Mit und ohne Diadem in den Pärchenclub Das Staatsballett Berlin präsentiert mit „Balanchine/Forsythe/Siegal“ zeitlose Brillanz in feinem neuem Gewand, dann flippige Ironie mit scharfem Geschmack – und leider eine der immergleichen schweißtreibenden düsteren Uraufführungen von Richard Siegal

"Balanchine/Forsythe/Siegal"

Stardirigent Paul Connelly macht den Abend zum Ereignis, das Staatsballett Berlin tanzt erhaben und voll Anmut „Theme and Variations“ von George Balanchine. Applaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Das Diadem funkelt, die Kostüme funkeln, die Lüster, die vom Schnürboden hängen, funkeln: Das ist George Balanchine in Reinkultur, in mehreren Stücken hegt und pflegt der Meister der Neoklassik diese Zutaten. Sie sind aber nur Zusätze, denn vorherrschend in den Balletten von Mister B sind seine Choreografien. Alles andere dient nur ihrer Unterstützung. Das Staatsballett Berlin (SBB) zeigt in der Staatsoper Unter den Linden nun in seinem neuen Abend „Balanchine/Forsythe/Siegal“ das  Virtuositätenspiel des 1904 in Sankt Petersburg geborenen Russland-Amerikaners in neuen, den festlich-verspielten Charakter betonenden Gewändern, mit der erotisierenden Live-Musik von Peter I. Tschaikowsky, gefolgt von dem hintergründig-witzigen Stück „The Second Detail“ von William Forsythe, das in Berlin nicht,  wie ursprünglich vom Choreografen vorgesehen, konsequent klein („the second detail“) geschrieben wird, sondern – auch vom Vortrag her – eher konventionell, durchaus aber mit viel Charme  dargeboten wird. Als Clou dann eine Uraufführung, leider nur von Richard Siegal, der seit Jahren Forsythe kopiert, allerdings nur halb soviel Talent und etwa nur ein Zehntel von dessen Esprit hat. Entsprechend eintönig ist der Brei, den Siegal dem Publikum in notorisch düsterer Szenerie vorsetzt, jetzt auch in Berlin, das bisher von seiner technisierten Einöde verschont war. Ohrstöpsel sind in diesem dritten Teil des Abends übrigens unbedingt angebracht, denn die lächerliche wummernde und blubbernde Synthi-Klangsoße von Carsten Nicolai, der sich als Komponist Alva Noto nennt (was seine akustische Nullachtfuffzehnsuppe nicht besser macht), wäre als Dauerberieselung in einem Pärchenclub eher angebracht als im Opernhaus.

Bleiben wir zunächst bei Siegal, diesem ärgerlicherweise verwöhnten Wohlstandsbalg einer selbsternannten Kulturelite, die sich bei genauerem Hinsehen vor allem als ungebildet erweist.

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Düster und expressiv, aber inhaltsleer und bloß formalistisch: „Oval“ von Richard Siegal, seine erste Kreation fürs Staatsballett Berlin. Foto: Yan Revazov

Es mag sein, dass es auch in Berlin Menschen gibt, die solche redundanten Pseudosex-Tänze gierig begaffen. Nichts hat hier Gefühl oder Poesie, alles ist abgefuckt schnell, auf technische Wirkung bedacht, und die bissige Schärfe des Balletts ist der einzige künstlerische Ausdruck hier.

Es mag aber wirklich sein, dass gerade Berlins Clubgänger solchem Impetus ganz besonders beipflichten. Aber dem eigentlichen internationalen Ballettpublikum – und damit sind nicht Tänzer und Tänzerfreunde gemeint, sondern, haha, auch die Abonnenten eines Opernhauses und jene, die für Ballett anreisen – dürfte Richard Siegal auch nach der hundertsten Lobeshymne qualitätsblinder, den Trends hinterher hechelnder Kritiker innerlich fern bleiben. Sehr fern.

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Dabei ist der Amerikaner unbekannter Herkunft – vermutlich stammt er aus sehr reichem Hause – gar nicht mal unbegabt. Das Problem: All seine Stücke muten wie rein technisch aufgezäumte Explosionen an, da gibt es bestenfalls Fetisch-Momente mit SM-Porno-Anklang (allerdings tänzerisch verbrämt und keineswegs wirklich nackt, in „Oval“ aber in hautfarbenen und schwarzen Leotards). Doch inhaltlich erschöpft sich das Ganze in der Aneinanderreihung von Paar- und Gruppentänzen.

Das kennt man nun schon von ihm, wirklich neu ist an „Oval“ wirklich nichts.

