er geht vor ihr zu Boden. Er ehrt sie. Endlich.

Zu spät. Sie will nicht. Sie weiß, wohin das führen würde, wenn sie auf ihn einginge. Sie hat ihn durchschaut, seit damals.

Voll köstlicher Hin-und-Her-Avancen ist dieser Pas de deux, der zu den berühmtesten der Ballettgeschichte zählt. Ein Kuss auf die Schulter von hinten macht sie fast wahnsinnig vor ungewolltem Glück.

Seine Hebungen sind so stark und entschieden wie damals in ihrem Traum.

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Der doppelte „Hexensprung“ ist ein zweifacher Höhepunkt in „Onegin“ – hier die hingebungsvolle Elisa Carrillo Cabrera, an den Händen von Mikhail Kaniskin. Foto: Carlos Quezada

Aber seine Führungen sind noch um vieles geschmeidiger… er entlockt ihrem Körper die herrlichsten Spannungen und Entspannungen.

Sie beugt sich zurück, sie weicht ihm aus, ergibt sich aber zugleich teilweise seinem stürmischen Drängen.

Oh, wie schön wäre es, frei von aller gesellschaftlicher Verantwortung zu sein!

Welche Lust wäre es, ihm vertrauen zu können.

Doch immer wieder reißt sich Tatjana aus der Verführungsfaszination heraus.

Es gelingt ihr, ihm klar zu machen, was er ist, was er war: ein rücksichtsloser, dummer Chauvinist, dem eine Frau mit Herz besser aus dem Wege geht.

Und sie gönnt sich eine wörtliche Rache: Sie gibt ihm seinen Brief wieder, sie zerreißt ihn, so wie er es damals mit ihren Liebesschwüren gemacht hat, vor seinen Augen.

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Obligatorisch in „Onegin“: Die akkurat geweißten Scheitel der Damen vom Corps, hier mit ihren Kavalieren beim anmutigen Schlussapplaus. Foto: Gisela Sonnenburg

Sie sagt ihm so, dass er nichts wert ist. Seine Gefühle – null und nichtig. Und sie zittert fast dabei.

Er nimmt auch diese Demütigung an wie ein notgeiler Esel.

Sie kann ihn nun noch so beschimpfen, noch immer mehr, es würde sein Verlangen nach ihr nur noch steigern.

Doch sie sagt Adieu.

Sie weist ihm die Tür. Er überzeugt sie nicht. Sie liebt ihn, aber sie behält den Kopf oben.

Wie ein Wahnsinniger stürmt er von dannen.

Wird er wiederkommen? Wann?

Wir wissen es nicht. Tatjana weiß es nicht. Sie fürchtet, ihre große Liebe könnte sie erneut verzaubern und ihr Leben restlos zerstören.

Aber wir! Wir hoffen – also wir in Berlin – dass nur die kommende Spielzeit frei von Onegin sein wird.

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Auch das Corps de ballet vom Staatsballett Berlin hat den stürmischen Applaus nach „Onegin“ verdient. Wann er wohl wieder auf den Berliner Spielplan zurückkehrt? Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Zumal die Inszenierung im Berliner Outfit von Elisabeth Dalton– der Originalausstattung von Jürgen Rose nachempfunden – sehr schön zum SBB passt. Und weil das Corps de ballet in „Onegin“ atemberaubend edle, aber auch mitreißend-volkstümliche Szenen zu tanzen hat, gibt es keinen Grund, dieses Brillanzstück länger als eine Spielzeit vom Publikum fern zu halten.

Der gebürtige Moskowiter und am Bolschoi ausgebildete Mikhail Kaniskin indes wird danach das Staatsballett Berlin verlassen. Gestern war sein letzter Abend als Berliner Onegin – womöglich wird man dereinst nach Mexiko fliegen, um ihn dort Tatjanas Liebe, die Liebe von Elisa Carrillo Cabrera, fühlen zu sehen.
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

 

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