Die Liebe wird uns helfen Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

"Giselle" beim Staatsballett Berlin mit Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru

Applaus fürs Staatsballett Berlin nach „Giselle“ am 29.10.20 in der Staatsoper Unter den Linden: Yolanda Correa in der Titelrolle, Dinu Tamazlacaru als Albrecht, Aurora Dickie als Myrtha und das Ensemble. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Wenn diese Giselle in ihrem gelben Röckchen und mit einem unbeschreiblich lieblich-schelmischen Lächeln im Gesicht auf die Bühne der Staatsoper Unter den Linden in Berlin tänzelt, gehört ihr flugs die ganze Welt der Herzen: Yolanda Correa, die neue hauptstädtische Titelheldin des romantischen Klassikers „Giselle“, ist eine Sensation. Sie verleiht der nicht eben neuen Inszenierung durch Patrice Bart einen eleganten Schwung, neue Grazie und vor allem neue Nuancen der Interaktion. Endlich ist Giselle mal nicht von Beginn an ein Opfer, das arglos in jede Liebesfalle tappt! Yolanda Correa, die gebürtige Kubanerin mit dem hohen Faktor an Geschmeidigkeit, aber eben auch einem speziellen Talent fürs Schauspielen im Ballett, spielt die Trümpfe der Choreografie voll aus. So ergibt sich durch ihr Spiel das Bild eines Dorfmädchens, das nicht in erster Linie naiv oder sogar dümmlich ist, sondern das genau weiß, dass es ohne seinen Charme keinerlei Chancen hätte. Hier kokettiert Giselle nicht, weil sie ein Flittchen von Natur aus sein soll. Sondern weil sie durch ihre niedrige soziale Stellung keine andere Möglichkeit hat, sich ein bisschen Lebensfreude zu verschaffen! Bei Yolanda Correa sieht man mal, was eine Tänzerin alles zeigen kann, ohne sich auf die Kulisse verlassen zu müssen. Wobei die Hütte, die ihr Zuhause ist, ihr tatsächlich zuspielt: Hübsch, aber in sehr einfachen Verhältnissen ist Giselle, dieses außergewöhnliche Mädel von großer Sinnlichkeit, offenkundig aufgewachsen. Und dabei hat sie so eine edle, ja erhabene Seele! Die zeigt sich vor allem im zweiten Akt, der bei Nacht und Nebel mit spirituellem Flair im Wald spielt. wenn auch Dinu Tamazlacaru als ihr Albrecht tänzerisch wie emotional absolut voll aufdrehen darf. Er ist seit Jahren nicht nur für mich der Berliner Albrecht per se, darum erhält er auch Szenenapplaus beim Ersterscheinen im Stück: mit seinem anrührenden Schauspiel, mit fantastischen Sprüngen, mit sehr erhabenen Balancen und ganz ohne zirkushaftes Gehabe begeistert er immer wieder aufs Neue. Dieser vor Charme nur so strotzende Albrecht hat Seele, er ist ein Verführer und Verführter, der sich zuerst hinreißen ließ und dann bereuen muss. Das funktioniert mit der nicht nur naiven Yolanda Correa als Partnerin ganz hervorragend. Wir dürfen – zumal Yolanda und Dinu bereits eine fantastische Gala-Performance als Bühnenpaar im Schwarzen-Schwan-Pas-de-deux hinlegten – also nunmehr von einem neuen Dreamteam beim Staatsballett Berlin sprechen! Wer das nicht glauben will, muss bis Dezember warten, um sich vom Gegenteil zu überzeugen, denn der November-Lockdown lässt die Oper schließen. Aber dann! Vorerst beziehen wir einfach aus der Erinnerung viel Kraft: Die Vorstellung am 29. Oktober 2020 in Berlin war schlichtweg Kult.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Corona kam und wird auch wieder gehen – die Liebe aber bleibt! Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru beim Schlussapplaus nach „Giselle“ mit dem Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Corona-Regeln sollten hingegen von der realen Bevölkerung sinnvoller umgesetzt werden, als das bisher der Fall ist. Um daran zu erinnern, trug ein Teil der Comparserie in „Giselle“ im ersten Akt schwarze Alltagsmasken – ein interessanter Kontrast zu ihren gelbgoldenen Prunkgewändern im Renaissance-Stil. Insofern kann also auch Ballett aktuell Aufklärungshilfe leisten.

