Die Saat geht auf „The Contemporaries im Hier und Jetzt, Volume 2“ von der Staatlichen Ballettschule Berlin: viel mehr, als der Titel verheißt

Die Contemporaries sind locker und leicht

Viel Spaß während der Vorstellung und viel Vergnügen auch beim Schlussapplaus: Die Staatliche Ballettschule Berlin nach den „Contemporaries“ 2017 im Schiller Theater in Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Hinter der Bühne vom Schiller Theater in Berlin lauert die Feuerwehr auf etwaige brenzlige Manöver. Denn in „Far“ („Fern“) von dem britischen Starchoreografen Wayne McGregor werden zu Beginn hoch brennende Fackeln auf der Bühne hin- und hergetragen: erst vier, dann drei, dann zwei, dann eine. Dann keine mehr. Im Mittelpunkt steht ohnehin der Tanz, den die Fackelträger scheinbar bewachen wie ein geheimnisvolles Ritual. Allein, zu zweit, in kleinen Gruppen oder als Ensemble suchen die Kinder der Dunkelheit hier nach der Liebe oder einem anderen Lebenssinn. Artistische, oft gleitende Bewegungen wechseln mit aufwallenden Aggressionen im sportiven Läuferformat. So zu sehen mit Studenten der drei letzten Ausbildungsklassen der Staatlichen Ballettschule Berlin. Vor 66 Jahren wurde sie gegründet, unter Martin Puttke erlebte sie in der DDR eine ungeahnte Blüte, aber erst heute ist sie unter Gregor Seyffert in der Künstlerischen Leitung und mit Ralf Stabel als Schulleiter in der Gegenwart voll angekommen. Mit dem vierteiligen, vom Staatsballett Berlin präsentierten Programm „The Contemporaries im Hier und Jetzt, Volume 2“ (Die Zeitgenossen im Hier und Jetzt, Jahrgang 2) beweist die Schule, wie rasch sich die Tänzergenerationen heute entwickeln – und welche rasanten Fortschritte sie innerhalb weniger Jahre machen können.

Die Saat geht auf. Das ist die wichtigste Botschaft, die ein solcher Abend vermitteln kann.

Die Nachwuchstalente haben sich denn auch so richtig reingestürzt in die Sache, sich hingegeben und rückhaltlos eingearbeitet in die vier grundverschiedenen Choreografenhandschriften, die es hier zu interpretieren gilt. Von McGregor über Mauro de Candia bis zu Marco Goecke und Gregor Seyffert. Die Spielfreude und Tanzlust – fast schon Tanzwut – bleiben dennoch vorherrschend und versüßen die Darbietungen, wiewohl deren philosophische Hintergründe mitunter durchaus sehr ernst zu nehmen sind.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Die Studierenden von der Staatlichen Ballettschule Berlin in ihren Kostümen aus dem Stück „Far“ beim Applaus. Foto: Gisela Sonnenburg

Da ist zunächst die technisch hoch anspruchsvolle moderne Formensprache Wayne McGregors.

Kräftige Schenkel sind hilfreich, um die akrobatisch-geschmeidigen Figuren so anmutig durchzutanzen, als seien sie nichts als organische, leichthin zu meisternde Alltagsschritte. Und dazu ist hier noch alles barfuß angesagt – auch Pirouetten.

Sie absolvieren all diese Schwierigkeiten mit Grandezza:

Karoline Chmelensky, Isabel Edwards, Yael Fischer, Stine Kristapsone und Anna Yeh bei den jungen Damen und Gregor Glocke (der schon mit einem Preis und einem zugesagten Engagement in Nacho Duatos Berliner Staatballett gesegnete Jungstar der Schule) sowie die ebenfalls unbedingt sehenswerten  Victor Goncalves Caixeta, Tommaso Marchignoli, Naohiro Ogawa und Jamal Uhlmann bei den angehenden Herren.

Immer wieder übt bei McGregor die Urherde das Miteinander. Wir sehen einen umfassenden Auszug aus dem 2010 kreierten, ursprünglich einstündigen Stück. Nicht ohne Grund heißt es „Far“ – die wahren Ziele bleiben darin fern, eine Erlösung sieht der Tanzmacher allenfalls im weiteren Fortgang, im Überleben, im Schwungholen.

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Dann greifen sich die Jungs je ein Mädchen, diese wehren sich, ein Geschlechterkampf entsteht in Form von hoch artifiziellem Gerangel – und schließlich finden sich Paare, die zueinander passen, aber auch deren Kommunikation scheint mehr der Not zu entsprechen als der Verliebtheit.

