Romantik im blühenden Grün Das Staatsballett Berlin begeisterte mit einer öffentlichen Bühnenprobe für „La Sylphide“ von August Bournonville in der Deutschen Oper Berlin

"La Sylphide" ist echt dänisch

Entzückend: Maria Kochetkova als „La Sylphide“ und Daniil Simkin als James auf der Bühnenprobe am 18.02.2019 in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Der dänische Choreograf August Bournonville (1805-1879) war ein Tausendsassa. Er bereiste Europa, um Inspiration zu finden, und das französische Ballett „La Sylphide“ von Adolphe Nourrit (Libretto) und Filippo Taglioni (Choreografie) – nach einer Novelle von Charles Nodier – das er in Paris sah, wo es 1832 unter großer Anerkennung uraufgeführt worden war, faszinierte ihn so sehr, dass Bournonville für seine Kopenhagener Tänzer eine maßgeschneiderte choreografische Nachdichtung ersann. Er bestellte sich bei Herman Løvenskjold Musik, die dem Original von Jean Schneitzhoeffer nachempfunden war, und 1836 premierte die dänische Version von „La Sylphide“ – sie ist bis heute international erfolgreicher als das Pariser Vorbild. Jetzt bereitet das Staatsballett Berlin (SBB) mit dem dänischen Gastcoach Frank Andersen die Berliner Premiere der Rekonstruktion vor. Sie ist für den 1. März 2019 angesagt. Mit einer öffentlichen Bühnenprobe in der Deutschen Oper Berlin machte das SBB dem interessierten Publikum so richtig Appetit: eine hervorragende Idee zeitigte ein hervorragendes Resultat. Die Stars Maria Kochetkova und Daniil Simkin, Polina Semionova und Alejandro Virelles, außerdem Aurora Dickie, Arshak Ghalumyan sowie das Corps de ballet unter Verstärkung von Studentinnen der Staatlichen Ballettschule Berlin erwecken das urromantische Ballett, das um eine tragisch endende Elfe im schottischen Hochland kreist, zu neuem Leben.

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Die kostenlosen Eintrittstickets waren rasch vergeben, zumal einige Parkettreihen in der Deutschen Oper frei bleiben mussten, damit die Zugänge und die Sicht vom Regiepult aus nicht behindert wurden. Barbara Schroeder und Christine Camillo, beide langjährig erfahrene SBB-Ballettmeisterinnen, konnten so die Übersicht übers große Ganze behalten.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Die Sylphide stirbt in Schönheit: Maria Kochetkova in den Armen von Daniil Simkin auf der Bühnenprobe in der DOB. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Bühne ist zu einer blühenden Waldlandschaft mutiert. Naturalistisch gemalte, fast naiv anmutende Kulissen beschwören ein Forsterlebnis, das man immer seltener in freier Natur bekommen kann. Viele verschiedene Kräuter, Büsche, Gräser wuchern zwischen den hohen Laubbäumen, die vor allem an Linden erinnern. Dass täglich Blühwiesen vernichtet und planiert werden, damit immer noch mehr Menschen Platz haben oder immer noch mehr Mais in Monokultur angepflanzt wird, ist ein trauriges Wissen, dass einen ohnehin überallhin begleitet, wenn man die Augen und Ohren nicht nur vor der Wahrheit verschließt.

Da muss man manchmal tatsächlich in die Oper gehen, um einen unbeschadet wachsenden Wald zu sehen.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Die Sylphiden proben nicht den Aufstand, sondern die zierlichen Posen, die August Bournonville für sie vorsieht: Das Staatsballett Berlin, komplettiert von der Staatlichen Ballettschule Berlin, auf der Probe in der DOB. Foto: Gisela Sonnenburg

Im Hintergrund sind die Highlands auf den Bühnenhorizont gemalt: Das schottische Hochgebirge verströmt von weitem die Poesie der ewigen Hänge.

In zwei Besetzungen wird nun „La Sylphide“ geprobt, und SBB-Ballettmeister Tomas Karlborg und der Bournonville-Experte Frank Andersen haben allerhand damit zu tun, die tanzenden Künstler zu beobachten und zu korrigieren, außerdem aber auch noch dem Publikum zu erklären, worum es jeweils geht.