Es war die 85. Vorstellung seit der Berliner Premiere dieser Inszenierung im Jahr 2000. Anders als zuletzt in München beim Bayerischen Staatsballett wird hier aber keine – wegen der Corona-Schutzmaßnahmen – gekürzte Version gezeigt, sondern die Langversion von 2 Stunden und 20 Minuten, unterbrochen von einer normalen Theaterpause.

Da das Gebot der Mund-Nasen-Bedeckung für das zudem im Schachbrettmuster sitzende Publikum während des gesamten Aufenthalts im Opernhaus gilt, dürfte die Infektionsgefahr bei zivilisiertem Benehmen gen Null tendieren. Es ist ja denn auch bis heute kein einziger Fall dokumentiert, bei dem sich ein Mensch als Zuschauer(in) in einem Theater, Konzertsaal oder Opernhaus mit Corona angesteckt haben soll.

Das liegt sicher auch daran, dass man im klassischen Hochkulturbereich keinen Alkohol während der laufenden Vorstellung trinkt, kein Popcorn oder andere Snacks nascht, nicht knutscht, nicht kuschelt und nicht mitsingt und auch keine sich gegenseitig anfeuernden Zwischenrufe macht.

Die sonst im Ballett üblichen Bravo-Rufe und das Johlen werden derzeit nur vereinzelt und sehr verhalten in die Mund-Nasen-Bedeckung hineingenuschelt; man merkt, dass das klassisch orientierte Publikum sich der Gefahr bewusst ist und sich durchaus entsprechend zu benehmen weiß.

Infektionsschutz und Disziplin haben möglicherweise auch etwas mit Bildung zu tun.

So vermisst man bislang allgemeine mediale Aufklärungscampagnen der Bundesregierung im Stil von Werbung, die immer wieder deutlich und mit guter Laune zeigen sollten, dass man auch mit Masken Spaß am Leben haben kann.

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„Giselle“ Yolanda Correa mit Dinu Tamazlacaru als Albrecht: Beide sind bravourös und bilden zusammen das neue Traumpaar der Ballettbühne in der Hauptstadt. Foto vom Schlussapplaus beim Staatsballett Berlin: Gisela Sonnenburg

Die dringende Notwendigkeit des Händewaschens mit Seife sowie das Einhalten achtsamer Distanzen auch im Privatbereich bis in die Familie hinein ist vielleicht auch noch nicht bis in jeden Winkel der Republik gedrungen.

Über 80 Prozent der Infektionen ereignen sich im heimischen Bereich! Dagegen muss noch etwas getan werden.

Nur zur Anregung: Man könnte in Clips und auf Plakaten ruhig mal zeigen, dass man sich auch daheim mit Abständen auf Sitzen und an Tischen wohl fühlen kann, das hat sogar sein Gutes. Es müssen sich nämlich nicht mehr vier oder fünf Leute auf ein vermeintlich großes Sofa quetschen. Lieber holt man zwei Klappstühle hinzu und übt zugleich mit seinem Rücken die aufrechte Sitzhaltung. Junge Leute sitzen zudem gern auf einem Kissen am Boden – sie können sich also problemlos relativ weiträumig in den Wohnzimmern verteilen.

Und beim Essen und Trinken herrscht bitte neuerdings ganz normalerweise besondere Vorsicht, wie man es auch in gepflegten Restaurants schon oftmals beobachten konnte: Man muss nicht mit vollem Mund sprechen. Wenn man selbst kaut, darf jemand anderes am Tisch reden! Speicheltröpfchen sind heutzutage nun mal nicht mehr harmlos, auch nicht, wenn sie von der Verwandtschaft, von Freunden oder von Kollegen kommen.