Am Ende bleibt ein Mädchen allein am Boden liegen, auf dem Bauch, als sei es zu Tode erschöpft. Dann erwacht es aus der Starre, steht auf – und rennt den anderen nach, mit der souveränen Kraft einer letztlich (wenn auch auf den letzten Drücker) siegenden Sprinterin. Bevor die Flut kommt…

Die Contemporaries sind locker und leicht

„Far“ von Wayne McGregor: Tänzerisches Gerangel ergänzt die Partnersuche. So zu sehen mit der Staatlichen Ballettschule Berlin. Foto: Johann Sebastian Hänel

Anna Nowak, die auch für die Einstudierung verantwortlich zeichnet, Heike Keller, Kathrin Baum-Höfer und Christoph Böhm leiteten die Proben und haben damit ein kleines Meisterwerk vollbracht.

Zumal die Musikcollage von Ben Frost hier keine große Hilfe ist: Aus der Anmutung der Klassik mit Konzertgesang kommend, entwickelt sie sich im Verlauf des Stücks immer stärker zu wahllosem Synthi- und Technosound.

Da ist die Auswahl und der Umgang mit den Klängen im nächsten Stück weitaus berauschender. Überhaupt: „Meninos“ (Jungens) von Mauro de Candia, im Oktober 2014 für die niederländische Truppe Introdans kreiert, ist ein Knaller. Mit Georges Bizet wird das musikalische Torero-Thema auch tänzerisch spielerisch aufgegriffen – und reichlich ad absurdum geführt. Denn immer wieder unterbricht die Musik, um danach erst recht fetzig loszugehen, was zu Tänzen führt, die stets mit ironischen Brechungen und augenzwinkerndem Humor garniert sind.

Dass auch Mädels hier als Jungs auftreten und alle unisono knallrote Anzüge mit kurzen Hosen tragen, dazu den Dreispitz auf dem Kopf, betont das komödiantisch-rasante, androgyne Flair der Choreo.

Mauro de Candia, Leiter der kleinen, aber feinen Dance Company am Theater Osnabrück, reiste zur Einstudierung mit Marlena Wolfe an, und Olaf Höfer, Katja Will, Henry Will und Jean-Hugues Assohoto unterstützten deren Arbeit. Das Resultat: absolut hinreißend.

Zu Beginn stehen die vierzehn leuchtend rot gekleideten Protagonisten in einem Pulk, noch ist es still, aber in diese Stille stoßen die Tänzer ein prägnant-witziges Geräusch hinein: „Tsch… tsch… tsch…“ – lauter Lokomotiven machen sich hier scheins zur Abfahrt bereit.

Die Contemporaries sind locker und leicht

In leuchtend roten Hosen und mit Dreispitz auf dem Kopf tanzten sie den puren Spaß: Die Studierenden der Staatlichen Ballettschule Berlin im Outfit von „Meninos“ beim Schlussapplaus. Foto: Gisela Sonnenburg

Und dann – ab geht die Luzi! Bizets „Carmen“-Arie „Ja, die Liebe hat bunte Flügel“ wird instrumental angespielt und abgebrochen, angespielt und abgebrochen – und der Pulk teilt sich Reihen, in Solisten, er bildet einen Kreis, imitiert die Stiere mit vorgeneigten Oberkörpern und seitlich steil aufragenden Unterarmen ebenso wie die Toreros mit zünftig rausgestreckter Brust.

Diese Bewegungselemente werden nur zitiert, sie dienen lediglich dem Zusammenhalt der Gruppe, keinesfalls einem getanzten Stierkampf. Und, ach, die leichte satirische Übertreibung, die hier auf den Punkt genau getroffen wird, sie macht das Ganze zu einem richtigen Hochgenuss!

Der Witz kulminiert, als alle Tänzer ihren Hut auf den eines im Zentrum hockenden Gefährten türmen. Plötzlich sieht das schwarze Gebilde, das so entsteht, aus wie eine Haube der Bobbys vom Buckingham Palace in London. Mit viel gespielter Mühe kommt der betroffene Tänzer aus dem Watschelgang in der Entenhocke hoch – und verwandelt sich sogleich in einen ansehnlichen, aus dem Ärgsten der Pubertät endlich heraus seienden jungen Menschen.