"La Sylphide" ist echt dänisch

„La Sylphide“ überlebt das Stückende nicht. Die zarte Fee stirbt durch die Rache der Hexe Madge. Hier Maria Kochetkova und Daniil Simkin mit dem Staatsballett Berlin auf der Bühnenprobe. Foto: Gisela Sonnenburg

Frank Andersen, Jahrgang 1953, ist ein weltweit begehrter Spezialist, wenn es um die rund zehn erhaltenen Bournonville-Ballette geht. Frank ist gebürtiger Däne und wurde in Kopenhagen zum Tänzer ausgebildet. Und zwar von hochrangigen Lehrern, die jeder für sich heute bereits Legenden sind: von der Russin Vera Volkova und von dem Briten Stanley Williams.

Seit 1971 war er als Ballerino beim Royal Danish Ballet engagiert, dessen Künstlerischer Leiter er ab 1985 wurde. Damals hatte er bereits reichlich Tournee-Erfahrung gesammelt und war versiert darin, den Bournonville-Stil auch im Ausland zu vermitteln. Für einige Jahre leitete er dann das Royal Swedish Ballet, kehrte aber nach Kopenhagen zurück. Seit 2008 arbeitet er freiberuflich, coacht die Bournonville-Tänze in aller Welt.

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Coach Frank Andersen aus Kopenhagen probt mit Berlins Ballerino Daniil Simkin für „La Sylphide“: Mimik und Gestik müssen dabei aufeinander abgestimmt und auch zeitlich koordiniert werden. Foto aus der DOB: Gisela Sonnenburg

Er ist ein sympathischer, aber auch strenger Mensch, und seine kosmopolitische Freundlichkeit täuscht nicht darüber hinweg, dass er ganz genau weiß, wo er die ihm anvertrauten Tänzerinnen und Tänzer künstlerisch hinbringen möchte.

Andersen hat zur Unterstützung seine Gattin Eva Kloborg– eine ehemalige dänische Primaballerina – und seinen Sohn Sebastian mitgebracht, zudem seine junge Assistentin Anne Marie Vessel Schlüter.

Auch die musikalische Leitung der Premiere wird fest in dänischer Hand sein: Henrik Vagn Christensen hat als Ballett-Dirigent bereits einige Jahre Erfahrung, der 1963 Geborene begleitete schon in Kopenhagen, New York City und Stockholm Ballettaufführungen, aber auch am Mariinsky Theater in Sankt Petersburg.

Man darf sich also auch auf akustische Delikatheit freuen!

Bei der Bühnenprobe besorgte der versierte Repetitor Peter Hartwig den passenden Klang, aus dem Orchestergraben heraus ertönten die runden Harmonien der Løvenskjold’schen Musik.

Manchmal musste Andersen ihn um mehr Tempo bitten – aber zumeist klappte die Harmonie von Tanz und Musik vorzüglich.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Die zarte Maria Kochetkova lauscht – das Lauschen gehört zu den typischen Posen einer Sylphide, es findet sich auch in „Les Sylphides“ („Chopiniana“) von Mikhail Fokine – und bezeichnet die Hellhörigkeit dieses luftigen Wesens. In der DOB auf der Probe fotografiert von Gisela Sonnenburg

Maria Kochetkova– eine Freundin von Polina Semionova, die beiden kennen sich als gebürtige Moskowiterinnen noch von der Ballettschule – ist mit ihrer zierlichen Figur eine geborene Sylphide: Sylphiden oder auch Sylphen sind der Sage nach Luftgeister, die besonders fein und filigran, flugfähig und von verwirrender Schönheit sind.

Sie gelten als Elementar- und Naturgeister, sind menschenähnlich, aber: Sie haben keine Seelen.

Es gibt im Reich der Legenden übrigens auch männliche Ausgaben, etwa Ariel, den blitzschnellen Luftgeist. Aber im Ballett „La Sylphide“ sind alle Sylphen weiblich, und das Corps de ballet ist das erste Ballet blanc der Ballettgeschichte.

Sie stehen und schreiten in ganz bestimmten Posen, halten die Hände entweder vornehm aufgestellt oder berühren mit der einen Hand den anderen Ellenbogen an der Innenseite, um die zweite Hand senkrecht nach oben gestreckt zu zeigen.

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James und die Sylphiden bei ihrer nächtlichen Zusammenkunft im Wald – auch im Probenlicht entfaltet sich der Zauber… Foto aus der DOB von der Bühnenprobe zu „La Sylphide“ mit Daniil Simkin und dem Staatsballett Berlin: Gisela Sonnenburg

Das Luftige an ihnen ist das Bezaubernde; aber auch ihre Seelenlosigkeit ist verführerisch, denn eine Sylphide (auf Dänisch: „Sylfiden“) hat zumindest in der Literatur keine Skrupel, keine emotionalen Probleme, keine Bedenken, kennt keine Konventionen.