Dass hingegen das winterliche Outdoor als sicher gilt, ist so eine Sache: Der Virus fühlt sich desto wohler, desto kälter es ist. Bei nächtlichen Temperaturen kurz über dem Gefrierpunkt kann es sich viel besser vermehren als etwa bei 20 Grad. Und was sich an Viren einmal stark vermehrt hat, vermehrt sich weiter. Von daher war ich nicht überrascht, dass die Infektionszahlen mit Sinken der Temperaturen hierzulande drastisch angestiegen sind.

Eine höhere Konzentration der Viren im Speichel ist natürlich hochgefährlich im Sinne der Ansteckungen. Darum muss der Abstand zwischen Menschen auch draußen derzeit nochmals als notwendig betont werden.

Jetzt aber schnell zurück ins Opernhaus und endlich wieder in die weit geöffneten Arme von „Giselle“!

Die Ouvertüre mit der Musik von Adolphe Adam von 1841 stimmt das Publikum ein: auf dramatische Gefühlslagen.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Dirigent Ido Arad beim Schlussapplaus auf der Bühne nach „Giselle“ beim Staatsballett Berlin am 29.10.20 – mit dieser Musik im Ohr wird sich der kommende Lockdown besser überleben lassen. Foto: Gisela Sonnenburg

Dirigent Ido Arad hat mit der Staatskapelle Berlin hörbar exakt geprobt, damit das Zusammenspiel der Musiker(innen) hier ein optimal aufregendes Ergebnis ergibt. So lässt er die leisen Passagen wirklich sehr fein zurückgenommen spielen, während die bombastischen Akkorde mächtig und wie ungebremst wirken dürfen. Man merkt sofort: Mit diesem Stück „Giselle“ kommen große Gefühle auf uns zu!

Das Orchester befindet sich dazu wagnerianisch unter dem geschlossenen Bühnenboden – eine Maßnahme, die einen ganz rund perlenden Klang erzeugt. Richard Wagner schrieb diese Anordnung für sein Bayreuther Opernhaus ja vor, und auch in Berlin hat diese Vorgehensweise Vorteile.

Wenn sich der Vorhang öffnet, befinden wir uns szenisch in einem Dorf, das wohl im Elsass liegt. Im Hintergrund ist ein Wald angedeutet; muntere Jungs kommen herein und zeigen uns mit tollkühnen Sprüngen ihre Ausgelassenheit. Ihre Mädchen wiegen sich in Walzerschritten, ebenfalls in Festtagsstimmung. Denn es ist Erntedankfest, und das Dorf wird von Winzern besiedelt.

Das Bühnenbild von Peter Farmer suggeriert die Gelassenheit eines Indian Summer, und die figurbetonten Kostüme hat Farmer dem angepasst. Es dominieren gelbliche Farben.

Dinu Tamazlacaru, gebürtige Moldawier, stürmt als Albrecht mit wehendem roten Vorhang auf die Bühne. Applaus, denn dass hier ein bedeutender Ballerino kommt, sieht man auch, wenn man ihn noch nicht kennt. Seine Präsenz, sein In-der-Rolle-Sein, auch sein attraktives Aussehen – all das summiert sich zu einer Figur voller Leidenschaft.

Und der junge Mann hat etwas vor. Seinem Knappen Wilfried (sehr adrett: Nikolay Korypaev) gegenüber schwärmt er gestisch-mimisch von der hübschen Giselle vor, deren Gesicht ihm ebenso gefällt wie dem Wildhüter Hilarion. Albrecht ist so sehr in sie verliebt, dass ihm gar nicht der Gedanke kommt, irgendetwas an seinem eigenen Verhalten sei nicht ganz in Ordnung. Aber er nähert sich der Schönen mit einer falschen Identität!