Hier kommt keine Langweile auf: Die „Trocks“, wie „Les Ballets Trockadero de Monte Carlo“ liebevoll auch genannt werden, sind immer wieder ein Erlebnis: Die gewitzte Schönheit der Männer, die als Ballerinen furiose Tänze aufführen, reißt einfach mit! Bezaubernd und urkomisch zugleich – für diese Mischung stürmt das Publikum in die Theater. Da lohnt sich auch mal eine Anreise, zumal Leipzig und Graz gerade im Sommer attraktive Städte sind. Hier gibt es mehr Infos und die Tickets. Foto: Anzeige

Warum nur macht Richard Siegal nicht mal ein Stück mit Inhalt oder Thema? Wie wäre es, wenn ihn schon das SM-Syndrom so fasziniert, mit einem Ballett über Hans Bellmer und Unica Zürn?

An Bellmers Darstellungen von sadomasochistisch verschnürten Puppen und an Zürns entsprechend leidvolle, abgehackte Anagramm-Poesie kann man nämlich durchaus denken, wenn man Siegals beziehungslose Hüpfchoreografien anschaut.

Noch fortschrittlicher wäre ein Thema als Hintergrund, der nicht auf die übliche Frauenunterdrückung abstellt, sondern Frauen auch als starke autarke Lebewesen vorstellt.

Ob Siegal das überhaupt könnte?

Siegals von William Forsythe abgeguckter Stil dürfte dabei immer derselbe bleiben:

Hektische, zappelnde, aber ballettöse Stakkato-Fetzen ersetzen die kontinuierliche tänzerische Erzählung.

Besonders heftig ist das in dieser Berliner Neukreation. Anfang und Ende kann man in „Oval“ denn auch austauschen in , es gibt keine Entwicklung in diesem Stück und auch keinen tieferen Sinn. Siegal versteckt sich im Programmheft hinter der Musik und fordert die ihn befragende Interviewerin auf, ihm ihre Assoziationen mitzuteilen, das würde ihm helfen, meint er.

Deutlicher kann ein Künstler nicht sagen, dass er im Grunde nicht weiß, was er tut.

Die Epoche der Aufklärung ist eben schon sehr lange her…

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Exzellent ausgeführte Sprünge um ihrer selbst Willen – das Staatsballett Berlin in Aktion in dem für Berlin kreierten Stück „Oval“ von Richard Siegal. Foto: Yan Revazov

In „Oval“ sieht diese künstlerische Ahnungslosigkeit so aus: Laut, krachend und heftig, treibt die Musik die Tänzer mit bestialischem Tempo zu technischen Höchstleistungen an. Schnell, schneller, am schnellsten – die Autoindustrie müsste diesen Kram bevorzugt sponsern, wenn sie logisch wäre, denn hier leben noch die alten dummen Werte vom restlosen, gedankenleeren Ausverkauf der Energieressourcen.

Amerikanischer geht’s eigentlich nimmer.

Aber kein oval officehat hier mitgewirkt, sondern ein „Oval“ – so der einfallslose Titel des Stücks – hängt als elliptischer Metallreif über der ansonsten leeren Szenerie. Außer dem ästhetischen Reiz der Ellipse zu verfallen, sagt Siegal aber auch nicht viel dazu.

Dass das Oval klassischerweise ein Weiblichkeitssymbol ist und auch sprachlich mit dem Ovum, dem Ei, und den Ovarien, den weiblichen Eierstöcken, zusammenhängt, ist bei Siegals patriarchaler Technikwelt nicht mal mehr zu erahnen. Vermutlich weiß er es auch wirklich nicht.

Man sollte einen Allgemeinbildungstest als Hürde einführen, bevor man Steuergelder an Künstler vergibt. Damit nicht der Wille ohne Können triumphiert.

Die Bühne in „Oval“ ist – wie immer bei Siegal – überwiegend finster.

Schlaglichter und Lichteffekte (von Matthias Singer kreiert) sind die eigentlichen Hauptdarsteller. Wegen ihnen lohnt es sich sogar, zumindest zu Beginn, wenn der Metallreif als schwarze Projektionsfläche für ein irrlichterndes, aufblitzendes Schachbrettmuster dient, in „Oval“ reinzuschauen. Das ist ein optisches Spektakel, jahrmarktsmäßig, aber von erlesener Schönheit, leider hört es auf, sowie die tanzenden Körper dazu kommen und von weitaus belangloserem Lichtdesign bespielt werden.

