Selbstbedienung ist das falsche Signal Die Staatliche Ballettschule Berlin kompensiert den Skandal um ihre Leitung mit teuren privaten Sommerkursen in den Ferien, mit dabei: Abteilungsleiter Marek Rozycki

Die Staatliche Ballettschule Berlin und beriet

Marek Rozycki und die Staatliche Ballettschule Berlin bewerben ein dubioses Projekt: „berllet“ bietet teure Kurse an, die noch gar nicht existieren. Faksimile von www.berllet.com: Gisela Sonnenburg

Berlin hat einen weiteren ballettösen Kuddelmuddel. Nachdem das Ballettintendantenduo vom Staatsballett Berlin Johannes Öhman und Sasha Waltz – kürzlich die Abgabe ihrer Posten ab kommendem Kalenderjahr mitteilte, geriet die Staatliche Ballettschule Berlin in den Ruch zahlreicher Verletzungen des Kinder- und Jugendschutzes. Kinder und Jugendliche sollen unter anderem ohne genügend Ruhe- und Ferienzeiten in die Erschöpfung und in Krankheitszustände getrieben worden sein. Demütigungen, Mobbing und Bodyshaming, evozierte Essstörungen und Falscherziehung, etwa zum Rauchen, stehen weiter auf der Liste der Anwürfe. Ralf Stabel, bisher langjähriger Leiter der Schule, und Gregor Seyffert, zuletzt nur noch Leiter des dort angegliederten Landesjugendballetts, nützten ihre Professorentitel  nichts: Die für die Schule zuständige Berliner Senatorin Sandra Scheeres, verantwortlich für das Ressort Bildung und Familie, stellte die beiden Herren am gestrigen Montag vom Dienst frei. Eine von Scheeres eingesetzte Kommission geht den zahlreichen Vorwürfen nach, eine Clearing-Stelle soll sich um Geschädigte kümmern. Den Chefposten der „Staatlichen“ übernahm Stabels bisherige Stellvertreterin Antje Seike. Der Leiter der Abteilung BühnentanzMarek Rozycki, blieb im Amt. Von ihm war bisher keine Stellungnahme zu hören, während Stabel und Seyffert beteuern, keiner der Anwürfe sei konkret und haltbar.

Es ist nun verständlich, dass die Schule unter dem Sturm der Geschehnisse strauchelt. Aber warum sie für die Sommerferien auch noch überteuerte Privatkurse anbietet, ist nicht ganz schlüssig.

Auch Gregor Seyffert stand heute noch mit bei den Lehrern von „berllet“ auf der Homepage. Faksimile von www.berllet.com am 18.02.20: Gisela Sonnenburg

Eine wachsende Gruppe eifriger Tänzer und Ballettmeister, darunter vom Staatsballett Berlin (SBB) wie Starballerina Iana Salenko und Trainerin Christine Camillo, kümmert sich nicht darum, ob Schülerinnen und Studenten der „Staatlichen“ für ihr Leben geschädigt wurden.

Vielmehr denkt man – unter der Ägide des alternden Ersten Solisten Mikhail Kaniskin vom SBB – an die Ausnutzung der Situation fürs eigene flotte Geldverdienen.

Die Stars hoffen auf lukrative Nebenjobim Sommer in den Räumen der „Staatlichen“, die prompt für das gemeinsame Projekt namens „berllet“ auch noch aktiv Werbung macht.

Für eine Ausbildungsstätte, die soeben das öffentliche Vertrauen verlor, ist das gewiss das falsche Signal.

Zum Einen werden die Schüler und Studenten der „Staatlichen“ dadurch indirekt unter Druck gesetzt, auch in ihrer Ferienzeit ihrer körperlich und psychisch anstrengenden Ausbildung nachzugehen. Erholung geht aber sicher anders!

Zum Zweiten wird den willigen Jugendlichen dafür ordentlich Geld aus der Tasche gezogen.