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Fabelhaft: Yolanda Correa vom Staatsballett Berlin als „Giselle“ beim Schlussapplaus. Kunst, wie sie nur von großartigen Künstler(inne)n kommen kann! Foto: Gisela Sonnenburg

Und da ist sie auch schon: Mit fliegendem Rock kommt Giselle aus ihrer Hütte. Die Musik spendiert ihr freundliche Walzerklänge, und mit einer Runde Ballonés entgegen dem Uhrzeigersinn macht Giselle klar, wer sie ist: ein unkonventionelles, eigenwilliges, äußerst anziehendes Girl.

Ach, und da ist Albrecht! Er hat ihr aufgelauert… Sanft drängend versucht er, sie zu vereinnahmen. Er hat gute Karten dabei. Sie ist ja schon so verliebt in seine schönen Blicke!

Die Chemie zwischen Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru ist einzigartig. Man hat das Gefühl, dass sie jederzeit miteinander gemeinsam atmen. Ganz synchron tanzen sie bestimmte Schritte, so selbstverständlich, als sei es anders gar nicht denkbar!

Dabei belügt der gut aussehende Mann die empfindsame Schönheit. Er gibt sich als einfacher Bursche aus dem Nachbardorf aus und verschweigt ihr, dass er der Herzog ist.

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Dinu Tamazlacaru als erst sündiger, dann bereuender Albrecht in „Giselle“ beim Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Strategie des Adels, junge Mädchen von geringem Stand zu verführen, zu schwängern und sitzenzulassen, ist keineswegs neu. Albrecht reiht sich damit in eine traurige Tradition ein, die bis ins 19. Jahrhundert hinein zu zahlreichen Selbstmorden, Kindstötungen und auch Hinrichtungen junger verführter Frauen führte.

Patrice Bart siedelt „Giselle“ in Schlesien an, was allerdings nicht zu den französischen Namen der Dörfler passt. Auffallend ist, dass die Adligen im Stück deutsche Namen tragen: Die Region befindet sich also unter deutscher Herrschaft. Schlesien wurde aber erst im 18. Jahrhundert preußisch, und die Kostüme der Adelsgesellschaft im ersten Akt entstammen der Renaissance.

Ursprünglich ist also hier das Elsass gemeint, das immer mal wieder unter deutscher Herrschaft stand, bis es im 17. Jahrhundert an Frankreich ging.

Die soziale Kluft zwischen Albrecht und Giselle ist in beiden Libretti gleich groß: Er gehört zur herrschenden Schicht und ist standesgemäß mit der Tochter eines Prinzen verlobt. Sie hingegen ist das einfache Dorfkind, vermutlich Halbwaise dazu. Und: Giselle hat eine zarte Gesundheit, ist wahrscheinlich herzkrank und erleidet manchmal Schwächeanfälle.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Ausdrucksstark und manchmal fast minimalistisch bis realistisch im Spiel: Yolanda Correa (nach vorn gebeugt) als „Giselle“, hier beim Schlussapplaus mit Dinu Tamazlacaru, Aurora Dickie, Cécile Kaltenbach und dem Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Yolanda Correa greift sich hier nicht ans Herz, sondern fällt in eine Blitzohnmacht. Albrecht muss sie auffangen, sie langsam zu sich kommen lassen. Das ist sehr schön theatralisch gemacht und entbehrt nicht einer gewissen Erotik.

Giselles Mutter Berthe – ausdrucksstark: Weronika Frodyma – warnt sie denn auch davor zu tanzen und sich weiter verführen zu lassen. Sie zeigt auf den Wald: Von dort droht Unheil, denn dort tanzen die Wilis, die Geister der vor der Hochzeit verstorbenen, unehelich verführten Mädchen. Ganz eindrücklich warnt Berthe mit ihrer pantomimischen Gestik.

Nützt das was? – Mitnichten.