Ich empfehle darum, nach den ersten fünf, sechs Minuten von „Oval“ zu gehen.

Das ist der moderne Glanz der Sterne! In „Star Dust: From Bach to David Bowie“ begegnet man einem tänzerischen und musikalischen Abriss der Kulturgeschichte, hochprofessionell und mit rockiger Poesie in Szene gesetzt. Bloß nicht verpassen! Hier gibt es auch gleich die Tickets für diesen begeisternden Event. Foto: Anzeige

Denn was für Menschen stellt Siegal hin? Es sind Laborkreationen, wie sie sich die Konzerne der Industrie wünschen. Gefühllose, funktionierende Arbeitskräfte, die sich bis zum Äußersten anstrengen, um wieder und wieder mit hochgeschmissenen Beinen und zackig gewendeten Leibern zu gefallen. Die Männer sind hier Soldaten des Erfolgs, der rein äußerlich zählt.

Auch die Ballerinen wirken hier wie testosterongesteuerte Leistungshengste, sie sind kleine Kriegsmaschinen ohne Busen und ohne Eierstöcke, jedes Quentchen Weiblichkeit wurde dem Thrill der Technik geopfert, sie erscheinen wie roboterhafte Ausgeburten eines überzüchteten falschen Ballettideals.

Die Choreografie feiert sich selbst.

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Richard Siegal (mittig) mit den Tänzern vom Staatsballett Berlin und zwei Mitarbeitern beim Schlussapplaus nach der Uraufführung von „Oval“ am 4. Mai 2019 in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Gisela Sonnenburg

Fünfte Position, Bein hoch, Bein runter, zackzack, eine Drehung, lockeres Hinstellen, erneut hochgerissene Beine, dazu verdrehte Oberkörper, ein Sprung, so hoch wie möglich aus dem Stand, da ist ein kleines „Don Quixote“-Zitat mit einem Sprung in den Herrenspagat in der Luft der Dame am Arm des Bühnenpartners, aber hier ist das rein technisch impliziert, nicht, wie im „Quixote“ mit Inhalt aufgeladen.

Mehr als solche kruden Körperausreizungen darf man bei Siegal nicht erwarten.

Die Tänzerinnen und Tänzer vom SBB hingegen sind sichtlich froh, sich auf diese Weise technisch mal so richtig auszupowern und zeigen zu dürfen, wozu ihre täglich trainierten Körper praktisch in der Lage sind. Nur: Wen – außer anderen Tänzern – interessiert das?

Choreografie hat Regie-Aufgaben, sie darf kein reines kaltes Trainingserfolgvorführen sein.

Aber Tänzern wird Kritikfähigkeit ohnehin systematisch aberzogen. Hat man je gehört, dass ein Choreograf seinen Tänzern erklären musste, warum er etwas so und so gemacht sehen will? – Gehorsam und Drill, in möglichst rasanter Schnelligkeit, sind die rückschrittlichen Tugenden bei den heutigen Ballettprofis, und leider sind sie auch noch stolz darauf, „zu funktionieren“ statt mal das Maul aufzumachen oder eine zweite Meinung einzuholen.

Allen voran fügt sich Ksenia Ovsyanick, die sich längst zur Allzweckwaffe des SBB gemausert hat, hier so willig wie kernkompetent ein und lässt sich von Siegals Kühlschrankchoreo verdreht und verquast durch die Szene wirbeln.

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Nach der Uraufführung von „Oval“ von Richard Siegal ein Blick auf den Schlussapplaus. Links: Ksenia Ovsyanick, Vladislav Marinov und Elisa Carrillo Cabrera. Foto: Gisela Sonnenburg

Aber auch Elisa Carrillo Cabrera, Mari KawanishiEloise Sacilotto, Clotilde Tran und die unverwüstliche Xenia Wiest, die zum Leidwesen ihrer zahlreichen Fans kommende Saison nach Hannover wechselt, geben für Siegals Unfug ihr Letztes, um darin zu brillieren.

Allesamt wirken sie wie hysterisch überdrehte Kunstturnerinnen – wahrlich, das Ganze ist eine Zirkusnummer, die zwar null Poesie, dafür aber mächtig Kraftsportgeist verströmt.

Bei den Herren fällt vor allem Vladislav Marinov auf, und es tut einem in der Seele weh, diesen begabten Künstler ganz hirnentleert die sportiven, alleinig den Leistungsfortschritt feiernden Machophrasen von Richard Siegal wie vom Blatt tanzen zu sehen.

Das ist Ballett für eine Gesellschaft, die mit sich vollauf zufrieden ist und zur Triebabfuhr in den Pärchenclub geht.

