Ade mit Märchenkraft Abschied vom „Dornröschen“ von Nacho Duato beim Staatsballett Berlin mit Ksenia Ovsyanick und Dinu Tamazlacaru

Ein letztes Mal "Dornröschen"

Glücklich und beglückend: Ksenia Ovsyanick und Dinu Tamazlacaru beim Schlussapplaus nach „Dornröschen“ mit dem Staatsballett Berlin in der Deutschen Oper in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Wie werden wir sie in Berlin vermissen: die glückselige gutherzige Feenschar, die elegant gekleideten Festgäste, die witzigen Höflinge, die gruselige Carabosse und ihr dubios-dämonisches Gefolge. Und natürlich: Aurora, die perfekte Prinzessin, deren Schönheit auch hundert Jahre Schlaf nichts anhaben können, sowie ihren Prinzen Desiré, dem während der hundert Jahre heftig herbei gesehnten Jüngling. Das Personal in „Dornröschen“ hat nämlich in der historisch-modernisierten Fassung von Nacho Duato seit der Berliner Premiere 2015 nichts von seinem Charme verloren. Letzten Sonntag hieß es mit dem Staatsballett Berlin Abschied nehmen von dieser fein ziselierten, aber niemals kitschigen Inszenierung. In den Hauptrollen: Ksenia Ovsyanick und Dinu Tamazlacaru.

Mit Präzision und komplett überzeugendem Körperspiel beglückten die beiden Stars vom SBB in der Deutschen Oper Berlin ihr Publikum.

Tanzte Ovsyanick mit Marian Walter als Märchenprinzen noch die langsam sich entwickelnde, es relativ ruhig angehende Erwachsenenliebe, so darf sie mit Dinu Tamazlacaru dem stürmischen Teenager in sich eine tänzerische Stimme verleihen.

Auch Tamazlacaru fühlt sich in seine Rolle mit aller Jugendlichkeit ein. Er ist weniger ein Abenteurer in diesem Prinzenpart – wie Marian Walter – sondern vor allem ein Melancholiker, dem nur die Liebe wirklich Auftrieb geben kann.

Fast traurig, so gedankenverloren, streift er durch den Wald, bis ihm die Fée des Lilas, die Fliederfee – mit Julia Golitsina so kraftvoll wie lieblich besetzt – begegnet und ihm flugs eine neue Lebensperspektive unterbreitet.

Ein letztes Mal "Dornröschen"

„Dornröschen“-Dirigent Robert Reimer, von bezaubernden Ballerinen umgeben: Julia Golotsina (links) und Ksenia Ovsyanick (rechts). Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Das Orchester der Deutschen Oper unter Robert Reimer heizt die Stimmung erst recht an, Tschaikowskys Walzerklänge sind hier Spannungssteigerung pur.

Aber dann! Wenn Ovsyanick als Erscheinung der Aurora und Tamazlacaru als Desiré sich als füreinander bestimmtes Paar ansehen und erkennen, dann brennt die Luft.

Auch ihr erster Grand pas de deux, der noch zwischen den Bäumen statt findet, ist geprägt von diesem unbedingten Zueinanderstreben der Verliebtheit.

Die femininen Drehungen und kleinen, verzwickten Trippelschrittchen von Ksenia-Aurora und Dinu-Desirés Riesensprünge und Mehrfachpirouetten lassen nichts zu wünschen übrig.

Ein letztes Mal "Dornröschen"

Ein bedankter Prinz: Dinu Tamazlacaru nach „Dornröschen“ beim Schlussapplaus. Foto: Gisela Sonnenburg

Tamazlacaru, wiewohl selbst ein Leichtgewicht, hat nun mal diesen Look und dieses Flair, das ein Märchenmann unbedingt haben muss. Geschmeidig und exakt biegt und beugt er seinen Körper in die vorgesehenen Formen voller ästhetischer Linien.

Da wehen die welligen Haare, wenn er seine hohen Sprünge absolviert, als tanze hier die gebündelte Romantik in Person.

Ein letztes Mal "Dornröschen"

Auch vor dem Vorhang gibt es viel Applaus für Ksenia Ovsyanick und Dinu Tamazlacaru nach „Dornröschen“ in der Deutschen Oper Berlin. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Und Ovsyanick hat ohnehin bereits einen Weg gefunden, die Aurora zu interpretieren, und zwar einen, der höchst animierend ist. Nicht süßlich und niedlich ist sie in erster Linie, sondern klar und geradeaus – ein Mädchen, das im Grunde schon eine Frau ist, und das darüberhinaus sichtlich Intelligenz aufzuweisen hat.

Zusammen sind sie wie eine Verschmelzung der Klassik und der Romantik, also Tanz total…

Man fühlt sich denn auch wie im siebenten Himmel des klassischen Balletts, wiewohl die Choreografie von Ballettintendant Nacho Duato keine Wiederholung der Tradition ist, sondern ihre Paraphrasierung.