Freude und Spontaneität prägen diesen Tanzstil, der doch so gar nicht altbacken daher kommt, sondern, im Gegenteil, hoch modern und beinahe sogar avantgardistisch.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Noch ein Applaus für die Studierenden der Staatlichen Ballettschule Berlin. Hier vorn die Truppe, die Mauro de Candias „Meninos“ tanzte. Bravo! Foto: Gisela Sonnenburg

Isabel Amke, Justine Cramer, Elena Iseki, Frieda Kaden (die auch schon als Kind Clara im „Nussknacker“ von Vasily Medvedev und Yuri Burlaka mit dem Staatsballett Berlin reüssierte: www.ballett-journal.de/staatsballett-berlin-nussknacker-pavlova/), Renata Parisi, Hano Saito, Giulia Scognamillo sowie Matteo Andrioli, Manuel di Mauro, Masaaki Goto, Danila Kapustin, Hugo Martinez Garcia, Denis Popovich und Linus Schmidt verdienen sich hier mit ihren akkuraten Posen, ihrem furiosen Hin- und Hergeflitze, ihrem lustigen Knieschlottern und trotz aller Komik immerzu graziösem Knall-auf-Fall-Slapstick wirklich viel tosenden Applaus.

Und den bekommen sie! Ole!

Das Haus rast, johlt, ist begeistert, die Augen der Zuschauer leuchten, und wessen Wangen noch nicht vor Begeisterung glühen, nun ja, dem ist womöglich nicht zu helfen, da müssen ernsthafte Blutdruckprobleme vorliegen oder gar seelische Verhärtung, und mindestens ein Arztbesuch wird dringend angeraten.

Ballett ist eine Kunst, die alle Sinne, alle metaphorischen Poren öffnet, und der platonisch-osmotische Austausch der Tänzer mit dem Publikum ist unabdingbar für das, was wir Kultur nennen. Sicher, Musik, Malerei, Film und andere Künste vermögen das auch. Aber Ballett hat zudem eine derart starke Verbindung zwischen den Extremen des Körperlichen einerseits und dem Spirituellen andererseits, dass in dieser Hinsicht kein anderes Kunstgenre mithalten kann. Das wird leider immer wieder vergessen, vor allem, wenn man Tanztheater und Ballett miteinander verwechselt (wie Politiker, die weder vom Einen noch vom Anderen Ahnung haben). Aber Abende wie dieser zeigen, dass das Ballett etwas vermag, was weniger mit Anmut stilisierende Körperkünste definitiv so nicht schaffen können.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Allerbeste Stimmung nach den „Contemporaries, Volume 2“ im Schiller Theater. Foto: Gisela Sonnenburg

Ich habe seit Beginn der 90er Jahre genügend gute und weniger gute Abende von Sasha Waltz mit erlebt, um den Unterschied hier beurteilen zu können. Johlen ist nicht gleich Johlen, Bravoruf ist nicht gleich Bravoruf! Waltz-Arbeiten fehlt die Transzendenz, die im Ballett nun mal das A und O ist, und die sich auch dem Publikum Vorstellung für Vorstellung übermittelt.

Das gilt auch für avantgardistisches Ballett. Als solches können viele Stücke von Marco Goecke gelten, der von Stuttgart aus eine für einen deutschen Ballettchoreografen der Gegenwart beispiellose Karriere machte.

All long dem Day“ (Den ganzen Tag lang oder gerade nicht? Wer weiß?) lebt vom Widerspiel mit der Musik. Goecke suchte sich die jazzig-soulige Nina Simone (die 2003 starb) aus, deren kehliges, fast männliches Verlangen nach „Power!“, gekrönt von einem brillant und originell eingesetzten Schlagzeug, hier das Blut in Wallung bringt.

Simone wurde berühmt mit ihrem Song „My Baby just cares for Me“. Aber die einschmeichelnde Gefälligkeit dieses Fast-Pop-Songs sucht man hier vergebens; rockig-röhrig einerseits, fast klassisch andererseits hottet die Musik zu Goeckes Ballett unter fulminanter, kontinuierlicher Steigerung ab.

Goecke kreierte das Stück nebst undurchsichtigem Titel 2015 speziell für die Studenten der Staatlichen. Eine Ehre – sogar eine gegenseitige!