Mit großem Spaß und Leichtsinn tanzt und walzert sich Yolanda Correa mit dem schmucken  Dinu Tamazlacaru durch das Fest im Dorf. Sie hat sechs Freundinnen, die die Stimmung anheizen, und vier Bauernpaare sowie zwei Junggesellen machen begeistert mit.

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Wirklich: Man vermisst das große Corps de ballet nicht. Die Stimmung sprüht nur so Funken der Lebenslust, und die Bühne wird raffiniert in ganzer Breite und Tiefe genutzt.

Das liegt daran, dass der choreografische Könner Patrice Bart selbst das Stück für Berlin Corona-gerecht „entrümpelte“, also die Corps-Szenen verkleinerte, und durch seine hier gastierende Ballettmeisterin Raffaella Renzi für eine sorgsame, präzisionsgeprägte, auch im Detail sehr überzeugende Einstudierung sorgen ließ.

Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Albrecht, der liebenswürdige Schwindler, hat einen Rivalen: Alexei Orlenco, der als Wildhüter Hilarion debütiert, ist ein bravouröser Macho, der keinen Zweifel daran lässt, dass er bei Giselle Besitzansprüche anmeldet.

Argwöhnisch beobachtet er Albrecht. Und findet in einer hitzigen Streitszene heraus, dass dieser wohl mal ein Schwert gehabt haben muss, dass er plötzlich ziehen wollte und dabei ins Leere griff. Wer sucht, der findet: Als Hilarion das Schwert des adligen Herzogs versteckt entdeckt, wird ihm klar, dass der Schönling sich verstellt und Giselle verführt hat.

Doch bis dahin gibt es noch viel Tanz! Neben den Hauptpersonen zeigen Yuria Isaka und Dominic Whitbrook im „Bauern-Pas-de-deux“, wie fesch folkloristisches Ballett sein kann.

Der Adel hingegen stolziert und schweigt. Als Jagdgesellschaft nähern sie sich Giselles Hütte, pausieren dort und lassen sich beköstigen.

Giselle bewundert nichtsahnend das prächtige Kleid der Verlobten von Albrecht (Filipa Cavaco). Diese schenkt ihr sogar eine Kette!

Aber als Giselle das Geschenk Albrecht zeigt, reagiert der ganz entsetzt. Woher hat Giselle dieses Schmuckstück seiner Verlobten?

Und der schöne Mann fliegt auf: Er hat sich mit Bathilde verlobt, während er Giselle Liebe und Treue schwörte. Was für ein gewöhnlicher Betrüger in Liebesdingen!

Hilarion präsentiert auch das Schwert – und Albrecht kann es nicht mehr leugnen. Er sieht seine Felle davonschwimmen. Er hat alles falsch gemacht. Er sieht es jetzt ein, es dämmert ihm, dass Liebe mehr wert ist als Konvention.

Für Giselle ist der Schock zu groß. Sie weint sich bei ihrer Mutter aus, rauft sich die Haare, aber sie verwandelt sich in einen Zustand, der Verrücktheit ähnlich.

Yolanda Correa spielt das beinahe minimalistisch-realistisch, und dabei kommt jede Bewegung von innen. Man liest ihre Seele auf dem entrückten Gesicht und dem wie auseinanderbrechenden Körper ab. Es geht ihr nicht gut…

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Noch einmal Applaus für alle: für Dinu Tamazlacaru, Yolanda Correa, Aurora Dickie und das Ensemble vom Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Sie rennt lamentierend von Hilarion zu Albrecht, sie schnappt sich das Schwert – und setzt es sich an die Rippe. Albrecht, geistesgegenwärtig, entwaffnet sie. Aber der Kummer bleibt.

Und im Sprung stirbt sie, während Albrecht sie hält – in seinen Armen also.