Knapp 1.000 Euro (900 Euro) sollen für eine Woche Kursangebot hingeblättert werden, fast 1.500 Euro (1.390 Euro) für zwei Wochen.

Aber: Ein konkreter Kursplan ist von „berllet“ derzeit nicht auf der Homepage www.berllet.com veröffentlicht. Dennoch soll man bereits die teure Teilnahme mit der Anmeldung online kaufen.

Das bedeutet, dass Kaniskin mit seinem Projekt das Geld williger Teilnehmer einsammelt, ohne über das vage Versprechen, irgendwelche prominenten Ballettkünstler würden dann schon unterrichten, hinaus zu kommen. Selbstbedienung auf berlletish.

Die Staatliche Ballettschule Berlin und beriet

Bezahlen soll man schon mal, ein Kalender mit konkreten Kursen wird dann schon kommen… Vertrauen als Voraussetzung? Faksimile von www.berllet.com: Gisela Sonnenburg

Die Versprechen sind indes vollmundig: Verschiedene Stile und Schulen des klassischen Balletts wie auch des modernen Tanzes würden gelehrt und auch verschiedene choreografische Handschriften könnten erlernt werden. Das verheißt die genannte Homepage.

Verwirrend ist, dass sich die Kurse an junge Auszubildende im Alter von 13 bis 19 Jahren von Profi-Tanzschulen richten, aber keinerlei Einschätzung ihrer Lehrer einzureichen ist.

Nicht mal ein Nachweis des Besuchs einer solchen Schule wird angefordert. Es wird lediglich nach dem Namen der Schule gefragt.

Und zwei Fotos– eines mit einer Seconde, eines mit einer Arabesque – sollen mit der Anmeldung mitgemailt werden.

Im Klartext bedeutet das: Jede und jeder kann sich hier anmelden, ob man in einer Profi-Ausbildung ist oder nicht. Hobby-Tanzkinder, die gern mal eine echte Primaballerina aus der Nähe sehen wollen, dürften da ebenso heiß auf das vermeintlich schöne Angebot werden wie Profi-Auszubildende, die sich davon Kontakte und Vorteile in ihrer späteren Karriere versprechen.

Das ist nicht wirklich geeignet, um zur „Staatlichen“ wieder mehr Vertrauen zu fassen.

Die Staatliche Ballettschule Berlin und beriet

Teilnehmer müssen sich anfassen lassen: Blick auf die Einverständniserklärung auf www.berllet.com – Faksimile von dort: Gisela Sonnenburg am 18.02.20

Kaniskin und sein Team sortieren die Kinder und Jugendlichen offenbar nach eigenem Gutdünken in verschiedene Klassen oder auch nur in eine, je nachdem, wieviele Anmeldungen eingehen – und sie gaukeln ihnen damit vor, sie würden gemäß ihrem technischen Standard unterrichtet. Zwei Fotos können für eine solche Beurteilung aber ganz sicher nicht genügen.

Außerdem müssen sich die Kinder damit einverstanden erklären, sich von den Lehrern anfassen zu lassen. Und zwar gleich bei der Anmeldung.

Man will sich angesichts des jüngsten Skandals bei der Staatlichen Ballettschule Berlin absichern: Einverständniserklärung, sich anfassen zu lassen, auf www.berllet.com. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Normalerweise buchen Teilnehmer von Kursen bestimmte Kurse, das ist im Ballett nicht anders als anderswo. Wenn man die Teilnahme an einem Kurssystem bucht, dann hat man eine Vorstellung davon, was man wann von wem für sein Geld bekommt.

Nicht so bei „berllet“: Die Teenager bzw. ihre Erziehungsberechtigten sollen blind irgendwelche Kurse einkaufen, ohne zu wissen, wie viele Stunden am Tag sie dann bei wem unterrichtet werden.

Man soll sich darauf verlassen, dass es tolle Kurse bei tollen Leuten gibt. Man kann das „Überraschung!“ nennen. Man kann aber auch Irreführung mutmaßen.