Die Contemporaries sind locker und leicht

Viel Applaus nach der Vorstellung! Hier vorn in dunklen Hosen Tänzer aus dem Stück von Marco Goecke. Der vierte von links in der ersten Reihe ist der sehr begabte Gregor Glocke, der dunkelhäutig ist, aus München kommt und derzeit als Star an der Berliner Schule gehandelt wird. Er wird kommende Spielzeit beim Staatsballett Berlin tanzen. Foto: Gisela Sonnenburg

Die unerhörte Schnelligkeit der jungen Tänzer setzt Marco Goecke denn auch geschickt ein. Wie es für seine kurzen Piecen typisch ist, tragen die Protagonisten einheitlich dunkle Anzughosen mit Karottenanmutung im Cut und darüber (scheinbar) nichts. Die Damen dürfen in hautfarbenen Oberteilen so tun, als hätten sie keine sekundären Geschlechtsmerkmale – Goecke liebt die Androgynität und opfert ihr oft so manche Reife.

Aldona Budny, Yael Fischer, Stine Kristapsone, Elsa Rintelen und Muriel Urankar sowie Mateo Andrioli, Leonardo Cheng, Gregor Glocke, Tommaso Marchignoli, Jose David Meggiboschi, Naohiro Ogawa und Ludovico Tambara flattern mit den Armen, während die Beine in der klassischen vierten Position verharren, wie es sich für ein Goecke-Stück gehört.

Man könnte meinen, sie seien bereits eine Goecke-Spezial-Truppe!

Dieses Ballett lebt vom Gegensatz der unterkühlten Choreografie und der emotional hoch kochenden Musik. Sehr reizvoll.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Applaus auch für die jungen Herren in Blau in Gregor Seyfferts „Die Zukunft beginnt jetzt“. So gesehen beim Schlussapplaus mit den Studenten der Staatlichen Ballettschule Berlin im Schiller Theater. Foto: Gisela Sonnenburg

Angst sei prägender als Freude, meint Goecke – und kann sich mit der steten Umsetzung vom Kampf gegen unterdrückte Gefühle glattweg auf Sigmund Freud berufen. Schon der befand, dass die Traumatisierungen einen Menschen grundlegend bestimmen und nicht seine Lusterlebnisse.

Aber die Aussicht auf Lust, die macht das Feuer!

Die Alltagsleiden im Industriezeitalter, emotionale Tristesse und dennoch eine starke sexuelle Spannung bilden bei Goecke den gefühligen Untergrund.

Blitzschnell wird hier auch mal gesprungen, um dem imaginären, alles Leben erstickenden Teppich aus Unglück zu entkommen.

Doch die Übermacht schematisierter Bewegungen, die wie Fließbandarbeiten anmuten – mit rasch hin- und herhaspelnden Händen – ebnet jedes Aufbegehren rasch wieder ein, noch bevor es den Kopf (das ist wörtlich wie inhaltlich zu nehmen) auch nur erreichen konnte.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Typisch für Marco Goecke: „All long dem Day“, das er für die Staatliche Ballettschule Berlin kreierte. Foto: Frank Heckel

Einzeln, zu zweit, in der Gruppe geht das so, und eigentlich ist es ein Wunder, dass es einem beim Zusehen nicht langweilig wird. Das aber verhindert schon die stark rhythmische Musik, die den Versuchen der depressiven Leidensgestalten, aus ihrem Dilemma mit kleinen, hastigen, fast nervösen Bewegungen auszubrechen, immer wieder Nahrung und Antrieb gibt.

„And you know, that I need you“, stöhnt die tolle Stimme von Nina Simone dazu…

Die Stimmung dieses Balletts wird vorzüglich von den jungen Tänzern getroffen! Goecke und sein Assistent Fabio Palombo studierten es mir ihnen ein, Heike Keller und Olaf Höfer leiteten dann die weiteren Proben.

Gen Ende steigert sich mit dem Rufen nach „Power!“ (Kraft! Kraft! Kraft!) das menschliche Aufbegehren zu einem übermenschlichen Verlangen. Tusch! Tusch! Tusch! Und irgendwie springt ein Funke Hoffnung über – ohne, dass die Choreografie mehr als Andeutungen an liebevolle Paartänze zuließe.

Das Publikum bricht wieder in helle Begeisterung aus. Gegen so viel Raffinesse im Umgang mit Musik, wie Goecke und zuvor de Candia sie hier bewiesen, wirkt der plätschernde Synthi-Sound, mit dem McGregor sich zufrieden gab, doch arg banal.

Harte Gedankenarbeit bei der Vorbereitung lohnt sich also, ein gutes Konzept lohnt sich, und die akribische, wachsame Umsetzung en detail lohnt erst recht.