Marius Petipa, der „Dornröschen“ 1890 uraufführte, würde staunen!

Ein letztes Mal "Dornröschen"

Liebe und Heiterkeit prägen den Hochzeits-Pas de deux in „Dornröschen“, dessen Kostüme Ksenia Ovsyanick und Dinu Tamazlacaru beim Schlussapplaus noch tragen. Ade! Foto: Gisela Sonnenburg

Welche Superkraft vermag doch eine so hinlänglich bekannte Geschichte wie die von „Dornröschen“ immer wieder zu entfalten!

Da ist der Hochzeits-Grand pas de deux das willkommene Tüpfelchen auf dem „i“.

Wie fein Tamazlacaru seine Ovsyanick durch die Luft wirbelt! Wie er sie zu Pirouetten antreibt! Und wie sie ihn wiederum ermuntert, seine Kraft so einzusetzen, dass es aussieht, als würden die beiden fliegen!

Abwechslungsreich wirkt dieses Ballettmärchen aber auch in den weiteren Besetzungen.

Hier vergisst man dann aber auch alles andere: Wenn das „Ballet Revolución“ sein Temperament in Tanz umwandelt, gibt es kein Halten mehr. Da sind Leidenschaft und Schönheit zu heißen Rhythmen vereint, und das neue Programm verspricht, noch fetziger zu sein als jedes andere zuvor. Unbedingt rechtzeitig hier hier Tickets sichern unter: www.bb-promotion.com – und richtig Spaß haben! (Das Foto stammt von BB Promotion / Anzeige)

So tanzen dieses Mal Sarah Mestrovic (deren absolute Paraderolle die der Fliederfee ist) und Rishat Yulbarisov (seit der Premiere oftmals als Carabosse bestaunt) die königlichen Eltern von Aurora.

Die wild-furiose böse Fee Carabosse fand mit Denis Vieira eine zugleich sehr anmutige Verkörperung.

Alexander Abdukarimov, Taras Bilenko, Joaquín Crespo Lopes, Vladislav Marinov, Alexander Shpak und Wei Wang bilden dazu als bewährt bösartige Kreaturen der Entourage von Carabosse eine reizvolle Unterfütterung.

Der Zeremonienmeister Catalabutte hat dann in der Interpretation von Paul Busch eher was von einem braven Beamten als von einem Zirkusdirektor – und auch das bringt oft genug zum Schmunzeln.

Mit Jin Chen, Weronika Frodyma, Danielle Muir, Iana Balova und Elisa Carrillo Cabrera lächelt einen außerdem eine Feenschar an, die so hochkarätig ist, dass man darüber fast den phänomenalen „Gold“-Tänzer Murilo de Oliveira vergisst. Dennoch ist auch er natürlich jedes zweite Hinsehen wert!

Ein letztes Mal "Dornröschen"

Ksenia Ovsyanick und Dinu Tamazlacaru beim Applaus nach der „Dornröschen“-Vorstellung am Sonntag, 15.10.2017, in der Deutschen Oper Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Erwähnenswert unbedingt auch das tolle Trio im Wald, bestehend aus zwei blauen Reitern und einem munter springenden jungen Mädel: Xenia Wiest, Alexander Abdukarimov und Alexander Shpak tanzen in dieser Besetzung die drei fröhlichen Outsider.

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Bis zum Hochzeitsfest mit all den tanzenden Figuren aus anderen Märchen – darunter Luciana Voltolini und Alexander Akulov als Rotkäppchen und der Wolf sowie Marina Kanno und Nikolay Korypaev als blauer Vogel und Prinzessin Florine – ist es dann auch nicht mehr weit.

Der Kuss aber, der in diesem Märchen zentral steht und mit dem der Prinz sein „Dornröschen“ aus dem Dauerschlaf zu neuem Leben erweckt, ist unvergesslich. Ebenso wie die Pose des Pärchens gleich im Anschluss, in der Aurora Ovsyanick ihrem Desiré Tamazlacaru ergeben die Hand hinhält, damit der vor ihr Kniende sie inbrünstig liebkosen kann.

Ein letztes Mal "Dornröschen"

Und noch einmal ein Blick auf die KünstlerInnen von „Dornröschen“ – unvergessen! Foto: Gisela Sonnenburg

Ade, ihr Märchenträume, und vergesst uns nicht, wie wir euch nicht vergessen werden!
Gisela Sonnenburg

Mehr zu „Dornröschen“ von Nacho Duato beim SBB:

www.ballett-journal.de/staatsballett-berlin-dornroeschen-ksenia-ovsyanick-marian-walter/

www.staatsballett.de

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