Wünsche und Lüste hat sie allerdings sehr wohl, insofern ist die Sylphide gar nicht seelenlos.

Aber, und das soll im christlichen Wertesystem die Vorstellung von „seelenlos“ bezeichnen, sie trägt keine Unsterblichkeit und keine moralische Verantwortlichkeit in sich.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Wenn die Sylphide stirbt, tragen ihre Schwestern sie davon… so in der DOB auf der Probe zu „La Sylphide“ mit dem Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Wenn sie stirbt, stirbt sie ganz, nichts bleibt von ihr – und sie wird auch in kein höheres Jenseits transponiert, sondern verschwindet letztlich mit ihrer körperlichen Hülle, sie wird sich auflösen.

Der schottische Bauernsohn James – in dieser Version ist er adlig, also ein Landjunker – weiß all dieses über die Sylphide aber nicht.

Ihm begegnet die schöne Fee – als solche tritt sie hier in Erscheinung – kurz vor seiner Hochzeit mit der bodenständigen Effie.

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Polina Semionova in typischer Sylphiden-Pose: sprungbereit, sinnlich, sanftmütig. Verführerisch! Foto aus der DOB von der Bühnenprobe zu „La Sylphide“: Gisela Sonnenburg

Und dieses fremde Wesen ist so verlockend!

Hin- und hergerissen fühlt James sich, zwischen der realen Frau, die er heiraten soll, und dem flirrenden Luftgeist, von dem nicht mal ganz klar ist, ob er oder sie überhaupt existiert.

Frank Andersen betont bei den Proben, dass es im Vagen bleibt, ob „La Sylphide“ eine real existierende Person ist oder nur ein Traumgespinst, eine Ausgeburt der Fantasie von James.

Wäre sie nur eine Chimäre, so könnten hinter ihr womöglich Ängste und Abwehrmechanismen in Bezug auf die bevorstehende Ehe stecken.

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Das Problem mit der hinreißenden Sylphe ist außerdem, dass sie James zwar umgarnt und umwirbt und ihn zum Stelldichein in den Wald lockt.

Aber immer, wenn er sie anfassen will, entflieht sie ihm.

Sie kann fliegen, dank kleiner Libellenflügel auf ihrem Rücken.

Aber sie tanzt eben auch so charismatisch flink und fein und quicklebendig, dass sie ihm auch am Boden flugs entkommen kann.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Der Jüngling nähert sich im Wald dem weiblichen Mirakel: Alejandro Virelles probt anmutig den James für „La Sylphide“ beim Staatsballett Berlin. Foto aus der DOB: Gisela Sonnenburg

James ist ratlos. Und wird immer schärfer auf dieses süße Mädchen…

Es scheint, dass er darüber den Boden unter den Füßen verliert.

Seine nächste wichtige Begegnung ist die mit der Hexe Madge.

Madge kann in der Bournonville-Fassung sowohl männlich als auch weiblich besetzt werden. Sie ist keine liebe alte Kräuterhexe, sondern steht in der Tradition der ultrabösen Märchenhexen, wie es sie auch schon bei den Gebrüdern Grimm und, noch früher, bei William Shakespeare in dessen „Macbeth“ gibt.

So lieblich und leicht die Sylphide ist, so bitterböse und schlecht zu Fuß ist Madge.

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Aurora Dickie als Madge, hier auf der Probe in der Deutschen Oper Berlin zu „La Sylphide“ in einer kurzen Verschnaufpause.  Foto: Gisela Sonnenburg

Arshak Ghalumyan als Madge: Schwarze Magie dräut im Kessel… so gesehen auf der Bühnenprobe zu „La Sylphide“ in der DOB von Gisela Sonnenburg

Aurora Dickie und Arshak Ghalumyan tanzen sie in den alternativen Besetzungen; beide rühren mit Inbrunst in einem Riesenkessel herum, um dort ein Gebräu und einen Schal mit Zauberkraft anzufertigen. Der Schal ist fatal: Er soll das Leben der Sylphide beenden, denn Madge ist neidisch auf deren Schönheit und eifersüchtig auf die Liebe, die James empfindet.

Außerdem will sie sich an James rächen. Denn als sie seiner Verlobten prophezeite, diese würde mit einem anderen jungen Mann glücklich, nicht mit James, wurde er etwas ungemütlich.

Das tragische Schicksal nimmt seinen Lauf.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Die brave Sylphide holt ihrem Verehrer frisches Quellwasser, damit er ihr den Schal schenkt: Polina Semionova und Alejandro Virelles auf der Bühnenprobe. Foto: Gisela Sonnenburg

Als James die Sylphide mit dem Schal als Geschenk überrascht, ist diese ganz aus dem Häuschen vor Freude. Unbedingt will sie das fein schimmernde Gespinst haben.