Die Nennung von in Berlin berühmten Namen, ohne deren Kurse zu benennen, dient dabei als Lock- und auch Druckmittel, sich anzumelden.

Die Staatliche Ballettschule Berlin und beriet

Die Staatliche Ballettschule Berlin postet ihre Werbung für „berllet“ am 18.02.20 – einen Tag, nachdem Ralf Stabel und Gregor Seyffert wegen massiver Vorwürfe freigestellt worden waren. Faksimile von Facebook: Gisela Sonnenburg

Masterclass“ ist zudem ein Begriff, der für Profis und angehende Profis reserviert sein sollte. Er impliziert besonders harte und extrem fordernde Didaktik.

Der eigentliche Skandal ist, dass sich hier Mädchen (und Jungen), die von einer Profi-Eignung womöglich weit entfernt sind, für so genannte „Masterclasses“ anmelden können. Deren „Master“ sind entweder hammerhart auf Superprofis spezialisiert – wie Christine Camillo, Ballettmeisterin vom Staatsballett Berlin – oder sie haben kaum genügend Erfahrung als Pädagogen, um eine „Masterclass“ leiten zu können, wie etwa Iana Salenko, die zwar viele Auftritte absolviert hat, aber noch nie hauptberuflich monatelang unterrichtet hat.

Ein Ballettlehrer kann aber nur dann als erfahren und als echter Meister gelten, wenn er viele Jahre lang täglich unterrichtet hat. Ihm obliegt ja die Verantwortung, junge Menschen nicht zu überfordern, sie aber sehr wohl über ihre Grenzen zu bringen.

Genau mit dieser Gratwanderung hat die Staatliche Ballettschule Berlin allem Anschein nach Probleme. Und nun sollen auch noch „Masterclasses“ in den Sommerferien zur weiteren harten Arbeit locken?

Das bekümmert die Verantwortlichen der Staatlichen Ballettschule Berlin offenbar gar nicht.

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Kaum wurden Stabel und Seyffert vorübergehend vom Dienst befreit, bewirbt die „Staatliche“ ihr Projekt mit Kaniskin:

„Erstmalig findet der Sommerkurs ‚International Ballet Masterclasses Berlin` in Kooperation zwischen der Staatlichen Ballettschule Berlin und berllet vom 27. Juli bis 08. August 2020 bei uns in Berlin statt.“

Diesen Post verschickte die „Staatliche“ just heute in den sozialen Medien, ungeachtet der Tatsache, dass man eigentlich ganz andere Statements von ihr erwartet – und auch ungeachtet der Tatsache, dass „berllet“ auf seiner Homepage bislang zwar viele berühmte Namen, aber keinerlei konkrete Workshops anbietet.

Neunzehn mehr oder weniger Prominente – darunter Noch-Staatsballettintendant Johannes Öhman, aber auch der soeben freigestellte Gregor Seyffert und vor allem auch Marek Rozycki, Abteilungsleiter Bühnentanz von der „Staatlichen“ – wollen laut „berllet“ in den  Sommerferien angehende Profis unterrichten (https://www.berllet.com/teachers).

Für sehr viel Geld werden die Promis angeboten – aber ohne konkreten Kurskalender.

In anderen Branchen würde man Luft in Dosen wittern.

Aber beim Ballett in Berlin – Pardon: beim „berllet“, das sich namentlich aus „Berlin“ und „Ballett“ zusammensetzt – scheint wohl alles möglich.
Gisela Sonnenburg

P.S. Auf diesen Beitrag hin meldete sich Mikhail Kaniskin und teilte mit, jedes Kind erhalte einen eigenen Stundenplan. Auf Facebook teilte er außerdem mit, es gebe auch Stipendien, sogar 15 Stück für Schüler der Staatlichen  Ballettschule Berlin, die die Kurse kostenlos besuchen könnten. Weitere berllet-Stipendiaten, die dann nicht zahlen müssen, werde er nach Berlin bringen.

P.S.S. Drei Tage später war die Homepage nicht mehr online. 

www.berllet.com

 

 

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