Mit einem wie auch immer gearteten Gefühl für die Zukunft oder mit gesellschaftlicher Analyse hat das absolut nichts zu tun.

So gesehen, passt dieses in Berlin entstandene Stück gut zur heutigen Berliner Oberschicht, die sich selbst bekanntlich ganz famos findet (Hauptsache, die Baumafia verdient weiterhin Milliarden) und die außer an billigen willigen Arbeitskräften (gern auch Füchtlinge) nicht weiter an der Bevölkerung interessiert ist.

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Das Staatsballett Berlin nach „Balanchine/Forsythe/Siegal“: Die Künstler nehmen dankend den Applaus entgegen, nach „Oval“ von Richard Siegal in der Staatsoper Unter den Linden. Applaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Brot und Spiele für die Masse – ob Laienchöre, Jazzgeplänkel oder eben dieses seelenlose Körperkunstgehabe: Die Berliner Kulturzukunft schreibt sich mit Stücken wie „Oval“ von Richard Siegal in ein neues Zeitalter, und darin sind genialische künstlerische Talente Mangelware, weil sie durch Technik in jedweder Hinsicht ersetzt werden.

Bestimmt bekommt Siegal– weil er den Herrschenden so gut ins Konzept passt -demnächst noch einen Preis in Berlin verliehen, vielleicht sogar von der Berliner Zeitung, die ganz bestimmt total begeistert von ihm ist, oder auch vom Tagesspiegel, der schon immer das willige Sprachrohr für alle Minderbegabten war.

Für die stilistisch auf Fetisch-Sex abzielenden Kostüme in „Oval“ zeichnet übrigens ein nicht näher bezeichnetes Wesen mit dem Künstlerpseudonym „UY Studio“ verantwortlich.

Eine Recherche im Internet ergibt, dass es sich dabei um einen Berliner Shop handelt, der mit Klamotten und Einrichtungsgegenständen im Luxus-Gruftie-Stil handelt. Ein schwarzes  Penis-Imitat namens „Fat Dick“, das man sich hinstellen oder sonstwohin schieben sollte, ist bereits ausverkauft, heißt es online.

Also ran an die Klamotten, wer Siegal-Fan ist, sollte sein Geld unbedingt in eines dieser Fähnchen investieren.

Aber der rücksichtslose Konsumismus – auch im menschlichen Miteinander – wird in „Oval“ ungebremst hochgehalten, plumpe ausgediente Werte der Industrie erleben bei Richard Siegal ihre letzte Blüte.

Doch Vorsicht: Unter dem protzigen Lack rostet es schon arg…

Wer glaubt, solche Nonkunst sei ungefährlich oder eben einfach nur interessant, weil irgendwie neuartig, der begibt sich auf das Terrain der Gleichgültigkeit. Und die ist bekanntermaßen am gefährlichsten.

Formalismus wie der von Richard Siegal in „Oval“ist der erste Schritt in den künstlerischen Faschismus.

Deutlich erfreulicher war dagegen das Mittelstück des Abends.

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Hebungen im Wechsel von Schnelligkeit und Wartezustand: Das Staatsballett Berlin tanzt „The Second Detail“ von William Forsythe. Furios! Foto: Yan Revazov

The Second Detail“ – richtig geschrieben: „the second detail“, was auf die Idee der konsequenten Kleinschreibung referiert, die in den 70er und 80er Jahren grassierte – ist ein international erprobtes, nicht ohne Grund weltweit erfolgreiches Stück des Avantgarde-Meisters William Forsythe.

Bei ihm absolvierte Siegal, von dessen Biografie nur Bruchstücke bekannt sind und dessen Geburtsjahr ein Staatsgeheimnis zu sein scheint, einige Lehrjahre als Assistent.

Ob Forsythe ahnte, dass damit sein fleißigster und zugleich schlechtester Kopist heranwuchs?

Insofern ist es durchaus sinnvoll, die beiden Choreografen an einem Abend zu zeigen.

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Blumen und Applaus nach „The Second Detail“ von William Forsythe fürs Staatsballett Berlin. Die Zweite vorn von rechts: die heimliche Königin der Aufführung, Yolanda Correa. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Das SBB hat mit dem puren, zackigen, dabei aber auch hoch ironischen Forsythe zwar keine Schwierigkeiten, tanzt ihn aber zum Teil weniger streng und stringent als früher. Viele Jahre, ach, Jahrzehnte lang tanzte man Forsythe jaimmer mal wieder in Berlin, ab 2006 auch dieses Stück, hochgradig gekonnt: technisch spritzig und inhaltlich voller Delikatheit.