Das letzte Gruppenbild des ersten Aktes ist wie auf einem Gemälde aus der Zeit der Renaissance platziert. Vorn links liegt Giselle, den Kopf im Schoß der Mutter. Rechts kniet kummervoll Hilarion, den Schuldgefühle plagen. Hätte er nicht so schonungslos Albrecht bloßgestellt, würde Giselle vielleicht noch leben.

Im Hintergrund steht der Corps de ballet, sich mit Schaudern dem Anblick der schönen Leiche hingebend. Es ist ja kaum fasslich, dass Giselle, die eben noch das blühende Leben war, plötzlich tot ist.

Albrecht aber kann sein Unglück gar nicht fassen. Er versucht, Giselle ins Leben zurückzurufen, er schaut hilfesuchend umher – aber sein Knappe kommt mit dem Umhang des Herzogs und rät zur Flucht.

Wie im Taumel läuft Albrecht auf und davon – und ahnt wohl doch, dass ihn sein Schicksal noch einmal einholen wird. Vorhang.

Der zweite Akt zeigt die jenseitig-mondlichterne Aura des Waldes, die unheimliche Nacht in der freien Natur.

Hier ist erlaubt, was eigentlich verboten ist. Darum spielen vier Jungs aus dem Dorf unter Einsatz einer Handlaterne mit Würfeln, ein offenkundig verbotenes Glücksspiel.

Doch Nebel steigt auf. Es schlägt Mitternacht von der Dorfkirche her. Es wird gruselig. Die Jungs mit der Laterne suchen das Weite. Und zarte weiße Schleier fliegen durch die Luft.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Eine mächtige Schönheit: Aurora Dickie (links) als Myrtha beim Schlussapplaus nach „Giselle“ in der Staatsoper Unter den Linden. Rechts: Cécile Kaltenbach als Moyna. Foto: Gisela Sonnenburg

Denn die Geisterstunde lässt die Wilis in Erscheinung treten. Unter der Führung ihrer Königin Myrtha trachten sie allen Männern, die den Wald betreten, nach dem Leben. Es ist die Rache der verführten, sitzen gelassenen Mädchen. Eine blutrünstige, erbarmungslose Rachsucht steckt in den zarten, vornehmen Körpern…

Myrtha personifiziert diesen starken Willen zur Lynchjustiz in Vollendung.

Aurora Dickie – die eine so große Bandbreite als Ballerina hat, dass man sie schon dafür bewundern muss – ist eine fantastische Myrtha!

Sie wirbelt über die Bühne, dass ihr weißes wadenlanges Tutu nur so hin- und herfliegt! Ihre Spagatsprünge sind von makelloser Schönheit, von exakt ausgemessener Rasanz – und ihre wohldosierte Mimik und die leichthin sicher durch hervorragende Linienposen geführten Ports de bras ergänzen den Charakter dieser seltsamen, auch seltenen Kunstfigur.

Denn auch Myrtha war mal eine Giselle, ein verführtes Mädchen, das keine Chance auf ein wirklich glückliches Leben hatte. Jetzt frönt sie ihrer Rachlust, formuliert die Rigidität und Unerbittlichkeit einer Justizia in eigenem Auftrag mit formvollendeten Sprüngen und Balancen.

Man möchte ihr begegnen und auch wieder nicht. All das Unheimliche, Grausame, das seine Myrtha haben muss, bringt Aurora Dickie auf den Punkt. Dabei ist sie nicht kalt oder wie frigide wirkend. Sie hat Feuer, nicht nur in den glitzernden Edelsteinen ihrer Tiara. Sie ist eine leidenschaftliche Rächerin, die dennoch weiß, dass sie als Untote eine besondere Macht hat.

Es geht hier in „Giselle“ aber auch um die Macht des Tanzes.

Die Wilis, die Heerschar gefügig funktionierender Soldatinnen – es sind jetzt 14 an der Zahl, und damit ist die Bühne wunderbar bespielt – verkörpern auch überirdische oder jedenfalls unerklärliche Kräfte. Tanz macht frei und stark, und darauf können die Wilis immer abstellen.