Das demonstriert dann mustergültig Gregor Seyffert mit seiner Jugendchoreografie „Die Zukunft beginnt jetzt“, die kein geringeres Lied zum musikalischen Anlass nimmt als den „Bolero“ von Maurice Ravel.

Auch hier gibt es, wie in „All long dem Day“, eine musikalische Steigerung bis ins Ekstatische.

Und auch hier ist die hohe Emotionalität und Rhythmik der Musik von einer gegensätzlichen Stimmung des Tanzes konterkariert. Vorzüglich passt nämlich – holla, wer hätte das gedacht! – das klassische Training zu Ravels modern-primitivem Urklang.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Die fast schon erwachsenen Teenager tragen dunkelrote Trikots mit Röckchen – in „Die Zukunft beginnt jetzt “ von Gregor Seyffert mit der Staatlichen Ballettschule Berlin. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Alle Altersstufen der Staatlichen Ballettschule sind hier vertreten.

Zusammen mit Gregor Seyffert choreografierte Larisa Dobrozhan, und die Einstudierungen übernahmen dann neben Seyffert auch Anna Svitlychenko, Doreen Windolf, Asako Horiguchi, Kathrin Baum-Höfer, Katja Will, Marina Wunder, Christoph Böhm und Marta Diminich.

Zu Beginn, zu den ersten Takten, herrscht noch das Dunkel der Bühne, bis in einem Lichtkreis ein kleines Mädel in weißem Trikot erkennbar wird.

Langsam lässt es im Sitzen die Arme kreisen, reckt und streckt die Beine vor, übt das Anziehen der Fußspitzen. Und dann rutscht es in den Spagat – zack! – zusammen mit einigen kindlichen Mitstreitern; die Bühne erhellt sich dann und gibt den Blick frei auf weitere Kinder im Herrenspagat.

Das hat einen enormen Effekt: Spagat, dieses Symbol für Ballett, in seiner schwierigsten Spielart – ausgeübt von lauter Kindern, die sich genau dieser Poesie des Körpers schon so früh verschrieben haben.

Alsbald taucht eine von zwei dunkel gekleideten Helfern gehaltene Barre, eine Ballettstange, im Dunkel auf. Zwei Girls in Himmelblau üben hier grazil ihre Posen, bis weitere Stangen auf der Bühne erscheinen, ebenfalls mit jungen Tänzerinnen besetzt.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Und dann kommt Gregor Seyffert mit vielen, vielen Blumen im Korb auf die Bühne – Applaus! Die Staatliche Ballettschule Berlin nach der Vorstellung am 16.3.2017 im Schiller Theater. Foto: Gisela Sonnenburg

Schießlich sind es drei Stangen mit je zwei jungen Übenden, die gleichzeitig zu sehen sind, dann sind es sogar sechs Stangen – und im Takt vom „Bolero“ absolvieren die jungen Talente ihre Tendus, Jetés, Développés.

Schließlich geht es ohne Stange weiter. Au milieu, in der Mitte: in kleinen Gruppen schieben sich die angehenden Berufstänzer herein, die ersten Teenager in orangefarbenen kurzen Röcken, die etwa älteren in dunkelroten, dann die Jungs in blauvioletten Leotards.

Hui, und sie zeigen, was sie können! Langsam, aber sicher steigert sich das Niveau: schwierige Pirouetten, Tours en l’air, Sprünge en attitude werden mit Akkuratesse und meistens auch mit großem Erfolg hingelegt, als handle es sich um ganz normale Bewegungen.

Nun, für Tänzer sind sie das auch: ganz normale Bewegungen, wenn auch so anstrengend wie jeder Kampf gegen die Schwerkraft, egal, wie oft man ihn schon gewann.

Kleine Orgien an technischer Bravour werden lustvoll, aber keineswegs ohne Disziplin dargeboten.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Applaus der Schüler und Studierenden für Gregor Seyffert und die Lehrer – im Schiller Theater nach der Vorstellung. Schlussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Das Publikum allerdings wird langsam, aber sicher in Ekstase versetzt. Nicht umsonst hat sich das klassische Training ja vor Hunderten von Jahren aus vielen, man kann sogar sagen: multikulturellen Wurzeln begründet, sodass es eine perfekte Methode ist, Poesie und Körperlichkeit sowohl bei aktivem Gebrauch als auch für die konzentriert Zusehenden zu vereinen.