Heute überwiegt das Spielerische in Kombination mit Präzision. Der Vorteil: Der satirische Charakter von Forsythes Werk kommt so besonders gut zur Geltung. Immer wieder weckt der Meisterchoreograf gezielt falsche Erwartungen, überrascht dafür mit unerwarteten Virtuositäten.

Forsythe spielt gern und vielfältig mit den Geschlechterrollen, dennoch macht er aus Männern keine Weiber und aus Mädels keine Kerle. Die Bühnenfiguren interagieren, mal produktiv, mal destruktiv, immer aber hoch ästhetisch. Und: Es bleibt beim Spiel, wenn’s mal absurd wird, gewürzt mit einem feinen, manchmal fast penetranten Sinn für Komik.

Das ist übrigens ein großer Unterschied zu Siegal, dem Humor in seiner Arbeit gänzlich abgeht.

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Tanzkünstler und ihr Dank vom Publikum, der Applaus: das Staatsballett Berlin nach „The Second Detail“ von William Forsythe. Rechts außen: Alexander Shpak, der hier im Stück sehr viel geschmeidiges Flair entfaltet. Foto: Gisela Sonnenburg

Aber auch im „detail“ gibt es kein Live-Orchester, sondern nur schrammelnde Synthi-Musik. Forsythes Spezi für solche akustischen Angelegenheiten ist Thom Willems, ein holländischer Komponist, der seit 1984 passgenau für Forsythe klangdichtet.

Die Lust an der Bewegung wird hier allerdings durch sich stetig verstärkende Rhythmen und sich daraus entwickelnde Melodiebögen sogar noch gesteigert.

Das Leben als Bewegungsfluss, in dem jeder so virtuos wie möglich agiert, und wenn sich im ständigen Hin und Her mal Paare oder kleine Gruppen finden, so überraschen diese mit verblüffend markanter Synchronizität, aber auch mit gegenseitig hilfreichen, einander nützlichen Positionen.

Da lässt ein Mann eine Frau am Boden gleiten, eines ihrer Beine darf die Luft durchpflügen wie ein Schwert, dennoch sitzt die Dame gelassen da, bis ihr Kavalier ihr galant hoch und ins Off verhilft.

Urplötzlich springt ein kleiner Trupp inmitten einer zappelnden Gruppe akkurat synchron (solche Manöver kopiert Richard Siegal regelmäßig, allerdings ohne eine inhaltliche Unterfütterung) – und das wirkt im Forsythe’schen Imperium wie ein Aufbegehren gegen das modernistische Einerlei, gegen die scheinbare Freiheit, die die moderne Gesellschaft ihren einzelnen Mitgliedern aufgezwungen hat.

Dass die Damen hier hoch artifiziell dem Spitzentanz frönen, während die Herren auf nackten Sohlen tanzen, bildet einen reizvollen Kontrast.

Vor allem das Paar Yolanda Correa und Arshak Ghalumyan bezaubert mit erfrischend-aufmunternden Raffinessen im Duett, das ist Paartanz auf höchstem Niveau!

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Die sinnliche Krasina Pavlova brilliert in „The Second Detail“ von William Forsythe – beim Staatsballett Berlin. Foto: Yan Revazov

Auch Krasina Pavlova, die sich derzeit auf einer schönen Erfolgsspur wähnen darf, tanzt so klar und doch charakterstark, dass jeder ihrer Schritte im Spitzenschuh ein Statement ist: für den persönlichen Freiheitskampf des Individuums.

Und auch Alexander Shpak hat hier einen Drive gefunden, der ihn zum Welttänzer macht: geschmeidig wie ein Tiger tollt er durch die anspruchsvolle Sprung-und-Dreh-Choreografien  von Forsythe, und „Bill“, wie man William Forsythe intern nennt, müsste hoch beglückt sein, das zu sehen.

Der 69-jährige, in New York geborene Tanzschöpfer Forsythe hat sich in vielen Experimenten ausprobiert und seine Werke nicht immer zur vollen Reife geführt. Aber „das zweite detail“ ist ihm rundum gelungen, es ist ein in sich geschlossenes, sattsam wirksames Werk.

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Bejubelt und dankend: Das Staatsballett Berlin – mittig: der tolle Arshak Ghalumyan – nach „The Second Detail“ von William Forsythe. Foto vom Applaus: Gisela Sonnenburg

Von Anfang bis Ende irritiert an der Rampe das Schild mit der Aufschrift „THE“ – und man ahnt ja schon gleich, dass es nichts Gutes verheißen kann, wenn das eigentlich gemeinte Subjekt einfach fehlt.