Seelenstärke und ein eiserner Wille sind im Ballett ohnehin willkommene Tugenden.

Jetzt im zweiten Akt von „Giselle“ zeigt sich, wie filigran und doch unerbittlich geradlinig die Ballerinen sein können.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Große Verbeugung nach einer fantastischen Vorstellung: Yuka Matsumoto (links) und Cécile Kaltenbach (rechts) als Novizinnen der Wilis mit dem Staatsballett Berlin nach „Giselle“. Foto: Gisela Sonnenburg

Zwei von ihnen haben als Novizinnen einen Sonderstatus:

Yuka Matsumoto als Zulmée und Cécile Kaltenbach als Moyna.

Die beiden Parts werden gern gegensätzlich besetzt, um in ihren Duetten einen möglichst schillernden Effekt zu erzielen. So auch hier: Matsumoto ist ein kindhafter Typus mit spritzig-dynamischer Ausdrucksweise. Cécile Kaltenbach hingegen ist klassisch-lyrisch orientiert und mit einem Hauch von Melancholie genau richtig dagegen besetzt.

Die beiden Mädchen zeigen die Schönheit vermeintlich einfacher romantischer Schrittkombinationen – und sie steigern die Spannung auf das Liebespaar, das sich bald im Wald begegnen wird.

Doch zuerst tanzt Giselle vor ihrer neuen Herrscherin, vor Myrtha.

Yolanda Correa kreiselt und hüpft, dreht sich und balanciert so flink und süß, so wild und doch linientreu, dass man den Eindruck hat, sie sei ein Irrwisch oder eine Elfe, eine Nymphe oder Sylphide von Geburt an.

Ihre Anmut und ihre innere Spannung lassen sie in jeder Sekunde anmutig und dramatisch zugleich wirken. Das ist großes Kino hier!

Giselle ist im Wald auf der Suche nach sich selbst, nach einer neuen Aufgabe, nach einem Ausgleich für ihr verlorenes Leben.

Aber als Albrecht auftaucht, ist es ganz klar, dass sie von ihrer Liebe niemals lassen wird, auch post mortem nicht. Er rührt sie, und obwohl er sie zunächst nicht sehen kann, bezaubert sie ihn mit ihren Bewegungen, die mit all dem Tüll ihres Gewandes die Anmutung von wabernden Nebelschwaden haben.

Heinrich Heine erdachte sich die Wilis genau so, als er Théophile Gautier zu dem Libretto von „Giselle“ anregte. Heine bezieht sich auf Sagen aus dem slavischen Raum: Weiße Geisterfrauen sollen da an den Landstraßen den Männern, die sie verließen, auflauern und sie zu Tode bringen.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Die Stars der Aufführung beim Schlussapplaus: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru (vorn) und Aurora Dickie (hinten) nach „Giselle“. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Wilis machen das ganz einfach durch Tanzen. Die Männer, die ihnen begegnen, müssen bis zur tödlichen Erschöpfung tanzen, den Rest geben ihnen dann die Mädchen, indem sie sie zum Beispiel in eine Schlucht werfen.

Nur dafür leben diese Frauen nach dem Tod weiter!

Giselle aber wird zumindest heute Nacht keine von ihnen. Sie will keine Rache, sondern Albrecht vor den Wilis retten.

Der erste Pas de deux, den sie mit Albrecht tanzt, und in dessen Verlauf er sie endlich wieder sehen kann, ist einer der schönsten der Ballettgeschichte. Die Hebungen muten immer wieder mystisch und sogar modern an, die gemeinsam eingenommenen Posen entfachen in einem eine starke Liebe zur Harmonie und zur Auffassung von Schönheit, wie sie im 19. Jahrhundert erblühte.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Stars mit Anmut und Würde: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru beim Schlussapplaus nach „Giselle“ beim Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Dinu Tamazlacaru und Yolanda Correa interpretieren diese Tänze mit starkem Impetus. Es ist, als seien sie füreinander geschaffen – Adam und Eva begegnen sich hier ganz ohne Argwohn, obwohl sie doch beide dafür Grund hätten.