Nach den Spitzenschuh-Mädchen – von denen einige tolle Pirouetten und Fouettés hinlegen – kommen die Pas-de-deux-Paare, und obwohl Ravels Musik modern ist und nichts als modern, wirken die klassischen Posen von Attitude und Arabeske im Arm des Herren ganz allerliebst dazu.

Die Show lebt von der Abwechslung und dem rasanten Wechsel der Formationen. Ein bisschen erinnern die Gruppierungen an George Balanchine, wenn auch der Stil des Hauses der Berliner Staatlichen Ballettschule weniger puristisch und dafür etwas verspielter, sozusagen russischer ist.

Die großen Sprünge stehen am Ende und reißen nochmals mit – und das O ist dann das A, sprich das kleine Mädel in Weiß, das hier, im Strudel der sich auf ihrem Höhepunkt befindenden Musik, auch noch einmal überraschen darf – mit einem Spagat mit dem rechten Bein vorn. Oh, alle sehen hin: He! Ho! Yeah!

Die Contemporaries sind locker und leicht

Und es gibt Applaus zurück: auf der Bühne von Gregor Seyffert an die jungen Künstler und ihre Lehrer von der Staatlichen Ballettschule Berlin. Schussapplaus-Foto aus dem Schiller Theater: Gisela Sonnenburg

Na, die Zuschauer sind kaum zu halten bei soviel Charme und Ausgelassenheit; Fußgetrappel und Gejohle begleiten die vielen Vorhänge vom Schlussapplaus.

All die Arbeit, die hinter den Kulissen hier hinein investiert wurde, belohnt das Publikum:

Kein Abend wie jeder andere – aber für Ballettfreunde und solche, die es werden wollen, ein unbestreitbarer Hochgenuss!

Nur zu der Begleitung mit einer teuer wirkenden Hochglanz-Programmbroschüre muss doch ein kritisches Wort gesagt sein.

Wenn man die Choreografen darin einzeln vorstellt, sollten auch von allen die entsprechend wichtigsten Daten darin enthalten sein: also ihr Geburtsjahr, das Jahr der Kreation des Stücks, das gezeigt wird – und auch die Angaben auf dem Programmzettel müssen vollständig sein.

Auch die Musiken auf dem Programmzettel sollten genau bezeichnet sein, nicht nur ihre Komponisten genannt werden.

Vielleicht sollte man hier einen kleinen Job für die Dramaturgie locker machen?

Ansonsten kann man die Staatliche zu ihrem glamourösen Nachwuchs nur beglückwünschen.

Die Contemporaries sind locker und leicht

Das Mädchen in Weiß bildet Anfang und Ende von „Die Zukunft beginnt jetzt“ bei der Staatlichen Ballettschule Berlin. Schussapplaus-Foto: Gisela Sonnenburg

Auch wenn die hier gezeigten Kinder und Jugendlichen eine gezielte Auslese sind – und viele der rund 300 Schüler und Studenten aus der Berliner Erich-Weinert-Straße möglicherweise nie im Leben eine Profibühne betreten werden.

Verlorene Zeit ist Balletttanzen jedoch nie – viele derer, die ihre Profi-Ambitionen früh aufgeben müssen, erlernen im Ballett eine gute Beziehung zur Musik, zur Willenskraft sowie zu ihrem Körper, die ihnen lebenslang eine große Hilfe sein können.

Dem Förderverein der Staatlichen Ballettschule Berlin beizutreten, ist also in jedem Fall ein gutes Werk. Es ist aber auch eines, und vielleicht derzeit noch vorrangiges, die Verkünderin dieser Nachricht für all ihre Mühe zu entlohnen – mit einer einmaligen Spende oder mit einem Dauerauftrag.

Für freiberufliche journalistische Projekte wie das Ballett-Journal, das Sie gerade lesen, gibt es keinerlei staatliche Förderung in Deutschland – und dennoch machen sie sehr viel Arbeit. Wenn Sie das Ballett-Journal gut finden, bitte ich Sie hiermit um einen freiwilligen Bonus. Damit es weiter gehen kann! Im Impressum erfahren Sie mehr über dieses transparente Projekt, das über 450 Beiträge für Sie bereit hält. Danke.

Denn sollte es das Ballett-Journal eines Tages nicht mehr geben, werden doch viele, die bislang von oben darauf herabsahen, darum trauern.
Gisela Sonnenburg

Termine: siehe „Spielplan“

www.ballettschule-berlin.de

 

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