„DAS“ – oder im Deutschen eben auch „DER, DIE, DAS“ – was soll uns das bringen? Ganz einfach: Ein Nachdenken über das, was wichtig ist.

Leben und Tod – soweit kann man die Grenzen hier fassen, in denen sich Forsythes Stück bewegt. In den blassblauen Tanzanzügen, die die ehemalige Dresdner Primaballerina Yumiko Takeshima nach Issey Miyake schuf, erscheint das Leben so leicht, so sicher, so ewig heiter.

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Weronika Frodyma ist die wilde Außenseiterin im Toga-Kleid in „The Second Detail“ von William Forsythe. Foto: Yan Revazov

Doch da taucht mit Weronika Frodyma ein Mädchen im weißen Togakleid auf, das mit der domestiziert-glückseligen Gesellschaft im Hintergrund nichts zu tun zu haben scheint. Sie tanzt wild und ausgelassen, betont „unanmutig“, grob fast.

Sie ist das Opfer, die Auserwählte, die Andere, die Außenseiter, die das Ende des Stücks nicht überleben wird.

Während man sie noch bestaunt, entfaltet sie eine autoaggressive Kraft, die sie letztlich einfach umkippen lässt. Das mag ein Zitat aus „Le sacre du printemps“ sein, und vielleicht heißt „THE“ vor allem „the victim“. Andererseits ist hier kein historischer Vorgang gemeint, sondern einer, der allgegenwärtig ist: Die Frau, die aufbegehrt, weil sie sich nicht den Konventionen beugt, vergisst, ihre Kraftreserven rechtzeitig aufzutanken. Ob Herzinfarkt oder Schlaganfall, Hitzekollaps oder Todesschreck – die schöne Wilde steht nicht wieder auf.

Die Männer umtanzen noch kurz ihren Leichnam, es ist ihr Sieg in ihrer Welt – und Aus.

Der frenetische Beifall zeigt, dass das 1991 kreierte Stück nach wie vor bestens verstanden und geliebt wird, die Revolution des Einzelnen berührt ja nun mal jede und jeden, nach wie vor.

Dass Forsythe sie scheitern lässt, ist seiner Weltsicht geschuldet: Er ist in seinen Werken kein Schönredner, sondern ein durchaus pragmatischer Kulturpessimist.

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Lieblich und doch präzise: Maria Kochetkova (mittig) und das Damen-Corps aus „Theme and Variations“ von George Balanchine beim Staatsballett Berlin. Foto: Yan Revazov

Dazu ganz im Gegensatz steht das alles heroisch überhöhende Schaffen von George Balanchine. Er wurde 1904 in Russland geboren, am Mariinsky ausgebildet, er choreografierte schon als Teenager, arbeitete für die Ballets Russes und erschuf in den USA, in New York City, das Wunder des amerikanischen klassischen Balletts.

 1983 verstarb er, an den Folgen der sehr seltenen, prionenbedingten Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.

Von seinem zeitlos schönen Stück „Theme and Variations“ (auch unter dem deutschen Titel „Thema und Variationen“ bekannt) gibt es zwei Versionen. Die Uraufführung fand 1947 beim American Ballet Theater(ABT)in New York statt. Alicia Alonso tanzte die Primaballerina darin, ihr Partner war Igor Youskevitch. Dreizehn Jahre später, 1960, premierte die überarbeitete Version beim New York City Ballet (NYCB), ebenfalls in New York.

Das Stück feiert die erhabene Schönheit des klassischen Tanzes mit durchaus auch modernen tänzerischen Mitteln.

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Glück beim Applaus nach „Theme and Variations“ von Balanchine mit Dirigent Paul Connelly (rechts), Maria Kochetkova (links) und Daniil Simkin (mittig). Foto: Gisela Sonnenburg

Tutu, Glitzerdiadem, Kostümglamour und Kronleuchter am Bühnenhimmel tragen derweil dazu bei, den jubilierenden klassischen Ausdruck der Choreografie zu unterstreichen.

Jede Frau eine Prinzessin – diese Maxime kannte Balanchine schon lange vor gewissen deutschen Modeschöpfern.