Myrtha muss vor dieser Liebe weichen und den Liebenden eine Chance geben. Wenn sie es bis Morgengrauen schaffen zu tanzen, wird Albrecht gerettet sein.

Derweil geben auch die Wilis, was sie nur können.

Hilarion, der ebenfalls im Wald das Grab von Giselle besucht – als unehelich Verführte wurde sie außerhalb der Friedhofsmauern beerdigt – findet bei den Wilis keine Gnade. Er muss tanzen und tanzen und tanzen, und er fleht Myrtha an, ihn am Leben zu lassen. Umsonst. Die Reihen der Wilis bleiben geschlossen, sie umkreisen ihn, machen ihn wirr, sie hüpfen ihn in den Wahnsinn und ins Verderben.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Alexei Orlenco tanzt mit viel toller Männlichkeit auch im zweiten Akt den Hilario – in „Giselle“ beim Staatsballett Berlin. Foto von seinem Rollendebüt beim Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Alexei Orlenco ist auch hier ein hervorragender Hilarion, dessen männliche Kraft sich im Laufe des Kampfes gegen sich selbst richtet. Mit edlen großen Sprüngen und Rettung suchenden Armbewegungen wird seine Qual deutlich. Mit großer Grazie versucht er, dem Schicksal zu entkommen, vergebens.

Giselle hat für ihn kein Auge. Ihre Liebe gehört Albrecht, und mit all ihrem Streben und Sehnen gelingt ihr dessen Rettung.

Mit enthusiastischen Cabrioles und fulminanten mehrfachen Tours en l‘ air beweist Dinu Tamazlacaru als Albrecht seiner Giselle nicht nur seine Liebe, sondern auch seine Lebensenergie. Als er nach einer unerhört eleganten, langsam und gleichmäßig pirouettierten Drehung in der Attitude zu Boden geht – aus Erschöpfung – ergreift Yolanda Correa als Giselle seine Hand. Die berühmte Pose der Seelenrettung ist erreicht!

Noch einen letzten Pas de deux tanzen sie dann, nachdem der Kirchturm zur Morgenstunde geläutet hat und die Wilis sich in Luft auflösten.

Ganz zart, ganz geläutert, geben sich die Liebenden ein letztes Mal einander hin. Die Liebe kann und wird uns retten, das gilt für jede und jeden.

Dinu Tamazlacaru trägt Yolanda Correa auf Händen, dieses Mal aber nicht hoch über sich, sondern als eine diagonal gelegte Skulptur. Ihr gespannter Körper scheint dabei fast selbständig zu schweben.

Sensationelle Romantik: Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru als neues Dreamteam vom  Staatsballett Berlin in „Giselle“

Hier stimmen die Chemie und die Kunst: Yolanda Correa als „Giselle“ (links), Aurora Dickie als Myrtha (mittig) und Dinu Tamazlacaru (rechts) beim Schlussapplaus mit dem Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Schließlich muss sie ihn verlassen, sich in ihr Grab zurückziehen, während er reuevoll die Lilien einsammelt, die er ihr zum Angedenken mitbrachte.

Er hat alles verloren mit seiner Liebe – und doch alles gewonnen.

Langsam schreitet er auf uns zu, auf seine Zukunft, in sein neues einsames Leben, eine Lilie nach der anderen fallen lassend. Manchmal ist das Leben nach dem Überleben gar nicht mal so einfach, aber immer lohnt es sich, das herauszufinden.

Der Beifall sprach trotz Corona-Maßnahmen für sich. Was für ein großartiger Abend!

Und die Liebe zum Ballett wird uns helfen, den nächsten Lockdown zu überstehen. Wir sollten daran niemals zweifeln.
Gisela Sonnenburg

 www.staatsballett-berlin.de

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