James legt es ihr um, umwickelt ihren schmalen Leib damit – und die Sylphide verfällt sofort in einen Sterbensprozess.

Ihre Flügel brechen ab… und wenn ein so freiheitlich gesonnenes Mädchen seine Flügel verliert, dann ist ihr Tod nahe.

"La Sylphide" ist echt dänisch

James ist entsetzt: Es geht seiner Sylphide gar nicht mehr gut. Foto von der Bühnenprobe mit Polina Semionova und Alejandro Virelles: Gisela Sonnenburg

Zitternd und bibbernd vor innerer Kälte tanzt die Sylphide ein letztes Mal. Und sie ruft ihre Schwestern, die anderen Sylphiden, herbei. Ihren Reigen will sie um sich haben, wenn sie stirbt.

James ist erschüttert. Fühlt sich hilflos. Unfähig. Schuldig. Ach, könnte er doch die Zeit zurückdrehen und den Schal der Hexe ablehnen!

Arshak Ghalumyan als Madge: Schwarze Magie dräut im Kessel... so gesehen auf der Bühnenprobe zu "La Sylphide" in der DOB von Gisela Sonnenburg

Daniil Simkin als James: Er muss erkennen, dass er Madge zu Unrecht vertraut hat… Foto von der Bühnenprobe „La Sylphide“ von der DOB: Gisela Sonnenburg

Wie konnte er nur so naiv sein und Madge vertrauen.

Jetzt stirbt die elfenhafte junge Frau. Als La Sylphide ihr Leben ausgehaucht hat, wird sie von den anderen Luftgeistern feierlich davon getragen. Es ist, als würden diese Mädchen die Schönheit und Güte in Person bestatten müssen.

James ist aufgewühlt, zerknirscht, so unglücklich wie noch nie in seinem Leben.

Doch bevor er Madge zur Rede stellen kann oder sich gar an ihr rächen, schaltet diese ihn bereits aus. Zuerst betäubt sie ihn, dann rüttelt sie ihn noch einmal wach, damit er sich an sein unschuldiges Schuldigwerden erinnert, und dann lässt sie ihn sterben.

Arshak Ghalumyan als Madge: Schwarze Magie dräut im Kessel... so gesehen auf der Bühnenprobe zu "La Sylphide" in der DOB von Gisela Sonnenburg

Als die Flügel abbrechen, ahnt James, dass etwas nicht stimmt mit dem Schal. Maria Kochetkova und Daniil Simkin proben „La Sylphide“ von Bournonville in der DOB. Foto: Gisela Sonnenburg

Armer James! Er hat nicht einmal, wie später Solor oder auch Prinz Siegfried, die Hoffnung, seine Geliebte in der jenseitigen Ewigkeit wiederzusehen.

Und Effie, seine Verlobte, hat sich schnell getröstet – sie feiert fröhlich Hochzeit, während die übergroße Liebe, die bei der Sylphide und James den Himmel und die Erde zu verbinden mochte, nur noch in unseren Gedanken lebt.

Es ist ein entzückendes Ballett, und dass es zudem als der erste bedeutende Auftritt einer Ballerina in Spitzenschuhen gilt – mit Marie Taglioni als „La Sylphide“ in Paris – feuert einen nur noch mehr an, es sich mindestens in einer der drei Berliner Besetzungen anzuschauen.

Arshak Ghalumyan als Madge: Schwarze Magie dräut im Kessel... so gesehen auf der Bühnenprobe zu "La Sylphide" in der DOB von Gisela Sonnenburg

Daniil Simkin als James – seine Sylphide zittert und ist halb blind ohne ihre Flügel, ihr Tod naht in großen Schritten. Foto von der Bühnenprobe: Gisela Sonnenburg

Als Vorläuferballett für „Giselle“, welches das nächtliche Ballet blanc übernommen hat, zusätzlich aber auch noch starke sozialkritische Aspekte eingebracht hat, ist es zudem für die ballettgeschichtliche Bildung unverzichtbar.

Frank Andersen und seine Gattin werden außerdem dafür sorgen, dass das Berliner Publikum den dänischen Ballettstil genießen darf.

Anders als etwa in der russischen oder französischen Ballettschule sind die Gesten und Schritte nicht möglichst groß, sondern möglichst klein gehalten. Sie sind gut zu erkennen, aber eben nicht ausladend.