Im „Thema“ geht es denn auch um die klassische Liebe, um die Paarliebe:

Mann und Frau stehen mit virtuosen, so brillant-zärtlichen wie virtuos-imponierenden Tanzphrasen im Zentrum des Geschehens – und der Corps bringt Lieblichkeit und Kraftaspekte hinzu. Schnelligkeit ist ein weiteres Stichwort hier: Unauffällig rasant müssen die Sprünge wie Pas de chat und Brisé absolviert werden, und der Primoballerino darf mit einem exorbitant hoch gesprungen Entrechat quatre gedanklich in andere Sphären entführen.

Im Verbund mit „the second detail“ wirkt Balanchines Ballett wie die Vorlage für die Avantgarde-Kultur, Forsythe antwortet gewissermaßen mit seinem Stück und Stil auf Balanchines meisterhaft kultivierte Tradition.

Insofern ist es ein kluger Schachzug, diese beiden Stücke nacheinander zu zeigen.

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Daniil Simkin und Maria Kochetkova in „Theme and Variations“ von George Balanchine beim Staatsballett Berlin. Virtuos und seelenvoll! Foto: Yan Revazov

Zumal „Theme and Variations“ ein vom ersten bis zum letzten Schritt ein nachgerade berauschendes Stück eines Genius ist!

Es ist zudem auch wegen seiner atemberaubend schönen Musik – des letzten Satzes der Suite für Orchester Nr. 3 in G-Dur, op. 55, von Peter I. Tschaikowsky(1884 komponiert) – ein Auftakt zu einem festlichen Abend per se.

Mit dem unbestrittenen Stardirigenten Paul Connelly und der in Hochform aufspielenden Staatskapelle Berlin kann diese schwelgerische, durch und durch ziselierte, rhythmusstarke und melodiös mit leichter – ganz leichter – Melancholie berückende Suite den Gipfel der Musikkunst erklimmen.

Connelly interpretiert Tschaikowsky hier fast zart, aber niemals zu leise, sondern stringent organisch fließend. Die einzelnen Orchestergruppen kommen fantastisch zu ihrem Recht, die Streicher, die Flöten, die Trompeten – und gemeinsam bilden sie ein fein durchgetaktetes, trotz der verlangten Zügigkeit niemals gehetzt wirkendes Klangfeld.

Welch ein Genuss, dem zu lauschen!

Schon darum lohnt sich der Abend, zumal der Tanz des Corps de ballet vom SBB, aber natürlich auch der Stars Maria Kochetkova (als Gast) und Daniil Simkin, der sich in Berlin hervorragend entwickelt, eine rundum gelungene Sache ist.

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Neue Kostüme von Elsie Lindström verleihen der Choreografie passenden neuen Glanz: Das Staatsballett Berlin mit Daniil Simkin in „Theme and Variations“ von George Balanchine. Foto: Yan Revazov

Die Kostüme sind eine angenehme Überraschung: Elsie Lindström, die schon für die legendäre Popgruppe ABBA designt hat, ließ sich nach offenbar hochsolider Einarbeitung ins Balanchine-Feld ein leicht gebrochenes, helles Puderblau als Leitfarbe einfallen. Wundervoll passt das zum Himmelsblau des Hintergrunds, aber auch zur Stimmung der Musik.

Das Stück wird eine Reise in paradiesisch-luftige Gefilde…

Die Tutus der Damen sind zudem von unten mit abwechselndem Farbverlauf in Weiß-Blau reichlich gefüllt, sodass sie neckisch und vornehm zugleich anmuten. Sie wippen nicht zuviel und nicht zu wenig, lassen die Damen schlank, aber nicht mager erscheinen.

Endlich mal eine Kostümbildnerin, die mit dem Thema „Tutu“ wirklich was anzufangen weiß.  Danke!

Und auch das Coaching war in weiblicher Hand bestens aufgehoben:

Sandra Jennings studierte mit dem SBB die NYCB-Version von 1960 ein, sie ist etwas schneller und „fetziger“ als die Urfassung vom ABT. 1978 brauchten BaryshnikovKirkland und das ABT noch über eine halbe Stunde für das Stück, das NYCB hingegen bringt es in jüngster Zeit in nur zwanzig Minuten fertig.

http://ballett-journal.de/spielplan/

Stars und Corps de ballet, Dirigent Paul Connelly und Gast-Primaballerina Maria Kochetkova beim Premierenapplaus nach „Theme and Variations“ von George Balanchine in der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Gisela Sonnenburg

In ebensolchen zwanzig Minuten erblüht jetzt auch in Berlin das Fluidum des klassisch-modernen Balletts, poetisch bis in die letzten Finger- und Zehenspitzen.

Maria Kochetkova beginnt frohgemut mit zwei Tendus, denen ein edles Relevé folgt, wie eine Aufforderung an ihren Galan, mit ihr zu tanzen.

Und Daniil Simkin reagiert prompt, gibt Kochetkova die richtige Energie für ihre Pirouetten zur mit den Streichern korrespondierenden Flöte. Das hat Pfiff, das hat Charme, gemeinsam sind sie ein Superteam!

Auch in ihren Soli sind die beiden Himmelsboten des Schönen und des Edelmutes!

Kochetkova sticht präzise auf den Boden, trippelt mit unendlicher Langmut, springt und hüpft gekonnt und nicht zu angeberisch, dafür keck und festlich zugleich.

Und Simkins Touren und Sprünge sind Gedichte, zumal er schnell lernte, dass man in Berlin mehr Seele, mehr Ausdruck sehen möchte als das auf Highlights en detail programmierte Publikum des ABT, wo er zuvor als fester Starsolist rangierte und noch immer zahlreiche bejubelte Auftritte absolviert.

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Daniil Simkin (vorn) ist für den Prix Benoit de la Danse 2019 in Moskau, dem „Oscar“ des Balletts, nominiert – wir drücken die Daumen! Foto vom Schlussapplaus nach „Theme and Variations“ beim Staatsballett Berlin: Gisela Sonnenburg

Simkin ist ja für den kommenden Prix Benois de la Danse in Moskau nominiert, für seinen Titelpart in der von Alexej Ratmansky rekonstruierten Version von „Harlequinade“ von Marius Petipa. Da kann man ihm nur alle Daumen drücken, zumal, wenn man ihn hier als Balanchine-Brillanz-Ballerino erlebt hat!

Um einen geschichtlichen Abriss von der Klassik zur Avantgarde zu erhalten, hätte man statt Siegal vielleicht eine Strecke Petipa aufs Programm setzen sollen. Denn Petipa ist zweifelsohne der Gründervater des klassischen Balletts, wie wir es heute kennen und lieben. Und natürlich ist Balanchine maßgeblich von dessen künstlerischem Nachlass am Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg geprägt worden.

Dennoch hat Mister B einen neuen Weg gefunden, von Petipa ausgehend, so, wie Forsythe dann seinen Weg auf der Basis unter anderem von Balanchine fand.

Siegal als drittklassiger Kopist führt da nichts weiter, sondern reduziert die Formensprache von Forsythe nur und setzt sie zur Verfremdung in ein stets stark abgedunkeltes Bühnenambiente. Das ist keine Neuerung, sondern nur eine Abwandlung. Und formal wie inhaltlich fällt er stark hinter Forsythe zurück.

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Das wird einem umso klarer, wenn man Balanchine mit Forsythe im Hinterkopf genießt. Von daher hätte man die Reihenfolge sogar umkehren, den Abend mit Forsythe beginnen und über Balanchine zur Petipa-Klassik führen lassen können. Wie wäre es mit dem Grand Pas de deux aus „Dornröschen“ als Sahnehäubchen am Ende?

Das Flair ist ähnlich dem von Balanchines Festivitätenstil, und wie auch in dessen „Ballet Imperial“ geht es um eine Hommage an die Tugenden des klassischen Balletts auf möglichst breiter Spur.

Da sind die trippelnden Corps-Damen in „Theme and Variations“ eine besondere Freude: Iana Balova, Cécile KaltenbachKrasina Pavlova und Luciana Voltolini mit einem entzückenden Pas de quatre allen voran.

Auch der Herren-Corps begeistert, endlich können auch mal Ballerinos wie Shahar Dori und Giacomo Bevilacqua, Taras Bilenko und Alexander Bird, Olaf Kollmannsperger und Nikolay KorypaevCameron Hunter, Sasha Males und Wei Wang ihre Qualitäten zeigen.

http://ballett-journal.de/spielplan/

Edel und sehnsüchtig, liebevoll und tatkräftig. Balanchines Konzeption von Mann und Frau mit Daniil Simkin und Maria Kochetkova in „Theme and Variations“ beim Staatsballett Berlin. Foto: Yan Revazov

Schlussendlich bilden sie alle eine Pose wie aus dem Bilderbuch des russischen Balletts, mit Maria Kochetkova auf den Schultern von Daniil Simkin, so leicht, als wäre sie aus Blütenblatt gemacht.

Das ist echte Hochkultur, und es gibt nur ein kleines Problemchen: Man möchte dieses akkurat geschliffene Balanchine-Juwel gleich noch einmal sehen…
Gisela Sonnenburg

www.staatsballett-berlin.de

 

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