Der Tanzstil ist flink und quick, superschnell, raffiniert bis verzwickt, und der Oberkörper schaukelt oft als Gegengewicht zu den Beinen, wenn es um Bewegungen auf dem Platz geht.

"La Sylphide" ist echt dänisch

La Sylphide weiß, dass sie sterben wird: Maria Kochetkova und Daniil Simkin auf der Bühnenprobe in der DOB. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Pantomimen, die hier reichlich vorhanden sind, richten sich nach der dänischen Grammatik: „Ich dich lieben“ heißt es da, und der Geste, die auf die eigene Brust zeigt, folgt der Fingerzeig auf das Herz der Geliebten, bevor das Verb „lieben“ gestikuliert wird.

Auch beim Springen gibt es andere Präferenzen als in anderen Stilen: Die Höhe ist nicht das Wichtigste, sondern die Stimmigkeit der Linien – und natürlich das weiche, sanfte, möglichst lautlose Landen. Dabei liegt der Akzent der Bewegung im Dänischen nicht auf dem höchsten Punkt in der Luft, wie Frank Andersen erklärt, sondern am Boden. Ein durchaus großer Unterschied, der den Tänzern Bescheidenheit und Anmut zugleich verleiht.

Das Staatsballett Berlin und die Berliner Besetzungen der beiden Hauptfiguren arbeiten nun weiter auch ohne Publikum an der Vervollkommnung ihrer dänischen Tanzkünste:

"La Sylphide" ist echt dänisch

Kein Bühnentod ist endgültig: „La Sylphide“ Maria Kochetkova und ihr James Daniil Simkin proben gutgelaunt noch eine Weile bis zur Premiere. Foto aus der DOB: Gisela Sonnenburg

Es sind Maria Kochetkova als Gast zusammen mit Marian Walter (der für den leider verletzten Daniil Simkin – gute Besserung! – einspringt) für die Premiere am 1. März 2019 und, nach derzeitigem Kenntnisstand, Polina Semionova als ständiger Gast mit Alejandro Virelles für Vorstellungen ab dem 3. März 2019 – und dann Luciana Voltolini mit Marian Walter ab dem 26. April 2019. Die Termine bitte kurzfristig verifizieren!

Für Luciana ist es die erste „Riesenrolle“, die sie in Berlin tanzen wird; die Demi-Solistin, die aus Brasilien stammt, fiel schon oftmals so positiv auf, dass man ihr „La Sylphide“ gern zutraut. Toitoitoi – und das gilt natürlich für alle!

P.S. Iana Salenko, die sonst sicher an ihrer statt eine Besetzung der Titelrolle gewesen wäre, befindet sich aus ganz bestimmten Gründen derzeit nicht im Job; wir wünschen auch ihr, die sich entschieden hat, ein zweites Mal Mutti zu werden, alles Gute!

Warum indes der für die männliche Hauptpartie wie gemachte Dinu Tamazlacaru nicht als James besetzt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis – eine Schwangerschaft darf ganz sicher ausgeschlossen werden, auch wenn James, in welcher Besetzung auch immer, im traditionellen Schottenrock, dem Kilt, tanzen wird.

"La Sylphide" ist echt dänisch

Unwiderruflich restlos verstirbt „La Sylphide“, in der Literatur ohne Hoffnung auf ein Jenseits. James fleht dennoch… Daniil Simkin und Maria Kochetkova auf der Bühnenprobe in der DOB. Foto: Gisela Sonnenburg

Also auf zur neuen Berliner „Sylphide“ – und wer noch Eva Evdokimova, einst die Grande Dame des klassischen Balletts in West-Berlin, in dieser Partie vor Augen hat, wird jetzt umso lieber in die Deutsche Oper Berlin kommen, um zu schauen, was sich alles verändert hat oder auch geblieben ist, wie es sein muss.

Das gilt natürlich auch für alle, die sich an die Bournonville-Version von „La Sylphide“ in der Inszenierung von Peter Schaufuss erinnern: Auch sie premierte (2008) in der Deutschen Oper Berlin, mit der feingliedrigen Japanerin Shoko Nakamura in der Titelrolle.

P.S.S. Einen Dänischkurs zu buchen, ist meiner Einschätzung nach nicht notwendig, aber um sich auf die lieblich-niedliche, klassisch-romantische Ästhetik von August Bournonville einzulassen, sollte man die etwa vorhandenen Brillengläser unbedingt gut geputzt haben. Dann lockt ein Tanzvergnügen, das es nicht alle Tage gibt!
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

 

 

 

 

 

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